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Die Box




Juni 2007
 


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Cinemania 48:
Kinostart Juni 2007

[Rezension zu Zodiac von Friederike Kapp,
Rest von Thomas Vorwerk]

Irgendwie hat es sich so ergeben, daß fünf Filme aus der ersten Junihälfte (zwei Filme, die ihren Kinostart am 31. Mai hatten, mitgezählt) auf ihren Auftritt als Cinemania warteten, und da satt.org-Filmredakteur momentan ein eingeschränktes Filmprogramm fährt, um seine Magisterarbeit über Neil Gaimans Sandman fertigzustellen, war auch kein weiterer “bald” anlaufender Film am Horizont zu sehen, und somit hier kurzfristig das (etwas eingeschränkte Sommerprogramm), darunter auch der Eröffnungsfilm der französischen Filmwoche, die aus unerklärlichen Gründen immer zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem man eher ins Schwimmbad als ins Kino gehen würde.


L’intouchable
(Benoît Jacquot)

Int. Titel: The Untouchable, Frankreich 2006, Buch: Benoît Jacquot, Kamera: Caroline Champetier, Schnitt: Luc Barnier, Marion Monnier, Musik: Vijay Jaiswal, Monu Rao, mit Isild Le Besco (Jeanne), Bérangère Bonvoisin (La mère de Jeanne), Marc Barbé (François, le metteur en scène du film), Manuel Munz (Agent Jeanne), Louis-Do de Lencquesaing (L'amant de Jeanne), Yaseen Khan (Passager indien), Parikshit Luthra (Mani), Pascal Bongard (Français piscine 1), Pierre Chevalier (Français piscine 2), Caroline Champetier (Muriel, religieuse sous le nom de Soeur Thérèse de l'Enfant Jésus), Dablu Kumar (Papu), Susheel Kumar Batra (Le père de Mani), Rakesh Sharma (Anpar, le père de Jeanne), 82 Min., Premiere als Eröffnungsfilm der französischen Filmwoche am Do., 14. Juni, 20 Uhr, im Cinema Paris, Wiederholung: Fr., 15. Juni, 19 Uhr, im Filmtheater am Friedrichshain

Nachdem auf der Berlinale Pas douce die Umschreibung für Isild Le Besco war, folgt nun L’intouchable, und auch, wenn man nach dem Film durchaus der Meinung sein könnte, daß sich der Titel nicht vordergründig auf die Hauptdarstellerin bezieht, ergibt sich doch ein Muster, denn erneut porträtiert die junge Schauspielerin mit den einprägsamen Gesichtszügen hier eine Figur, die im Zwischenmenschlichen einige Defizite aufweist (was aber der obligatorischen Menge textilfreier Szenen keinen Abbruch tut). Der Film beginnt nicht nur wie eine Ohrfeige, sondern tatsächlich mit einer solchen, und innerhalb weniger Minuten erfahren wir zusammen mit Jeanne an deren Geburtstag, daß ihr leiblicher Vater eine Urlaubsbekanntschaft in Delhi war. So wie sehr bald orientalische Musik (vgl. Tony Gatlif) Jeannes Fernweh illustriert, hat man den (nicht sehr innovativen) Plot des Films bereits nach etwa 10 Minuten durchdrungen, doch zunächst wird noch Jeannes Umfeld in Paris geschildert. Dazu gehört die Probe von Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe ebenso wie Filmdreharbeiten, die einer Sexszene kulminieren, bei der die Behandlung Jeannes (bevor sie ihre Bedingungen durchsetzt) schon etwas befremdlich stimmen. Außerdem gibt es da noch einen etwas älteren Liebhaber, bei dem nicht ganz klar wird, ob er die Vaterrolle ausfüllen soll, oder er einfach nur ein Filmschaffender ist, der seine jungen Darstellerinnen auszunutzen weiß. Nachdem die Sexszene im Kasten ist, verabschiedet sich Jeanne für sieben Tage nach Indien, wo sie ihren Vater kennenzulernen hofft. Die Aufnahmen in Indien sind wahrscheinlich das Interessanteste für den Zuschauer, aber ob man die überfüllten Strassen in einer gefühlt zweiminütigen Einstellung zeigen muss, währendderer etwa zwei Drittel der Passanten sich sehr für die Kamera zu interessieren scheinen, ist fraglich. Auch in Frankreich gab es bereits einige in der Öffentlichkeit gedrehte Strassenszenen, doch abgesehen von den produktionstechnisch günstigen Beweggründen erschließt sich der dramaturgische Reiz dieser fast halbdokumentarischen Einschübe nicht wirklich. Details des Films wissen zu faszinieren: Jeannes Pullover, der wie eine Allegorie auf das “Auftauen” erscheint (kalte Schultern, warmer Bauch), eine Detailszene in der Metro, ein winziger Musikeinsatz von David Bowie (“everything has changed”), doch selbst hier wirkt vieles etwas uninspiriert oder vorhersehbar wie die Unschärfe vor der Ohnmacht. Für einen Verriß hat mich der Film zu sehr amüsiert, aber “Die Unschärfe vor der Ohnmacht” wäre eine tolle Überschrift gewesen …


