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Die Box




27. Februar 2009
Thomas Vorwerk
und Daniel Walther
für satt.org

Standard-Infos zur Berlinale-Berichterstattung:
Alle Terminangaben sind sorgfältig abgetippt, aber ohne Gewähr. Die Filme werden immer unter dem Titel aufgeführt, unter dem man sie im offiziellen Berlinale-Katalog findet (das ist außer beim Forum fast immer der Originaltitel, aber verlassen kann man sich darauf nicht).


Cinemania-Logo 59:
Girls on Film - Berlinale 2009, Teil 3

Diese Filmauswahl hat nichts mit Simon Le Bon zu tun, aber nicht nur gibt es starke Frauenfiguren in den diesjährigen Berlinale-Filmen, "Mädchen" kommen sogar explizit in vielen Titeln vor, ob sie explodieren, glücklich sind oder einfach "nur" Mädchen (Flickan).


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Flickan
(Fredrik Edfeldt,
Generation Kplus)

Dt. Titel: Das Mädchen, Schweden 2009, Buch: Karin Arrhenius, Kamera: Hoyte van Hoytema, Schnitt: Bernhard Winkler, Musik: Mad Planet, Dan Berridge, mit Bianca Engström (Mädchen), Shanti Roney (Vater), Annika Hallin (Mutter), Leif Andrée (Gunnar), Ia Langhammer (Elisabeth), Tova Magnusson-Norling (Anna), Emma Wigfelt (Tina), Michelle Vistam (Gisela), Vidar Fors (Ola), Mats Blomgren (Olas Vater), Eleonora Gröning (Schwimmlehrerin), 85 Min.

Ein namenloses Mädchen (beeindruckend: Bianca Engström) freut sich darauf, mit der Familie nach Afrika zu fliegen, doch kurzfristig erweist sich, dass man erst ab zehn Jahren (sie ist neuneinhalb) das Entwicklungshilfeprojekt begleiten kann, und sie muss somit zuhause bleiben, beaufsichtigt von der nicht gänzlich vertrauenswürdigen Tante Anne, die zunächst reserviert erscheint, dann mit ihr spricht, als wäre sie eine gleichaltrige Bekannte, sich schließlich betrinkt und eine wilde Party veranstaltet, und letztendlich durch eine List weggelockt wird.

Sie versucht, mit ihrer pummeligen Freundin Tina und deren seltsam frühreifen (zumindest wäre sie dies wohl gern) Cousine Gisela anzubändeln, doch jene leben offenbar in einer anderen Welt, wollen mit Charisma (aka Glitterschmuck) Abba-Songs singen, und bei einer misslungenen Geschäftsidee der drei Mädchen (eine Herrengruppe kauft Lose, und wundert sich spätestens nach Aufkauf der gesamten 48 Lose über die hohe Präsenz von Nieten) muss sie sich als Wiedergutmachung von allen Herren küssen lassen. In gewisser Weise erzählt Flickan die Geschichte eines "gefallenen Mädchens", eine Art Pretty Woman für Zehnjährige, bei der Prince Charming auch irgendwann seine Entsprechung findet, doch gleichzeitig ist das allmähliche Erwachsenwerden über Mutproben, Sexualkundebücher, Alkoholversuche und das Heranwachsen von Kaulquappen ein Gruselmärchen wie Terry Gilliams Tideland, nur dass in dem als bester Erstlingsfilm ausgezeichneten und vom Kinderhilfswerk lobend erwähnten Film perfiderweise ausgerechnet das Happy End zumindest für ältere Zuschauer am verstörendsten erscheint.

Beim Kinderpublikum hingegen wundert man sich durchaus über einige Reaktionen, denn die Konfrontation mit einigen ganz natürlichen Vorgängen überforderte einige, und da Unverständnis wurde durch flapsige Sprüche nur unzureichend kaschiert. Wie der Gewinner des Gläsernen Bären, C'est pas moi, je le jure!, ist Flickan nicht unbedingt ein Film, in den man Halbwüchsige mitschleppen möchte (die danach womöglich peinliche Fragen stellen oder auf wagemutige Ideen kommen), aber rein filmisch ist der Film ein Erlebnis - ungeachtet vom Alter des Publikums. Neben der interessanten Geschichte und der mutigen Auflösung verzückt der Film auch durch seine Kameraarbeit, die Nähe zur Hauptfigur wird immer wieder durch Unschärfen umgesetzt, die den Prozess des allmählichen Begreifens, der Erkenntnis, gut visualisieren. Wer die Welt mit den Augen einer (nicht ganz) Zehnjährigen erlebt, erlebt sie neu. [Thomas Vorwerk]

