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Die Box




24. Juli 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org

Cinemania-Logo 100:
Keine Jubelnummer

Spätestens seit Cinemania 98 überlegte der Filmredakteur, wie er aus der hundertsten Ausgabe unsere Kritikensammlung etwas besonderes machen könnte. Cinemania war anfänglich thematisch sortiert, hat sich aber über die Jahre (abgesehen von den Festival-Ausgaben) zu einer Art »Resterampe« entwickelte, in der immer jene Filme landen, die für eine eigene Seite mit hübschen Bildmaterial nicht gut genug waren, über die man aber dennoch in nicht automatisch kürzeren Umfang berichten sollte. Und da man viele Frösche küssen muss, bis man hin und wieder einen Prinzen findet, stauten sich die gesichteten Filme trotz jenem Phänomen, was man früher das »Sommerloch« nannte (was aber heutzutage die Filmwirtschaft nicht daran hindert, auch bei Badewetter jede Woche ein Dutzend Filme auf den Markt zu schmeissen), und somit ist Cinemania 100 eben keine Jubelnummer, sondern einfach ein Verzweiflungsakt, nach ein oder zwei Ausgaben, die nicht unbedingt vorbildlich früh zu allen behandelten Starts erschienen, jetzt den Kinomonat Juli 2013 (und ein bisschen vom August) akkurat mit neuen Kritiken zu versehen.

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  Paulette (Jérôme Enrico)


Paulette
(Jérôme Enrico)

Frankreich 2012, Buch: Laurie Aubanel, Jérôme Enrico, Bianca Olsen, Cyril Rambour, Kamera: Bruno Privat, Schnitt: Antoine Vareille, Musik: Michel Ochowiak, mit Bernadette Lafont (Paulette), Carmen Maura (Maria), Dominique Lavanant (Lucienne), Françoise Bertin (Renée), André Penvern (Walter), Ismaël Dramé (Léo), Jean-Baptiste Anoumon (Ousmane), Axelle Laffont (Agnès), Paco Boublard (Vito), Mahamadou Coulibaly (Idriss), Kamel Laadaili (Momo), Aymen Saïdi (Rachid), Soufiane Guerrab (Zak), Samir Trabelsi (Pierrot), Alexandre Aubry (Tit'Yves), Pascal N'Zonzi (Le père Baptiste), Lionnel Astier (Fred), Mathias Melloul (Jérémy), Miglen Mirtchev (Taras), Philippe du Janerand (L'huissier), Schemci Lauth (Dealer im Tunnel), Marc Samuel (TV-Verkäufer), Brigitte Boucher (Fahrstuhl-Dame), Naomie Winograd (Paulette, jung), Gaëtan Gallier (Francis, jung), Dominique Gras (Francis), Priscilla Attal (Vitos Freundin), 87 Min., 18. Juli 2013

Komödien, die davon handeln, wie ungewöhnliche Personen zu kleinkriminellen Drogenhändlern oder Produzenten werden, hatten Anfang des Jahrtausend mal Konjunktur. Aus Deutschland kam da Lammbock und aus England Saving Grace, hierzulande unter dem Titel Grasgeflüster bekannter. Der alte Slogan »Crime doesn't pay« ist in diesen Filmen außer Kraft gesetzt, weil die ansonsten vom Pech verfolgten sympathischen Figuren bei ihrem eigentümlichen, nicht ganz legalen neuen Hobby zumeist kaufmännisches und / oder anderes Geschick zeigen, es eigentlich durchweg nur um »weiche« Drogen geht, Behörden und Ordnungskräfte sich zumeist als spießig oder nicht sehr helle erweisen und die kriminelle Tätigkeit aufgrund der ansonsten moralisch vorbildlichen Verlegenheitsdealer niemals Schulhöfe indoktrinieren oder konkurrierende »Geschäftsmänner« ausschalten, sondern durchweg nur daran interessiert sind, dem normalen Bürger zu fairen Preisen zu ein bisschen Entspannung zu verhelfen. All diese mittlerweile etablierten Regeln dieses selten vertretenen Mini-Genres fassen auch bei Paulette, wichtige neue Zusätze kommen kaum hinzu.

Am spannendsten ist da noch Paulette (Bernadette Lafont) selbst, die als einst selbstständige und erfolgreiche Bäckerin im Alter zum Sozialfall wurde und sich mittlerweile mit anderen »bag ladies« ums liegengebliebene welke Gemüse beim Wochenmarkt streiten muss oder auch sonst einen Großteil ihres Schamgefühls dem Überleben opfern musste. Nebenbei hat Paulette eine ausgedehnte misanthrope Ader und ist voll des Hasses auf die üblichen Prügelknaben der Gesellschaft. Ihre Tochter lebt mit einem Farbigen zusammen, weshalb sie auch mit ihrem kleinen Enkel nicht grün wird (»Warum magst du mich nicht, Oma?« – »Weil du schwarz bist!«). Und die zahlreichen Migranten in dem Vorstadt-Sozialblock, wo sie ihre Miete nicht mehr zahlen kann, sind natürlich auch an allem schuld. Da steigt sie eher zufällig in das Geschäft ein, von dem sie anfänglich gar keine Ahnung hat, schafft sich schnell eine Stammkundschaft und verbindet dann auch noch zusammen mit ihren alten Freundinnen das Bäckerhandwerk mit dem neuen Grundmaterial.

