Anzeige:
Die Box




3. Februar 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org

Standard-Infos zur Berlinale-Berichterstattung:
Alle Terminangaben sind sorgfältig abgetippt, aber ohne Gewähr. Die Filme werden immer unter dem Titel aufgeführt, unter dem man sie im offiziellen Berlinale-Katalog findet (das ist außer beim Forum fast immer der Originaltitel, aber verlassen kann man sich darauf nicht).


Cinemania-Logo 56:
Berlinale: Demnächst

Aufgrund der generellen Pressesperre für alle Weltpremieren konnten die Filme unseres ersten Berlinale-Ratgebers leider nicht nach Qualität (obwohl auch richtig gute dabei sind), sondern vorerst vor allem nach Verfügbarkeit ausgewählt werden. Gerne hätten wir über Der Knochenmann, Mitte Ende August oder Un chat un chat berichtet, doch es ist erst am Tag der offiziellen Premiere erlaubt. Dass die Chancen für potentielle Zuschauer, dann zumindest noch für eine Wiederholung Karten zu bekommen, eher eingeschränkt sind, ist bedauerlich ...

berlinale-Logo

The Beast Stalker
(Dante Lam Chiu-Yin, Forum)

Originaltitel: Ching yan, Hong Kong 2008, Buch: Dante Lam Chiu-Yin, Wai Lun “Jack” Ng, Kamera: Man Po Cheung, Chung-to Tse, Schnitt: Ki-hop Chan, Action-Choreographie: Stephen Tung Wai, Car Chases: Bruce Law Lai-Yin, mit Nicholas Tse Ting-Fung (Sergeant Tong), Nick Cheung Ka-Fei (Hung), Zhang Jingchu (Ann Gao), Liu Kai-Chi (Sun), Miao Pu (Hung’s wife), Wong Suet-yin (Ling), Philip Keung Ho-man (Cheung Yat-Tung), Wong Sum-Yin (Ling’s sister), Sherman Chung Shu-Man, Kwok Jing-hung, Zhang He, Joe Cheung Tung-Cho, 90 Min.


Berlinale-Vorführungen:
Samstag, 7. Februar, 21 Uhr 30 im Delphi; Sonntag, 8. Februar, 22 Uhr 15 im Cubix 9; Samstag, 14. Februar, 19 Uhr im CineStar 8

Bei Filmen aus Asien gibt es im Programm des Forum eine alte Tradition, auch gutgemachte Genre-Produktionen für ein Massenpublikum (sonst eher selten im Forum-Programm) zu präsentieren. Insbesondere bei Filmen aus Hong Kong, mit denen auch immer wieder die in letzter Zeit leider langsam untergegangene Mitternachtsschiene (Shaw Brothers etc.) beschickt wurde. Einen bleibenden Eindruck hinterließen in den letzten Jahren die Infernal Affairs-Trilogie (2003/2004) oder Eye in the Sky (2007).