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Cea mai fericita fata din lume
(Radu Jude, Forum)

Int. Titel: The Happiest Girl in the World, Rumänien 2008, Buch: Radu Jude, Augustina Stanciu, Kamera: Marius Panduru, Schnitt: Catalin Cristutiu, Art Direction, Kostüme: Augustina Stanciu, mit Andreea Bosneag (Delia Fratila), Violeta Haret (Frau Fratila), Vasile Muraru (Herr Fratila), Luminita Stoianovici (Gabi, Make-up), Serban Pavlu (Regisseur), Alexandru Georgescu (Klient), Diana Gheorghian (Produzentin), Andi Vasluianu (Kameramann), Bogdan Marhodin (Viorel), Doru Catanescu (Herr Arvunescu), 100 Min.

Einer dieser Filme, bei dem die Begleitumstände des Kinobesuchs nicht unwichtig waren. Schon vor Filmbeginn werden Regisseur, Produzentin und Hauptdarstellerin kurz auf die Bühne gerufen, und die Art und Weise, wie die beiden (etwas) älteren die junge (und auf sympathische Weise schüchterne) Darstellerin immer wieder als “The Happiest Girl in the World” bezeichnen, macht schon klar, dass der Filmtitel eher ironisch gemeint ist.

Nach dem Film werden dann alle Crewmitglieder noch mal nach unten gerufen, und es gibt eine der unterhaltsamsten Q&A-Sessions, die ich je erleben durfte, denn der Regisseur Radu Jude hatte es sich offenbar vorgenommen, jede seiner Antworten irgendwie ironisch, lakonisch, politisch unkorrekt oder zwischen den Extremen “bescheiden” und “größenwahnsinnig” pendelnd klingen zu lassen, wovon der Interviewer schlichtweg überfordert war (“wir wollen ja jetzt hier nicht über meine sexuelle Identität sprechen, sondern über den Film ...”).

Apropos ... zum Film. Die knapp volljährige Delia (Andreea Bosneag) hat bei einem Preisausschreiben nicht nur ein Auto gewonnen, sondern auch eine damit verbundene kleine Rolle im Cross-Promotion-Werbeclip zur Aktion. Gemeinsam mit ihren Eltern fährt sie nach Bukarest, wo die Dreharbeiten an einem belebten Platz in der Innenstadt stattfinden. Bereits die Hinfahrt (übrigens mit einer ähnlichen Einstellung wie der Beginn von The Exploding Girl) führt die schwelenden Generationskonflikte mit ihren Eltern vor Augen. Durch subtilen Humor wird etwa der Besuch einer Raststätte mit Umziehen auf der Toilette (man will ja mit unzerknitterten und unverschwitzten Sonntagsklamotten auftauchen) bereits zu einer kleinen Tortur, und spätestens bei den Dreharbeiten ("Hat ihnen denn niemand erzählt, dass sie wegen der Post Production nichts Blaues tragen dürfen?") fühlt man sich wie in einem Loriot-Film ("Ich heiße Erwin Lindemann ...").

"Happiness must be felt at all times, but especially when you drink." Wenn Regisseur, Produzent oder der Orangensaft-Hersteller ihr immer wieder "Drink it! Drink it!" zurufen, wirkt die vermeintlich harmlose Werbeaufnahme schnell wie ein Pornodreh, der Film bekommt schnell eine Schärfe, die aber immer unterschwellig bleibt. Als Zuschauer sieht man etwa einen Turm mit /2 noch eingeschweißten Orangensaft-Flaschen (deren Farbgebung übrigens zwischendurch auch korrigiert wird), und man leidet ein wenig mit Delia mit. In der Begründung des dem Film verliehenen Preises der C. I. C. A. E. heißt es

"Der Film beschreibt eine Welt, wo man Auto fährt ohne je irgendwo
anzukommen, Orangensaft trinkt ohne seinen Durst zu stillen und wo
heimliches, verbotenes Zigarettenrauchen als einzige, kleine Freiheit bleibt ..."

Und so gestaltet sich auch der Tag in Bukarest für Delia, nur, dass sie nebenbei auch noch mit ihren Eltern darum streiten muss, ob sie "ihren" Wagen behalten kann, was diese nur zu den üblichen "All die Opfer, die wir für Dich aufbringen mussten"-Tiraden anregt (allen Ernstes zählt man dazu auch die drei Orangensaft-Flaschen, mit deren Tickets Delia das Auto gewann), was dann natürlich mit dem Undank des Kindes bedankt wird - unabhängig davon, dass sie das Auto gewann, und nicht die Eltern, die bereits das Geld, was sie noch nicht dafür erhalten haben, verplant haben. Natürlich nur zu Delias Bestem.

