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Die Box




21. Januar 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Brooklyn (John Crowley)


Brooklyn
(John Crowley)

Irland / UK / Kanada 2015, Buch: Nick Hornby, Lit. Vorlage: Colm Toibin, Kamera: Yves Bélanger, Schnitt: Jake Roberts, Musik: Michael Brook, Kamera: Odile Dicks-Mireaux, Production Design: Franois Séguin, Art Direction: Robert Parle, mit Saoirse Ronan (Eilis Lacey), Emory Cohen (Tony Fiorello), Jim Broadbent (Father Flood), Domhnall Gleeson (Jim Farrell), Fiona Glascott (Rose), Jane Brennan (Mary Lacey), Eileen O'Higgins (Nancy), Julie Walters (Mrs. Kehoe), Brid Brennan (Miss Kelly), Jessica Paré (Miss Fortini), Emily Bett Rickards (Patty), Eve Macklin (Diana), Nora-Jane Noone (Sheila), James DiGiacomo (Frankie Fiorello), Paulino Nunes (Mr. Fiorello), Ellen David (Mrs. Fiorello), Christian de la Cortina (Laurenzio Fiorello), Michael Zegen (Maurizio Fiorello), Karen Ardiff (Mrs. Farrell), Gary Lydon (Mr. Farrell), 111 Min., Kinostart: 21. Januar 2016

Nick Hornby sollte eigentlich durch seine Bücher und deren Verfilmungen (z. B. Fever Pitch, High Fidelity, About a Boy, A long way down) mehr als finanziell abgesichert sein, aber ähnlich wie sein Kollege David Nicholls scheint er großes Gefallen am Verfassen von Drehbüchern entwickelt zu haben. Besonders auffällig ist hierbei, dass es in seinen Drehbüchern (An Education, Wild) auffällig oft um die Abenteuer junger, teilweise sehr naiver Frauen geht, die unterschiedlich weit in der Vergangenheit angesiedelt sind, während bei seinen Romanen doch eher männliche Hauptfiguren und Gegenwartsstoffe im Zentrum stehen.

Bei Brooklyn handelt es sich wie auch wieder um eine (Roman-)Adaption, und trotz Nichtkenntnis der beiden Vorlagen (macht ja doch einen Unterschied, ob die vielleicht »noch besser« waren oder man etwas »retten« musste) würde ich sagen, dass dies bisher Hornbys gelungenstes Drehbuch ist – auch, wenn die Geschichte eher konventionell wirkt, wenn man sie schnöde auf den Plot reduziert.

Eilis (Saoirse Ronan), die jüngere zweier Schwestern in einer irischen Kleinstadt, hat nur einen Aushilfsjob bei einer unfreundlichen Krämerin und bricht deshalb in den 1950ern auf nach Brooklyn, wo sie sich einen Neuanfang erhofft. Die Überfahrt macht ihr zu schaffen, als Shopgirl in einem luxuriösen ist sie immer noch weit entfernt davon, einen Buchhalterjob zu bekommen, wie es ihr Ziel war. Und das Heimweh nach Irland und ihrer Schwester ist auch schlimm.

Brooklyn (John Crowley)

Bildmaterial © 2015 Twentieth Century Fox

In dieser Situation trifft sie auf Tony (Emory Cohen aus A Place beyond the Pines, der seine Rolle irgendwo zwischen Ladri di biciclette und On the Waterfront ansiedelt), eine Art fragilen Sunnyboy, der sich offensichtlich in sie verliebt und ihr den Hof macht. Wie ihr die geringfügig älteren, aber erfahreneren Mitbewohnerinnen Tips für Verhalten und Kleidung geben, ist sehr amüsant, und die zarte Romanze ist gut beobachtet und liebenswert. Doch dann stirbt Eilis' Schwester Rose in Irland und sie will ihrer Mutter einige Wochen beistehen …

Diese Woche ist Spoilerwoche bei satt.org – der Filmredakteur gibt sich normalerweise viel Mühe, nicht immer den ganzen Film auszuplaudern (der deutsche Verleih mit dem überflüssigen Zusatztitel von Brooklyn sieht das offensichtlich lockerer), aber in diesem Fall (wie bei Anomalisa) wurde entschieden, dass man im weiteren Verlauf des Textes konkret auf Inhalte auch des letzten Drittels des Films eingeht. Also auch hier der Hinweis: Jetzt das Ticket kaufen und ins Kino und später weiterlesen …

Tony befürchtet, er könnte seine Eilis verlieren und drängt auf eine geheime, schnelle Hochzeit. Eilis findet zwar, er könne ihr auch so vertrauen, lässt sich aber darauf ein. Und der Film impliziert auch deutlich, dass die beiden mit manchen Schritten bis nach der Hochzeit gewartet haben.

