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Die Box





Februar 2008
Felix Giesa
für satt.org

– Für Enten und Gallier –
Kiepenheuer & Witsch legt
Alison Bechdel’s „Fun Home“
auf Deutsch vor

Alison Bechdel: Fun Home

Kiepenheuer & Witsch ist bekannt als Verlag, der es schafft Anspruchsvolles und Populäres unter einen Hut zu bringen. Quasi als Symbiose dieser Attribute schickte man sich an, ein populäres Feld mit anspruchsvollen Titeln zu besetzten und veröffentlichte Ende Januar diesen Jahres den ersten Comic im Hause. Alison Bechdel’s autobiographischer Comic „Fun Home“ ist solch ein Titel. Die Erzählung ist ein Lehrstück in intertextuellen Verweisen, sowohl (hoch-)literarischer als auch popkultureller Art. So dienen Bechdel sowohl literarische Figuren als auch deren schriftstellerischen Väter zur Charakterisierung ihres Vaters. Bechdel entwirft eine beeindruckende Vater-Tochter-Geschichte, in der beide durch ihre Homosexualität verbunden sind. Jedoch nur die Tochter schafft es, ihre Sexualität frei auszuleben. Kurz nach ihrem Coming-Out stirbt der Vater in einem Verkehrsunfall. Bechdel ist jedoch von dem Freitod ihres Vaters überzeugt und so liest sich der Comic über lange Strecken wie eine kriminologische Familiensaga.

Zur Buchpremiere am 23. Januar lud der Verlag zu einer Lesung mit dem Übersetzerteam Sabine Küchler und Denis Scheck ins Kölner Literaturhaus. In einer jovialen Einführung zum Comic, wurde erst einmal geklärt, „wie weit es mit uns gekommen ist, wenn wir im Literaturhaus Comics vorstellen können!“ Nach den Schmähungen der ,Schmutz-und-Schund-Kampagne’ der 1950er Jahre, hätte sich die Zeit gewandelt und mittlerweile gäbe es sogar einen wissenschaftlichen Diskurs über den Comic. Also höchste Zeit, sich dem Thema anzunehmen. Küchler und Scheck schildern ihre Comicsozialisation durchweg wie man sie von Kindern aus Mitte der 1960er Jahre erwarten kann und so verwundert es auch nicht, wenn man sich in der Übersetzertradition von Gudrun Penndorf („Asterix“) und Erika Fuchs („Donald Duck“) sieht. Jedoch, und das betonen beide, verpflichtet man sich den höchsten Ansprüchen, die an eine/n Übersetzer/in gestellt werden können. Allerdings scheint es fraglich, ob ein Hang zu Neologismen, wie ihn Erika Fuchs hegte, diesem sehr persönlichen und im Ton sehr ernsten Buch angemessen ist. So berichten Küchler und Scheck von der großen Versuchung an diversen Stellen im Text humoristische Einlagen einzubauen, wie etwa einen Laden in „Cocos Chanel“ umzubenennen. Wurde diese Idee jedoch zum Glück verworfen, findet sich hingegen direkt auf dem Cover der Titelzusatz „Eine Familie von Gezeichneten“, wo im Original „A Family Tragicomic“ steht. Sicherlich hat die gesamte Familie Bechdel ihr Scherflein zu tragen, aber das stigmatisierende in den Vordergrundrücken aller Familienmitglieder erschafft den Eindruck von Heroismus, wo eigentlich Tragik vorherrscht. Auf dem Frontispiz heißt es dann: „Ein Comic aus dem Hause Kiepenheuer & Witsch. – Und das ist gut so.“ Was diese ,Klaus-Wowereitisierung’ des Textes soll, werden wohl nur Küchler und Scheck selber wissen. Sinnvoll scheint sie zumindest nicht, da „Fun Home“ somit eine vollkommen andere Gewichtung erhält. Bechdel geht es nicht primär um den Kampf für homosexuelle Gleichberechtigung, das versteht sich schließlich von selbst, sondern sie möchte ihren Vater begreifen. Diese unterschiedliche Gewichtung zeigte sich auch in der Lesung.

