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24. Mai 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org

David Petersen:
Mouse Guard – Herbst 1152

  David Petersen: Mouse Guard Band 1 – Herbst 1152
David Petersen: Mouse Guard Band 1 – Herbst 1152
© David Petersen / Cross Cult
David Petersen: Mouse Guard Band 1 – Herbst 1152

Um den offensichtlichsten Vergleich gleich aus dem Weg zu bekommen, könnte man sagen, dass Mouse Guard für Comics und Mäuse sehr schnell eine Bedeutung einnehmen könnte, wie sie Richard Adams’ Watership Down für die Hasenliteratur vertritt. Hierbei würde man aber (mindestens) zwei Details ignorieren: Zum einen, dass die Mäuse in Mouse Guard wie die Schlümpfe kleine Schwerter, Umhänge, Wägelchen und Häuslein benutzen, und somit weitaus mehr anthropomorphisiert und verniedlicht erscheinen. Zum anderen, dass im Mausbereich des Mediums Comic eine derartige Pionierleistung heutzutage nicht mehr möglich ist. Und als drittes könnte man auch noch erwähnen, dass Mouse Guard nicht in der Jetztzeit spielt, und sich dort auf einem dem Mittelalter (und somit auch dem Genre-Background der Fantasy) entsprechenden Zivilisationslevel (habe sogar recherchiert, dass auch die Menschen damals schon Glas blasen konnten) mit mannigfaltigen Fressfeinden herumschlagen müssen, und nicht wie Pierre Serons Minimenschen mit futuristischen Düsenfliegern den dort vorherrschenden Größenvorteil der den Lesern entsprechenden “großen” Artgenossen wettzumachen versuchen.

Wie der Größenunterschied sowohl Nachteil wie Vorteil sein kann, macht Autor und Zeichner David Petersen schon beim ersten Feindkontakt auf kongeniale Weise klar. Das nahezu quadratische Seitenformat wird von Petersen oft durch vertikale oder horizontale Abgrenzung eines Drittelpanels vorangetrieben, wobei die restlichen zwei Drittel der Seite dann häufig in die andere Richtung abermals gedrittelt werden (eine derartige Vierteilung der Seite findet man mit Variationen etwa auf 25- 50% der ersten zwei in diesem Band sechs versammelten Hefte).

Zurück zum “ersten Feindkontakt”: Auf der ersten von drei hier detailliert beschriebenen Seiten sieht man auf dem oberen, zwei Drittel der Seite einnehmenden Panel drei der Mäusewache zugehörige Mäuse am Bildrand, auf dem unteren horizontalen Panel sieht man hinter Blattwerk versteckt nur eine Schuppenhaut und eine sich gleichfalls hinter den Blättern verbergende nicht völlig schnurgerade Linie eines sich als Soundwords wiederholenden Buchstabens. Der Zisch- und Schlängellaut S steht wie kein anderer Buchstabe für ein Tier, das in erstaunlich vielen Sprachen mit ihm beginnt. Die folgenden zwei Seiten sind jeweils gedrittelt, zunächst horizontal, dann vertikal, wobei die Schlange zumindest auf der linken Seite jeweils die volle Breite der Panels einnimmt, während die drei Mäusegegner jeweils nur ca. ein Drittel des Drittelpanels (übrigens streng demokratisch alternierend) einnehmen. Diese zwei Seiten wirken wie der Kampf von drei Bauern gegen einen Turm auf einem Schachbrett mit neun Feldern. Zwar hat die Schlange einen Größenvorteil und nicht unbedingt einen Geschwindigkeitsnachteil, aber auf engem Raum wirkt es so, als könnten die drei Mäuse diese Vorteile durch ihre Behendigkeit schnell wettmachen (wenn man sich an dieser Stelle auch zurückzieht). Diese kurze Beschreibung sollte bereits klarmachen, wie gekonnt Petersen die ihm zur Verfügung stehenden Mittel nutzt, und mit jedem weiteren Heft vertieft sich auch die tatsächlich an Fantasyepen heranreichende Detailvielfalt der dargestellten Mäusewelt, die wie ein Oz oder Narnia - oder insbesondere die Welt von Watership Down, Peter Rabbit oder The Wind in the Willows bereits im übernächsten Feld oder Wald existieren könnte.

Rein graphisch vereint die aufwendig und liebevoll computerkolorierte Serie Klassiker der illustrierten Kinderliteratur (siehe die britischen Beispiele oben) mit “härteren” Zeichenstilen wie dem eines Steve Pugh (Hellblazer), was aber keinen Abbruch für die Kindertauglichkeit bedeutet. Warum die im Buch durchweg als “Mäusewache” benannte Gruppe auf dem Titel dennoch als Mouse Guard belassen wurde, befremdet mich etwas, doch die Altersempfehlung “ab 8 Jahre” impliziert wahrscheinlich heutzutage, dass selbst die jüngsten Leser längst ausreichend Fremdsprachenkenntnisse besitzen, um nicht vor den Kopf gestoßen zu werden. In meinen Augen klar der mit dem Max und Moritz-Preis ausgezeichneten Kästner-Adaption von Isabel Kreitz vorzuziehen, doch in Erlangen hatten anwesende Deutsche schon immer einen klaren Vorteil gegenüber Ausländern – wenn diese nicht zufällig den weiten Weg auf sich genommen hatten und sich schon dadurch den Preis verdient haben.



David Petersen: Mouse Guard Band 1 – Herbst 1152
Cross Cult, 20,5x20,5 cm, Hc, vf, 192 S., € 24,90
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