Zodiac - Die Spur des Killers
(David Fincher)

[Rezension von Friederike Kapp] Originaltitel: Zodiac, USA 2007, Buch: James Vanderbildt, Lit. Vorlage: Robert Graysmith, Kamera: Harris Savides, Schnitt: Angus Wall, Musik: David Shire, mit Jake Gyllenhaal (Robert Graysmith), Mark Ruffalo (Det. Dave Toschi), Robert Doney Jr. (Paul Avery), Anthony Edwards (Det. Bill Armstrong), Chloë Sevigny (Melanie), John Carroll Lynch (Arthur Leigh Allen), Brian Cox (Melvin Belli), Elias Koteas (Sgt. Jack Mulanax), Dermot Mulroney (Captain Marty Lee), Donal Logue (Ken Narlow), Philip Baker Hall (Sherwood Morrill), Adam Goldberg (Duffy Jennings), Clea DuVall (Linda Ferrin), Thomas Kopache (Copy Editor #1), James LeGros (Officer George Bawart), Ione Skye (Kathleen Johns), 158 Min., Kinostart: 31. Mai 2007

Nach einer wahren Begebenheit inszenierte David Fincher diesen Aufklärungsthriller um einen geheimnisvollen Mörder, der in den 60er und 70er Jahren an verschiedenen Orten der USA willkürlich Menschen umbrachte und sich dieser Taten mit anspielungsreichen, chiffrierten Briefen an Zeitungen rühmte. Fincher will vier Ermittler zeigen, die im Laufe der Jahre an ihrer Obsession scheitern: ihr (Privat-)Leben fällt auseinander, und da ein Ermittlungserfolg ausbleibt, war ihr Opfer umsonst.

Der Film beginnt vielversprechend mit einem spannenden Mord an zwei unschuldigen Teenagern, die zum Knutschen einen dunklen, abgelegenen Parkplatz aufgesucht haben. Es folgt eine lange, ruhige Vorspann-Sequenz, in der die zukünftige Hauptfigur, der Karikaturenzeichner Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) beim fröhlich-entspannten Frühstück mit seinem Sohn gezeigt wird. Alleinerziehender Vater, das beweist Herzensgüte und gibt einen Sympathie-Bonuspunkt. Es folgt ein weiterer Mord, diesmal an einem picknickenden Pärchen. Wie beim ersten Fall wurde auch diesmal die Frau mit großer Vernichtungswut niedergemetzelt, während der Mann, trotz diverser Einschüsse bzw. Messerstiche, überlebte.

Graysmith geht seiner Arbeit nach, als ein Brief an den Herausgeber eintrifft. Darin fordert der Mörder – um niemand anderen kann es sich aufgrund gewisser spezifischer Details handeln – die Veröffentlichung eines beigelegten Buchstaben-Zahlen-Rätsels. Die Aufklärungsarbeit beginnt, die Protagonisten finden zusammen: der alkoholgefährdete Star-Journalist Paul Avery (Robert Downey Jr.), Graysmith – der Karikaturist mit den Knobel-Faible, die Polizeidetektive Dave Toschi (Mark Ruffalo) und Bill Armstrong (Anthony Edwards).