Dante Lams The Beast Stalker brüstet sich im Pressematerial, nicht weniger als ein “instant classic” des gediegenen Action-Thrillers zu sein, und angesichts des hierzulande eher geringen Bekanntheitsgrades des Regisseurs (The Triad Zone, Beast Cops und The Twins Effect gehören zu seinen bekanntesten Filmen) stellt sich da natürlich schnell Skepsis ein.
Doch The Beast Stalker ist solide Action-Kost mit einigen gelungenen, und über das übliche Thriller-Personal hinausgehenden Einblicken in die Figuren. Sergeant Tong (Nicholas Tse) ist ein um das Wohl seiner Untergebenen besorgter Polizist, der bei Leichtsinnigkeit oder Fehlern sehr schnell sehr ärgerlich wird. Doch bei der Verfolgung einiger Gangster begeht er dann selbst (unschuldig) einige Fehler, sein bester Mann wird angeschossen und er selbst erschießt ein kleines Mädchen. Monate später versteht er sich (entgegen dem Wunsch der Mutter) ganz gut mit der (ebenfalls halbwüchsigen) Schwester der Verstorbenen, bis diese dann gekidnappt wird. Nach und nach erfährt man dann als Zuschauer, inwiefern der Polizist, der Gangster, die Mutter und der Kidnapper irgendwie alle miteinander in Verbindung stehen, was trotz filmsprachlicher Kapriolen entgegen einer chronologischen Erzählweise schnell relativ offensichtlich wird, und auch ziemlich nach unwahrscheinlichem Drehbuchkonstrukt stinkt, aber dabei nichtsdestotrotz extrem spannend ist. Besonders gelungen ist hierbei neben dem drohenden Problem, dass der Polizist nun auch noch die zweite Tochter auf dem Gewissen haben könnte (weil die Mutter entsprechend den Wünschen der Entführer keine Polizei benachtrichtigen will, Tong aber die Entführung miterlebt hat und auf eigene Faust arbeitet), beispielsweise die zeichnung des eigentlich kaltblütigen Entführers, der aber seine ganz persönliche Motivation hat, und zwischen dem Mitleid gegenüber seinem Opfer und dem Wunsch, seinen Job akkurat auszuführen (hört sich jetzt bescheuert an, funktioniert aber mit dem entsprechenden Hintergrundwissen), hin- und hergerissen wird.
Außerdem überzeugt an dem Film, dass er so knallhart ist, dass man sich nicht auf das übliche Happy End (Polizist lebt fortan mit Mutter und Tochter zusammen) verlassen kann, sondern das Geschehen teilweise eher mit einem Horrorfilm (Vergleiche mit Halloween oder Alien drängen sich auf) vergleichbar ist. Die Story und die Erzählart mögen einer intensiven Untersuchung nicht standhalten, aber es ist fraglich, ob es unter den 386 Filmen auf der Berlinale einen gibt, der spannender als The Beast Stalker ist.

