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Die Box




4. November 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Disney’s Eine Weihnachtsgeschichte (R: Robert Zemeckis)
Disney’s Eine Weihnachtsgeschichte (R: Robert Zemeckis)
Disney’s Eine Weihnachtsgeschichte (R: Robert Zemeckis)
Bildmaterial © Walt Disney Studios
Disney’s Eine Weihnachtsgeschichte (R: Robert Zemeckis)
Disney’s Eine Weihnachtsgeschichte (R: Robert Zemeckis)
Disney’s Eine Weihnachtsgeschichte (R: Robert Zemeckis)


Disney’s Eine Weihnachtsgeschichte
(R: Robert Zemeckis)

Originaltitel: A Christmas Carol, USA 2009, Buch: Robert Zemeckis, Lit. Vorlage: Charles Dickens, Kamera: Robert Presley, Schnitt: Jeremiah O'Driscoll, Musik: Alan Silvestri, mit den Originalstimmen und Performance-Capture-Vorbildern Jim Carrey (Ebenezer Scrooge / die drei Geister), Gary Oldman (Bob Cratchit / Marley / Tiny Tim), Colin Firth (Fred), Robin Wright Penn (Fan / Belle), Bob Hoskins (Mr. Fezziwig / Old Joe), Fionnula Flanagan (Mrs. Dilber), Lesley Manville (Mrs. Cratchit), Cary Elwes (Portly Gentleman #1 / Dick Wilkins / Mad Fiddler / Guest #2 / Business Man #1), Jacquie Barnbrook (Mrs. Fezziwig / Fred’s Sister-in-Law / Well-Dressed Caroler), Leslie Zemeckis (Fred’s Wife), 96 Min., Kinostart: 5. November 2009

Ähnlich wie Steven Spielberg und James Cameron war Robert Zemeckis immer jemand, der neue Technologien gerne in seine Filmprojekte einfließen ließ. Gerade bei den computer generated images (CGI) gehörte er zu den Pionieren, und so wie wie Cameron in The Abyss und Terminator 2 die visuellen Möglichkeiten ausreizte und Spielberg mit Jurassic Park die Computerbilder mit den herkömmlichen Möglichkeiten verschmelzen ließ, so hat Zemeckis by Death Becomes Her gezeigt, was plötzlich für nie gesehene Bilder zeigen kann. Wenn auch die Story mehr als nur ein wenig hinter den visuellen Innovationen hinterherhinkte. Aber mit seinem wohl größten (späten) Filmerfolg Forrest Gump gelang es Zemeckis auch, die Bilder etwas überzeugender in den Dienst der Geschichte zu stellen (statt umgekehrt), wobei ich hier weniger an das Aufeinandertreffen von Tom Hanks und John F. Kennedy denke, sondern an das körperliche Gebrechen der von Gary Sinise gespielten Figur.

Dass Zemeckis Bildwelten kreieren kann, die alles bisherige in den Schatten stellen, hatte er schon mit der Back to the Future-Trilogie und Who framed Roger Rabbit? bewiesen, also zu Zeiten, als er noch zu den großen Regiehoffnungen gezählt wurde, zu den Erneuerern, die auch ein Mainstream-Millionen-Publikum begeistern konnten (ich weiß, dass Roger Rabbit nicht annähernd soviel einspielte wie erhofft, aber das lassen wir an dieser Stelle mal außer acht).

In meinen oft unbarmherzigen Augen war Forrest Gump bereits ein Teil von Zemeckis’ Abstieg (der wahrscheinlich mit Death Becomes Her begann), und als er dann mit Tom Hanks zusammen Cast Away und The Polar Express drehte, ging es immer weiter den Bach runter (auch wenn ich nie Passagier im Polar-Express gewesen bin, weil ich Tom Hanks zu diesem Zeitpunkt bereits hoffnungslos überschätzt fand).

