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Die Box





21. Dezember 2008
 

Die besten Comics des Jahres 2008

Ob 2008 ein gutes Jahr für den Comic in Deutschland gewesen war, wird sich vermutlich erst rückblickend in einigen Jahren klären lassen. Zumindest kann man bereits jetzt sagen, dass es schon länger nicht mehr ein so reichhaltiges, und vor allem differenziertes Angebot an Comics gab. Erfreulich ist weiterhin die Tendenz, dass immer mehr Frauen den zeitgenössischen Comic mitbestimmen, wie die Auszeichnungen für Anke Feuchtenberger und Isabel Kreitz in Erlangen, sowie Barbara Yelin in Frankfurt beweisen.

Darüber hinaus sind auch einige wichtige Einzelwerke wie „Fun Home“ von Alison Bechdel oder „Blutspuren“ von Rutu Modan erschienen, die durchaus zu den Besten dieses Jahrgangs gezählt werden dürfen. Gerade diese sind reihum in den Feuilletons besprochen worden. Viel Beachtung fanden auch „Lost Girls“ von Alan Moore und Linda Gebbie, „Der Fotograf“, gezeichnet von Emmanuelle Guibert, oder „Drei Schatten“ von Cyril Pedrosa. Überraschend hingegen, dass der in diesem Jahr in Angoulême als bestes Album ausgezeichnete Band „Ein neues Land“, von Shaun Tan, kaum von der kritischen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Vermutlich könnten auch diese in den Jahresbestenlisten ganz oben stehen und womöglich auch zu Recht, denn sie gehören zur ,neuen’ Spezies der Comics, der Graphic Novel. Deren Konsolidierung auf dem deutschen Markt war sowohl für die Verleger, als auch für das comickritische Umfeld das wichtigste Thema dieses Jahres. Was diese Entwicklung für sowohl den hiesigen, aber auch den internationalen Comicmarkt bedeutet, ob sie nachhaltig ist oder es sich lediglich um eine Modeerscheinung handelt, dass wird sich ebenfalls erst in den kommenden Jahren zeigen.

Auffällig war in diesem Jahr auch die Vielzahl an Neuauflagen einer Reihe von Klassikern. „Arzach“ von Moebius oder „Prinz Eisenherz“ in der wundervollen Ausgabe vom Bocola Verlag. Das es Verlagen wichtig wird, solche Titel zugänglich zu halten und vor allem auch, dass es offensichtlich einen Markt dafür gibt, sind ein weiteres Indiz dafür, dass der Comic als ernstzunehmendes Gut im Kulturbetrieb angekommen ist.

Generell gilt jedoch, jedes Jahr, in dem Comics von Taniguchi, Trondheim und Tardi erscheinen, ist ein gutes Jahr.

(Klaus Schikowski und Felix Giesa)


Und das waren die Lieblingscomics einiger satt.org-Freundinnen und –Freunde ...

Barbara Yelin:

  • Dominique Goblet: „Faire semblant c'est mentir“Dominique Goblet: „Faire semblant c'est mentir“ (L'Association, 2008)
    Zehn Jahre hat die Belgierin Goblet an dieser Autobiographie gearbeitet. Das Motiv, das sich durch das Buch zieht, ist das Phantom der Verdrängung – versuchsweise übersetzt wäre der Titel „So tun als ob heißt lügen". Die Zeichnung wechselt kapitelweise im Stil, und die mal ganzseitigen Bilder, mal Panels, in Blei- oder Buntstift tun sowieso schon alles, um mich zu begeistern. Der einzigartig perfekte Zusammenklang von Artwork und Dramaturgie schafft dazu eine Geschichte von verstörender Intensität. (Bisher nur auf Französisch. Leider!)

  • Cyril Pedrosa: „Drei Schatten“ (Reprodukt, 2008)
    Der Verlust eines Kindes wird wie ein Märchen aus alter Zeit erzählt. Die Metaphorik ist zuweilen dick aufgetragen und die Geschlechterklischees fand ich etwas ärgerlich – trotzdem hat mich das Buch stark berührt, die kraftvollen Zeichnungen mit furioser Perspektive, Lichtschattenwirkung und leichthändiger Expressivität schaffen einen Sog, dem sich schwer zu entziehen ist.