Für sie wie auch für das Publikum beginnt nun eine ewige Schleife. Weitere Morde, weitere Briefe, Indizien, Thesen und Theorien. Jeder Brief des Mörders, der sich nun Zodiac“ nennt, eine Verhöhnung der Ermittler. Männer, die sich aufgeregt unterhalten. Der Journalist ergibt sich dem Suff. Der Polizeibeamte Armstrong wird geschieden. Toschi steigt irgendwann aus, um seine Ehe zu retten. Übrig bleibt der engagierte Karikaturist, der im Zustand der Dauererregung unerlöst durch den Film hetzt und die Aufmerksamkeit des Publikums zu früh erschöpft. Leider behandelt der Film eben dieses angeblich notleidende Privatleben der leidenschaftlichen Ermittler nicht besser als jene selbst, das Scheitern und Schlingern diverser Ehen – die offensichtlich stellvertretend für „Privatleben“ stehen – bleibt deshalb bedeutungslos.

Im letzten Drittel des Films häuft sich schlechtes Wetter. Die Besessenheit des Karikaturisten wird dadurch belegt, daß er grundsätzlich ohne Regenschirm unterwegs ist. Getrieben von seiner Mission, ist es ihm gleichgültig, wenn ihn eins ums andere Mal der Regen durchweicht, seine Haare durchnäßt, sein Gesicht herunter in den Hemdkragen läuft. Ein Mann auf Mission, das verträgt sich nicht mit der profanen Umsicht, die das Mitführen eines Regenschirms oder gar von Stullenpaketen erlauben würde.

In einem Polizeiarchiv wendet er sich den Bergen von Akten, die möglicherweise eine Spur enthalten, mit derart selbstvergessener Intensität zu, als erwarte er bereits von dem ersten Blatt Papier, das er in die Hand nimmt, die entscheidende Wendung. Er setzt sich nicht, er vergißt, die Jacke auszuziehen – dies erledigt er während der Lektüre der ersten Zeilen mit einer Beiläufigkeit, die ausdrückt: Alltag, was ist das?

Schließlich wird ein Verdächtiger (John Carroll Lynch) aufgetrieben, dem je-doch nichts nachzuweisen ist. Die Sache geht aus wie das Hornberger Schießen. Wie der Abspann verrät, meldete sich Zodiac nach dem Ableben jenes Verdächtigen nicht wieder. Ach, tatsächlich? Eine Stunde früher hätte einen das noch interessiert …

Der Soundtrack zu Zodiac vermag hingegen durchgehend zu überzeugen. Die Songs sind gut ausgewählt, beziehen sich auf die Handlung und verdichten diese. Das Scheitern des erfolglosen Ermittlers am eigenen Nicht-Loslassen-Können beschreibt Dürrenmatt in seiner Erzählung Das Versprechen (Unhappy-End-Version von Es geschah am hellichten Tag, R: Ladislao Vajda, 1958; Neuverfilmung The Pledge, R: Sean Penn, USA 2001) jedoch schon 1958 wesentlich eindrucksvoller.


Disturbia (D. J. Caruso)

USA 2007, Buch: Christopher Landon, Carl Ellsworth, Story: Christopher Landon, Kamera: Rogier Stoffers, Schnitt: Jim Page, Musik: Geoff Zanelli, mit Shia LaBeouf (Kale Brecht), Sarah Roemer (Ashley), Carrie-Anne Moss (Julie Brecht), David Morse (Mr. Turner), Aaron Yoo (Ronnie), Jose Pablo Cantillo (Officer Gutierrez), Matt Craven (Daniel Brecht), Viola Davis (Detective Parker), Brandon, Luciano & Daniel Caruso (Greenwood Boys), Kevin Quinn (Mr. Carlson), Elyse Mirto (Mrs. Carlson), Gillian Shure (Turner’s Club Girl), 104 Min., Kinostart: 16. August 2007