Comiclesungen stellen die Lesenden generell vor ein größeres Problem, als es sich für den ,herkömmlichen’ Literaten stellt, müssen sie schließlich ihren Text mit dem Bild in Einklang bringen. In Zeiten modernster Technik ist zumindest eine visuelle Projektion kein Problem mehr. Gilt es also, den Leserhythmus mit dem Bildrhythmus abzustimmen. Anfangs gelang dies noch sehr gut, doch im Verlauf wurde der Vortrag immer öfter unsynchron. Das wäre nicht unbedingt immer ein Problem gewesen, hätte man sich nicht dazu entschieden, die Seiten ohne Text zu präsentieren und so ein eigenes Verfolgen des Textes unmöglich gemacht hätte. Die Auswahl der Textstellen nun stellte in der Tat eine Überraschung dar. War das erste Kapitel als Einstieg noch logisch und nachvollziehbar, wählte man als zweites, die Lesung beendendes Kapitel, die Episode „Der kanariengelbe Zigeunerwagen“. Die Handlung zentriert sich in diesem Teil der Geschichte fast ausschließlich um die Zwangsneurosen der jungen Alison. Ausführlich und sehr charmant zeichnet sie deren Aufkommen und immer weitere Ausuferung nach. Dabei wird lediglich an einigen Stellen eine Charakterisierung der anderen Familienmitglieder vorgenommen. Hier wurde die Chance verpasst, eine Passage vorzustellen, die den Grundton des Buches wesentlich stärker illustriert hätte. Das Hauptanliegen Bechdels ist es, dem Leser ihren Vater näher zu bringen. Die Autorin geht geradezu journalistisch in ihrem regelrecht verzweifelten Anliegen vor, die Person ihres Vaters (be)greifbar zu machen. Zuhörer, die den Text nicht bereits kannten, mussten so den Eindruck erhalten, der Comic würde sich in der Hauptsache um Alison Bechdel selbst drehen.

Trotz der teilweise erheblichen Eingriffe ist es positiv zu bewerten, dass der Band jetzt auf Deutsch vorliegt und in einem großen Belletristik-Verlag veröffentlicht wird. Es ist zu hoffen, dass das Ziel erreicht wird, „Fun Home“ primär im Belletristikbereich der Buchhandlungen zu präsentieren und dadurch diesen Bereich endgültig für den Comic zu erschließen und einer größeren Leserschicht zugänglich zu machen. „Fun Home“ ist schließlich nur ein weiterer Titel in einer langen Liste von Comics mit ,literarischen’ Qualitäten. Und das er nun auf Deutsch vorliegt ist tatsächlich gut so.

Alison Bechdel: Fun Home
Lupe

Die Distanz zwischen Vater und Tochter wird von Alison Bechdel eindrucksvoll veranschaulicht. Versuche von Zuneigung enden zumeist unbefriedigend oder beschämend.
  Alison Bechdel: Fun Home
Lupe

Vater und Tochter definieren sich stark über ihren literarischen Intellekt. Immer wieder dienen der Autorin literarische Vorlagen zur Charakterisierung ihres Vaters.
  Alison Bechdel: Fun Home
Lupe

Im Vorfeld dieser Seite reüssiert Bechdel über eine Neuübersetzung von Prousts „À la recherche du temps perdu“ nach dem Tod ihres Vaters. Im gezeigten Beispiel vergleicht sie Fotos von sich und ihrem Vater und erkennt in sich eine Neuübersetzung des Vaters. – Und zwar eine wortgetreuere eines nicht näher bestimmten Originals.


Alison Bechdel: Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten.
Kiepenheuer & Witsch, 240 S., geb., € 19,95
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