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Januar 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org

Prestige - Die Meister der Magie
USA / UK 2006

Prestige - Die Meister der Magie  (R: Christopher Nolan)

Prestige - Die Meister der Magie

Originaltitel: The Prestige, USA / UK 2006, Regie: Christopher Nolan, Buch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan, Lit. Vorlage: Christopher Priest, Kamera: Wally Pfister, Schnitt: Lee Smith, Musik: David Julyan, Production Design: Nathan Crowley, Kostüme: Joan Bergin, mit Hugh Jackman (Robert Angier), Christian Bale (Alfred Borden), Michael Caine (Cutter), Scarlett Johansson (Olivia Wenscombe), Rebecca Hall (Sarah Borden), Piper Perabo (Julia McCullough), Samantha Mahurin (Jess), Andy Serkis (Roger Alley), David Bowie (Nikola Tesla), Daniel Davis (Judge), 128 Min., Kinostart: 4. Januar 2007

Von Christopher Nolans ersten vier Filmen waren die beiden frühen (Following, Memento) hervorragende Low-Budget-Produktionen, die nächsten zwei (Insomnia, Batman Begins) solide Handwerksarbeiten mit Multi-Millionen-Dollar-Budget und oscargekrönten Starschauspielern. Beim fünften Film stand zwar offensichtlich wieder mehr als genug Geld zur Verfügung und die Besetzung erscheint einem wie eine Kreuzung aus Batman Begins (Christian Bale, Michael Caine) und Scoop (Hugh Jackman, Scarlett Johansson), aber schon das Detail, daß Nolan das Drehbuch zusammen mit seinem Bruder Jonathan verfasste (der seinerzeit auch die Kurzgeschichte verfasste, auf der Memento basiert), wirkt wie eine Rückkehr zu den richtig guten Filmen (bevor dann bei The Dark Knight wieder einige Produzenten und Warner-Marketing-Strategen mitzureden haben).

Filmszene
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© 2006 Warner Bros. Ent.
Filmszene
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Die kurze Inhaltsangabe, daß im London kurz vorm fin de siècle zwei Magier (Bale, Jackman) versuchen, sich gegenseitig auszustechen, ließ mich einen farbenfrohen Kostümfilm erwarten, vielleicht nicht ganz so verspielt wie Around the World in 80 Days, aber doch eher was für die ganze Familie. Oh, ye of little faith!

Zwar ist The Prestige weder ganz noch teilweise in Schwarzweiß, aber die düstere Atmosphäre erinnert eher an The Elephant Man als an einen frühen Harry Potter-Film. Magier heißt in diesem Fall nicht in Hogwarts ausgebildeter Zaubertrank-Experten mit Phoenixfeder oder Drachenblut als Bestandteil ihrer Zauberstäbe, sondern Illusionisten, die wie "Splendini" oder David Copperfield das Publikum von ihren Tricks ablenken müssen (Scarlett Johansson als hübsche Assistentin ist laut Filmdialog "the most effective form of misdirection").

Gleich zu Beginn des Films steht die Frage "Are you watching closely?", und wie bei Following oder Memento hat jener Zuschauer, der während der "Free-TV-Premiere" 2008 oder 9 noch ein paar Hemden bügelt, sehr viel weniger vom Film als der aufmerksame Kinobesucher, denn der Film funktioniert ähnlich wie ein guter Zaubertrick - nur, wer wirklich gut aufpasst und das handwerk des Leinwandmagiers Nolan gut kennt, wird den Film ganz durchschauen. Ich z. B. musste nach dem Film einem Kritikerkollegen einige Details kurz erklären, denn Nolan baut auf die Intelligenz seines Publikums und erklärt seine narrativen Tricks nicht solange, bis sie langweilig werden.

In The Prestige erfahren wir, warum man sich als Zauberkünstler des vorvorletzten Jahrhunderts auch mal die Finger schmutzig machen muss, um beispielsweise einen Vogel samt Käfig verschwinden zu lassen. Der Entfesselungskünstler im Wassertank, die aufgefangene Kugel, all diese Tricks können auch schnell nach hinten losgehen, wenn beispielsweise ein missgünstiger Konkurrent sich verkleidet unters Publikum mischt und als "Freiwilliger" die Vorstellung sabotiert. Die "zersägte Jungfrau" bleibt dem Zuschauer zwar erspart, aber in Sachen Verstümmelungen und Todesfolgen lässt The Prestige keinen Zweifel daran, daß eine Freigabe "ab sechs Jahren" niemals zur Zielsetzung der Filmemacher gehörte.

Ich will gar nicht besonders viel über die Geschichte verraten, die übrigens wiederum (wie bei Nolans ersten zwei Filmen) nicht streng chronologisch erzählt wird, sondern mit einem tödlichen "unfall" beginnt, und sich dann in zwei parallel erzählte, aber eigentlich hintereinander stattfindende Handlungsstränge aufsplittet. Und dies mit einigen sehr schön symmetrichen Details. Als Doublette zum Kampf zwischen den Magiern wird am Rande auch noch von einem weiteren - auch nicht immer fairen - Kampf zwischen den Physikern Nikola Tesla (David Bowie in Bestform) und Thomas Edison (nur durch seine Lakaien und Spione präsent) erzählt, und hierbei hat man sich bis auf einige unverzichtbare erzählerische Freiheiten tatsächlich an den damaligen Gegebenheiten orientiert. Als Teslas Gehilfen gibt es ein Wiedersehen mit Andy Serkis, diesmal ohne Glubschaugen und Reißzähne, und auch die beiden Frauen an den Seiten der Magier (bevor dann Frau Johansson eher zwischen ihnen steht) sind bemerkenswerte Newcomer namens Rebecca Hall und Piper Perabo, die sich vor ihrer bekannteren Kollegin nicht zu verstecken brauchen. Alles in allem ist The Prestige eine sehr positive Überraschung, ich hatte nicht damit gerechnet, daß aus diesem Zylinder ein schneeweißer Tiger herauskommen würde, der dann die Assistentin anknabbert (metaphorisch gesprochen). Ich würde den Film zwar nicht direkt mit Following oder Memento vergleichen wollen, aber man hat nach dem Kinobesuch das Gefühl, daß man von Christopher Nolan noch einige großartige Illusionen erwarten kann.