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28. Dezember 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Und dann der Regen - También la lluvia (Icíar Bollaín)
Und dann der Regen - También la lluvia (Icíar Bollaín)
Bildmaterial © Piffl Medien
Und dann der Regen - También la lluvia (Icíar Bollaín)
Und dann der Regen - También la lluvia (Icíar Bollaín)


Und dann der Regen
También la lluvia
(Icíar Bollaín)

Originaltitel: También la lluvia, Spanien / Mexiko / Frankreich 2011, Buch: Paul Laverty, Kamera: Alex Catalán, Schnitt: ngel Hernández Zoido, Musik: Alberto Iglesias, Production Design: Juan Pedro De Gaspar, Kostüme: Sonia Grande, mit Luis Tosar (Costa), Gael García Bernal (Sebastián), Juan Carlos Aduviri (Daniel / Atuey), Karra Elejalde (Antón / Colón), Raúl Arévalo (Juan / Montesinos), Carlos Santos (Alberto / Las Casas), Cassandra Ciangherotti (María), Milena Soliz (Belén / Panuca), Leónidas Chiri (Teresa), Ezequiel Diaz (Bruno), Pau Cólera (Actor capitán), Vicente Romero (Actor comandante), 103 Min., Kinostart: 29. Dezember 2011

2011 war ein miserables Filmjahr. Einige der Filme, die ich zu den 20 besten zählen würde, wären in anderen Jahrgängen nicht einmal in den Top 50 gelandet. Außerordentlich geschönt wird der Eindruck aber durch den Dezember, der einige der besten Filme versammelt. Nach Jane Eyre und The Ides of March (beide Film-des-Monats-Material) kommt nun, zum undankbaren letzten Starttermin des Jahres, También la lluvia, der Gewinner des Publikumspreises des Berlinale-Panoramas 2011.

Das Drumherum des Films ist fast so außergewöhnlich wie seine Handlung. Icíar Bollaín, die bekannteste Regisseurin Spaniens (Te doy mis ojos) verfilmte ein Drehbuch des Briten Paul Laverty (Ae Fond Kiss, The Wind that shakes the Barley und weitere Ken-Loach-Filme), noch dazu in Bolivien. Der Film spielt auch in Bolivien, wo - weil es billiger ist - ein etwas kontroverses Christopher-Kolumbus-Biopic gedreht wird (das wiederum eigentlich größtenteils auf Karibik-Inseln spielen müsste). Regisseur Sebastián (der mexikanische Weltstar Gael Garcia Bernal) ist - in Maßen - ein Menschenfreund, er organisiert etwa ein »für alle« offenes Casting der Darsteller der Indios, was bereits zu Komplikationen führt. Sein Produzent (Luis Tosar, bekannt aus Los lunes al sol) ist da pragmatischer, aber im Kampf um den bestmöglichen Film ergänzen sie sich.

También la lluvia erzählt nun von den Dreharbeiten (inklusive der üblichen Probleme), vom Kampf der indigenen Bevölkerung des Drehorts gegen eine Privatisierung der Wasserversorgung, die mit 300%iger Preiserhöhung Hand in Hand geht, vom »Making-Of« des Biopics, aus dem die Regieassistentin am liebsten eine politische Reportage machen würde, von Einzelschicksalen und einer Demonstration, die sich fast zu einem Bürgerkrieg ausweitet (hier orientiert man sich an einem tatsächlichen Vorfall). Der Darsteller der wichtigsten Indio-Rolle, Daníel (), der von Anfang an als »schwierig« galt, ist ein politischer Aktivist, der sich nicht so einfach übervorteilen lässt wie die Figur, die er spielt. Clever und spannend lebt der Film von unzähligen Parallelen und Gegenüberstellungen, das Drehbuch ist so vielschichtig wie die besten Arbeiten von Atom Egoyan (nur, um jetzt mal einen Vergleich zu haben), bleibt dabei aber auch für das breite Publikum verständlich. Was hier alles so an kleinen Subplots abläuft, ist kaum zu beschreiben. Besonders hübsch finde ich beispielsweise einen Nebendarsteller des Kolumbusfilms, der bei Recherchen feststellt, dass seine Figur quasi der »Vater der internationalen Menschenrechte« ist - weshalb die Rolle natürlich ausgebaut werden müsste. Wenn es dann aber am Drehort etwas brenzlig wird, ist er derjenige, der so schnell wie möglich die Dreharbeiten abbrechen möchte. Auf dieser und ähnlichen Ebenen ist También la lluvia ein echtes Fundstück, und einzig einige Buch- bzw. Regie-Entscheidungen gegen Ende des Films hielten mich davon ab, ihn gleich zum besten Film des Jahres zu erklären. Verpassen sollte man dieses Kleinod aber keineswegs, gerade weil dieser Film noch viel mehr bietet, als ich Zeit und Muße habe, beschreiben zu können.

