Anzeige:
Die Box


 

Juni 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

This is a universe. Michael Snow-Retrospektive im Arsenal
Vom 3. – 30. Juni kann man bei einer umfassenden Retrospektive im Berliner Arsenal sämtliche Filmwerke des auch als Maler und Musiker tätigen Kanadiers Michael Snow betrachten. Im Umfeld gibt es ferner Video-Installationen, eine Buchpräsentation und ein Konzert.

This is a universe
Michael Snow-Retrospektive
im Arsenal


Der kanadische Künstler Michael Snow ist im Filmbereich vor allem durch seinen Sehkonventionen durchbrechenden Experimentalfilm Wavelength (1967) bekannt.

Michael Snow: Wavelength

Interessanterweise wird der Inhalt des Films immer wieder als kontinuierlicher Zoom von der Wohnungsansicht eines Lofts auf ein dort hängendes Foto einer Wellenlandschaft zusammengefasst, wobei eigentlich augenscheinlich ist, daß nichts an diesem Zoom kontinuierlich ist, sondern der 45 Minuten lange Film aus diversen Fragmenten zusammengesetzt ist, und die Schnitte keineswegs wie etwa in Hitchcocks Rope versteckt werden. Da der Ruf nach einer Video- oder DVD-Veröffentlichung immer lauter wurde, Snow sich aber bis vor kurzem weigerte, seinen Film so unterminieren, ist es umso überraschender, dass Snow jetzt selbst für eine DVD seinen Film "zerstört" hat und mit WVLNT (Wavelength for those who don’t have the Time) eine 15minütige Mehrfachbelichtung ins Rennen schickt, die im Verlauf der Retrospektive auch mit dem Original direkt verglichen werden kann. Hierbei ist auch interessant, wie die Tonspur sich dadurch verändert. Ursprünglich beginnt der Film mit 5 Minuten Alltagsgeräuschen, bis dann für 40 Minuten – passend zum Filmtitel – eine Sinuskurve den Soundtrack des Films liefert. In der dreifachen Schichtung ergibt sich beispielsweise eine ungewöhnliche Version des Beatles-Hits Strawberry Fields Forever, der Teil der eher redundanten "Handlung" des Film (immerhin ein Todesfall) ist.



Michael Snow: Corpus

Mindestens genauso interessant ist sein Film So is this (1982), der im Verlauf der Retrospektive auch mit einer verwandten Videoinstallation namens That/ Cela/ Dat (2001) in Beziehung gesetzt werden kann. So is this, der wie viele andere Filme Snows auch im Rahmen des Forums des internationalen Films (1983) gezeigt wurde, wird ebenfalls oftmals einfach falsch beschrieben, denn es handelt sich keineswegs um einen Film, bei dem jede Einstellung einfach nur ein Wort zeigt. Mindestens genauso wichtig wie die Länge der einzelnen Einstellungen sind die Schwarzblenden, die oft (aber nicht immer) die Übergänge zwischen den Worten markieren. Man kann den Film auch nicht über die Wiedergabe der Worte beschreiben (This ist the title of this film. The rest of this film look just like this …), denn So is this hat nicht nur einige Überraschungen parat, sondern räumt vor allem mit der veralteten Theorie auf, daß der Film eine Sprache sei, die man ebenso in ihre Bestandteile aufgliedern kann wie diesen Text. So is this ist mehr als eine Leseübung, viel mehr als ein Text –selten wird man im Kino dermaßen zur Reflexion gezwungen.

Außerhalb des Bereichs Film ist Michael Snow vor allem durch seine Walking Woman bekannt, die auch in seinen Filmen hin und wieder eine Rolle spielt, und deren Biographie im Rahmen der Retrospektive am 4. Juni in der Galerie Barbara Wien, Linienstr. 158, 10115 Berlin vorgestellt wird.

Michael Snow: New York Eye and Ear Control

In einem seiner frühesten Filme, New York Eye and Ear Control (1964) zeigt Snow die aus- und angeschnittene Silhuette jener Frau vor dem Hintergrund verschiedener Landschaften, was teilweise mit Free Jazz-Improvisationen unterlegt ist. Die Walking Woman hat auch eine Art Cameo-Auftritt in Wavelength, aber wie sie in einem der neuesten Filme Snows, The Living Room (2000), eingearbeitet wurde, ist besonders bezeichnend für den Universalkünstler Snow. Ohne zuviel vom Film erzählen zu wollen, der sich offensichtlich auch der Morphing-Technologie bedient (siehe Foto unten), präsentiert sich ein Wohnzimmer voller Bewegung und stop motion-Tricks wie ein Gemälde, das auf der Leinwand des Kinosaals zur Kontemplation einlädt. Und auf der Wand dieses "Gemäldes" findet der Betrachter weitere Gemälde, die wie eine kurze Kunstgeschichte aus der Sicht Michael Snows erscheinen. Ganz rechts die schwarze Silhouette auf gelbem Grund, die wir bereits zur Genüge kennen. Ziemlich zentral ein anderes Frauenportrait, recht belanglos und prä-raphaellitisch erscheinend (Kunsthistoriker, die das Werk womöglich wieder erkennen, mögen mir meine Ignoranz verzeihen), das wir dann aber etwas modifiziert links wiederfinden, wobei die Farbgebung jener jungen Dame die ober Hälfte einer weiteren Walking Woman ausfüllt. Puttenengel und Sehtest, Muskelmann und Skelett haben natürlich auch ihre Bedeutung in diesem Werk, aber schon anhand dieser drei Frauen auf einem Einzelbild des sehr bewegten Films zeigt sich wie in einem Querschnitt das Genie des Michael Snow, das sich bei detaillierter Betrachtung aller seiner Werke sicher noch stärker offenbaren wird. This is a universe.