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Die Box




August 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Öffne meine Augen
Te doy mis ojos

Spanien 2003

Öffne meine Augen (Te doy mis ojos) (R: Iciar Bollain)

Regie:
Iciar Bollain

Buch:
Iciar Bollain, Alicia Luna

Kamera:
Carles Gusi

Schnitt:
ngel Hernández Zoido

Musik:
Alberto Iglesias

Darsteller:
Laia Marull (Pilar), Luis Tosar (Antonio), Candela Pena (Ana), Rosa Maria Sardá (Aurora), Kiti Manver (Rosa), Sergi Calleja (Therapeut), Elisabet Gelabert (Lola), Nicolás Fernández Luna (Juan), Dave Mooney (John)

106 Min.

Kinostart:
4. August 2005

Öffne meine Augen
Te doy mis ojos

Mit etwas Verspätung bringt der bisher vor allem auf deutsche Produktionen spezialisierte Kleinverleih Timebandits (Gegen die Wand, Die Spielwütigen) nun den bereits beim Filmfest München 2004 begeistert aufgenommenen Te doy mis ojos in die deutschen Kinos. Der dritte Film der Regisseurin Iciar Bollain (Flores de otro mundo / Blumen aus einer anderen Welt) wurde seinerzeit mit sieben Goyas (gerne als spanisches Pendant zum Oscar angepriesen) ausgezeichnet, darunter für den besten Film, die beste Regie und die besten zwei Hauptdarsteller (Laia Marull, Luis Tosar).

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Te doy mis ojos erzählt die Geschichte einer Ehe, die am Ende ist. Nach zehn Jahren packt Pilar mitten in der Nacht ihre Koffer, weckt ihren kleinen Sohn Juan und steht plötzlich bei ihrer jüngeren Schwester Ana vor der Tür, die ihren Beschluß unterstützt. Obwohl Pilar ihren Antonio immer noch liebt, lebte sie in letzter Zeit in ständiger Furcht vor ihrem zu Gewaltausbrüchen neigenden Gatten. Als ihre Schwester am nächsten Tag noch einige zusätzliche Kleidungsstücke und Spielzeug für den Jungen aus der Wohnung holt, stößt sie auf einen kleinen Stapel Krankenhausrechnungen, der den wahren Umfang der Misshandlungen nur andeuten kann. Die Regisseurin und ihre Co-Autorin wollten herausfinden, was Frauen dazu bringt, an Männern festzuhalten, die sie immer wieder schlagen. Wie es überhaupt möglich sein kann, in solch einer Beziehung auch nach mehreren Jahren eines Lebens in Furcht noch von Liebe zu sprechen. Obwohl das Thema schon öfter filmisch bearbeitet wurde, ist die schonungslose Studie in Te doy mis ojos auch für Frauen und Männer, die (noch) nicht mit solchen Problemen konfrontiert wurden, lohnenswert.

Zunächst wird die Panik der Frau und die Wut des Mannes im Film nur mit kleinen Details angedeutet. Wenn Antonio aus eigenem Antrieb eine Therapie beginnt, seiner Frau liebevolle Geschenke zukommen lässt, sich um seinen Sohn kümmert und alleine schlichtweg kaum lebensfähig scheint, kann auch der Zuschauer nachvollziehen, was Pilar zurück zu ihrem Mann treibt. Neben Antonios Sicht werfen auch die Standpunkte von Pilars Schwester Ana (frischverliebt und kurz vor der eigenen Hochzeit) und der verwitweten Mutter, die von den Vorkommnissen in der Ehe ihrer Tochter nichts weiß und vielleicht auch nichts wissen will, zusätzliche Streiflichter auf das Problem.

Eine Veränderung scheint sich auf beiden Seiten anzubahnen: Während Antonio in einem kleinen Heft zu beschreiben versucht, wie die Wut öfters in ihm aufsteigt, bevor er nach Therapiebeispiel Entspannung sucht, interessiert sich Pilar über ihren neuen Museumsjob plötzlich für Kunst, die Beziehung scheint kreativer und gefestigter zu werden, auch wenn sich die beiden lange Zeit nur in der Mittagspause treffen und in Anas Wohnung heimlichen Sex haben. Über Antonios kleines Buch findet Pilar erstmals überhaupt Zugang zu den Gründen für Antonios Gewaltausbrüchen, doch als Antonio sich durch Pilars neuen Job gefährdet fühlt und er in ihrem plötzlichen Interesse für Kunst (er besucht mal eine ihrer "Dia-Shows", bei der Sex in den Gemälden keine geringe Rolle spielt) einen Grund für Eifersucht sieht ("da muß doch ein Mann dahinterstecken …"), bahnt sich bereits der nächste Konflikt an, bei dem sich das Therapiewissen nur im günstigsten Fall bewähren kann …

Daß eines von Pilars Lieblingsgemälden ausgerechnet die Legende von Orpheus und Eurydice als Basis hat, unterstreicht nur, daß selbst die bedingungslose Liebe kein gemeinsames Glück sichern kann. Pilar doziert über Ovids Metamorphosen, Antonio regt sich auf, daß sie "dummes Zeug über Götter und so'n Scheiß" redet und dafür (vorerst) nicht einmal Geld bekommt. Und wenn sie nicht sofort ans Handy geht, wallt wieder die Eifersucht auf und ausgerechnet das unschuldige Mobiltelefon wird schon mal zerschlagen - immer noch besser als ein Angriff auf seine Frau, aber die alten Vorzeichen melden sich langsam wieder, nach dem erneuten Zusammenziehen kehrt wieder eine Atmosphäre der Angst ein, wenn Antonio von der Arbeit kommt und die beiden sich wieder nichts zu sagen haben.

Neben dem ausgeklügelten Buch und den grandiosen Darstellerleistungen ist auch die Inszenierung brillant, und Alberto Iglesias, Hauskomponist bei zwei der besten und bekanntesten spanischen Regisseuren, Julio Medem und Pedro Almodóvar, tut das seinige, um eine Atmosphäre zu beschwören, wie sie von einer unheilvollen klassisch-griechischen Tragödie nicht weit entfernt ist.