Brooklyn (John Crowley)

Bildmaterial © 2015 Twentieth Century Fox

In Irland hält Eilis ihren Familienstand geheim, was aber dazu führt, dass etwa ihre beste Freundin Nancy ein double date arrangiert – und trotz starker Wiederkehr muss Eilis erkennen, dass Jim Farrell (der sehr wandelbare und aktuell omnipräsente Domhnall Gleeson – vgl. Ex Machina, Frank, Star Wars VII und The Revenant) ein perfekter Gentleman ist – und langsam entwickelt sich zwischen den beiden eine Vertrautheit, bei der fatalerweise fast jeder mithelfen will. Und durch den Tod der Schwester soll sie nun auch noch deren Buchhalterposten übernehmen undsoweiter. Die vor sich her geschobene Entscheidung fällt ihr nicht leicht, und wegen der Hochzeit von Freundin Nancy verzögert sie auch die Rückfahrt nach Amerika – während Tony sich wundert, warum er so wenige Antworten auf seine Briefe bekommt.

Das größte Plus des Films ist seine großartige Hauptdarstellerin, die nach ihren Rollen in Atonement, The Lovely Bones oder The Grand Budapest Hotel diesmal eine Rolle gefunden hat, die ihr wie auf den Leib geschneidert wirkt. Beim Vornamen Saoirse sind die irischen Wurzeln evident, aber die 21jährige ist sogar in New York geboren, ehe sie in Dublin aufwuchs. Mit der Filmfigur verbindet sie also der Spagat über den Atlantic.

Brooklyn (John Crowley)

Bildmaterial © 2015 Twentieth Century Fox

Nicht nur unterstützen sie zwei ebenfalls tolle Herren, die gänzlich unterschiedliche, aber nachvollziehbar verzückende Typen spielen, und in den nebenrollen ist der Film exquisit besetzt (nicht nur Oscar-Gewinner wie Jim Broadbent oder Julie Walters, auch aufstrebende junge Darstellerinnen wie Jessica Paré (Mad Men) oder Emily Bett Rickards (Arrow / The Flash).

Das Bezaubernste am Film ist aber, wie er sich seine Zeit nimmt, die Geschichte zu erzählen. Bevor die beiden Herren überhaupt auftauchen, taucht man ganz in die Geschichte ein, vermutlich kann man den Film auch dreimal sehen und immer mehr über die Nebenfiguren erfahren (oder man liest die Buchvorlage), und sogar die Familien der beiden Männer sind so unterschiedlich wie liebevoll gezeichnet. Wenn es in Brooklyn nicht um ein Liebesdilemma ginge, sondern um das Migrantenleben in den 1950ern, Irland, Coney Island und / oder Ebbets Field und die Dodgers, wäre der Film ebenfalls ein Geschenk, bei dem alles zusammenpasst. Nicht zuletzt natürlich auch der Regisseur John Crowley, den man von Intermission oder Boy A kennen könnte).

Brooklyn (John Crowley)

Bildmaterial © 2015 Twentieth Century Fox

Und dann gibt es noch eine Kleinigkeit, die mich zusätzlich verzückte: Viele Filme brauchen eigentlich gar keine Helden oder Schurken – aber so sind nun mal die narrativen Konventionen. Brooklyn hat eine offensichtliche, aber eigentlich reichlich überflüssige Schurkenrolle. Das wirklich Hübsche an der Sache ist aber, dass diese Person sich durch Heimtücke und Geltungsbewusstsein in die unfreiwillig positivste Kraft des Films verwandelt. Also geht es hier nicht um einen Indiana Jones, der trotz Heldengebahren am Ausgang der Geschichte eigentlich gar nicht beteiligt ist – sondern im Gegentum um eine fiese kleine Intrigantin (auf imdb fragt ein Kommentator »Did you want to punch the shopkeeper?«), die dadurch, dass sie sich um Dinge kümmert, die sie nichts angehen, eigentlich das Happy-End des Films »verursacht«.

Und auch, wenn man davon ausgehen kann, dass nicht alle Zuschauer zufrieden sein werden mit Eilis' Entscheidung (das Wichtigste ist ja eigentlich, dass sie sich entscheidet und ihr Leben selbst in die Hand nimmt), aber diese Schlussmoment (allein der Lichteinsatz!) hat mich so verzaubert, wie es bei Knutschi-und-Schmusi-Zeug im Kino wirklich nur jedes Schaltjahr oder so gelingt.

Ein Geschichte, die soweit ganz okay ist, wird durch viele kleine Details und tolle Leistungen der beteiligten Filmemacher zu einem echten Juwel. Wer sich für diesen Film nicht erwärmen kann, kann einem nur leid tun.