Puccini Conservato
(Michael Snow, Forum Expanded)

Italien / Kanada 2008, Buch, Kamera: Michael Snow, 10 Min.


Berlinale-Vorführungen (als Tre Puccini zusammen mit zwei anderen Kurzfilmen zum Thema): Freitag, 6. Februar, 21 Uhr 30 im Arsenal 1; vom 7. - 13. sowie am 15. Februar jeweils um 18 Uhr im Arsenal 2 (im Arsenal 2 mit freiem Eintritt)

Fürs letztjährige Filmfestival im italienischen Lucca sollten zwanzig Filmemacher Kurzfilme zum Thema Giacomo Puccini erstellen, der 150 Jahre zuvor in dieser Stadt geboren worden war. Als Tre Puccini werden drei dieser Filme in der Sektion “Forum Expanded” vorgestellt, jeenem Ausleger des Forums, der sich Videoinstallationen und ähnlichem widmet, größtenteils vor allem künstlerischen Werken, die nicht direkt für die Kinoleinwand geschaffen wurden, aber dennoch Bezugspunkte zum Medium Film aufzeigen. Das “Forum Expanded” hat sich in diesem Jahr auf diverse Galerien verteilt, die man unter anderem mit einer täglichen Busführung (unter anderem auch dezidiert für die Presse und Jugend) frequentieren kann. Mich persönlich interessierte hier vor allem der Puccini-Beitrag von Michael Snow, jenem in diesem Jahr 80 werdenden Kanadier, der mit Filmen wie Wavelength ein Vorzeigekünstler des Experimentalfilms ist, (mit Tentakeln in vielen anderen Kunstbereichen), der im Arsenal immer wieder gern gesehen ist (und dessen letztes Werk, SSHTOORRTY, or: Short Story, auf der Berlinale 2006 meines Erachtens zu den Höhepunkten gehörte).
Ich bin kein besonderer Opern-Experte, und deshalb werde ich auch wenig über die Tonspur dieses Films sagen. Man hört ein oder zwei Stücke von Puccini (aus La Boheme), doch die visuelle Ebene ist weitaus interessanter, denn (Vorsicht, Spoiler!) die zunächst rätselhafte grobgekört goldene Oberfläche, die man zunächst für einen Teppich halten könnte, die sich aber später als Panasonic-Lautsprecher offenbart, thematisiert mal wieder die “Aufzeichnung einer Aufzeichnung” des per Stereoanlage wiedergegebenen Musikstücks. Die leicht verwackelte, mit Autofocus versehene Kamera irrt manchmal ein wenig durch den Raum, in dem neben der Anlage zwei große Lautsprecher vor einem Fenster stehen. Draußen ist es dunkel, und manchmal wirft die Kamera auch einen Blick auf das Hochhaus gegenüber. Doch vor allem fährt sie über den Lautsprecher-Regler und andere eher indirekt im Bezug zu Puccini stehende Technik-Details, wobei man die Bewegungen der Kamera natürlich in Bezug zur Musik sieht (ob sie es nun sind oder nicht). Gegen Ende des Films wird diese eher improvisierte Plansequenz immer wieder durch Schnittfragmente von ungleich intensiveren Filmschnipseln unterbrochen. Ein Kaminfeuer, eine Wiese voller violetter Blumen oder Meereswellen, was in meiner Interpretation eines Opernlaien wie das allmählich einsetzende Verständnis des Zuhörers wirkt, der über die bloße Technologie den Weg zur Natur, zu anderen Sinneseindrücken (das Knacken des Kaminfeuers, der Duft der Wiese) findet.
Sicher kein epochales Hauptwerk von Snow, aber durchaus interessant, und wahre Opernfreaks werden womöglich Dinge wahrnehmen, die mir völlig verschlossen bleiben.
Nach der Eröffnung der Sektion, zu der Snow selbst anreisen soll, laufen die drei Puccini-Filme (zusammen etwa 20 Minuten) nahezu täglich um 18 Uhr im Arsenal 2, und zwar kostenlos. Schon deshalb zu empfehlen.