Es wirkt absurd (hat aber natürlich auch einen Funken von Ironie), wenn der Regisseur sich nach dem Film für die Laufzeit entschuldigt (ursprünglich gab es wohl einen noch längeren Cut). Noch absurder ist aber, dass einer der Zuschauer tatsächlich auf diesen "Vorwurf" eingeht, und (ganz ohne Ironie) tatsächlich glaubt, dass man den Film hätte kürzen können, wo doch das Timing präzise ist und keine Minute überflüssig wirkt. Da sieht man es mal wieder: Undank ist der Welt Lohn. Mit Abstand der beste rumänische Film, den ich je gesehen habe. [Thomas Vorwerk]

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An Education
(Lone Scherfig,
Berlinale Special)

Großbritannien 2009, Buch: Nick Hornby, Vorlage: Lynn Barber, Kamera: John de Borman, Schnitt: Barney Pilling, Musik: Paul Englishby, Production Design: Andrew McAlpine, mit Carey Mulligan (Jenny), Peter Sarsgaard (David), Alfred Molina (Jack), Cara Seymour (Majorie), Matthew Beard (Graham), Dominic Cooper (Danny), Rosamunde Pike (Helen), Emma Thompson (Schulleiterin), Olivia Williams (Miss Stubbs), 100 Min.

Carey Mulligan hatte einen ihrer ersten Kino-Auftritte in Joe Wrights Pride & Prejudice, wo sie Kitty, die zweitjüngste der Bennet-Schwestern spielte, nun trägt sie als einer der Shooting Stars 2009 fast allein den Film An Education von Lone Scherfig, der in der undankbaren “Berlinale Special”-Reihe fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit lief.

Kleine Exkursion: Seit Dieter Kosslick die Berlinale-Führung 2002 übernahm, gab es in ca. jedem zweiten Jahr einen dänischen Film im Wettbewerb. 2002: Små ulykker, 2004: Forbrydelser, 2006: En soap, 2009: Lille soldat. Dass im Wettbewerb offenbar kein Platz für einen zweiten dänischen Film ist, ist hierbei nicht ganz so seltsam wie der Umstand, dass die vier genannten dänischen Wettbewerbsfilme zu 75% von der Regisseurin Annette K. Olesen stammen und zu 100% vom Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson. Mit Ausnahme des 2005 im Panorama gelaufenen 1:1 (En til en) lief übrigens jeder Film seit 2002 von Frau Olesen im Wettbewerb. Frau Scherfig, die 2001 mit Italiensk for Begyndere im Wettbewerb den Preis der Jury gewann, hat sich die Februar-Termine in Berlin hingegen selbst versaut (so wirkt es jedenfalls, über Interna bin ich nicht informiert), denn ihr mehrfach ausgezeichneter Wilbur wants to kill himself lief im Vormonat der Berlinale 2003 in Göteburg, und auch An Education gewann in Sundance neben dem Publikumspreis eine Auszeichnung für die Kameraarbeit. Und damit hatte sie sich sozusagen für den Berliner Wettbewerb disqualifiziert, der mit Lille soldat somit den weitaus politischeren dänischen Film zeigte.

An Education, nach einem Drehbuch von Nick Hornby, berichtet von der fleißigen und intelligenten Schülerin Jenny (Carey Mulligan), die etwa Mitte / Ende der sechziger Jahre durch den etwa doppelt so alten David (Peter Sarsgaard) eine besondere "Education" erfährt. Während ein gleichaltriger Schulkollege ihr gegenüber ins Stammeln kommt, wirkt David wie eine Art James Bond (um nicht zu sagen "wie ein Außerirdischer"), der sie zu Konzerten (mit anschließendem Dinner) einlädt, sie auf eine Auktion mitnimmt oder schließlich sogar nach Paris. Jenny streut zwar gern französische Sätze in ihre Äußerungen ein und hört Chansons von Juliette Greco, aber dass sie tatsächlich schon in jungen Jahren diese Stadt kennenlernt, ist um vieles spannender als ihr bisheriger Schulalltag. Dass music lover Jenny nach den French films nun auch früher oder später ihre Jungfräulichkeit verlieren werden dürfte, ist hierbei aber weniger schwerwiegend als das den Zuschauer schnell beschleichende Gefühl, dass David einfach eine Spur zu "perfekt" ist. Im Handschuhfach seines schnieken Sportwagens hat er neben seiner luxuriösen Zigarettenmarke offenbar auch irgendein Geheimnis verborgen, und wenn David mysteriöse Geschäftsbeziehungen mit Farbigen pflegt ("How do you know those negro people?") oder Jenny mit David, dessen Freund Danny (Dominic Cooper) und dessen mondäner, aber offensichtlich weniger gebildeten Freundin Helen (Rosamund Pike, seinerzeit die älteste der Bennet-Schwestern) "aufs Land" mitgenommen wird, wo die Mädchen "Schmiere stehen", während die Jungs die ländliche Bevölkerung um unerkannte Schätze auf Dachboden erleichtern, ahnt man, dass das "dicke Ende" nachkommen wird ...