Durch den Drogenhandel wird »Madame Dröhnung« ein ausgeglichener Mensch. Ihr Schwiegersohn (Jean-Baptiste Anoumon), der bei der Polizei arbeitet, schützt sie unwissentlich vor seinen Kollegen, und auch wenn Paulette sich nicht sofort in Sachen Freundlichkeit überschlägt, so toleriert und akzeptiert sie ihn nun. Und nach dem Streit, der sie zur neuen Marktlücke (Madeleines mit »Kick«) führt, und einem anschließenden Herzanfall ist sie auch mit dem Enkel Léo (Ismaël Dramé) schnell ganz dick (»Du hast mir das Leben gerettet, mein kleiner Bimbo!«).

Soweit ist der Film nicht bahnbrechend innovativ, aber durchaus sehr unterhaltsam. Was den Gesamteindruck etwas verhagelt, ist die zunehmende Verwicklung Paulettes (und ihrer Freundinnen sowie der Familie) in immer gefährlichere Kreise im Drogengeschäft. Dass sie sich dabei mit Unerschrockenheit (»Wer sind diese Flundern? Nutten oder ihre Freundinnen?«) und kaufmännischer Expertisé (»Man muss das Menü variieren, um den Kundenstamm zu erweitern«) schnell gegen »herkömmliche« Drogenhändler durchsetzt, ist anfänglich amüsant, doch schnell leidet der Film darunter, dass er im Grunde alle seine Probleme aufs Schlimmste verharmlos. Ob Altersarmut, Jugendkriminalität, Rassismus oder organisiertes Verbrechen: hier ist alles nur der Mutterboden für Pointen, und das nahezu allumfassende Happy End ist wie eine Ohrfeige für den Zuschauer.

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  Pacific Rim (Guillermo del Toro)


Pacific Rim
(Guillermo del Toro)

USA 2013, Buch: Travis Beacham, Guillermo del Toro, Kamera: Guillermo Navarro, Schnitt: Peter Amundson, John Gilroy, Musik: Ramin Djawadi, Kostüme: Kate Hawley, mit Charlie Hunnam (Raleigh Becket), Rinko Kikuchi (Mako Mori), Idris Elba (Stacker Pentecost), Charlie Day (Dr. Newton Geiszler), Burn Gorman (Hermann Gottlieb), Max Martini (Herc Hanson), Robert Kazinsky (Chuck Hansen), Diego Klattenhoff (Yancy Becket), Clifton Collins Jr. (Ops Tendo Choi), Ron Perlman (Hannibal Chau), Mana Ashida (Young Mako), Charles Luu, Lance Luu, Mark Luu (Wei Tang Triplets), Robert Maillet (Lt. S. Kaidanovsky), Heather Doerksen (Lt. A. Kaidanovsky), 131 Min., Kinostart: 18. Juli 2013

Kollege Lutz Göllner meinte nach dem Film, dass er – wenn er zwölf Jahre wäre – ihn sofort zu seinem Lieblingsfilm erklären würde. Ich fühlte mich außerstande, dieses Urteil zu teilen, kann aber auch nicht einschätzen, wie ich als Zwölfjähriger drauf wäre, wenn ich mit Spongebob Squarepants und einer Wii aufgewachsen wäre statt mit Kimba und der wöchentlichen Micky Maus.

In der ersten Hälfte der 1970er war ich zwar noch nicht 12, besuchte aber im Filmhof Hoya einige Filme, die wie die Blaupause von Pacific Rim wirken (und die mich in jungen Jahren durchaus angesprochen haben). Diese hatten deutsche Titel, in denen aus Marketinggründen oft King Kong, Frankenstein oder der Teufel erwähnt wurden, obwohl dies reiner Etikettenschwindel war. King Kong gegen Godzilla lässt eine mechanische Version Godzillas, die von außerirdischen Affenwesen zusammengebastelt wurde, die üblichen japanischen Metropolen einebnen, ehe dann der am Ende der ersten Phase seiner illustren Karriere zum Retter Japans aufgestiegene Original-Godzilla gegen den »Mechagodzilla« (so der Name im englischsprachigen Raum) antrat, was bekanntlich zwei Herren in seltsamen Kostümen die Möglichkeit gab, inmitten einer Miniaturstadt aufs vorzüglichste zu rangeln, Omnibusse zu plätten, Starkstromkabel zum Funkenschlag zu animieren usw. Dieses »kaiju eiga« genante Genre hat übrigens, so versicherte mir Experte Jörg Buttgereit, kein eigenes Subgenre, das jeweils Riesenechsen gegen mechanische Giganten antreten ließ. Aber Pacific Rim ist nicht weniger als die Wiederbelebung dieses bisher unbenannten Subgenres, für die neue Generation der Zwölfjährigen natürlich mit Transformer-mäßigen CGI-Effekten aufgemotzt. Die Idee dazu hatte Travis Beacham, jener Drehbuchautor, der uns auch das Remake von Clash of the Titans bescherte. Leider ist es aber so, dass mit der technologischen und ästhetischen Modernisierung von Ray-Harryhausen-Stop-Motion-Animierung oder balgenden Stuntmen nicht automatisch auch eine inhaltliche Weiterentwicklung einher geht, wie zumindest Clash of the Titans schmerzhaft vor Augen führte.