Members of the Funeral
(Baek Seung-Bin, Forum)

Originaltitel: Jang-rae-sig-ui member, Südkorea 2008, mit Lee Ju-Seung, Yoo Ha-Bok (Woo Jun-gi), Park Myung-Shin (Oh Jung-hee), Kim Byul (Woo Ami), Kim Won-sik (Geum-dong), Lee Ju-seung (Roh Hee-jun), 100 Min.


Berlinale-Vorführungen:
Mittwoch, 11. Februar, 22 Uhr im Delphi; Donnerstag, 12. Feb., 20 Uhr im Colosseum 1; Freitag, 13. Februar, 15 Uhr im CineStar 8; Samstag, 14. Februar, 13 Uhr im Cubix 7

Bei einer Beerdigung sitzen drei Personen zusammen, die man für Vater, Mutter, Tochter (eine alles andere als harmonische Familie) halten muss, die aber jeweils nichts über die Verbindung der anderen zum Verstorbenen wissen. Mithilfe eines Voice-Over-Kommentars, der sich schnell als Stimme des verstorbenen Roh Hee-jun offenbart, erfahren wir mehr über die Beerdigungsbesucher, und zwar jeweils über die ersten zwei Beerdigungen, die diese besuchten. Woo Jun-gis erste Beerdigung vor 26 Jahren war eine Erlösung, weil er über Jahre seinen toten Vater pflegen musste, dessen Gestank ihm schier unerträglich war. Als er zusammen mit seiner Mutter das nun frei gewordene Zimmer erstmals ausgiebig wäscht, weht ein frischer Frühlingswind herein. Weiter geht es mit Jun-gis Beziehung zu seinem Schwimmtrainer, einem schwulen Familienvater.
Auch bei Oh Jung-hee war der Tod der Eltern durch eine nordkoreanische Bombe eher unbedeutend, der Tod ihres Großvaters aber umso bedeutender, denn dieser Literaturprofessor hält nichts davon, dass seine Enkelin den Traum verfolgt, sowas wie eine koreanische Agatha Christie zu werden. Trotz Jung-hees Verachtung für den unfairen und frauenfeindlichen Opa wird sein Urteil sie noch lange Zeit prägen, und sein Mantra, dass man mit einer Figur, dessen einziges Charakteristikum “Einsamkeit” ist, in der Literatur wenig anfangen kann, wird auch den Film prägen, denn wie sich langsam herausstellt, spielt ein Roman-Manuskript des Verstorbenen mit dem Titel “Members of a Funeral” eine wichtige Rolle für die sich entwickelnde Geschichte.
Woo Ami, wie der Verstorbene im Teenageralter, ist seit ihrer ersten Beerdigung vor fünf Jahren (der Katze Mary, laut Amis Mutter ein Selbstmord) mit dem Tod besessen, sie lernt bei einem Leichenpräparator, der auch Tiere “behandelt”, dessen gleich alte Tochter kennen, und gemeinsam ziehen die beiden durch die Wälder und fotografieren tote Tiere mit Amis Polaroid. Diese Beziehung endet mit einer der visuell (und symbolisch) stärksten Szenen des Films, denn die Freundin spuckt als letzte aktive Handlung eine Menge Blut in das bereits stattliche Fotoalbum mit den Polaroids der toten Tiere, und durch Zu- und Aufklappen entsteht eine Art Rorschach-Bild.
Ab dieser Stelle entwickelt der Film eine starke Intensität, die auch von Amis Polaroid-Bildern zehrt und sehr mysteriösen Details wie einer vergrabenen Hand, von der zwei Finger fehlen, und die dadurch dem Zeichensprachen-Äquivalent von “Ich liebe dich” entspricht. Doch dann beginnt jener Abschnitt des Films, der “The third member” überschrieben ist (macht vom Zählen her keinen Sinn), und den alkoholkranken Ex-Basketball-Spieler Geum-dong ins Spiel bringt, der schon über die Beziehung zu seinem Arzt Woo jun-gi ins Spiel kam, und der nun die Geschichten der drei (oder vier) Personen entgültig zusammenbringen soll, was aber nicht wirklich überzeugt. Nachdem die leichten literarischen Spielchen innerhalb der Geschichte und die Parallelen zwischen den verschiedenen Beerdigungen als auch zwischen dem realen Hintergrund der Beerdigung und dem Roman-Manuskript durchaus interessant waren, verselbständigt sich das Ganze gegen Schluss und wirkt wie eine Art Escher-Gemälde, dessen letztendliche Bedeutung aber nach einigen schon sehr seltsamen Quasi-Totenauferstehungen mit einer sehr oberflächlich wirkenden Schlusspointe ad absurdum geführt werden. Ein Film, der beim zweiten Betrachten besser werden könnte - nur wird ihn kaum jemand zweimal sehen wollen.