Dabei macht es den Film so sympathisch, dass gerade jene Aspekte des täglichen Lebens, die Jenny zunehmend zuwider sind, für den Zuschauer sehr unterhaltsam sind. Da wäre etwa Jennys Vater (Alfred Molina), der sich wie ein Mann von Welt aufführen möchte, obwohl er sein Halbwissen nur aus aufgeschnappten und teilweise missverstandenen Ansichten anderer aufgebaut hat, und deshalb von David mit Finesse um den Finger gewickelt werden kann, ganz wie Jennys Mutter bei ein paar nicht eben innovativen Komplimenten (Stichwort "Schwester") oder einem Handkuss sofort dahinschmilzt. Oder die Szenen mit Jennys Lehrerin (Olivia Williams mit Brille Marke "alte Jungfer") oder Rektorin (Emma Thompson gefällt sich - und uns - zunehmend in solchen parodistischen Rollen) - alles Momente, für die man gerne ins Kino geht. An Education hat einfach einen gewissen Drive und Charme, der schon durch den animierten Vorspann vorgegeben wird (Vergleiche mit Breakfast at Tiffany's, Lolita, Roman Holiday oder A bout de souffle scheinen allesamt angebracht), und deshalb verzeiht man dem Film, wenn er (was hatten wir bei Nick Hornby anderes erwartet?) relativ glimpflich endet, und nicht mit einem Mädchenhändler-Ring oder ähnlichen, zeitweise denkbaren Resultaten.

Auch wenn man des Vaters Vorbehalte teilt, freut man sich einfach mit Jenny mit, wenn sie sich begeistert. "If this is love, it is all I've hoped for." Oder auch mal nicht so begeistert. "All that poetry and all that song about something that takes no time at all." [Thomas Vorwerk]

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I taket lyser stjärnorna
(Lisa Siwe, Generation 14plus)

Int. Titel: Glowing Stars, Schweden 2008, Drehbuch: Linn Gotfridsson, Lit. Vorlage: Johanna Thydell Kamera:Andréas Lennartsson, Schnitt: Michal Leszczylowski, Margareta Lagerqvist, Musik: Kalle Bäccman, Set Design, Kostüme: Helga Bumsch, mit Josefine Mattsson (Jenna), Mika Berndtsdotter Ahlén (Ullis), Annika Hallin (Mutter Liv), Anki Lidén (Oma Ingrid), Samuel Haus (Sakke), Judith Rindeskog (Susanna), Charlie Gustafsson (Oscar), 90 Min.

Ein vierzehnjähriges Mädchen hat eigentlich schon genügend Probleme, alles ist in Veränderung begriffen. Die Jungs werden interessanter, die erste Party wartet und der Körper wirft fast täglich neue komplizierte Fragen auf. All diese Probleme beschäftigen auch Jenna (Josefine Mattsson), allerdings muss sie sich um weitaus mehr Gedanken machen. Ihre Mutter Liv (Annika Hallin) ist an Krebs erkrankt und somit muss sich Jenna auch noch um den Haushalt kümmern. Denn ihren Vater kennt sie nicht, der ist nur eine kurze französische Urlaubsbekanntschaft der Mutter gewesen. Als es der Mutter zunehmend schlechter geht und deutlich wird, dass Jenna die Pflege ihrer Mutter nicht mehr alleine bewältigen können wird, ziehen die beiden zur Oma (Anki Lidén), die zwar fürsorglich, aber auch ebenso aufdringlich ist. Eingeengt und mit dem unausweichbaren Ausgang der Krankheit ihrer Mutter konfrontiert, entdeckt Jenna die anderen Seiten des Teenager-Daseins. Sie geht auf eine Party, verliebt sich, klaut eine Jeans und streitet sich mit ihrer Mutter und Oma. Sie knüpft Kontakt zu Ullis (Mika Berndtsdotter Ahlén) dem erwachsensten Mädchen in ihrer Klasse. Ullis hat die größte Oberweite, feiert Partys bei sich und ist sowieso diejenige, die alles als erstes macht. Durch Ullis wird Jenna dann eben auch an Partys, Jungs und Alkohol herangeführt und erliegt somit zeitweilig der Illusion, sich den Problemen zu Hause entziehen zu können.

