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Die Box




18. Juli 2013
Dominik Irtenkauf
für satt.org

  Blackfield: IV
Blackfield: IV
KScope August 2013
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Wir sind auf
uns allein gestellt.

BLACKFIELD

Nach zwei Jahren bringen Blackfield ein neues Album mit dem schlichten Titel „IV“ heraus. Ursprünglich wurden Blackfield vom israelischen Popstar Aviv Geffen mit dem Prog Rock-Tausendsassa Steven Wilson (u.a. durch Porcupine Tree, aber auch als Solokünstler bekannt) gegründet. Während auf dem Vorgänger „Welcome To My DNA“ Wilson noch einen größeren Part übernommen hatte, beschränkt er sich nun auf „IV“ auf seinen unverwechselbaren Gesang und einige Gitarrenparts.

Nun zog er sich projektbedingt zurück und Aviv Geffen flog in Köln ein, um dort vor Ort Journalisten zu empfangen. Da jedoch noch ein weiterer Termin am Pressetag anstand, musste satt.org-Mitarbeiter Dominik Irtenkauf mit einem Phoner vorliebnehmen.

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Aviv Geffen. Foto von Chiko Ashkenazi.

Foto: Chiko Ashkenazi

Auf eurem neuen Album findet man erneut eine Vielzahl an Melodien, die dem Ohr des Hörers schmeicheln. Mir fiel aber auf, dass ihr diesmal weniger Rockeinflüsse integriert habt, mal von dem Song ‚Kissed By The Devil‘ abgesehen. Nimmst du selbst einen Unterschied wahr?

Aviv Geffen: Unser drittes Album war das einzige, das einen Namen erhielt. Es wurde dadurch zur Kunst, was zugleich einen Wendepunkt in der Laufbahn von Blackfield darstellt. Auf dem ersten und zweiten Album stand ich noch ein wenig im Schatten von Steven. Seit dem 3. Album bin ich hervorgetreten und zum Bandleader in Blackfield geworden. „IV“ präsentiert mehr von meiner Person. Aber wir wahren immer noch ein Gleichgewicht im kreativen Prozess: Steven spielte einige Gitarren ein, sang auf dem Album. Er singt zwar noch auf dem Album, aber ich denke, inzwischen ist es mehr zu meiner Vision geworden. Es war zum Beispiel auch meine Idee, den Sänger von Suede zu den Aufnahmen einzuladen.

Ich denke, dass er auf ‚Firefly‘ sehr gut singt. War die Musik für dich ein noch zu erforschendes Feld?

Aviv Geffen: Ich war schon immer einer der größten Suede-Fans. Ich reiste ihren Konzerten auf der ganzen Welt nach. Suedes Musik ist sehr charismatisch, und ich könnte mir keinen anderen Sänger für unseren Song ‚Firefly‘ vorstellen. Als er der Zusammenarbeit zusagte, war das für mich ein großer Schritt für unsere Band, ein bedeutender Stempel im Blackfield-Reisepass. Wir waren stets eine Melo-Prog-Band, und als er dann auf dem Album sang, gewannen wir an Facetten hinzu, in Richtung Helligkeit.

 

Blackfield: Welcome to My Dna
Blackfield:
Welcome to My Dna

Kscope 2011

Meine Frage zielte auch darauf ab, wie du dich kontinuierlich mehr in den Blackfield-Stil reingefunden hast. Du meintest gerade, du seist ein wenig schüchtern gewesen, aber ich erinnere mich, dass du bei unserem 1. Interview bereits erklärtest, auf „Welcome To My DNA“ einen großen Teil der Stücke komponiert zu haben.

Aviv Geffen: Ich habe schon immer alle Songs für Blackfield geschrieben, aber seit dem dritten und vierten Album bin ich zur Hauptfigur hinter der Band geworden. Steven trägt seinen Gesang und seine Gitarren bei, aber es ist mehr zu meinem Ding geworden. Ich habe mich mit Steven lange über die Zukunft von Blackfield unterhalten, und wir werden im Februar erneut auf Europatournee gehen.

