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November 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org


Die Legende von Beowulf
(R: Robert Zemeckis)

Die Legende von Beowulf (R: Robert Zemeckis)
Die Legende von Beowulf (R: Robert Zemeckis)
Die Legende von Beowulf (R: Robert Zemeckis)
Bilder © 2007 Warner Bros. Ent.
Die Legende von Beowulf (R: Robert Zemeckis)
Die Legende von Beowulf (R: Robert Zemeckis)
Die Legende von Beowulf (R: Robert Zemeckis)

Originaltitel: Beowulf, USA 2007, Buch: Neil Gaiman, Roger Avary, Lit. Vorlage: Autor unbekannt, Kamera: Robert Presley, Schnitt: Jeremiah O'Driscoll, Musik: Alan Silvestri, mit den Original-Stimmen von: Ray Winstone (Beowulf), Anthony Hopkins (Hrothgar), John Malkovich (Unferth), Robin Wright Penn (Wealthow), Brendan Gleeson (Wiglaf), Crispin Hellion Glover (Grendel), Alison Lohman (Ursula), Angelina Jolie (Grendel's Mother), Dominic Keating (Old Cain), Tyler Steelman (Young Cain), 114 Min., Kinostart: 15. November 2007

Kaum einen Monat nach Stardust kommt bereits der zweite Film der Neil-Gaiman-Offensive, Beowulf. Gemeinsam mit Killing Zoe-Regisseur und Pulp Fiction-Co-Autor Roger Avary soll Gaiman schon seit fast zehn Jahren versuchen, seine Vision des altenglischen Epos auf die Leinwand zu bringen, und mit Robert Zemeckis (Back to the Future, Forrest Gump, The Polar Express), der am Motion Capturing und verwandten Animationsmöglichkeiten offenbar einen Narren gefressen hat, ist es nun auch gelungen.

Selbst unter hardgesottenen Anglisten hat längst nicht jeder jenes Helden-Epos gelesen, das zu den frühesten Vertretern einer dem heutigen Englisch zumindest entfernt ähnlichen Sprache gehört, und ich muß zugeben, ich habe mich auch nicht mit einer altenglischen Grammatik durch den Text gequält, sondern einfach die Übersetzung ins moderne Englisch gelesen.

Viele Details, die dem Zuschauer in der ersten Hälfte von Beowulf seltsam oder absurd erscheinen mögen, stammen direkt aus dem Manuskript eines unbekannten Autors aus dem 10. Jahrhundert. So sind die Parallelen König Hrothgars zu Gallierhäuptling Majestix sozusagen “historisch verbürgt”, und auch die prächtige “Met-Halle” Heorot findet sich im Originaltext. Wenn man Gaimans Interpretation folgt, waren dies Zeiten, als man den Titel “Jungfrauenschänder” noch mit Stolz trug und die Saufgelage erinnern an Hägar den Schrecklichen oder Torfrock: “Wir trinken den Met, bis keiner mehr steht.”

Schon, wenn Beowulf von einem Schwimmwettkampf (gegen Breca) erzählt, nutzt Gaiman das Medium Film, um der mündlichen Erzählung eine visuelle Abweichung gegenüberzustellen: Eines der neun mit der Präzision eines Augenarztes getöteten Seeungeheuer war offenbar eine Meerjungfrau, und hier zeigt sich schon früh, daß der große Krieger Beowulf auch mal sein Schwert fallen lässt, um seine Kontrahenten auf andere Weise zu “durchbohren”. Bei Odins Schwanz! Diese Zweideutigkeiten finden sich zuhauf bei James Branch Cabell (Jurgen), einem von Gaimans Lieblingsautoren, und neben der Anreicherung des Textes mit derlei Scherzen ist der eigentliche Gag des Films, daß Gaiman (und Avery und Zemeckis) die Buchvorlage nehmen, die zwei eigentlich unvereinbaren Teile übereinanderstülpen, und die Figur von Grendels Mutter derart uminterpretieren, daß die gröbsten narrativen Lücken im Originaltext plötzlich etwas Sinn machen. Und die vermeintliche “Wahrheit” über die Legende von Beowulf, die der Zuschauer im Film erfährt, bleibt ein Geheimnis, der Ur-Text behält also seine Integrität. Leider steht der literaturwissenschaftlichen Ernsthaftigkeit die filmische Belanglosigkeit gegenüber, denn abgesehen vom Alterungsprozess von Beowulf und Wealthow (die in jungen Jahren kaum wie Ray Winstone und Robin Wright Penn aussehen) und der positiv zu wertenden Veränderung der Schlauchbootlippen von Angelina Jolie gibt es keinen vernünftigen Grund, warum dieser Film nicht mit den (offenbar zur Verfügung stehenden) Schauspielern realisiert wurde, und stattdessen wie ein neumodisches Computerspiel aussieht. Der ganze Firlefanz mit umherfliegenden Kameras und in Zeitlupe rotierenden Äxten, Männern und Schwertern (Höhepunkt dürfte eine Drachenverfolgung zu Pferde sein) ist völlig überflüssig, und einzig das generell primitive Humor-Niveau (wie die stöhnend einen Tisch schrubbende dickbrüstige Frau) lenkt den Zuschauer davon ab, daß die diversen auf Beowulfs Gemächt zielenden Fahnenstangen und Verhüllungstechniken sich schnell in ermüdenden Wiederholungen erschöpfen. Wie König Hrothgar sollte man am besten mitsaufen oder durchschlafen, um dem Geiste des Films zu entsprechen. Kleine Scherze am Rande wie die seltsamen high heels von Angelina Jolie oder der running gag mit Unferths vermeintlich unfähigem Diener Cain (kein Bezug zum biblischen Kain, der im Buch als Urvater der Grendelsippe dargestellt wird) verpuffen im Gegensatz zu den eher unfreiwilligen Lachern ob des Posings von Beowulf, der der unsympathischste Titelheld seit Conan dem Barbaren sein dürfte. Man fragt sich, ob die pathosgeschwängerten, markigen Sprüche bereits von Zack Snyders 300 beeinflusst wurden, denn Freunde dieses Films (die ihn übrigens mitunter als “Dreihunnert” aussprechen), dürften abgesehen von einigen verirrten Mediävisten (die sich noch am ehesten über die Neuinterpretation der christlichen Elemente und den seltsam beschränkten Einsatz der altenglischen Sprache aufregen dürften) das Haupt-Zielpublikum dieses Streifens sein.