Der Film erzählt seine Geschichte ganz aus der Perspektive von Jenna, und dementsprechend arbeitet die Regisseurin Lisa Siwe folgerichtig mit vielen Nahaufnahmen ihrer Hauptdarstellerin und studiert das Gesicht genau mit der Kamera. Es finden sich in I taket lyser ... gängige Rollenmuster, weswegen die Geschichte sicherlich den Nerv junger Mädchen treffen kann, denn abgesehen von der Krebserkrankung der Mutter werden eben die bereits erwähnten Teenager-Themen und -Stereotypen angesprochen. Auch Ullis ist eine fünfzehnjährige wie jede/r wahrscheinlich eine in seiner Schulklasse hatte. Allerdings wird mit der Krankheit der Mutter ein Kontrast gesetzt, der die solide Coming-of-Age-Geschichte vorantreibt, denn jede Erfahrung, die Jenna macht, ist gleichzeitig noch ein Stück mehr Erwachsenwerden, an welchem ihre Mutter noch teilnehmen kann. Immer wieder wird dies von Lisa Siwe deutlich gemacht, wenn sie komische Momente abrupt mit tragischen unterbricht. So zum Beispiel, als Jenna mit ihrem Schwarm Sakke (Samuel Haus) spazieren geht und am Ende der Szene der Schnitt folgt zu Jennas kranker Mutter, als Jenna gerade nach Hause kommt. Bei diesem Spaziergang erzählt Sakke ihr das er etwas Deutsch kann und sagt ihr den Satz “Will Sie mit mir Ficken?”, aufgrund des lustigen Klangs lachen beide herzhaft, auch Sakke weiß nicht, was es bedeutet, vermutet aber, dass es so was wie einen Kaffee trinken gehen heißt und wo man gerade noch das unschuldige Turteln der beiden Teenies genießt, werden wir auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Durch den häufigen Einsatz der Steadicam bleibt die Kamera den Figuren auf den Fersen und ist somit immer dicht am Geschehen. Denn neben der sehr überzeugenden Josefine Mattsohn, die in ihrer ersten Filmrolle viel Talent offenbart, ist ebenfalls die Rolle der Ullis (Mika Berndtsdotter Ahlén) gut besetzt, so dass die Wechsel zwischen Hoch und Tief der Ereignisse glaubhaft transportiert werden können.

Schon recht bemerkenswert gelingt es die Balance zwischen der dramatischen und der gelösten Erzählweise zu halten und so passt sich dieser Film an andere skandinavische Produktionen in seiner Qualität an, indem es gelingt, auch Tragisches mit einer optimistischen Blickweise zu versehen. [Daniel Walther]

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The Private Lives of Pippa Lee
(Rebecca Miller, Wettbewerb außer Konkurrenz)

USA 2009, Buch: Rebecca Miller, Kamera: Declan Quinn, Schnitt: Sabine Hoffman, mit Robin Wright Penn (Pippa Lee), Alan Arkin (Herb Lee), Maria Bello (Suky Sarkissian), Keanu Reeves (Chris Nadeau), Winona Ryder (Sandra Dulles), Zoe Kazan (Grace Lee), Ryan McDonald (Ben Lee), Julianne Moore (Kat), Monica Bellucci (Gigi Lee), Mike Binder (Sam Shapiro), Shirley Knight (Dot), Blake Lively (die junge Pippa), 100 Min.

Ich habe vielleicht vom Wettbewerb zu wenig gesehen, um wirklich mitreden zu können (ca. die Hälfte), aber was mich im Zusammenhang mit diesem Film etwas aufgeregt hat, war das Gequatsche, dass es viele Filme geben soll, die davon handeln, wie sich ältere Frauen junge Liebhaber organisieren. Pippa Lee (Robin Wright Penn) lässt sich mal mit Chris (Keanu Reeves) in dessen Bett erwischen, von seiner Mutter Dot, die komplett entrüstet ist. Nicht nur, weil Pippa Lee verheiratet ist, sondern weil, wie die Mutter es formuliert: “This man is 35 years old ... and you are ... I don’t know how old!” (Laut BZ ist Pippa 50). Ich bin nämlich einer, der sich zum Beispiel daran stört, wenn Glenn Close in Zeffirellis Hamlet Mel Gibsons Mutter spielt, was vom Alter der Darsteller her komplett unmöglich ist. Und da ich sowohl Robin Wright (The Princess Bride, Sean Penn war damals noch der Gatte von Madonna) als auch Keanu Reeves (Dangerous Liasons) seit den Anfängen ihrer Karriere kenne, war mir sofort klar, dass es hier keinen großen Altersunterschied geben kann. Genauere Recherche offenbarte dann noch, dass Keanu in diesem Jahr 45 werden wird, und Robin ziemlich exakt anderthalb Jahre jünger als er ist. Dass Pippa Lee andererseits nahezu den kompletten Film mit dem bereits demenzkranken Herb Lee (Alan Arkin) verheiratet ist, der gut und gerne ihr Vater sein könnte, wurde in dem Fernsehbericht zum Film mit keiner Silbe erwähnt. Gerade angesichts einer Regisseurin wirkt diese Behandlung ihrer Geschlechtsgenossin irgendwie seltsam.