Deshalb hat man diesem ultimativen Blödsinnsfilm mit Guillermo del Toro immerhin einen fähigen Regisseur zur Seite gestellt, der in Sachen cleveres Action-Kino für Nerds zusammen mit Joss Whedon und J.J. Abrams ein »Triumvirat der Awesomeness« stellen könnte (auch wenn ich persönlich zumindest J.J. Abrams etwas überschätzt finde). Außerdem hat del Toro auch am Drehbuch mitgearbeitet, und ich bekenne mich schuldig, dass ich alle Drehbuchideen des Films, die ich clever finde, sofort del Toro zuschreibe, während ich der Ärgernisse eher Mr. Beacham in die Schuhe schiebe. Eine Art Autorentheorie für vorurteilsbelastete Fanboys, Beacham möge mir verzeihen und mit seinem nächsten Solo-Drehbuch beweisen, dass er der eigentliche Qualitätsmotor des Projekts war …

Der Film beginnt mit einer kolossalen etwa zehnminütigen Einstiegssequenz, die teilweise auf mehreren visuellen und akustischen Ebenen sämtliche notwendigen Information auf den Betrachter knallen lässt. Dass beginnt damit, dass die Riesenechsen mit außerirdischer Herkunft tatsächlich »Kaijus« heißen (filmhistorische Referenz gleich zum Einstieg), während man die von der durch die Bedrohung zusammengerückten Menschheit entworfenen mechanischen Kampfmaschinen »Jaeger« nennt. Das nenne ich cleveres Schielen auf den Weltmarkt, denn falls der Streifen in den USA floppen sollte, reißen vielleicht die Asiaten oder Europäer den Karren noch aus dem Graben.

Doch zurück zum Filmanfang. Nach der geballten Infovergabe geht es direkt in den ersten großen Kampf, und die Art und Weise, wie dieser den weiteren Fortgang der Geschichte bestimmt, ist nicht das, was man von so einem Sommer-Blockbuster erwartet. Dann folgt ein kleiner Sattelpunkt während das üppige Ensemble des Films vorgestellt wird. Darunter gibt es vor allem visuell auffällige Jaeger-Piloten von unterschiedlichen Kontinenten, aber auch ein Paar nerdiger Wissenschaftler, wie sie direkt aus dem »Bureau of Paranormal Research and Defense« (vgl. del Toros Hellboy-Filme) stammen könnten. Wobei einer der sehr unterschiedlichen Experten auch noch 1:1 wie J.J. Abrams aussieht. Für eine scheue Liebesgeschichte wie öfters bei Guillermo wurde Rinko Kikuchi verpflichtet, die auch außerhalb des Action- und Fantasy-Kinos in Filmen wie Babel oder Map of the Sounds of Tokyo eine gewisse internationale Bekanntheit erreichte. Sie ist die prädestinierte Co-Pilotin für den Hauptdarsteller Charlie Hunnam, den man noch am ehesten aus der TV-Serie Sons of Anarchy kennen könnte. In der ja auch Ron »Hellboy« Perlman mitspielt, der in Pacific Rim übrigens zum fünften Mal mit del Toro zusammenarbeitet. Und sicher nicht zum letzten Mal, denn wie ihm diese etwas durchgedrehte Rolle auf den Leib geschneidert wurde, das dürfte ihn verzückt haben.

Es ist wahrscheinlich schon zu spät dafür, aber ich will mich diesmal kurz halten. Bei solch einem Film sind Kritikerzungen besonders ohnmächtig, weil anhand der allgegenwärtigen Trailer jeder sofort entscheiden kann, ob ihn oder sie dieser Film interessiert oder nicht. Der wiederholte Kampf Kaiju vs. Jaeger ist natürlich der wichtigste Anreiz an das Publikum, ob es da nebenbei noch ein wenig Martial Arts, Production Design à la Blade Runner, freundlich-militaristische Kameraderie à la Top Gun, Traumabewältigung in Stresssituationen oder sogar ein paar aus Märchen wie Dornröschen und Schneewittchen stammende Motive (»Where the hell is my goddamn shoe?«) gibt, ist eher Nebensache.

Was mir jedoch noch erwähnenswert erscheint, ist das kleine Detail, dass die Kämpfe teilweise nur so von hochmodernen Effekten, Kameragewusel und überzeugender 3D-Darstellung der monumentalen Dimensionen aus den Nähten zu platzen scheinen – aber im Grunde genommen könnte man die meisten Kämpfe auch mit kostümierten Stuntmen, die in einer Lego-Großstadt oder dem Planschbecken des örtlichen Freibads vor einer Green Screen agieren, ohne große Verluste nachspielen. Ob dieses Statement die ultimative Beleidigung für das High-Tech-Kino unserer Zeit darstellt oder eine respektvolle Anerkennung ist, dass del Toro sich seiner Wurzeln und der des Films bewusst ist, muss jeder selbst entscheiden.

