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12. September 2008
Felix Giesa
für satt.org

Was sind Graphic Novels?

Interview mit
Sebastian Oehler zum Flyer
„Was sind Graphic Novels?“

Schon seit geraumer Zeit versuchen Comicverlage durch Flyer und Infobroschüren Leserschaft und Buchhandlungspersonal darauf aufmerksam zu machen, dass sich die Comiclandschaft verändert hat. Die Graphic Novel bietet nach Auffassung der Verlage einen umfangreicheren Geschichtenfundus, als das zu früheren Zeiten der Fall war. Mit „Literatur meets Comics“ und „graphic novel. AusGezeichnete Geschichten!“ wollten Ehapa beziehungsweise Carlsen auf diesen Umstand hinweisen. Weiterhin filtert das Infoportal graphic-novel.info wissenswertes aus den Weiten des Internets über Graphic Novels heraus.

Ein Zusammenschluss der fünf Verlage Avant, Carlsen, Edition 52, Fischer und Reprodukt hat nun einen Flyer mit dem Titel „Was sind Graphic Novels?“ produziert. Darin erklärt Sebastian Oehler, bei Reprodukt zuständig für Marketing und Vertrieb, was unter dem Begriff zu verstehen ist. Standesgemäß wurde der Flyer sehr schick als Comic aufgemacht, graphisch ansprechend umgesetzt von Sascha Hommer. Gedruckt liegt er überall aus, wo es Comics gibt, als pdf-Datei kann er hier geladen werden. Über den Flyer und Graphic Novels hat satt.org mit Sebastian Oehler gesprochen.


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satt.org: Kannst Du mal kurz zusammenfassend sagen, was das Ziel des Flyers sein soll?

Sebastian Oehler: Graphic Novels/Comics einem uninformierten aber interessierten Lese- u. Buchhändlerpublikum näher bringen und einen Ausgangspunkt zu bieten.

satt.org: An wen soll sich der Flyer richten? Es ist ja so, dass "die" Comicladenkundschaft meistens seht gut über das Programm der einzelnen Verlage informiert ist, für diese stellt euer Flyer wahrscheinlich nur ein weiteres Sammelobjekt dar. Wo soll "Was sind Graphic Novels?" ausliegen, um seinen Zweck zu erfüllen?

Sebastian Oehler: Der Flyer wird zum einen über die unterschiedlichen Vertriebe verteilt werden und damit nicht nur in Comicläden ausliegen. Jeder Verlag hat ein bestimmtes Kontingent an Flyern, die dann natürlich auch bei Messen oder ähnlichen Veranstaltungen verteilt werden. Im Fall von Reprodukt sind das auch einige Veranstaltungen, die vor allem von NICHT-Comiclesern besucht werden (Dockville-Musikfestival, Holy Shit Shopping etc.)

Bei Gesprächen mit Buchhändlern wurde deutlich, das eine große Unsicherheit bezogen auf Comics besteht und BuchhändlerInnen teilweise nicht wissen, wo man damit anfängt, was man empfehlen kann etc. Da soll auch der Flyer, über die Titelempfehlungen hinaus, natürlich auch auf das graphic-novel.info-Portal verweisen, das in den kommenden Monaten noch mit vertrieblichen Informationen ausgebaut wird. Außerdem wird der Flyer auf den Webseiten der teilnehmenden Verlage zum Download angeboten werden.

Was sind Graphic Novels?

satt.org: Wie kam es zu der Zusammenarbeit der fünf Verlage, die sich ja teilweise von den Machern der graphic-novel.info-Seite unterscheiden?

Sebastian Oehler: Der Gedanke kam von mir und ich habe zuerst die Verlage der GN-Info-Seite angesprochen, ob Interesse an einer Kooperation besteht. Durch die Teilnahme von Carlsen und Fischer bekommt der Flyer darüber hinaus auch eine andere Gewichtung, außerdem sind ja gerade bei Carlsen sehr gute Graphic-Novels erschienen und MAUS kann man ohne viel Übertreibung als die wahrscheinlich bekannteste Graphic Novel aller Zeiten beschreiben (auch wenn es sich furchtbar marketingmäßig anhört ... ;-))

Das genaue Konzept habe ich dann zusammen mit Sascha Hommer erarbeitet und mit den Verlagen besprochen und die Gestaltung lag dann ganz in seiner Hand.

satt.org: In dem Flyer heißt es, dass bei der Herstellung einer Graphic Novel (GN) der gesamte künstlerische Produktionsprozess von einer Person bewältigt wird. Also das, was man auch als Autorencomic bezeichnen könnte. Diese Definition würde ja etwa Titel wie "Warum ich Pater Pierre getötet habe" (Olivier Ka und Alfred; Carlsen Comics) nicht als GN auffassen. Wie ist diese Unterscheidung zu erklären?

Sebastian Oehler: Es ist schwierig, eine vollkommen klare Definition von Graphic Novel zu finden und für einen Flyer mit begrenztem Platzangebot müssen manche Sachverhalte vereinfacht werden. Titel wie MAUS, PERSEPOLIS, BERLIN, PJÖNGJANG, HELD, WIR KÖNNEN JA FREUNDE BLEIBEN, GHOSTWORLD, INSEKT, BLANKETS sind alles Autorencomics und diese Titel füllen den Begriff der Graphic Novel mehr mit Bedeutung als die meiner Meinung nach im Vergleich eher wenigen Ausnahmen wie das von dir angesprochene WARUM ICH PATER PIERRE GETÖTET HABE. (FROM HELL und WATCHMEN fallen mir spontan ein) Der Flyer richtet sich, wie gesagt, vor allem an Neuleser und für solche sind das meiner Meinung nach eher zu vernachlässigende Differenzierungen.

satt.org: Häufig basieren GN auf Heftchen-Serien, welche dann gesammelt als GN erscheinen. Im Flyer werden z.B. "Berlin" von Jason Lutes und "Peepshow" von Joe Matt erwähnt. Die Funktionsweise dieser GN müsste sich doch grundlegend von der originärer GNs unterscheiden?

Sebastian Oehler: Nicht zwangsläufig. Wichtig ist für mich weniger die Veröffentlichungsweise sondern das Herangehen des Autors an die Geschichte. Jason Lutes hat z.B. Für den Großteil von BERLIN – BLEIERNE STADT seine Arbeitsweise umgestellt und zuerst die komplette Geschichte mit Bleistift vorgezeichnet und die Geschichte dann in Heftform vorveröffentlicht. Wichtiger war da auf jeden Fall die spätere gesammelte Veröffentlichung als GN. Oft werden die auf Heftchen basierenden Werke auch vor der Veröffentlichung als GN noch einmal überarbeitet oder ergänzt.

Was sind Graphic Novels?
Illustrationen © Sascha Hommer