Aber zum Film. Pippas älterer Gatte Herb, ein Herausgeber, setzt sich nach drei Herzinfarkten zur Ruhe, und Pippa sieht sich dadurch gezwungen, ihr Leben neu zu ordnen. Zunächst scheint alles danach, als müsse sie sich um die Pflege Herbs kümmern, als Socken im Kühlschrank auftauchen und die Küche nachts Opfer von "Schokomassakern" wird, doch dummerweise stellt sich irgendwann heraus, dass Pippa selbst schlafwandelnd dafür verantwortlich ist. Der Film dreht sich neben der im Mittelpunkt stehenden Pippa auch um andere Frauen wie ihre Mutter Suky (Maria Bello), die man in Rückblenden kennenlernt, die frühere Frau ihres Gatten (Monica Belluci), die dieser für die jüngere Pippa verlassen hatte (nur um noch mal auf das Thema zurückzukommen), Pippas Tochter (Zoe Kazan), eine in Kriegsgebieten gefährlich lebende Fotografin (Rebecca Millers Mutter war übrigens Fotografin) oder die zunächst nur am Rande auftauchende Sandra, für deren Darstellung Winona Ryder ähnlich wie in The Informers einen gehörigen Mut aufbringt (im Film fallen Definitionen wie "pathetic", "imbecile" oder "braindead").

Nach einigen sehr schönen Traumsequenzen (im Zusammenhang mit der Schlafwandlerei) verliert der Film im Mittelteil einiges an Drive (die einzige Vorführung während der Berlinale, bei der meine Sitznachbarn zu beiden Seiten zwischendurch sanft entschlummerten), doch mit einem Paukenschlag nimmt einen das Finale dann völlig gefangen, und einige Regieeinfälle wie eine großartig eingesetzte Animationsszene (der "Staffellauf der Schuld") geben einem das Gefühl, dass Frau Miller durchaus noch einige Filme drehen sollte (schon The Ballad of Jack and Rose - seinerzeit im Panorama - war eine vielversprechende Fingerübung), statt sich völlig aufs Bücherschreiben (The Private Lives of Pippa Lee erschien im Frühling letzten Jahres auch als Roman) wie ihr Papa zu beschränken. [Thomas Vorwerk]

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The Exploding Girl
(Bradley Rust Gray, Forum)

USA 2009, Buch, Schnitt: Bradley Rust Gray, Kamera: Eric Lin, mit Zoe Kazan (Ivy), Mark Rendall (Al), Maryann Urbano (Ivy's Mom), Hunter Canning (Cary), 79 Min.