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  Drei Stunden (Boris Kunz)


Drei Stunden
(Boris Kunz)

Deutschland 2012, Buch: Boris Kunz, Kamera: Martin Niklas, Schnitt: Rene Loos, Musik: Konstantin Ferstl, Songs: Rosalie & Wanda, mit Nicholas Reinke (Martin), Claudia Eisinger (Isabel), Lucy Wirth (Johanna), Peter Nitzsche (Fred), Katharina L. Goebel (Anna), Dietrich Hollinderbäumer (Gott), Hartmut Schreier (Taxifahrer), Matthias Brenner (Karl Lindauer), Doris Buchrucker (Doris Lindauer), Christian Heiner Wolf (David), Florian Schmidt-Gahlen (Tom), Pascal Fligg (Georg), Annina Butterworth (Marie), Joana Adu-Gyamfi (Melanie Brooks), Horst Krauss (Polizist Horst), Alexander Krötsch (Polizist Alex), Christian Ammermuller (Cafegast), Rosalie Eberle & Manfred Mildenberger (Hochzeitsband), 100 Min., Kinostart: 25. Juli 2013

Der Anfang dieses Films ist noch vielversprechend, ein typisches Meet-Cute einer Romantic Comedy. Der Kellner Martin (Nicholas Reinke) stellt fest, dass in unmittelbarer Nähe des Gartenlokals, in dem er tätig ist, eine den Umsatz nicht unbedingt fördernde umweltpolitische Gruppierung einen Stand aufgebaut hat, und er bittet stellvertretend eine Aktivistin (Claudia Eisinger als Isabel), ob man nicht zehn oder zwanzig Meter weiter weg seinen Stand aufbauen könnte, als Belohnung stellt er je einen Kaffee sowie seine Unterschrift in Aussicht. Doch da hat er nicht mit dem Gerechtigkeitsbewusstsein von Isabel gerechnet, die sich durch seine Aktion aufgefordert sieht, sich zu einem von Martins Verzehrkunden dazuzusetzen und ihm ein Spontanreferat zukommen zu lassen, welche Umwelt- und Gesundheitssünden das Gericht auf dessen Teller vermutlich begangen hat.

Etwas später treffen sich die beiden auf einer Privatparty wieder (die Martin gibt, weil sein Mitbewohner Fred ausgezogen ist), bei der die gelangweilte Isabel ohne es zu wissen den frühen Entwurf einer von Martin geschriebenen Geschichte liest (man denkt anfänglich, es handle sich um einen Comic, es sind aber die Skizzen für ein Theaterstück), eine märchenhafte Abenteuergeschichte, die Isabel offenbar stärker gefangen nimmt als sie zugeben möchte. Während Martin gerade ein Schäferstündchen mit einer Partybekanntschaft anleiert (die anderen Partygäste gingen bereits), verwickelt ihn Isabel in eine Diskussion um das Theaterstück, die überdeutlich werden lässt (falls das noch irgendjemand nicht mitgekriegt haben sollte), dass es in diesem Film um die Liebesgeschichte von Martin und Isabel geht.

Was dem bisherigen Verlauf der Geschichte jedoch einiges an Charme nimmt, ist das winzige Detail, dass an dieser Stelle des Films gerade erst der Vorspann einsetzt, der wie nebenbei in einer ausgedehnten Montage erst einmal die ersten Jahre der Freundschaft der beiden schildert, wobei bereits die tiefe Verbundenheit überdeutlich wird – und das weitere Detail, das man offensichtlich nicht in der Lage war, zueinander zu kommen, sondern in losem Wechsel jeweils andere, im Nachhinein eher unbedeutende Affären aneinandergereiht hat.

Der etwas abschreckende Filmtitel (keine Angst, der Streifen ist nicht mal zwei Stunden lang) ist bei Betrachtung ohne Vorwissen fast so etwas wie ein Fluch für den Film, den schon vorm Vorspann (und später noch sicher vier bis fünfmal) erwartet man immer wieder, dass der im Titel benannte Zeitraum seine Bedeutung für den Film offenbart und als eine Art Countdown einen entscheidenden Platz in der Dramaturgie des Films einnimmt. Bis es soweit ist, hat man aber etwa zwei Drittel des Films hinter sich. Und ich für meinen Fall bin mir sicher, dass ich den Film entspannter und geduldiger rezipiert hätte, wenn ich nicht durch seinen (irgendwann dann auch Sinn ergebenden) Titel in eine gewisse Alarmbereitschaft versetzt worden wäre, die jedes mal, wenn man erkennt »Ach nee, um diese drei Stunden geht es offenbar auch nicht«, einen sukzessiven Grad von Frustration mit sich brachte.

Und das diese von mir als Manko eingestufte Charaktereigenschaft des Film offensichtlich sogar gewollt ist, zeigt ein Blick in einen Pressetext zum Film:

DREI STUNDEN – nicht viel Zeit, um eine Antwort auf die vielleicht wichtigste Frage des Lebens zu finden. Mit erfrischender Leichtigkeit begleitet der Film zwei Freunde durch das sommerliche München, denen unerwartet nur noch drei Stunden bleiben, um sich für- oder gegeneinander zuentscheiden. DREI STUNDEN erzählt mit Augenzwinkern und vielen originelle[n] Einfällen von unterschiedlichen Lebensentwürfen junger Menschen und Entscheidungen, denen man sich nicht entziehen kann. Boris Kunz gelingt mit seinem Debütfilm ein romantisch-heiterer Sommerfilm.