Zur Einstimmung auf den Sommer-Blockbuster Transformers wurden der interessierten Presse (aus unerfindlichen Gründen war auch ich dabei) bereits vier Ausschnitte im Gesamtumfang von einer halben Stunde präsentiert, und als Belohnung fürs Durchhalten gab es dann noch einen ganzen Film, bei dem der Conferencier der Show uns extra darauf hinwies, daß auch hier (wie bei den Transformers) der Hauptdarsteller ein gewisser Shia LaBeouf ist, den ich dann bei der Recherche auch als den (in der Verfilmung sehr jungen) Taxifahrer Chas aus Constantine wiedererkannte. Laut des PR-Mannes von Universal soll dieser Knabe durch diese zwei Filme zum veritablen Superstar avancieren, doch auch wenn das Aussehen eine Art Mischung aus Dave Gahan und Adam Sandler (und somit passabel) ist, scheint mir das schauspielerische Talent jenes von Gahan kaum zu übersteigen, und das linkisch-tolpatschige Getue lässt noch Adam Sandler als einen subtilen Meister der Körperbeherrschung erscheinen. Doch kommen wir zum eigentlichen Film, dessen Titel Disturbia immerhin sehr einprägsam ist, und bei dem es sich ohne überflüssige Hinweise in den Credits um ein zeitgemäßes Hi-Tech-Teenager-Remake von Hitchcocks Rear Window (dt.: Das Fenster zum Hof) handelt. Als Remake ist der Film auch durchaus interessant.

Die meisten Filminteressierten werden sich an die Kamerafahrt durch das Zimmer des von James Stewart dargestellten Helden in Rear Window erinnern. Anhand diverser Props wie Modefotografien, einer kaputten Kamera, eines spektakulären Fotos von einem Unfall bei einem Autorennen und schließlich dem Gipsbein des im Rollstuhl sitzenden L. B. Jeffries wird sozusagen die gesamte Vorgeschichte sehr geschickt erzählt, wie das John Carpenter später in The Fog auch nachempfunden hat. In Disturbia nun wird einem einerseits der spektakuläre Autounfall nicht vorenthalten (sehr viel überzeugender als die Studio-Angelszene davor), doch der Held sitzt nicht in einem Rollstuhl, sondern hat nach dem (eher angedeuteten) Trauma wegen des Todes des Vaters einen Spanischlehrer ins Gesicht geboxt und sich deshalb eine Art Hausarrest eingebrockt, der von staatlicher Seite durch eine Apparatur am Fuß des Delinquenten durchexerziert wird. Sobald sich Kale (Shia LaBeouf) aus einem knapp gefassten Radius um das Haus seiner Mutter entfernt, wird die nächste Streife alarmiert, und es ist immer sehr wahrscheinlich, daß sich dann der Cousin des Spanischlehrers, Officer Gutierrez, persönlich um Kale “kümmert”.

Diese Prämisse ist ganz nett umgesetzt, und auch das Detail, daß diesmal nicht ein Fenster die gesamte Kulisse des Films (wie eine Leinwand) darstellt, sondern innerhalb des Hauses in jede Himmelsrichtung unterschiedliche Nachbarn durch Fenster (aber auch per technologischer Errungenschaften) beobachtet werden können, zeugt davon, daß Co-Drehbuchautor Carl Ellsworth (Red Eye) durchaus mal gute Ideen hat.