Bereits die erste Einstellung ist stilprägend, vereinigt Form und Inhalt. Hinter der Scheibe eines fahrenden Autos sieht man die schlafende Ivy (Zoe Kazan - Tochter von Robin Swicord und Enkelin von Elia Kazan), doch da sich in der Scheibe das durch das Blätterdach eines Waldes explosionsartig brechende Sonnenlicht spiegelt, während die Person innen im Auto nur vorübergehend, stroboskopartig erleuchtet wird, wird in dieser ersten von vielen über den Film verteilten Close-Ups das Thema des “explodierenden Mädchens” bereits auf wunderschön poetische Weise visualisiert. Ganz nah versucht Regisseur Bradley Rust Gray den Figuren in der Geschichte zu kommen, und betont langsam entwickelt sich die Geschichte von Ivy, die in den Sommerferien vom College nach Hause zurückkehrt und dort auf ihren besten Freund Al (Mark Rendall) trifft. Ivy quält sich mit Beziehungsproblemen herum. Ihr Freund Greg ist bei sich zuhause in den Ferien, was zur Folge hat, dass die beiden nur miteinander telefonieren können. Plötzlich wirkt Greg merkwürdig zurückhaltend und desinteressiert, wenn sie telefonieren. Jedoch kann sich Ivy von den Problemen ablenken, als Al ankommt und bei ihr und ihrer Mutter wohnt. Wie schon in der ersten Einstellung durch den Stroboskopeffekt zumindest angedeutet, leidet Ivy an Epilepsie. Je mehr Zeit Ivy und Al miteinander verbringen, desto schwieriger wird es für die beiden, die sich füreinander entwickelnden Gefühle zu unterdrücken. Allerdings wird ebenfalls deutlich, dass Ivy sehr einsam ist, denn Greg hält sie zunehmend hin und das wiederum stürzt sie in leise Trauer. Sehr dicht ist die Kamera immer wieder in zumeist stummen, längeren Einstellungen auf ihr Gesicht gerichtet und versucht, ihre Gefühle sichtbar zu machen. In dem ohnehin nicht gerade handlungsintensiven Film entstehen so kleine lyrische Pausen der Kontemplation, die gängige Sehgewohnheiten durchbrechen, obwohl die Einstellungen immer gut durchdacht sind und oftmals wie in den eingefrorenen Bildern eines Comics besondere Momente einfangen. Ein Beispiel dafür ist, als Greg schlussendlich am Telefon mit Ivy Schluss macht und sie die Nachricht auf einer Kreuzung erhält. Um sie herum tobt das Verkehrschaos und wir beobachten in einer recht langen aus der Halbtotalen gefilmten Einstellung, wie sie verloren und schutzlos auf die Nachricht reagiert und vorsichtig weitergeht. Natürlich geht das nicht spurlos an der gesundheitlich angeschlagenen Ivy vorüber. Mehr und mehr häufen sich die Situationen, in denen es ihr nicht gut geht und sie z.B. Magenkrämpfe bekommt und so kanalisiert sie ihren Frust auf einer Party mit zu viel Alkohol und es kommt schlussendlich zu einen epileptischen Anfall, bei dem der Bildausschnitt bewusst ihr Gesicht aussperrt, und den Fokus auf die zuckenden Beine und Arme legt. Auch die filmische Vorbereitung auf diesen Moment geschieht über Detailaufnahmen, man sieht Ivys Füße, Finger und Hände, oder auch einen wie zur Beruhigung immer wieder ins Rotieren gebrachten Zündstein eines Feuerzeugs. Dadurch baut sich eine verhaltene Spannung auf, der Anfall wird fast zu jedem Zeitpunkt erwartet. Allerdings fällt es ihr nach dem schon beinahe reinigenden Anfall leichter, mit der Situation umzugehen und so beginnen sich die Dinge wieder zu normalisieren. The Exploding Girl ist ungeachtet des fast reißerischen Titels sehr ruhig und langsam. Das kleine Drama aus den USA ist insgesamt in sich stimmig und geschlossen, da es mit dem Ankommen und Abreisen am gleichen Ort den Kreis schließt. Zu bemängeln ist die eine oder andere zu lange Nahaufnahme, bei der die Wirkkraft der Schauspieler ein wenig überschätzt wird. Trotzdem sind die Nachwuchsschauspieler (allen voran die momentan sehr präsente Zoe Kazan, die man auch in Revolutionary Road oder The Private Lives of Pippa Lee erleben kann) durchaus in der Lage, die Geschichte glaubwürdig voranzutreiben. Insgesamt entstand ein sympathischer kleiner Low-Budget-Film, der grundlegend überzeugt, nur gelegentlich etwas zähflüssig wirkt. [Daniel Walther]

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La journée de la jupe
(Jean-Paul Lilienfeld, Panorama)

Int. Titel: Skirt Day, Dt. Titel: Heute trage ich Rock!, Frankreich / Belgien 2008, Buch: Jean-Paul Lilienfeld, Kamera: Pascal Rabaud, Schnitt: Aurique Delannoy, Casting: Cendrine Lapuyade, Production Design: Olivier Jacquet, mit Isabelle Adjani (Sonia Bergerac), Denis Podalydès (Labouret), Yann Collette (Bechet), Nathalie Besançon (Ministerin), Jackie Berroyer (Rektor), Khalid Berkouz (Mehmet), Yann Ebonge (Mouss), Sonia Amori (Nawel), Kévin Azaïs (Sébastien), Sarah Douali (Farida), Hassan Mezhoud (Akim), Karim Zakraoui (Farid), Fily Doumbia (Adiy), 88 Min.

