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Januar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Infernal Affairs III
Wu jian dao III zhong ji wu jian

Hong Kong 2003

Regie:
Andrew Lau & Alan Mak

Buch:
Alan Mak, Felix Chong

Kamera:
Andrew Lau, Ng Man Ching

Schnitt:
Danny Pang, Pang Ching Hei

Musik:
Chan Kwong Wing

Darsteller:
Tony Leung Chiu-wai (Yan), Andy Lau (Ming), Leon Lai (Yeung), Chen Dao Ming (Shen), Kelly Chen (Dr. Lee), Anthony Wong (Wong), Eric Tsang (Sam), Chapman To (Keung), Carina Lau (Mary)

118 Min.



Berlinale 2004

Berlinale 2004 (Forum):

Infernal Affairs III
Wu jian dao III zhong ji wu jian



Im Vorfeld von The Matrix Revolutions hatte ich mal die Idee, daß dieser Film wirklich revolutionär hätte werden können, wenn man Keanu Reeves und Hugo Weaving für anderthalb Stunden in einen Raum eingesperrt hätte und sich der Kampf zwischen Neo und Agent Smith als Kammerspiel ohne irgendwelche Spezialeffekte entschieden hätte - aber wahrscheinlich hätte das den Großteil der Zuschauer noch mehr enttäuscht.

Infernal Affairs III traut sich, einen Schritt weg von den ersten zwei teilen zu machen, bleibt aber dem Grundthema der Trilogie bis zuletzt treu. Schon die Vorspannsequenz, die die Götzenbilder aus dem Vorspann von I mit dem immer wieder eine Rolle spielenden Fahrstuhlschacht kombiniert, deutet eine Symbolik an, die mir in Angel Heart aufgesetzt erschien, über die ich aber in I + II trotz der immer wieder zitierten buddhistischen Weisheiten über den "Weg des ununterbrochenen Leidens" (so auch die sinngemäße Übersetzung des Originaltitels Wu jian dao) nie wirklich nachdachte.

Infernal Affairs III

Infernal Affairs III bringt uns Tony Leung und Andy Lau wieder, was natürlich gar nicht so einfach ist, weil es im ersten Teil aus diesem Zweikampf nur einen Gewinner gab und die beiden sich auch nicht allzu oft über den Weg gelaufen sein dürfen, um nicht die Prämisse ad absurdum zu führen. Abermals werden aber auch neue Figuren eingeführt bzw. kleine Rollen aus I ausgebaut. Da wären vor allem zwei zwielichtige Gestalten zu nennen:

Yeung (Leon Lai) ist der Karriere-Überflieger im Polizei-Präsidium, dessen Handhabung einer brenzlichen Situation mit einem von Sams Maulwürfen bei der Polizei uns schon früh das Gefühl gibt, das Ming (Andy Lau) nun einen neuen Feind hat, der aber nicht wieder sein spiegelverkehrtes Gegenüber, sondern sein Ebenbild ist: Ein Gangster-Wolf im Polizisten-Schafspelz, der auch nicht davor zurückschreckt, seine Wolfskollegen zu liquidieren, um seine Polizei-Karriere voranzutreiben. Bei sovielen Maulwürfen ist es ein Wunder, daß nicht irgendwann der ganze Apparat zusammenbricht.

Shen (Chen Dao Ming) hingegen ist ein Gangster vom Festland, der auch eine hidden agenda zu haben scheint, und Yan mehr als einmal in brenzligen Situationen gegenüber steht. Die Story setzt sowohl vor dem Finale von Infernal Affairs als auch danach an. Auf dem mittlerweile zu einem Hauptschauspielplatz gewordenen Friedhof treffen sich Ming und Yans love interest, die Psychologin Dr. Lee. Ming, dessen Situation durch den gerüchteweise sich herumtreibenden Maulwurfsmörder doch nicht so stabil ist, interessiert sich nicht nur durch seine in I bereits mehr als angedeutete Scheidung für die junge Frau, vor allem versucht er auf mehrere Arten Informationen über Yan zu bekommen, und da bieten sich neben einigen mysteriösen Bandaufzeichnungen vor allem die in Dr. Lees Computer befindlichen Daten über Yans Analyse-Sitzungen an. Endlich erfahren wir, weshalb der "aufbrausende Schläger" Yan zu diesen Sitzungen verdonnert wurde und erleben die in I allenfalls angedeutete Entwicklung dieser mitunter auch komödiantischen "Sitzungen" mit.

Infernal Affairs III

Doch während Dr. Lee das von Yan unterstellte Interesse der Ärztin an ihm als delusion ihres Patienten herunterspielt, scheint mit fortschreitenden Ermittlungen Ming immer verwirrter zu werden. Hängt dies mit Yeung und dem Wasservorrat im Polizeibüro zusammen oder verrennt er sich immer mehr in den bereits im ersten Teil ausgeführten Wunsch, lieber an Yans Stelle zu sein?

Infernal Affairs III ist nicht so sehr damit beschäftigt, alte Fragen zu beantworten, sondern es stellen sich immer neue, und auch durch die komplexe Zeitstruktur des Films fühlt man sich zeitweise an Memento erinnert. Es stellt sich nicht mehr nur die Frage danach, wer den aktuellen Zweikampf gewinnt und/oder überlebt, auch verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse und Realität und Illusion immer mehr, bis dann das überraschende Ende des Films eigentlich genau dort anknüpft, was uns seit dem Beginn des ersten Teils hätte klar sein müssen, wenn man nicht den Fehler gemacht hätte, die gesamte Trilogie nur als clever konstruierte Genre-Story zu sehen - denn mit dem dritten Teil wächst die Trilogie darüber hinaus und stellt einiges sogar in Frage. Und für diese revolutionäre Entwicklung muss man auch Teil III (ähnlich wie The Godfather, Part II) lieben, selbst, wenn man lieber eine straight-forward Gangster-Geschichte gehabt hätte …