Der große Konflikt zwischen Martin und Isabel besteht darin, dass er ein Träumer ist (in seiner Operette geht es um Luftschlösser und eine Prinzessin, wobei eine gewisse Ähnlichkeit zur Geschichte zwischen Han Solo und Leia Organa mir überdeutlich erschien), während sie als Aktivistin jederzeit bei Problemen selbst mit anfassen will – selbst, wenn sie dafür für drei Jahre nach Mali fliegen soll. Drei Jahre, drei Stunden, der eigentliche »Countdown« des Films beginnt dann – mittelgroßer Spoiler, aber wenn die Kurzinhaltsangabe für die Presse erst im letzten Drittel des Films ansetzt, darf ich das wohl auch – erst einige Zeit nach Martins überfälliger, aber womöglich zu späten Liebeserklärung am Flugzeugschalter.

Drei Stunden hat übrigens tatsächlich einige originelle Einfälle, die quasi für den Film erdachte Operette mit einigen in die Handlung eingebauten Songs von »rosalie & wanda« ist beinahe so ambitioniert wie Peter Jacksons Idee, Lord of the Rings als Trilogie zu verfilmen, und die jungen Darsteller mit unverbrauchten Gesichter sind größtenteils grundsympathisch. Dass man dann allerdings noch wiederkehrende Zwiegespräche mit Gott einbauen musste (trotz gezielter Ironie reichlich überflüssig) und die Konfliktsituation zwischen praktikabler Beziehungsplanung und einem Nonplusultra an romantischen Einfällen wirklich bis zum Extrem ausreizt, zeugt wie das ausufernde Figurenensemble dazu, dass die hochtrabenden Ambitionen dafür sorgen, dass der Film mindestens zwanzig Minuten zu lang ausfällt. Eine gezielte Konzentration schon im Drehbuchstadium hätte die behauptete »erfrischende Leichtigkeit«, die man in der Passage vor dem Vorspann tatsächlich verspürt, etwas länger aufrecht gehalten. Doch weil noch jede kleine Nebenfigur mindestens fünf Dialogzeilen und in vielen Fällen eine eigene Agenda zugestanden bekommt (der Gegenentwurf zu Now you see me, ein Überangebot an Narration), man noch das Grab von Michael Ende aufsuchen muss, den Reiz von Leberkäse für Vegetarier erkundet usw., verschleppt sich das anfängliche Tempo zunehmend – wie ein sportliches Coupé, dass man aus unerfindlichen Gründen in den zweiten Gang runterschaltet.

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  La Grande Bellezza – Die große Schönheit (Paolo Sorrentino)


La Grande Bellezza
Die große Schönheit
(Paolo Sorrentino)

Originaltitel: La Grande Bellezza, Italien / Frankreich 2013, Buch: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello, Kamera: Luca Bigazzi, Schnitt: Cristiano Travaglioli, Musik: Lele Marchitelli, mit Toni Servillo (Jep Gambardella), Carlo Verdone (Romano), Sabrina Ferilli (Ramona), Carlo Buccirosso (Lello Cava), Iaia Forte (Trumeau), Pamela Villoresi (Viola), Galatea Ranzi (Stefania), Giusi Merli (Santa), Massimo De Francovich (Egidio), Roberto Herlitzka (Cardinal Bellucci), Isabella Ferrari (Orietta), Franco Graziosi (Conte Colonna), Giorgio Pasotti (Stefano), Massimo Popolizio (Alfio Bracco), Sonia Gessner (Contessa Colonna), Anna Della Rosa (Ragazza esangue), Luca Marinelli (Andrea), Serena Grandi (Lorena), Ivan Franek (Ron Sweet), Lillo Petrolo (Lillo De Gregorio), Fanny Ardant, Antonello Venditti (Themselves), 142 Min., Kinostart: 25. Juli 2013

Gerade hat der Journalist Jep Gambardella (Toni Servillo) noch allseits beliebt seinen 65. Geburtstag gefeiert. Ganz Rom und »La Dolce Vita« liegen ihm zu Füßen. Doch hinter der gutgelaunten Fassade entdeckt dieser Film die psychischen Abgründe der Figur. Einst hat er einen epochalen Roman geschrieben, doch dann folgte nichts mehr – als Schriftsteller ist er gescheitert! Dann erinnert er sich an seine erste große Liebe – auch dies ein Fiasko, dem er noch heute nachweint. Er schwelgt in Erinnerungen und kann nicht länger verleugnen, dass seine Zeit vorbei ist.

Zur Unterstreichung seines Themas führt der Film die italienische Hauptstadt vor, wie sie zwischen pompösen Jugend- und Vergnügungswahn und der ruhigen Sinnlichkeit der Antike hin und hergerissen ist, was sich auch in der Inszenierung spiegelt, die mal komplizierte Kamerafahrten in und um historischen Bauten, bevorzugt mit anspruchsvoller klassischer Musikuntermalung zeigt, dann aber wieder das fellineske Nachtleben mit stampfenden Technorhythmen, bei denen das einzige »Geschichtsbewusstsein« darin zu bestehen scheint, dass man in Mash-ups die gefälligen Italo-Discohits vergangener Jahrzehnte recyclet.