Von Isabelle Adjani hat man hierzulande länger nichts gehört, in den 1970ern und 80ern war sie ein richtiger Star (schon 1976 eine Oscar-Nominierung für Truffauts L'histoire d'Adèle H., es folgten Polanskis Le locataire und Herzogs Nosferatu, dann Subway, dann später ihr inzwischen dritter César, ein Silberner Bär und die zweite Oscar-Nominierungen für ihre Darstellung der Camille Claudel), dann folgte immerhin noch Patrice Chéreaus La Reine Margot (dt.: Die Bartholomäusnacht, 1994, César Nummero vier) und das misslungene Henri-Georges-Clouzot-Remake Diabolique mit Sharon Stone und Kathy Bates (1996), doch ihre späteren Hauptrollen für Regisseure wie Laetitia Masson, Benoît Jacquot und Jean-Paul Rappeneau fanden allesamt nicht den Weg in die deutschen Kinos, erst mit einer eher kleinen Rolle in Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran konnte man sie auch hier wieder auf der Leinwand sehen, doch selbst das ist bereits wieder fünf Jahre her.

Mit La journée de la jupe wird sich das auch nicht ändern, denn der Film ist von und für arte produziert worden, und wer ihn auf der Berlinale verpasst hat, kann ihn am Freitag, den 20. März, um 21 Uhr unter dem Titel Heute trage ich Rock! nachholen.

Hier spielt die mittlerweile 53jährige eine Lehrerin, die einen Großteil ihrer Unterrichtsstunden damit zubringen muss, den Schülern Aufmerksamkeit und Respekt abzufordern. Dass sie sich entgegen den Ratschlägen ihres (leicht sexistischen) Direktors entschließt, hin und wieder auch mal einen Rock statt der neutraleren Hosen anzuziehen, ist Teil ihres Problems, denn die Markierung als Frau scheint in manchen Gegenden einherzugehen mit einem Respektverlust insbesondere bei manchen Jugendlichen. Während unsere Lehrerin nun versucht, ihren desinteressierten Schülern etwas über Moliére beizubringen, fällt aus dem Rucksack eines Bullys ein Revolver, und die Lehrerin greift (auch aus Notwehr) etwas schneller zu, muss sich daraufhin gleich sehr spezifische Drohungen anhören ("Wir wissen, wo Dein Haus wohnt"), und kurzerhand dreht sie den Spieß um und holt sich mit Waffengewalt den in früheren Zeiten selbstverständlichen Respekt gegenüber Lehrpersonal und ein erzwungenes Interesse am Unterrichtsstoff. Soweit erinnert zumindest das Problem an Entre les murs, doch hier weitet sich die Geschichte schnell zu einem Geiseldrama aus, das eine ganz eigene Dynamik entwickelt, denn die Machtverhältnisse zwischen Lehrerin und Schüler, aber auch unterhalb der Schüler verändern sich hier mehrfach.

Am interessantesten an La journée de la jupe sind neben den überzeugenden Darstellungen auch der Laiendarsteller in den Schülerrollen die gut beobachteten kleinen Details. Beim aus unterschiedlichen Gründen unumgänglichen Einsammeln der Handys fällt der Lehrerin auf, dass keiner der so ihre Manneskraft betonenden jungen Herren Kondome mitführt, was die Problematik in der völlig verzerrten Beurteilung der Geschlechter schnell zum neuen Unterrichtsthema werden lässt. Der Titel des Films hängt schließlich damit zusammen, dass die Lehrerin, die eigentlich nur ihren Job machen will, als Forderung gegenüber dem verhandelnden Polizisten (Denis Podalydès) nur einfällt, dass sie gern einen Feiertag hätte, an dem es Frauen möglich sei, im Rock umherzulaufen, ohne automatisch wie ein Flittchen behandelt zu werden und physisch und physisch belästigt zu werden.

Auch wenn La journée de la jupe nicht durchgehend überzeugt, ist zumindest die filmische und narrative Auflösung dieser Forderung durchaus gelungen, und im Widerspruch zwischen der Absurdität dieses gewünschten Feiertags und dem zugrundeliegenden gesellschaftlichen Problem, das noch weitaus absurder ist, aber mittlerweile einfach als gegeben hingenommen wird, findet sich ein gelungener Diskussionshintergrund.

Fast wünscht man sich, dass dieser Film mal als Unterrichtsmaterial verwendet wird, um den Schülern vor Augen zu führen, wie abnormal der Normalzustand mittlerweile bereits ist. [Thomas Vorwerk]

In Cinemania 60 – Berlinale 2009, Teil 4:
Winners – "Ausgezeichnete" Berlinale-Filme: C'est pas moi, je le jure! (It's not me, I swear!), Gigante, Gitti, The Messenger, Nord ...