Zwischen deiner Solokarriere und Blackfield gibt es deutliche konzeptionelle Unterschiede, besonders auch, was die Texte anbelangt. Sie scheinen mir philosophischer zu sein.

Aviv Geffen: Ja, klar. Das ist eine komplett andere Seite der Medaille: ich kann zwar sehr poppige Songs für Blackfield schreiben, aber diese Art Stücke besitzen einen dramatischeren und orchestralen Ton.

Mit solcher Art Musik könnt ihr mehr Hörer erreichen. Im Metal tritt häufig das Problem auf, dass die Botschaft durch zu viel Aggression oder undeutlichen Gesang kaum bei Menschen gehört wird, die mit diesen Extremen nicht zurechtkommen. Bei Blackfield verbirgt sich eventuell eine Tiefe unter der melodischen Oberfläche?

Aviv Geffen: Das stimmt. Du kannst zig verschiedene Effekte mit deinen Gitarren ausprobieren, aber wenn du zum Beispiel im Stadion auftrittst, geht es um die Songs. Zuguter letzt schreibst du Stücke für Jedermann. In Blackfield schreiben wir große und epische Songs. Letztlich hört es sich immer noch nach Rock an, und wir sind noch weit von Dubstep und ähnlichen Stilen entfernt.

Wenn du deine Botschaft verbreiten möchtest, solltest du die Massen auch erreichen können. Ich denke, wir haben durchaus einige Botschaften, obwohl Blackfield immer noch eher eine Art Indie-Band sind, aber vor allem hier in Deutschland wächst unser Publikum. Es handelt sich nicht mehr um ein Seitenprojekt, sondern um eine ernstzunehmende eigene Band. Ich tourte letztes Jahr mit U2 und Placebo. Es wächst offensichtlich zu einer größeren Sache.

Wie war denn die Tour mit diesen beiden massenpopulären Bands?

Aviv Geffen: Es war definitiv großartig und für uns war es eine große Ehre, als Supportband eingeladen zu werden. Wir konnten mit Bono und The Edge spielen. Von ihrer Seite aus war das ziemlich mutig, eine noch relativ unbekannte Band wie uns auf Tour mitzunehmen. Ich bin aber, wie du dir vorstellen kannst, sehr glücklich über diese Möglichkeit gewesen.

Wie haben denn die Zuschauer auf der Tour auf euch reagiert?

Aviv Geffen: Sehr gut. Wir können uns nicht beschweren.

Wie sieht denn die Lage für Blackfield in Israel aus? Bis auf Steven Wilson sind jetzt alle Musiker israelischen Ursprungs, richtig?

Aviv Geffen: Ja. Es geht ziemlich gut, muss ich sagen. Wir spielten vor kurzem eine Show in Tel Aviv. Aber du musst bedenken, dass ich in Israel als ein Symbol gelte. Man verbindet mich als Musiker stark mit der hebräischen Sprache, wodurch es mit Blackfield ein wenig problematisch werden kann. Es kommen zwar nicht wenige Israelis zu unseren Shows, aber sie bevorzugen es, wenn ich als Aviv Geffen auf hebräisch singe.

Wechselst du dann einfach zu hebräisch gesungenen Versionen der Blackfield-Songs?

Aviv Geffen: Ich habe das in der Tat gemacht, und zwar auf dem letzten und dem aktuellen Album. Auf „IV“ im Song ‚Sense Of Insanity‘. Als es heraus kam, war es ein großer Erfolg. Das hat mich sehr gefreut.

 

In Israel ist es also nicht so einfach, als Blackfield Shows zu spielen?

Aviv Geffen: Nicht ganz. Obwohl wir auch Fans in Israel haben, aber die meisten Hörer in Israel wollen mich hebräische Songs singen hören, und mich nicht an die Welt verlieren.

