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Die Box





2. November 2008
Felix Giesa
für satt.org


Comics am Stück
  1. Orang #7
  2. Plaque #2
  3. Spring #5
  4. Panik Elektro #6
  5. Ich/ I/ Je/ Io
  6. Ballroom Blitz
  7. MOME #11-12
  8. Strichnin #2
  9. Argh! #5
  10. Blutt #8
  11. PlusPlus #4
  12. Spring #6
  13. Orang #8
  14. Aua! Aua! Heiss! Heiss! #2
  15. Triebwerk #4
  16. Orang #9

Comics am Stück 7

  MOME Vol. 11

MOME Vol. 12


MOME

Vor einiger Zeit wurde an dieser Stelle ja bereits auf die Anthologie MOME aus dem Hause Fantagraphics hingewiesen. Am Konzept, junge und bisher noch kaum bekannte KünstlerInnen zu präsentieren hat sich nach wie vor nichts geändert. Nur das „kaum bekannt“ mittlerweile konkret zu einem „in Amerika kaum bekannt“ umgedeutet wurde. Und dies explizit in Bezug auf französische Comiczeichner. So zum Beispiel früh bereits David B. mit den beiden hierzulande noch nicht publizierten historisch-mythologischen Geschichten „The armed garden“ (in Vol. 3) und „The veiled prophet“ (in Vol. 4). In der aktuellen Nummer 12 findet sich nun erneut eine Geschichte von David B., die sich, wie auch schon „The armed garden“, dem Thema der Hussitenkriege des 15. Jahrhunderts annimmt. „The drum who fell in love“ spinnt die Aussage weiter, das Jan Zizka, Heerführer der Taboriten, seinen Gefolgsleuten gesagt haben soll, man solle seine Haut auf eine Trommel spannen. B. entwirft ein Bild einer Zeit, zu der Menschen jeden Standes in naher Erwartung der Apokalypse lebten. Sein feiner Strich, die holzschnittartige Bildgestaltung und die, im Gegensatz zu „Die heilige Krankheit“, ,warme’ Kolorierung eignen sich geradezu ideal, um eine Zwischenwelt voller Dämonen und Geister, in deren Annahme man damals lebte, vorzuführen.

In den Bänden sechs bis acht wurde dann „At loose Ends“ (Deutsch als „Ausser Dienst“ bei Reprodukt 2007) von Lewis Trondheim veröffentlicht. Die diesjährige Sommer-Nummer (Vol. 11) bietet nun, wie das Cover bereits eindeutig erkennen lässt, Comics von Killoffer. Jedoch nicht wieder in Form einer Fortsetzung, sondern mit „Einmal ist keinmal“ eine zwölfseitige Geschichte, die ähnlich anekdotisch multiple Persönlichkeiten sichtbar macht, wie aktuell in dem gefeierten „Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer“ (Deutsch bei Reprodukt 2007) bereits eindrucksvoll zu sehen. Ergänzt werden diese längeren Erzählungen aus Frankreich immer wieder durch unterhaltsame, zumeist gesellschaftskritische, Kurzgeschichten von Émile Bravo. Der in Deutschland beinahe komplett unbekannte Bravo gehört dem Atelierkollektiv Vosges an, welches er zusammen mit David B., Christophe Blain, Joan Sfar und Emmanuel Guibert 1995 gründete. Die wenigen hier gedruckten Seiten machen gespannt auf das für Anfang Februar 2009 bei Carlsen angekündigte „Spirou & Fantasio Spezial“ Album.

Aber es finden sich natürlich auch neue amerikanische Entdeckungen. So der in Band 11 erstmals überhaupt publizierte Conor O’Keefe. In zwei kurzen Comics stellt er die melancholische Figur „paddy“ vor, mit der er ästhetisch wie formal einen ähnlichen Ton anschlägt, wie Winsor McCay in „Little Nemo“. Das paddy mit einer weiten Kutte bekleidet ist, trägt zu diesem Eindruck noch bei. Ähnlich erfrischend sind die lakonischen Science Fiction-Erzählungen von Dash Shaw. Zum zweiten Mal finden sich nun Arbeiten von ihm und bereits jetzt kann man eine eigene Handschrift was Erzählstrategie und Zeichnungen anbelangt erkennen.

