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Die Box



Mai 2007
Robert Mießner
für satt.org

Mehr Sinn pro Leben
Knud Odde “Als Antwort Insektenschwärme”

Lobt die Autodidakten: Gleich Billy Childish oder Sexton Ming kann Knud Odde, dänischer Maler und Musiker, keine Abschlussurkunde der Kunstakademie vorweisen. Stattdessen gründet der ausgebildete Bibliothekar 1977, wie in Berlin oder London heißt auch in Kopenhagen die Parole des Tages Punk, die Bands Sods und Sort Sol. Letztere, nicht von ungefähr “Schwarze Sonne” auf Deutsch, werden sich 1983 prominente Unterstützung ins Studio holen. Lydia Lunch leiht ihnen auf As She Weeps ihre Stimme, einem acht Minuten langem, alptraumhaften Delirium, das sich zum romantischen Horrorchic der Achtziger verhält wie Berliner Pilsner zu Sternburg.


Knud Odde: Als Antwort Insektenschwärme


Knud Odde
Knud Odde
Foto: Jo Selsing

Es ist auch das bleierne Jahrzehnt, in dem Odde erstmals seine Bilder ausstellt. Gemeinsam mit einer Gruppe junger dänischer Künstler, die sich von den kommerziellen Diktaten Konzeptkunst und Minimalismus befreit hatten und stattdessen auf figürliche, expressive Malerei setzten. Beteiligte erinnern sich an eine Zeit, in der Punk, Literatur und bildende Kunst unprätentiös und immer wieder aufregend zusammenfanden. Eine Zeit, in der Odde kontinuierlich an seinem Stil arbeitet. Er porträtiert Außenseiter, Rebellen und Saboteure des Kunstbetriebs: Erich von Stroheim, Filmpionier und Exzentriker, beworben mit dem Slogan “Der Mann, den zu hassen Spaß macht”. Patti Smith, die Frau, für die bereits Rimbaud Punk war. Mark E. Smith, den nicht korrumpierten Intellektuellen. Henry Rollins, den sensiblen Berserker. Christa Päffgen, die als Nico dem Rock das Fürchten lehrte. Chet Baker, den Verlorenen an der Trompete. Georg Trakl, Sänger der Abgeschiedenheit, dem die Feuerschlünde des Ersten Weltkriegs den letzten Lebensmut nahmen. Odde malt sie alle. Mit energischen Strichen, in leuchtenden Farben, die den Schatten, die Melancholie des gewagten Lebens um so mehr betonen.

Diesen Freitag kommt Knud Odde nach Berlin. In einem Jahr, in dem “Mehr Erfolg pro Leben” als Werbung durchgeht, borgt er sich den Titel seiner Ausstellung bei Günter Eich. “Seid unnütz”, hat der gebürtige Brandenburger, Mitbegründer der Gruppe 47 und Ehemann Ilse Aichingers in einem Gedicht gefordert. Und einen rätselhaften Einzeiler hinterlassen, unter dem Odde seine neuen Bilder versammelt: “Als Antwort Insektenschwärme”. Auf den in China auf Stoff montierten Arbeiten mit Tinte auf Reispapier sind Textzeilen Eichs zu lesen, der auch als Übersetzer aus dem Chinesischen hervorgetreten ist. Dazu kleinere Gemälde. Einsame Männer zeigen sie, die verlassene Landschaften und abgewirtschaftete Industrieanlagen bevölkern. So rätselhaft ist der Titel dann doch nicht. Und, Knud Odde hat nach längerer Abstinenz zurück zur Musik gefunden. The Lonely Nudist heißt seine Box mit drei Vinyl(!)-Singles, im unschlagbaren 45er-Format. Entstanden im Herbst 2006 in Hjortdal, Hanherred. An der Nordwestküste Dänemarks, inmitten tobender Winde und angesichts von Wellenbrechern, hat das Trio, neben Odde musizieren Nikolaj Heyman und Anton Johannes Hejl an Kazoo, Schlagzeug, Tapes, Lapsteel, Clavinet, Gitarre, Banjo, Orgel, Bass (elektrisch und akustisch), berückend intime Musik aufgenommen. Unnütz ist etwas anderes.

Die Ausstellung läuft vom 12. Mai bis 07. Juni 2007,
Eröffnung am Freitag, 11. Mai, 20 Uhr.
Praxis Hagen: Sonnenburger Straße 76
(U/S-Bahn Schönhauser Allee), 10437 Berlin,
Mittwoch bis Sonntag, 14.00 bis 18.00 Uhr.

The Lonely Nudist wird am 11. Mai das erste Mal vorgestellt.
Die auf 500 Exemplare limitierte Box ist auch zu bestellen unter:
www.fabulousgramophone.com.



» www.knudodde.dk
» www.praxishagen.de