Doch während Red Eye trotz des Splatter-Regisseur Wes Craven zu keinem Zeitpunkt den Vergleich mit Altmeister Hitchcock zu scheuen brauchte, gibt es bei Disturbia zu viele “moderne” Aspekte, die klar verhindern, diesen Film als “klassisch” oder auch nur “klasse” zu bezeichnen. Daß nebenan eine gutaussehende junge Frau in Kales Alter einzieht, ist sozusagen die etwas platte Entsprechung der im Original von Grace Kelly gespielten Figur, die somit zu ein paar voyeuristischen Einlagen (der Film ist PG13, alles halb so spannend) einladen, die ja durchaus noch im Geiste Hitchcocks ausgelegt werden können. Auch die Figur des typegecasteten David Morse (Dancer in the Dark, 16 Blocks) als Nachbarn scheint zunächst wie eine Wiedergeburt von Raymond Burr, doch heutzutage macht halt eine zerhackstückte Ehefrau nichts mehr her, und somit wird aus dem bösen Nachbarn gleich ein Serienkiller, der schon beim Auszug aus seiner letzten Behausung im Keller einige einzementierte Frauenleichen hinterlassen hat. Spätestens hier könnte einem einfallen, daß Regisseur Caruso zuvor neben dem nie in die deutschen Kinos gekommenen Al-Pacino-Vehikel Two for the Money auch die misslungene Serienmörder-Kiste Taking Lives mit Angelina Jolie verbrochen hat, und auch, wenn neben Vorbild Hitchcock auch Cravens Scream leicht wiedererkennbar ist (das Garagentor, der Kameraeinsatz!), scheint der Regisseur nach einem schockierenden Beginn irgendwie den Mut verloren zu haben, denn auch, wenn über die junge Nachbarin, einen Sidekick namens Ronnie und eine angedeutete Romanze zwischen dem Todesnachbarn und Kales Mutter (Carrie-Anne Moss) einige Drehbuchmöglichkeiten und potentielle Opfer eingeführt werden, ist der zu Beginn so knallhart erscheinende Film dann doch trotz diverser Frauenleichen (die eher an einen Roger Corman-Film erinnern) so harmlos, daß wohl die Bikiniszenen eher zum Rating geführt haben als die Spannungsmomente, die zwar einerseits vom frühen Schock zehren (auch wieder ein Hitchcock-Prinzip aus beispielsweise Psycho), dann aber spätestens nach Verlassen des Kinos für Genre-Fans doch sehr enttäuschend nachwirken.

Als Remake ist der Film - wie gesagt - interessant, als eigenständiges Werk hingegen nicht. Für jede gelungene Umsetzung eines Details des Hitchcock-Films gibt es dann auch wieder ein Ärgernis, das die Lieblosigkeit des Regisseurs oder die Degeneration des heutigen Kinos demonstriert. Besonders seltsam fand ich übrigens die Ausstattung des Jugendzimmers von Kale, in der nebeneinander Plakate von den Ramones, Doors, Clash und Led Zeppelin (seltsame Mischung …) hängen, was aber weder der Soundtrack (etwas Nada Surf, ein paar bei Bernard Herrmann ausgeliehene Geigen und anspruchsloses MTV-Füllmaterial) noch die Figur irgendwie reflektieren. Offenbar dachte man, zusätzlich zum jungen Zielpublikum über einige Poster auch älteren Zuschauern etwas Identifikationsmaterial zu liefern, was aber wie einiges in diesem Film nicht funktioniert hat.


Living in America:
Golden Door & The Namesake

Golden Door (Emanuele Crialese)

Originaltitel: Nuovomondo, Italien / Frankreich 2006, Buch: Emanuele Crialese, Kamera: Agnés Godard, Schnitt: Maryline Monthieux, Kostüme: Mariano Tufano, Szenenbild: Carlos Conti, mit Vincenzo Amato (Salvatore), Charlotte Gainsbourg (Lucy), Aurora Quattrocchi (Donna Fortunata), Francesco Casisa (Angelo), Filippo Pucillo (Pietro), Federica de Cola (Rita), Isabella Ragonese (Rosa), Vincent Schiavelli (Don Luigi), Massimo Laguardia (Mangiapane), Filippo Luna (Don Ercole), Andrea Prodan (Del Fiore), Ernesto Mahieux (Dr. Zampano), 118 Min., Kinostart: 31. Mai 2007

The Namesake - Zwei Welten, eine Reise (Mira Nair)