Gut, wechseln wir das Thema: Vincent Cavanagh von der britischen Band Anathema hat auch auf eurem neuen Album gesungen. Die Musik von Anathema hat manche Überschneidungen mit Blackfield, ist aber auch ganz anders, da sich die Band aus dem Doom Metal entwickelt hat.

Aviv Geffen: Mit Blackfield folgten wir demselben Pfad. Anathema begannen mit harter Doom Metal-Musik und kamen dann schließlich bei milder Popmusik an. Ich liebe Vincents grandiose Stimme und er lieferte eine sehr gute Aufnahme im Studio ab. Wir waren wirklich begeistert.

Ich finde, dass generell jeder der insgesamt 5 Sänger auf der „IV“-Scheibe sofort erkennbar ist. (Neben Aviv und Steven handelt es sich um die bereits angesprochenen Gastsänger Brett Anderson von Suede, Vincent Cavanagh von Anathema und Jonathan Donahue von The Flaming Lips.)

Aviv Geffen: Jonathan besitzt ein traumartiges Vibre im Gesang. Ich verehre seine Bands The Mercury Rev und The Flaming Lips. Alle der Gastsänger sind großartige Musiker und für Blackfield war diese Zusammenarbeit sehr wichtig.

Es zeigt ja auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Bands. Nun las ich aus dem Presseinfo heraus, dass Steven von sich aus ein wenig zurückgezogen hat von Blackfield. Das hängt doch sicher auch mit seinem neuen Soloalbum und dem ganzen Produzentenjob zusammen?

Aviv Geffen: Er arbeitete an seinem Soloalbum und wir unterhielten uns lange darüber, ob wir mit dem Aufnahmeprozess zum neuen Blackfield-Album noch warten sollten oder ich bereits anfangen könnte. Unter Freunden kamen wir dann zu dem Entschluss, dass ich bereits mit den Aufnahmen ohne ihn beginnen sollte.

Interessant dabei ist, dass ihr immer noch an eurem Zweiergespann festhaltet. Wird also Steven auch in Zukunft Teil von Blackfield sein?

Aviv Geffen: Ja, natürlich. Wir wollen das noch für eine lange Zeit fortführen. Da es sich um meine Songs handelt, kann ich nächstes Jahr wieder neue Gastmusiker zur Unterstützung einladen. Es wurde zu meinem Spielplatz, was ich gut finde.

Blackfield: IV

Was euer Coverartwork angeht, so zeigt es ein Radioteleskop. Ist dies ein poetisches Bild?

Aviv Geffen: Wir hatten einige Vorschläge auf dem Tisch liegen, und jenes Motiv passte am besten zu Blackfield. Jeder versucht den Himmel nach Antworten abzusuchen. Am Ende sind wir aber alle allein. Ich denke, dass wir heute in einer Art Chaos leben. Es stellt nicht die Frage nach Gott. Ich bin Atheist und denke, dass es keinen Gott gibt. Gott ist eher ein Prinzip zwischen Menschen und Musik kann dir auf dem Weg helfen.

Und das Radioteleskop versucht, Signale zu empfangen.

Aviv Geffen: Ja, aber es wird keine finden, da wir auf uns allein gestellt sind. Sobald wir geboren sind, versuchen wir, wahre Liebe zu finden, auf Gott zu vertrauen, Antworten zu finden. Die Wahrheit ist aber, dass wir allein sind.

Kann das Teleskop auch angesichts der aktuellen Abhörskandale, als eine politische Aussage betrachtet werden?

Aviv Geffen: Ja klar. Es kann auch darauf bezogen werden. Das Bild scheint richtig magisch zu sein.


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Am 30. August erscheint „IV“ auf Kscope Music und benötigt mehrere Durchläufe. Ruhige Musik zum Entdecken.