Ob die Oberflächlichkeit der ewig jungen Schickeria oder die Reue im Herbst des Lebens, falsche Entscheidungen gefällt zu haben: Vor allem geht es in diesem Film um eine große Leere, die hier auch kongenial umgesetzt wird. Die Dialoge sind gewitzt und messerscharf, die Bilder von einer traurigen Schönheit, die Schauspieler selbst in Winzrollen hochkonzentriert. Doch im Gegensatz zu etwa den Werken Fellinis, Capotes oder Bret Easton Ellis, die sich an ähnlichen Themen abstrampelten, erreicht Sorrentino leider vor allem jene Oberflächlichkeit und Leere, eine ruhige Traurigkeit, die manchem meisterhaft erscheinen mag, mich aber nicht wirklich erreichte. Manche Szenen sind meisterhaft komponiert, der satirische Biss einer Kunstperformance zählt zu den Höhepunkten des Films, doch vielleicht ist der Film zu clever in der Umsetzung seiner Themen. Vielleicht werde ich ihn in zwanzig Jahren, wenn ich 65 bin, noch einmal anschauen, und bittere Tränen darüber vergießen, dass ich heute noch nicht die geistige Reife besitze, ihn angemessen zu schätzen. Vielleicht gehe ich dann aber auch, dem Rat Udo Jürgens folgend, lieber in die Disco.

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  We steal Secrets – Die WikiLeaks Geschichte (Alex Gibney)


We steal Secrets
Die WikiLeaks Geschichte
(Alex Gibney)

Originaltitel: We steal Secrets – The Story of WikiLeaks, USA 2013, Buch: Alex Gibney, Kamera: Maryse Alberti, Schnitt: Andy Grieve, Musik: Will Bates, mit Julian Assange, Adrian Lamo, Bradley Manning, James Ball, Michael Hayden, Daniel Domscheit-Berg, Heather Brooke, Timothy Douglas Webster, Smári McCarthy, Mark Davis, Nick Davies, 130 Min., Kinostart: 11. Juli 2013

Alex Gibney gewann für Taxi to the Dark Side einen Dokumentarfilm-Oscar, was ihn höchstwahrscheinlich die Credibility und Möglichkeit verschaffte, mit einer größtenteils aus Archivmaterial zusammengestellten Doku von über zwei Stunden Länge einen »draufzusetzen«. Mit einem Thema wie WikiLeaks, das ein großes Publikum anspricht, und einem, wenn man auf die hübschen Spezialeffekte schaut, wahrscheinlich überdurchschnittlichen Budget.

Was im TV so als Nachrichten-Sondersendung läuft, schimpft sich ja oft auch »Dokumentarfilm«, und Gibneys chronologische Nacherzählung dessen, was so an Mythen über WikiLeaks und Julian Assange bekannt ist, wirkt oft nach den selben Prinzipien. Allumfassend bis ins letzte Detail, ausgewogen und objektiv sollte so eine Nachrichtensendung sein, von einem ernstzunehmenden Dokumentarfilm erwartet man ferner, dass er nicht nur im Titel von vermeintlich gestohlenen Geheimnissen spricht (aus markttechnischen Gründen wollen wir mal über den Wahrheitsgehalt des Titels großzügig hinwegschauen), sondern auch mit eigenen Geheimnissen neues Licht auf einige Sachverhalte wirft. Abgesehen von einigen überraschend freimütigen Aussagen von Geheimdienst- und Regierungspersonal wartet man darauf aber vergeblich in Gibneys Film. Und auch mit der Objektivität ist das so eine Sache.

Wo WikiLeaks in den Medien je nach politischer Anschauung nicht immer durchweg positiv wegkam, entscheidet sich Gibneys Film recht deutlich für eine Pro-WikiLeaks-Standpunkt. Was einerseits kein großes Problem darstellt und angesichts des anvisierten Zielpublikums auch sinnvoll erscheint. Dass der Film die vermeintliche Kultfigur Julian Assange hingegen etwas genauer durchleuchtet, ist wahrscheinlich für den Erkenntnisgewinn des Films die beste Vorgehensweise. Ist Assange ein Messiah und Märtyrer, jemand, der clever auf der Klaviatur der PR-Maschinerie zu spielen weiß, das Opfer einer nahezu weltweiten Verschwörung oder doch ein Sexualverbrecher mit Star-Allüren? Der Film lässt all diese Schubladen offen, Gibney versäumt es aber nicht zu erwähnen, dass Assange für ein Kamera-Interview die Summe von einer Million Dollar verlangte, was dann auch das Budget dieses Films gesprengt hätte. Und dann später eine Preisreduzierung anbot, wenn er dafür – wie so mancher Geheimdienst – auf einige Informationen aus anderen Interviews für den Film zugreifen könne. Was Gibney als ethisch und moralisch vorbildlicher Dokumentarfilmer natürlich ablehnte.