Bonus-Rezension von Friederike Kapp

Jeder Film, in welchem der urst knuffige Gael Garcia Bernal auf der Leinwand erscheint (schleck!), ist für die ästhetisch orientierte Damenwelt ein Pflichttermin. Zumal die dazugehörigen Filme in aller Regel auch noch gut sind. So auch dieser.

Ein spanisches Filmteam will in Lateinamerika einen Film über die Conquista drehen. Die Suche nach einer Region mit politischer Stabilität, die wenigstens die Dreharbeiten überdauert, führt nach Chochabamba in Bolivien. Hier reizt nicht nur die Originalkulisse, auch die niedrigen Tagessätze für Komparsen und Handwerker – Kostenpunkt: ca. 1:100 –machen den Drehort attraktiv.

Das Drehbuch entfaltet drei Handlungsebenen, die parallel vorangetrieben werden: Der alltägliche Kampf des Filmteams mit den Problemen des Alltags. Auswahl der Komparsen, Herstellung technischer Aufbauten unter den besonderen Bedingungen unvorhergesehener Ortswechsel und mit vergleichsweise schlichten Mitteln, Beziehungspflege mit Geldgebern, Behörden, Stempelverwaltern und Kulturpolitikern.

Die Lebenswelt der Komparsen erschließt sich über die Figur des widerspenstigen Kleindarstellers Daniel. Der hat ein ausgeprägtes Gespür für die asymmetrischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, denen er unterworfen ist. Außerhalb seiner Arbeit als schauspielernder Tagelöhner bestreitet er einen sehr ungleichen Kampf gegen die lokale Wasserbehörde, die einem englisch-amerikanisches Konsortium gehört. Dieses beschließt nicht nur eine 300prozentige Preissteigerung, sondern privatisiert sämtliches Trinkwasser mit einer ausschließlichen Radikalität, die sogar das Sammeln von Regenwasser mit Verbot belegt.

Der Film im Film schließlich zeigt die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus als eine wenig ruhmreiche Geschichte der Unterwerfung, Abschlachtung und Ausbeutung der Ureinwohner.

Die eingeflogene Filmcrew muß feststellen, daß die aktuellen Ereignisse auch sie betreffen. Während Sebastián, der Regisseur (Gael García Bernal), die Schauspielerführung mit echtem Interesse an den Menschen verbindet, sorgt der Produzent Costa (Luis Tosar) sich eher um Budgets und andere Sachzwänge. Als Daniel (Juan Carlos Aduviri), der einige Nahaufnahmen hat, mit zerschlagenem Gesicht erscheint, wirft das den Terminplan durcheinander. Seine Festnahme lässt sich mit Geld und guten Worten abwenden; leider nur bis zur nächsten Demo gegen die Wasserfirma. Als die politischen Ereignisse sich zuspitzen, müssen auch die Europäer persönlich Stellung beziehen.

Wie realistisch die sozialen Verhältnisse dargestellt sind, belegt unwissentlich schon Werner Herzog in Mein liebster Feind (1999). In einer Interviewszene lobt er einen einheimischen Hilfsarbeiter, der sich, nachdem er bei Rodungsarbeiten in Peru von einer Schlange gebissen wurde, beherzt mit der Motorsäge den halben Fuß abschneidet, um nicht an einer Vergiftung zu sterben. Wie klug dieser Mann gewesen sei, wie mutig! Nicht einen Gedanken verschwendet Herzog daran, dass es vielleicht seine Fürsorgepflicht als Arbeitgeber gewesen wäre, seine Arbeiter mit Sicherheitsschuhen zu versorgen. Oder mit Schuhen.

Auch das jüngst erfolgreiche Volksbegehren zur Offenlegung der Geheimverträge der teilprivatisierten Berliner Wasserbetriebe (mit freundlichen Gewinngarantien für die Anteilseigner) lässt ahnen, wie leicht einem multinationaler Konzern die Enteignung der ärmsten Bevölkerungsschichten eines Schwellenlandes fällt. Wer zahlt, schafft schließlich an. Eine Wasserrevolte hat in Chochabamba im Jahr 2000 tatsächlich stattgefunden.

También La Lluvia ignoriert mit intelligenter Schlichtheit die Fallstricke, die ein so ambitioniertes Drehbuch birgt. Der Film präsentiert sich frei von Selbstgefälligkeit, Tränendrüsenappellen und falschem Pathos. Selbstverständlich sind die Figuren sich der Schizophrenie ihrer Situation bewußt. Die thematische Parallelität der Ereignisse gewinnt über die Reflexion der Figuren Transparenz. Das Durchdeklinieren möglicher Standpunkte anhand unterschiedlicher Protagonisten und Rollen wird zu einer spannenden Angelegenheit, weil Persönlichkeiten gezeigt und gezeichnet werden.

Dieser äußerst sehenswerte Film konnte im Jahr 2011 einige Preise abräumen, darunter den Panorama-Publikumspreis auf der Berlinale. Es ist schön, daß er nun endlich auch in die deutschen Kinos kommt.