Originaltitel: The Namesake, Indien / USA 2006, Buch: Sooni Taraporevala, Jhumpa Lahiri, Kamera: Frederick Elmes, Schnitt: Allyson Johnson, Musik: Nitin Sawhney, mit Kal Penn (Gogol Ganguli), Tabu (Ashima Ganguli), Irfan Khan (Ashoke Ganguli), Zuleikha Robinson (Moushumi Mazoomdar), Jacinda Barrett (Maxine Ratliff), B.C. Parekh (Mr. Mazoomdar), Sibani Biswas (Mrs. Mazoomdar), Sabyasachi Chakravarthy (Ashima's Father), Tanusree Shankar (Ashima's Mother), Supriya Devi (Ashima's Grandmother), Jessica Blank (Edith), Benjamin Bauman (Donald), Allison Lee Ritter (Emily), Sebastian Roché (Pierre), Sahira Nair (Sonia Ganguli), Tamal Sengupta (Ashoke's Father), 122 Min., Kinostart: 7. Juni 2007

Bei den Zutaten im gern als melting pot bezeichneten Kochtopf USA sind bekanntlich Einwanderer so ziemlich aller Völker der Welt versammelt. Spanier und Portugiesen, Chinesen und Koreaner, Russen, Afrikaner, Deutsche und sogar Engländer. Beim schon seit Jahrhunderten vor sich hin köchelnden Nationalitäten-Topf überwogen zu historischen Zeitpunkten bestimmte Geschmacksrichtungen. Mal wurden Sklaven aus ihren Heimatländern geklaut, dann wieder flohen etwa viele Juden aus Deutschland und dem umgebenden Europa, doch ob man dem “Arbeitslager” (in einem Text über Amerika kommt man an Euphemismen nicht vorbei) entkommen wollte oder Amerika selbst das Arbeitslager war, in das man abgeholt wurde, selbst im ungünstigsten Fall hatte dieses multikulturelle Rezept auf der anderen Seite der Ozeane einen mythischen Beigeschmack, und es wird wohl niemals einen anderen Staat geben, der so viele kreative Geister anderer Herkunft dazu veranlasste und weiterhin veranlassen wird, sich darüber auszulassen.

Innerhalb von zwei Wochen laufen nun in Deutschland zwei Filme an, die die Vereinigten Staaten jeweils aus der Sicht eines anderen Landes (beziehungsweise eines Regisseurs / einer Regisseurin einer anderen Nationalität) zeigen. In beiden Filmen werden die USA (noch in der alten Heimat) als “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” gepriesen, doch der eher kalte Empfang (nicht unbedingt menschlich, sondern auch mal meteorologisch) zeugt dann doch eher vom Gegenteil.

Der Titel Nuovomondo erinnert an den ironischen Gebrauch der englischsprachigen Entsprechung dieses Titels bei Terence Malicks The New World, der seinerzeit den Widersatz zwischen alt und neu umdrehte und zeigte, wie das Indianermädchen Pocahontas in “Old Europe” eine neue (wenn auch nicht unbedingt bessere) Welt entdeckte. Emanuele Crialese, der bereits in Respiro (dt. Titel: Lampedusa) seine Erdverbundenheit zeigte, führt uns diesmal nach Sizilien, wo seltsame Rituale durchgeführt werden, die dem uneingeweihten Betrachter auch nicht weniger geheimnisvoll als Totempfähle und Regentänze erscheinen dürften.

Auf einer kargen Land, wo nichts wächst, müssen retuschierte Fotos von märchenhaft großen Früchten wohl den Intellekt völlig ausschalten, denn sogar ein Foto von einem Baum, an dem Geld wächst, wird hier für bare Münze genommen.

Und so kramt man die letzten passablen Klamotten zusammen und bricht (etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts) gen Amerika auf, um dort reich zu werden, oder - wenn vom falschen Geschlecht - zumindest ansprechend verheiratet zu werden. Bei den Bildern der Überfahrt denkt man an die eingangs angesprochenen Sklavenschiffe, an die dritte Klasse der Titanic oder den Panzerkreuzer Potemkin. Und bei der Einwanderungsbehörde auf Ellis Island (eine gute Filmstunde später) kommt dann die US-amerikanische Variante der regelmäßigen Gesundheitstests in Konzentrationslagern, nur mit dem Unterschied, daß hier die schwächlichen, alten, kranken oder körperlich behinderten nicht in die “Duschräume” (noch ein Euphemismus mit bitterem Nachgeschmack), sondern zurück nach Hause geschickt werden.