  • Tove Jansson: „Mumins 1“ (Reprodukt, 2008)
    Die Kinderbücher kenne ich von früher, die Strips waren jetzt eine neue Entdeckung! Lakonisch erzählt und gleichzeitig zärtlich und skurril und mit wunderbaren Nebenschauplätzen, wie den kleinen Schatten und der stets explodierenden Flora. Die Mumins haben – auch ohne Mund – einiges zu berichten. Freue mich schon auf den nächsten Band.

Barbara Yelin lebt und arbeitet in Berlin. Im deutschsprachigen Raum finden sich von ihr vor allem Arbeiten in „Spring“. In der französischen Editions de l’An 2 liegen außerdem die beiden Alben „Le Retard“ und „Le Visiteur“ vor. In diesem Jahr wurde sie als „Newcomerin des Jahres“ mit dem Sondermann-Preis ausgezeichnet.


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Sascha Hommer:

  • Tove Jansson: Mumins 1 (Reprodukt, 2008)
    Die Mumins, in Finnland bekannter als Donald Duck und Micky Mouse zusammen, kommen nach Deutschland. Die Sammlung der ab Beginn der 1950er Jahre erschienen Zeitungsstrips zeigt, dass Tove Jansson nicht nur eine präzise Zeichnerin, sondern auch eine begnadete Erzählerin war. Die Mumins sind Weltliteratur, vergleichbar nur mit Meisterwerken wie den „Peanuts“ oder „Krazy Kat“.

  • Rutu Modan: Blutspuren (Edition Moderne, 2008)
    Die Geschichte von „Blutspuren" spielt in Israel, und auch der Titel signalisiert: hier geht es um ein Land im Ausnahmezustand. Der besondere Kniff des Buches ist es allerdings, die Erwartungshaltung der Leser geschickt zu unterlaufen. Das Ganze wird vorgetragen in exzellenter Grafik und mit grossem erzählerischen Gespür.

  • Anouk Ricard: Commissaire Toumi – Le crime était presque pas faitAnouk Ricard: Commissaire Toumi – Le crime était presque pas fait (Édition Sarbacane, 2008)
    Die Geschichten um den Hundekommissar Toumi stecken voller genretypischer Klischees. Was als Vorabendkrimi stinklangweilig wäre, ist in der niedlichen Ästhetik Ricards total lustig. Selbst wer der französischen Sprache nur in Ansätzen mächtig ist, kann den meist sehr simplen Handlungsverläufen ohne Probleme folgen.

Sascha Hommer lebt in Hamburg und macht Comics. Z. B. zusammen mit Jan Frederik Bandel den Comicstrip „Im Museum“, welcher in der „Frankfurter Rundschau“ erscheint. Außerdem gibt er die Comicanthologie „Orang“ heraus.


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Wolfgang Buechs aka. Digirev:

Ansonsten Nummer 23

Wolfgang Buechs aka. Digirev lebt in Frankfurt/ Main und macht den Comicstrip „zuhause während der digitalen revolution“. Dieser erscheint in der „Jungle World“ und online.


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Klaus Schikowski:

  • Art Spiegelman: Breakdowns (S. Fischer, 2008)
    Der wichtigste Comic des Jahres war die Neuauflage von Art Spiegelmans „Breakdowns“, der als Unterrichtsfach mit abschließender Seminararbeit für angehende Comiczeichner zwingend dazugehören sollte. Spiegelman zeigt die Möglichkeiten des Comics mit einer Mühelosigkeit auf, dass es dem Leser den Atem verschlägt. Die gerade mal 19 Seiten der autobiographischen Einführung „Portrait of the Artist as a young %@§*!“, die extra für diese Neuausgabe entstanden, sind das Beste, was in diesem Jahr erschienen ist. Art Spiegelman ist ein Meister seines Faches, der das Wesen der Form gänzlich durchdrungen hat und davon gibt es leider nicht mehr allzu viele.

  • Tove Jansson: Mumins 1Tove Jansson: Mumins 1 (Reprodukt, 2008)
    Platz zwei für die „Mumins“ von Tove Jansson bei Reprodukt. Bezaubernd charmant, von einer märchenhaften Unschuld, zeitlos schöne Geschichten aus dem Mumintal, die der Wind in den skandinavischen Wäldern und Fjorden flüstert.