Naked of Defenses
(Ichii Masahide, Forum)

Originaltitel: Mubobi, Japan 2008, Buch, Schnitt: Ichii Masahide, Kamera: Seki Masafume, Musik: Asama Yukimit, mit Moriya Ayako, Konno Sanae, Nishimoto Ryuki, Nakamura Kuniaki, Kakinuma Naoko, Kumanomido Aya, Asama Yuki, Ichii Hayata, 88 Min.


Berlinale-Vorführungen:
Mittwoch, 11. Februar, 19 Uhr 30 im CinemaxX 4; Donnerstag, 12. Feb., 17 Uhr 30 im CineStar 8; Samstag, 14. Februar, 9 Uhr 30 im CineStar 8, Sonntag, 15. Februar, 19 Uhr im Delphi

Ein Zoom auf eine inmitten eines grünen Feldes stehende Fabrik. Darin kontrollieren vor allem Frauen mit vorgeblich sterilen Kapuzenkopfbedeckungen kleine Plastikteile wie Trinkbecheröffnungen auf Unregelmäßigkeiten hin. Die ziemlich schwangere Frau Yamada fängt hier neu an (ihr Gatte ist arbeitslos, irgendwer muss ja das Geld nach Hause bringen). Frau Kinoshita soll sie einweisen, deren Ehe ein völlig emotionsloses Nebeneinander ist. Zunächst ist sie abweisend, doch dann entwickelt sie eine protektive Haltung, eine zögerliche Freundschaft entwickelt sich.
Spoiler-Alert! Frau Kinoshita geht von der Arbeit immer zu Fuß nach Hause, weil sie seit einem Autounfall generell keine Autos mehr betritt. Damals hatte sie in schwangerem Zustand ihr Kind verloren (traumatische Flashbacks), seitdem empfindet sie ihr Leben als die “Abwesenheit jeden Gefühls”, sie ist “wie eine Maschine”, und zu diesem Kommentar wird natürlich eine Aufnahme der industriellen Fabrikproduktion eingeschnitten. Die Themen Isolation und Entfremdung sind in Naked of Defenses durchgehend präsent. In der Fabrik wird viel Wert auf Sterilität gelegt, Maschinen, Arbeiter und Produkte werden immer wieder desinfiziert, die bereits geprüften Plastikteile werden durch strikte Farbcodes von den ungeprüften unterschieden, damit es keine “Kontamination” gibt. Und wenn es mal zu viele schadhafte Plastikteile gibt (“too many defectives”), muss halt die Produktion angehalten und neu justiert werden, was auch in Hinblick auf das Thema Schwangerschaft eine unübersehbare Bedeutung hat. Auch bei den wenigen Einstellungen in der Außenwelt sieht man nahezu keine anderen Personen, was manche Einstellung von surreal bis lächerlich erscheinen lässt, weil es abgesehen von frühmorgendlichen Filmaufnahmen ohne störende Passanten keine wirkliche Erklärung gibt, warum beispielsweise die schwangere Frau Yamada ihre zum Bersten gefüllten Einkaufstüten durch die menschenleeren Straßen schleppt.
Nachdem es bei den Kinoshitas eines der wenigen Gespräche ausgerechnet darüber gibt, dass eine neue Toilettenpapierrolle angebracht werden muss, folgt etwas später die wohl eigentümlichste Szene des Films, wenn man Frau Yamada auf einer für westliche Verhältnisse exotischen Sanitäreinrichtung recht freizügig beim Pinkeln sieht, aber mindestens genauso bemerkenswert ist eine Frisbeescheibe, die an einer Stelle des Films ohne irgendwelche Erklärung die Schwangere trifft, was später zu einer der besten Regieideen führt. Trotz Budgetproblemen und mitunter überforderten Darstellern ist Naked of Defenses von drei eindeutig frauenspezifischen Forumsfilmen, die ich im Vorfeld sah (außerdem Winterstilte und The Day After) mit Abstand der überzeugendste. Hier funktionieren sowohl die Symbolkraft als auch die Dialoge zwischen den zwei Frauen, selbst in den skurrileren Szenen nimmt man als Zuschauer einige starke Bilder in sich auf, die Filmmusik ist auf einem hohen Niveau (hätte auch in einen Miyazaki-Film gepasst), und der Film hat trotz teilweise holpriger Inszenierung profunde Aussagen und Figuren, für die man sich interessieren kann.

Winterstilte
(Sonja Wyss, Forum)

Dt. Titel: Winterstille, Niederlande 2008, Buch: Sonja Wyss, Kamera: Peter Brugman, Schnitt: Katarina Turler, Musik: Merlijn Angad Gaur, Wobbe Kuiper, mit Gerda Zangger (Witwe), Sandra Utzinger, Brigitta Weber, Katalin Liptak, Sarah Bühlmann (Töchter), Werner Imhoff (Vater), Eleonore Jensch (junges Mädchen), Claude Imahorn, Alwin Sarbach (küssende Hirschmänner), Tobias Perren (Narr), Katinka (Eule), 70 Min.


Berlinale-Vorführungen:
Dienstag, 10. Februar, 22 Uhr im Delphi; Mittwoch, 11. Februar, 9 Uhr 30 im CineStar 8; Donnerstag, 12. Februar, 15 Uhr 15 im Arsenal; Samstag, 14. Februar, 17 Uhr im CineStar 8