Doch wie vorbildlich ist Gibney wirklich? Meine Zweifel am Regisseur (und somit auch am Film) stützen sich vor allem auf die Darstellung von Bradley Manning, jenen »Whistleblower« der ersten (oder eher dritten) Stunde, und Adrian Lamo, den Mann, der Manning erst Beistand anbot und der es dann nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, Manning nicht anzuklagen (subjektiv gefärbte leicht ironische Formulierung des Autors). Im Film ist der große Unterschied zwischen Manning und Lamo, das letzterer für Interviews zur Verfügung stand, vor der Kamera angesichts seiner auf sich geladenen Schuld quasi zusammenbricht – und dabei dennoch immens unsympathisch herüberkommt. Manning, der aufgrund einer nicht unbedingt vorbildlich durchgeführten Gefängnisstrafe nicht für ein Interview zur Verfügung stand, wird ähnlich wie Assange vor allem über Nachrichten-Archivmaterial vorgestellt. Und in der Art und Weise, wie er vorgestellt wird, bringt sich der Dokumentarfilm um Gibneys alte Oscar-Credibility. Natürlich wollen wir mehr über den Hintergrund einer solchen Figur erfahren, das ist ja das Hauptziel dieses Films. Doch die Art und Weise, wie Mannings Sexualität, sein persönliches Auftreten und sein Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung hier diskutiert werden, hat wenig mit objektiver Berichterstattung zu tun, sondern hat den widerlichen Beigeschmack einer homophoben Polarisierung. Selbst, wenn diese vielleicht nur unterschwellig und womöglich sogar ungewollt ist.

Dass Assange oberflächlich betrachtet wegen Sittlichkeitsdelikten stärkere Probleme mit dem Gesetz hat als aufgrund seiner in manchen Kreisen umstrittenen Internetplattform, ist der Ausgangspunkt für eine ambivalente Untersuchung seiner Person im Film. Dass Mannings Sexualität im Gegensatz zu Assanges nicht die Basis für Vermutungen ist, sondern eine mehrfach bewiesene Tatsache, stellt der Film zwar nicht wie eine Anklage hin, aber wie eine Verunglimpfung seiner Person. Manning landete für seine Überzeugungen im Knast, aber dem Film erscheint es offenbar wichtiger, dass er gerne ein Mädchen wäre. Und das als US-Soldat. Assange hingegen wird international wegen sexuellem Missbrauch gesucht und er widersetzt sich langzeitig einer Festnahme. Aber ungeachtet seiner (auch anderen) charakterlichen Verfehlungen stellt der Film ihn dar wie Humphrey Bogart, während Manning eher wie Peter Lorre wegkommt.

Erschwerend kommt dazu, dass der Film auch ungeachtet seiner seltsamen (in meinem Fall gründlich missglückten) Manipulierung der Zuschauer einfach nichts neues oder interessantes zu sagen hat, und in seinem Beharren auf protzige Spezialeffekte und knallige Musik auch rein filmisch (insbesondere innerhalb seines Metiers) unsympathisch ist.

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  Virgin Tales (Mirjam von Arx)


Virgin Tales
(Mirjam von Arx)

Schweiz / Frankreich / Deutschland 2012, Buch: Michèle Wannaz, Mirjam von Arx, Kamera: Kirsten Johnson, Claudia Raschke, Schnitt: Sabine Krayenbühl, Musik: Adrian mit den Wilsons (Randy, Lisa, Lauren, Colten, Khrystian, Jordyn, Logan, Kameryn, Kaalyn,) u.v.a., 87 Min. (TV-Fassung: 57 Min.), Kinostart: 25. Juli 2013

Zur Demonstration meiner ganz persönlichen Abneigung gegen nahezu alles, was mit Religion in Verbindung steht, berichte ich hin und wieder von dem sehr aparten jungen Mädchen, in das ich während der achten Klasse stark verschossen war. Irgendwann waren wir dann gemeinsam auf Klassenfahrt und es gelang mir tatsächlich, zum Mittagstisch fast in ihrer unmittelbaren Nähe zu sitzen. Während alle bereits zum Besteck griffen, hielt sie kurz inne und sprach halblaut ein Tischgebet. Ich war quasi sofort von meiner Schwärmerei »geheilt« – wenn ich sie bei einer Tierquälerei beobachtet hätte oder einer Straftat, hätte ich das wahrscheinlich noch zu ihren Gunsten ausgelegt, doch Gläubigkeit als Charaktereigenschaft empfand ich als das genaue Gegenteil von »begehrenswert«.

Um Begehren und Gläubigkeit geht es auch in dieser Dokumentation, die ich mal wieder ohne Vorwissen vom Filminhalt besuchte und deren Titel mir irgendwie interessanter erschien (ich sträube mich zwar gegen Religion, zeige aber öfters ein starkes Unvermögen, auf bestimmte Schlüsselbegriffe entsprechend zu reagieren. Ähnlich wie in dem Fall, als ich zu Steven Spielbergs War Horse ging, weil ich mir einbildete, es könne wie in John Fords The Iron Horse um einen Zug gehen – Religion und Pferde sind mir ungefähr gleichstark zuwider). Aber genug zu meiner Dummheit und Borniertheit.