  • Charles M. Schulz: Peanuts Werkausgabe 4 (1957 – 1958) und 5 (1959 – 1960) (Carlsen, 2008)
    Platz drei für die „Peanuts“ Gesamtausgabe bei Carlsen. Langsam schreitet die Gesamtausgabe voran und im nächsten Jahr werden die wichtigen Bände aus den 1960ern erschienen, die die Peanuts zu dem Stellenwert verholfen haben, den er heute besitzt. In diesen Jahren etablierte Charles M. Schulz die populären Themen um das Warten auf den großen Kürbis oder das kleine rothaarige Mädchen und noch viele mehr. Doch auch schon davor kann man sich davon überzeugen, mit welcher Leichtigkeit Schulz das Niveau des täglichen Strips meistert. Die Bände sind so herzerfrischend, dass noch einmal auffällt, wie beliebig die Cartoons von heute sind. Zudem sind die Bände erstklassig betreut.

Klaus Schikowski ist Comicpublizist und –experte. Er ist stellvertretender Chefredakteur der Fachzeitschrift „Comixene“.


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Olli Fereira und René Roggmann:

  • FashionvictimsZum Lieblingscomic 08: René liest schon mal gar keine Comics, daher von der Seite keine Angaben. Und wenn ich jetzt aus den wirklich sehr wenigen Sachen, die ich dieses Jahr gelesen habe, 2 oder 3 rauspicken müsste, würde ich allen nicht genannten arges Unrecht tun, denn alle waren wirklich sehr gut. Trotzdem – ein Ding gibt es, das mich wirklich ganz besonders beeindruckt und begeistert hat, nämlich „Fashionvictims, Trendverächter: Bildkolumnen und Minireportagen aus Berlin" (Avant, 2008) von Ulli Lust. Das ist in der Wahl und Darstellung von Szenen so dermaßen auf den Punkt, ich hätte heulen können.

Olli und René machen zusammen in regelmäßiger Unregelmäßigkeit einen Comicstrip: „Daniel & Oleg“. Dafür haben sie in diesem Jahr einen ICOM-Preis bekommen.


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Christian Maiwald:

    Yuichi Yokoyama: New Engineering
  • Charles M. Schulz: The Complete Peanuts 1967-68 (Fantagraphics, 2008)
    Der beste Daily-Strip überhaupt erreicht in den späten 1960ern seine volle Blüte. Lustig und süß und dabei so erschreckend profund: Ein ständiger Begleiter.

  • Olli Ferreira & René Roggmann: Daniel & Oleg (Zwerchfell, 2007)
    So treffend, sarkastisch und entwaffnend geschriebene Szenen sucht man sonst in Deutschland vergebens. Hier wird hanseatisches Musiknerdtum auf höchstem Humorniveau demontiert: Daniels Monologe sind Gold wert.

  • Yuichi Yokoyama: New Engineering (PictureBox Inc., 2007)
    Ohne jegliches Interesse am Zwischenmenschlichen ästhetisiert Yokoyama Bewegung, Geräusche, Konstruktion. Kein formales Experiment, sondern eine eigene Stimme: Fordernd, überraschend, cool.

Christian Maiwald ist Redakteur beim deutschen Indie-Comic-Flagschiff Reprodukt.


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Thomas Vorwerk:

  • James Kochalka: www.americanelf.com
    Seit nunmehr zehn Jahren führt James Kochalka seine „Sketchbook Diaries”. Inzwischen ist sein älterer Sohn Eli fünf Jahre alt, und sogar der kleine Oliver hat bereits seinen ersten Geburtstag gehabt. Die ultimative Soap-Opera mit Reality-Effekt. Und mit Ausnahme meines Mail-Accounts ist dies die Website, die ich am öftesten besuche.

  • Jason: The Last MusketeerJason: The Last Musketeer (Fantagraphics, 2007)
    Den Norweger Jason habe ich erst vor zwei oder drei Jahren entdeckt, und es gibt noch viele ältere Werke von ihm, deren Entdeckung mir noch bevorsteht. Minimalistisch, lakonisch, manchmal sogar existentialistisch.