Nate Neal; MOME 12
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  Derek van Gieson; MOME 12
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  Conor O’Keefe; MOME 11
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  Killoffer; MOME 12Klicken zum Vergrößern ...

In der aktuellen Herbstausgabe wird der Kreis der MOME-Beiträger ein weiteres Mal erweitert. Derek van Giesons pantomimischer Strip erinnert in seinem Stil, Figuren verloren in der Welt darzustellen, an eine kräftig getuschte Variation der lakonischen Mangas von Kiriko Nananan („Liebe und andere Lügengeschichten“, Schreiber & Leser 2008). Seine Geschichte „Parallelograms“ ist ein Erinnerungs- und Beziehungsgeflecht, das in wenigen Bildern die Brutalität, die menschlicher Liebe oftmals inne ist, vor Augen führt. Ganz anders agiert hingegen Jon Vermilyea in „The Breakfast Crew“. Sein Sonntagmorgen-Cartoon-Stil gone Splatter klärt auf äußerst amüsante Weise die Frage, wie ein vernünftiges Frühstück auszusehen hat. Aufgefallen ist er den Herausgebern auf der diesjährigen San Diego Comicon mit seinen ausgefallenen „Masters of the Universe“-Drucken. Sein penibler Strich und sein übertrieben expressiver Witz zeigen, dass auch in der Humorecke des Comic noch einiges los ist.

Neben den Comics findet sich in jeder Ausgabe eine kurze, aber informative editorische Notiz zur vorliegenden Nummer und Hinweise auf die weiteren Erscheinungen einzelner ZeichnerInnen. Daneben gab es bisher immer ein ausführliches Interview mit einem der MOME-Beiträger. Seit Ausgabe 11 finden sich nun kurze selbstreflexive Essays von Paul Hornschemeier. Es ist eine wahre Pracht, in Hornschemeiers psychische Abgründe mitgenommen zu werden, wenn er vor seinen Phobien bezüglich der Bakterien in Hotelzimmern erzählt oder wenn er von Arbeitsvermeidungsstrategien berichtet: er wäre ein Wirrkopf, der bei allem von Hölzchen auf Stöckchen kommt. Eine Kiste mit Jugenderinnerungen reicht aus und er berichtet ausführlich und weit verzweigt von seiner Jugendliebe Christie Klein„...

MOME begeistert nach drei Jahren immer noch mit jeder Ausgabe, was zeigt, dass das gewählte Konzept ein gutes ist. Dass mittlerweile einige der ZeichnerInnen, wie Gabrielle Bell oder Paul Hornschemeier, zu gefeierten Comicmachern avanciert sind, bestätigt den guten Riecher der Herausgeber.



Eric Reynolds und
Gary Groth (Hrsg.):
MOME Vol. 11 und 12
Fantagraphics 2008
ca. 120 S., $ 14,99
» Fantagraphics
» amazon: Band 11
» amazon: Band 12



Abbildungen aus dem besprochenen Band:

Nate Neal; MOME 12
Seit zwei Ausgaben trägt Nate Neal nun zu MOME bei
und überzeugt zum einen durch seinen abwechslungsreichen
Stil – mal Funny bis hin zu dokumentarisch-realistisch – und durch
eine Erzählweise, die mehrer Handlungsfragmente miteinander verwebt.
Hier erklärt er seine Vorstellung von Comics.


Derek van Gieson; MOME 12
Die schmerzhafte Erinnerung an Vergangenes macht
Derek van Gieson eindrucksvoll sichtbar, wenn sich der alte
Mann aus der Mähne der jungen Frau und den Flecken
des Kittels windend in sein jüngeres Alter Ego verwandelt.



Lakonisch, jedoch nicht hoffnungslos,
erzählt O’Keefe von der Enge der Großstadt.


Killoffer; MOME 12
Killoffer hat offensichtlich einiges an ,schmutziger
Familienwäsche’ zu waschen gehabt!