Das seltsamste an diesem Film – und dies stieß mir im Nachhinein auch ziemlich sauer auf – ist die Entscheidung, die die Filmemacher trafen, was die Verteilung von (vermeintlich objektiver) Dokumentation und erhellendem (und durchaus als kritisch zu verstehendem) Kommentar angeht. Es gibt zu Beginn des Films, quasi als Einleitung, einige Zwischentitel, die einen über die am schnellsten anwachsende religiöse Gemeinschaft der Vereinigten Staaten informiert, die evangelikalen Christen. Dann folgt sozusagen der eigentliche Film, der am Beispiel der Familie Wilson (sieben Kinder) die Prinzipien dieser Religion (insbesondere und fast ausschließlich, was den freiwilligen Verzicht auf Sexualität vor der Ehe angeht) vorführt. Vorführt ist hier genau die richtige Vokabel, denn auf eine gewisse Weise wird die Familie durchaus »vorgeführt«. Im gleichen Augenblick sind die Wilsons aber auch sehr auskunftsbereit und benutzen die Dokumentation durchaus auch zu Propaganda-Zwecken. Das wirkt wie ein Widerspruch, muss aber keiner sein, zum Beispiel, weil kein Mitglied der Familie Wilson so blöd ist, vor laufender Kamera einzugestehen, dass es womöglich mit der vorehelichen »Reinheit« besonders problematisch sei oder man sich da gewisse Freiheiten oder Übergriffe erlaubt habe. Einzig die Eltern Wilson lassen mal durchblicken, dass es ihrerzeit dann auch irgendwann »dringend Zeit« wurde zu heiraten, weil sie »soviel Zeit miteinander« verbrachten. Jeder Versuch, in diese Worte mehr hineinzuinterpretieren als wirklich ausgesagt wurde, ist aber reine Spekulation. Nachdem man dann erschöpfend viel über die Grundsätze dieser Religion (und insbesondere die von Vater Wilson vorangetriebene Bewegung innerhalb der Community) erfahren hat, über die Briefe der Wilson-Töchter an den noch unbekannten »future husband«, über das Kennenlernen unbefleckter Vorzeige-Schwiegersöhne aus Armeebeständen, über das unbeschreibliche Glück, seinen Partner tatsächlich bei der Hochzeit auch zum ersten Mal zu küssen, über Father-Daughter Purity Balls, über das religiös unterwanderte Niederknien vorm geliebten Patriarchen, über die Geschenke an die männlichen Stammhalter bei seltsamen »Männlichkeits«-Ritualen, die ungeachtet der propagierten Enthaltsamkeit ausnahmslos aus phallischen Symbolen wie Pfeilen, Schwertern und Stöcken bestehen, über die »Purely Woman School of Grace«, die die eine Wilson-Tochter führt, bei der sich der herbeigesehnte »future husband«, das designierte Gottesgeschenk, die Blöße gibt, sich so zu verspäten, dass er sich während der Dreharbeiten nicht mehr materialisiert, …

(An dieser Stelle muss ich mal kurz Luft holen, weil der Endlossatz eigentlich immer noch weitergeht …)

... über die erstaunlichen Parallelen zwischen dieser Religion und dem Islam (nicht nur, was das Patriarchat, die hier sogar beidgeschlechtliche »Reinheit« und die »Kampfesbereitschaft« angeht), über »personalized promise bibles« und schließlich auch noch über Briefe, die auch Vater Wilson an den einen oder anderen »future husband« schreibt. (Da musste jetzt einfach mal ein Punkt kommen. Der Endlossatz gibt auch den prinzipiellen Dramaturgieansatz des Films gut wieder.) Und dann, nachdem man dies alles miterlebt hat, nachdem man den Kopf geschüttelt hat über ein Statement wie »Because of my love of God I love my husband regardless of any given affections at a certain moment«. Oder über die Untertitelung des Wortes »barrenness« (im Film erklärt als Gegenteil von »fruitfulness«) als »Entblößung« (hier hat sich offenbar nur die Untertitelperson »entblößt«). Nach all diesen sehr gruseligen, aber wenig informativen, wenig unterhaltsamen (meine Zusammenfassung zeugt eher von einer lückenlosen Mitschrift) und vor allem sehr orientierungslos zwischen Häme, Propaganda und Verblüffung umherstolpernden Minuten gibt es dann zum Schluss des Films abermals einige Zwischentitel, die dann – im krassen Gegensatz zum nur beobachtenden, etwas vorführenden, sich aber auch etwas einwickeln lassenden Film – doch wieder klar kritisch dem Phänomen gegenüberstehen.

 

Ich muss sagen, ich habe in unzähligen Highschoolkomödien wie Heathers, Saved oder Easy A das Thema weitaus unterhaltsamer vorgeführt bekommen, und jedermann, der den Film nicht besucht, um womöglich über eine Konvertierung nachzudenken, kann im aktuellen Video »The Loophole« von Garfunkel & Oates weitaus unterhaltsamer und pointierter über das Thema informiert werden. Ist teilweise sogar ästhetisch nahe dran an den Virgin Tales – allerdings nicht unbedingt für prüde oder gläubige Ohren (und teilweise Augen) geeignet.

Nachtrag: Das Presseheft zum Film hat übrigens einige interessante kritische Ansätze zum Thema und bringt auch ein Statement der Regisseurin, das weit über die dem Film entnehmbare Distanzierung hinausgeht. Meines Erachtens geht es aber nicht darum, das Presseheft zu loben, sondern den Film ob seiner selbst zu bewerten. Selbst, wenn der Eindruck der Ambivalenz und Orientierungslosigkeit durch das Presseheft geschmälert wird. Doch der durchschnittliche Zuschauer hat ja nicht immer das Presseheft zur Hand.

Cinemania will return in Cinemania 101: A View to a Kill