Der Polar-Express markierte dann auch den Beginn von Zemeckis’ andauernden Affäre mit Motion Capture, oder - wie man es wohl inzwischen nennt – “Performance Capture”. Zemeckis produzierte danach Monster House und mit Beowulf war er - das muss man ja eingestehen - auch ein Vorreiter des aktuellen 3D-Booms. Ähnlich wie The Polar Express für Tom Hanks ist A Christmas Carol nun auch wieder fast eine One-Man-Show für Jim Carrey, der nicht nur Ebenezer Scrooge in diversen Altersstadien spielt, sondern auch die drei Weihnachtsgeister (auch wenn “The Ghost of Christmas Yet to Come” kein Wort spricht und auch in seinen schattenhaften Bewegungen nicht wirklich an Carrey erinnert). Die Möglichkeit, eine Figur ohne Probleme altern oder verjüngen zu können, war schon bei Beowulf die vielleicht beste Ausrede, warum der Film unbedingt als Motion-Capture umgesetzt werden musste, doch jeder, der Benjamin Button oder die Lord of the Rings-Trilogie gesehen hat, weiß, dass man bloß für ein oder zwei Spezial-Effekt-gestützte Figuren nicht das gesamte Personal eines Films in seltsam irreal animierte Gestalten verwandeln muss, und so wie man sich schon bei Beowulf fragte, warum man Klasse-Schauspieler wie John Malkovich oder Anthony Hopkins nicht “richtig” auf der Leinwand bewundern darf, so verbirgt sich auch hier Colin Firth hinter einer feisten Pausbäckigkeit und Gary Oldman hinter Zwergenwuchs und Kotelettenpracht. Und weil es ja 3D ist, gibt es wie bei Beowulf wieder lange schwindelerregende Kamerafahrten knapp vorbei an Turmspitzen und mittendurch durch Glasscheiben und Adventskränze. Bah, Humbug!

Auf der Habenseite des Films kann man verbuchen, dass die Visualisierung des ersten Geistes als kerzenähnlicher Gestalt ein genialer Glücksgriff ist, man beim zweiten Geist die 3D-Möglichkeiten ausreizt wie meines Wissens nie zuvor, und Zemeckis sich (auch bei der Wortwahl der Dialoge in seinem Drehbuch) redlich Mühe gegeben hat, eine gewisse historische Genauigkeit zu erreichen. Aber das war’s dann auch, und das ist längst nicht genug. Wohl schon wegen der literarischen Vorlage und den state-of-the-art-Bildern hat man dem Film das Prädikat “besonders wertvoll” verliehen, was extrem schwer nachzuvollziehen ist. Ähnlich wie die Beteiligung der Disney-Studios an diesem Projekt, das meines Erachtens für Kinder ebensowenig wie für Erwachsene bietet. Wer will schon einen hässlichen alten Griesgram sehen oder eine Geistererscheinung, deren Unterkiefer zwischendurch ausklappt? Und die Wandlung der Figur Scrooge ist hier auch wenig nachvollziehbar.

Im Presseheft wird Jim Carrey zitiert: “Jeder liebt eine gute Geschichte, in der der Protagonist einen Wandlungsprozess durchläuft.” Ich weise hier nur auf die Worte “jeder” und “gute” hin. Und Robert Zemeckis behauptet allen Ernstes (wie beim Carrey-Zitat nicht unbedingt auf den Film, sondern womöglich auf die Dickens-Vorlage gemünzt), dies sei die “größte Zeitreisegeschichte aller Zeiten”. Da sehnt man sich doch nach Marty McFly zurück, der zwar in unterschiedlichen Altersstadien mitunter ziemlich bescheuert aussah - aber damals konnte Zemeckis eine gute Story noch in einen guten Film verwandeln. Davon ist A Christmas Carol weit entfernt, der früher oft und gern gewählte Vergleich mit einer Achterbahn- oder Geisterbahnfahrt passt hier sehr gut. Doch wer will wirklich anderthalb Stunden lang in so einer Bahn sitzen, immer wieder in den Himmel geschossen werden, um danach abzustürzen und von Geistern heimgesucht zu werden? Da geht man doch lieber ins Kino ...