Inmitten der Schweizer Alpen liegt eine schwere Schneedecke über allem und schluckt den Schall. Obacht, diese Rezension ist sehr spoiler-lastig! Schließlich liegt nach einer tapsig inszenierten Mauerschau auch über einem der Ansässigen eine schwere Schneedecke, denn eine Lawine (“Das hört sich an wie fernes Donnergrollen”) hat ihn verschluckt. Er hinterlässt eine Witwe mit vier erwachsenen Töchtern. Laut Pressematerial geht es um das “sexuelle Erwachen” dieser Töchter, und dass die Darstellerin allesamt Endzwanziger bis Mittdreißiger scheinen, will man dem Film verzeihen, der offensichtlich mit Minimal-Budget gedreht wurde. Schon zu Papas Lebzeiten sah man zwei der Töchter mit männlichen Nachbarn eine Schneeballschlacht durchführen, und wie die eine Tochter mal kurz ihr Knie zeigt, scheint verwegen, insbesondere auch, weil die Handlung des Films nur schwer zeitlich zu verorten ist (Elektrizität scheint es immerhin schon zu geben).
Schon bei Vaters Beerdigung taucht eine seltsam gewandete Erscheinung auf, die sich aus Takeshi Kitanos Dolls in diesen Film zu verlaufen haben scheint: Ein grellgeschminkter, weißgewandeter Kapuzenmann, der ähnlich einem mexikanischen Film-Banditen statt zwei Pistolenbändern zwei Schellengürtel über Kreuz trägt, auf den Hosenbeinen Hasen gestickt hat und in einer späteren Szene eine schlecht synchronisierte Peitsche schwingen wird. Von der Hasenhose ein harter Schnitt zum in der Vorbereitung begriffenen Mittagsmahl: ein Hase wie aus Polanskis Repulsion (auch ein Gruselmärchen über Sex, nur viel gelungener).
Nun wird der Alltag der fünf Frauen geschildert. Man betet halblaut jede Menge Rosenkränze und kommt dabei immer wieder auf die “Schuld” zu sprechen, kämmt sich gegenseitig das Haar, in einer surrealen Einstellung sieht man die Mutter beim Aufwickeln von Wolle, im Vordergründ die Material liefernden Töchter, und dann eine besonders aufwendig choreographierte Szene, die die vier Töchter beim Sticken zeigt. Jeweils im Gleichtakt versuchen die Darstellerinnen, ihre Fäden durchzuziehen. Die Mutter kontrolliert mal zwischendurch, und in einer POV-Kamerafahrt um den Tisch sehen wir immer abwechselnd das sorgsam drapierte Haar einer Tochter und die vier Hirsche, die sie auf ein Tischtuch sticken. Nach einem kurzen nächtlichen Intermezzo, bei dem man (traumähnlich nachbereitet) dunkle Kapuzenmänner mit Geweihen sieht (für die wenigen Zuschauer, die die Verbindung Hirsch - Mann noch nicht mitbekommen hatten), sieht man die Töchter wieder beim Sticken, und eine piekst sich in den Finger (beliebtes Märchenmotiv), wobei ein Bluttropfen ausgerechnet auf dem Geweih eines gestickten Hirsches landet. Symbolismus ist ja gut und schön, aber man muss den unbewussten Wunsch nach Entjungferung ja nicht ganz so dick aufgetragen ins Spiel bringen. Vorerst kuscheln sich die Töchter des Nachts noch aneinander, sie kichern viel und eine küsst einen Spiegel, in dem (auch nicht besonders überzeugend umgesetzt) das Gesicht eines Mannes auftaucht.
Selbst, wenn später die Kapuzenmänner endlich “ran dürfen” (im Abspann heißen sie “kussende hertemannen”), bleibt alles extrem keusch (aka preiswert) in Szene gesetzt, der größte Luxus der Inszenierung ist eine echte Eule, die etwas lustlos auch mehrfach eingebaut wird. Für jede gute Idee des Films kommt früher oder später ein fast hilflos umgesetztes Bild (z. B. die erotischen Kartoffelschalen, die Geweihe im Bett und die Schneeglöckchen), und das Resultat wirkt für mich als eines dieser ignoranten Lebewesen ohne Y-Chromosom wie die Kombination eines Freud-Textes mit der Twilight-Verfilmung, angereichert mit etwas Möchtegern-Bill-Viola und M. Night Shyamalans The Village. Wäre nicht das Blut auf dem Hirschgeweih gewesen und die Bildfolge Bauchschmerzen, Kotzen, “Bitte nein, Mutter!” und das Raspeln einer Marienfigur aus Gips in ein Wasserglas, bevor statt schwarzer Wäsche wieder weiße aufgehängt wird (“Rosemary’s Abortion”, auch ein Film, den Polanski glücklicherweise nie gedreht hat), wäre ich in meinem Urteil womöglich gnädiger gewesen. Immerhin: nur 70 Minuten, kann man aushalten.
Nachtrag: Beim Zusammentragen der Stabangaben auf www.imdb.com durfte ich folgendes lesen: “A widow and her four daughters, tormented by years of mourning encounter mysterious deer-men who change their existence.” Wenn diese Zusammenfassung der Intention der Regisseurin entspricht, hat man von den “years of mourning” eher wenig gemerkt. Ich habe über den Zeitraum nicht viel nachgedacht, aber hätte ihn eher zwischen Wochen und Monaten verortet.

Demnächst in Cinemania 57:
Wahrscheinlich mit Rezensionen zu Lille soldat, Man tänker sitt und weiteren Berlinale-Filmen ...