  • David Petersen: Mouse Guard 1 – Herbst 1152 (Cross Cult, 2008)
    Link zu meiner Kritik

  • Peter David, Valentine DeLandro, Andrew Hennessy: X-Factor: Layla Miller (Marvel, 2008)
    Peter Davids „X-Factor“ ist neben „Daredevil“ von Brubaker und Rucka momentan die einzige US-Mainstream-Serie, die ich abonniert habe. Und dieser One-Shot konzentriert sich ganz auf Davids Stärken: Humor und nette Ideen, die er dann auch durchexerziert.

  • Flix: Heldentage (Carlsen, 2007)
    Ohne satt.org-Mastermind Torti Franz hätte ich Flix womöglich nie entdeckt, und ohne einen Ramschverkauf hätte ich mir diesen Wälzer, der ein ganzes Jahr voller Tagebuch-Strips versammelt, womöglich nicht zugelegt. Könnte in neun Jahren so gut sein wie Kochalka heute.

Thomas Vorwerk ist Filmredakteur bei satt.org und hat zu viele Lieblingscomics, um sich auf drei zu beschränken.


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Carmen Dollhäubl:

  • Sascha Hommer und Jan Frederik Bandel: Im Museum: Die Treppe zum Himmel (Reprodukt, 2008)
    Die Sammlung des Fortsetzungsstrips aus der „Frankfurter Rundschau“ von Sascha Hommer und Jan-Frederik Bandel wird comiclesende Kulturwissenschaftler so richtig ins Schwitzen bringen. Plus: Man hat sich selten so darüber gefreut, irgendwo Ernst Jünger zu begegnen (das letzte Mal 2007, auf hh18metzer.de, totes meer # 137).

  • Manu Larcenet: Der alltägliche Kampf 4: Gewissheiten (Reprodukt, 2008) Im Mittelpunkt von Manu Larcenets Serie „Der alltägliche Kampf“ steht Marco, ein junger Fotograf, der seinen Weg sucht in einer sich rasant verändernden Welt. Band vier, „Gewissheiten“, komplettiert die wunderbar gezeichnete und kolorierte, trotz ihrer Melancholie oft komische Erzählung. Im Grunde dreht sich alles nur darum, wie man ihn in Würde führt, den alltäglichen Kampf.

  • Alison Bechdel: Fun Home (Kiepenheuer & Witsch, 2008)
    Mit „Fun Home“ von Alison Bechdel ist 2008 ein bahnbrechendes Werk in deutscher Übersetzung erschienen. Es lotet die Möglichkeiten des autobiographischen Comics aus, wie bisher kein anderes. Man muss es einfach empfehlen. Trotzdem: kauft Euch das Original!

Carmen Dollhäubl lebt als freie Lektorin und Redakteurin in Augsburg. An der dortigen Universität hielt sie im vergangenen Sommersemester ein Seminar über autobiographische Comics.


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Christopher Pramstaller:

  • Jiro Taniguchi: Die Sicht der Dinge (Carlsen, 2008)
    Einfühlsam und mit viel Gespür für emotionale Nuancen erzählt Taniguchi die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen Vater neu kennen lernt. Sehr schön, dass in letzter Zeit gleich mehrere Werke Taniguchis auf Deutsch erschienen sind.

  • Marc-Antoine Mathieu: Der Wirbel (Reprodukt, 2008)
    Wieder einmal schickt Mathieu seinen Protagonisten Julius Corentin Acquefaques auf Abenteuerreise - in eine Welt, die kafkaesker kaum sein könnte. Fast beiläufig erkundet er dabei die Grenzen des Erzählbaren und der Buchgestaltung.

  • Jason Lutes: Berlin 2: Bleierne Stadt (Carlsen, 2008)
    Nach Jahren des Wartens hat die epische Berlin-Trilogie endlich eine Fortsetzung gefunden. Unglaublich dicht und plastisch lässt Lutes den Leser auf das Berlin der Weimarer Republik blicken und macht Geschichte lebendig.

Christopher Pramstaller studiert noch, macht derzeit ein Praktikum bei der „Sächsischen Zeitung“ in Dresden und schreibt regelmäßig Comickritiken für satt.org.