Doch bei aller Kritik an untragbaren unmenschlichen Verhältnissen wirkt der Film zu friedvoll. Die zänkische Großmutter und der die Doppelbedeutung des Wortes “dumb” exemplarisch vorführende Pietro werden etwa erstaunlich lange von den ersten “historisch nachgewiesenen massenhaft eingesetzten Psychotests” lange Zeit übersehen, was dem Film keine zusätzliche suspense verschafft, sondern den Effekt eher abschwächt. Auch der produktionstechnisch genial klingende Einsatz von Charlotte Gainsbourg (La petite voleuse, Love etc., Lemming, The Science of Sleep) bringt die im Kern interessante Geschichte nicht wirklich voran, und so sind es vor allem Schauwerte, die den Reiz des Films ausmachen. Einer davon ist übrigens der letzte Auftritt des im Dezember 2005 verstorbenen Vincent Schiavelli (One flew over the Cuckoo’s Nest, Amadeus, Ghost), eines der großen Charaktergesichter des Kinos, auf einer Stufe mit Jack Elam oder Marty Feldman. Und offensichtlich auch jemand, dessen Vorfahren aus Italien stammen.

In Mira Nairs The Namesake geht es um indische Einwanderer, die es Mitte des 20. Jahrhunderts nach Boston verschlagen hat. Der Film beginnt ebenfalls in der alten Heimat und zeigt eine arrangierte Ehe, bei der insbesondere die Frau noch zusätzlich darunter leidet, daß sie kurz darauf mit einem ihr noch fremden Mann in einer fremden Umgebung leben muß. Doch wie sich aus der Ehe die Liebe erwächst (in der westlichen Zivilisation passiert ja öfter das Gegenteil), das ist durchaus schön anzusehen. Doch nach etwa der Hälfte des Films verlagert sich der Fokus komplett, und es geht um die Probleme der nächsten Generation, insbesondere des aufgrund eigentümlicher Zufälle Gogol (wie der russische Autor) genannten Sohnes. Eine Verbindung zum land seiner Eltern kann er zunächst nicht herstellen, und in dem Land, in dem er geboren ist, fällt er sowohl durch sein Aussehen, aber in seinen Augen noch schlimmer durch seinen Namen auf, der natürlich vor Auflösung des Ostblocks in Amerika eher Skepsis hervorrief. Doch im Gegensatz zur ersten Hälfte des Films wirken sowohl die Probleme Gogols marginal als auch seine Darstellung durch Kal Penn, bisher nur bekannt als eine Hälfte von Harold & Kumar. An seiner Seite tapert dann auch mal die schnucklige, aber nicht viel begabtere Jacinda Barrett (Poseidon, The Last Kiss) durchs Bild (sozusagen die Entsprechung zu Charlotte Gainsbourg), doch die Beziehungsprobleme der jüngeren Generation wirken lapidar und uninteressant, und der Film ist noch lange nicht zuende …

Beide Filme zeigen klar ihre Herkunft, wirken aber zu unentschlossen, ob es nun um Familiengeschichte, Sozialkritik oder gar die unvermeidbare love story geht. Bei The Namesake ist erschwerend anzuführen, daß die gefühlte Dauer des Films mindestens 20 Minuten zu lang war. Und das lag nicht an den in indischen Filmen fast obligatorischen Hochzeits- oder Beerdigungsbildern, sondern einfach an einem Drehbuch, daß bei einer TV-Miniserie wahrscheinlich besser funktioniert hätte. Beide Filme geben einem nicht unbedingt das Gefühl, dringend nach Amerika aufzubrechen (was okay ist), doch leider geben sie einem auch nicht das Gefühl, dringend ins Kino aufbrechen zu müssen …


Coming soon in Cinemania 49: Locarno 2007
Eva Lia Reinegger war für satt.org in Locarno und hat trotz sommerlichem Wetter einige Filme dort gesichtet: Früher oder Später, Knocked Up, Mio fratello è figlio unico, Slipstream, Vexille …