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Die Box




April 2007
Christina Mohr
für satt.org

Patti Smith: Twelve


Patti Smith: Twelve
(SonyBMG 2007)

Patti Smith: Twelve
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Anlässlich ihres 60. Geburtstags im vergangenen Dezember macht Patti Smith sich und ihren Fans ein ganz besonderes Geschenk: sie verwirklicht einen langgehegten Traum und veröffentlicht ein Album ausschliesslich mit Coverversionen. Seit Beginn ihrer Karriere als Musikerin und Sängerin baute sie Coverversionen wie "My Generation" von The Who oder Van Morrisons "Gloria" in ihre Konzerte ein und bereits 1978 hatte sie eine Liste mit möglichen Songs für ein Coveralbum zusammengestellt. Diese Liste hat sich im Lauf der Jahrzehnte verändert, einige Songs verschwanden, andere - unerwartete, wie sie selbst sagt - kamen dazu. Die Stücke, die es auf "Twelve" geschafft haben, stammen zum überwiegenden Teil aus den sechziger und siebziger Jahren, der "aktuellste" Song ist Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" von 1991. Diese Auswahl spricht für sich: Patti Smith ist ihren musikalischen Helden treu geblieben, sie selbst hat sich Trends und Moden niemals angebiedert, musikalisch nur dezent experimentiert. Vom Debütalbum "Horses" von 1975 bis zu ihrer letzten regulären Platte von 2004, "Trampin" bleibt sie ihrer ureigenen Spielart des Bluesrock mit Punkgestus verbunden. Ihre Vorbilder, die Poeten und Musiker, wegen derer sie selbst zur Poetin und Musikerin wurde - Rimbaud, T.S. Eliot, Allen Ginsberg, Keith Richards, Bob Dylan, Baudelaire, Burroughs - sind für sie bis heute Referenz- und Orientierungspunkte. Auch wenn ihre Wurzeln und Vorlieben in der Vergangenheit liegen, sie sich technischen respektive gesellschaftlichen Innovationen wie dem Internet mit rührendem Zögern nähert (aber auch nicht verweigert, wie man auf ihrer Website und ihrer myspace-Seite verfolgen kann), wäre es verkehrt, sie als rückwärtsgewandt zu bezeichnen. Nur würde sie nie die Werke und ihre Schöpfer vergessen, die in ihr den Wunsch entstehen liessen, selbst Künstlerin zu werden. Mit Begriffen wie "High Priestess of Rock" oder "Punk-Poetin" wurde sie häufig charakterisiert, in ihrer Person verbinden sich Literatur und Musik wie bei nur wenigen anderen Popstars. 1977 erscheint ihr Lyrikband "Babel", der ihre ausserordentliche Begabung als Dichterin offenbart, ein gutes Dutzend Bücher folgt in der Zukunft.


Tracklist „Twelve“
  1. Are You Experienced?
  2. Everybody Wants To
    Rule The World
  3. Helpless
  4. Gimme Shelter
  5. Within You Without You
  6. White Rabbit
  7. Changing Of The Guards
  8. The Boy In The Bubble
  9. Soul Kitchen
  10. Smells Like Teen Spirit
  11. Midnight Rider
  12. Pastime Paradise

Mit Punk verband sie die Wut auf Institutionen und Reglementierungen aller Art, aber auch die Intensität der Performance: während ihrer Auftritte, die regelmässig eher zu Lese-Happenings als zu üblichen Konzerten gerieten, entäusserte sie sich vollkommen, so sehr, dass sie 1977 bei einem Auftritt von der Bühne stürzt, sich mehrere Halswirbel bricht und nur um ein Haar dem Schicksal entkommt, im Rollstuhl sitzen zu müssen. Und sie war, was Punk betrifft, zur richtigen Zeit am richtigen Ort: in New York lernt sie Seelenverwandte wie Robert Mapplethorpe kennen, aber auch künftige Musikerkollegen wie Tom Verlaine und Lenny Kaye. Die Patti Smith Group tritt im CBGB's und in Max’ Kansas City auf, wo auch die Talking Heads, Blondie, die Ramones und Television ihre ersten Gehversuche unternahmen. Communities bilden sich, Patti Smith wird schnell einer der Fixsterne der New Yorker Punkszene – wobei Smith ihren Teil dazu beiträgt, dass Punk mehr ist als schnell gespielter Rock’n’Roll. Gemeinsam mit Bruce Springsteen schreibt sie „Because the Night“, die Single stürmt die Charts und begründet die Legende Patti Smith. 1979, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, entschliesst sie sich, dem Rockstarleben den Rücken zu kehren. Gemeinsam mit Ehemann Fred „Sonic“ Smith zieht sie nach Michigan aufs Land, um dort eine Familie zu gründen. Viele Jahre hört man nichts von Patti Smith, bis sie 1988 ihr Comebackalbum „Dream of Life“ veröffentlicht. Ihre neu anlaufende Karriere wird jäh unterbrochen durch den Tod ihres Mannes, kurz darauf verliert sie ihren Bruder; auch ihre Freunde Robert Mapplethorpe und Richard Sohl sterben. Doch Patti verzweifelt nicht, sie zieht ihre Kraft aus der Arbeit, der Musik. Das Wissen um die Sterblichkeit lässt sie umso kraftvoller das Leben feiern.

"Twelve" ein rundum stimmiges Album geworden, eine Ikone singt Lieder von Ikonen. Sie bewegt sich auf Augenhöhe mit den von ihr bewunderten Musikern wie Neil Young oder Paul Simon, und vielleicht ist es gut, dass sie 1978 vor der Interpretation solcher Klassiker wie "Are You Experienced?" von Jimi Hendrix zurückschreckte, dem Song, der "Twelve" eröffnet. Vielleicht wäre die junge Patti zu prätentiös, zu "overacting" an Stücke wie dieses herangegangen. Jetzt, mit 60, besitzt sie Würde und Gelassenheit, um die Songs authentisch und selbstverständlich klingen zu lassen, als wären es ihre eigenen. Und es erstaunt, wie gut das funktioniert – erscheint die Songauswahl auf den ersten Blick doch wie eine wertkonservative Anreihung von Rock-Klassikern, die heutzutage nur noch nostalgischen Wert besitzen. Doch Patti Smith gelingt es, die Stücke so zeitlos zu gestalten, dass sie noch immer (oder besser: wieder) nahegehen, berühren. Patti Smith ist ein Familienmensch, so überrascht es nicht, dass neben ihren alten Weggefährten Lenny Kaye, Tony Shanahan, Jay Dee Daugherty und Gastmusikern wie Flea und Tom Verlaine auch ihre Kinder, Jesse und Jackson Smith, auf dem Album zu hören sind. Wenn auch viele Menschen am Projekt beteiligt sind, ist aber stets klar, dass es ihre, Pattis Platte ist. Mit voller, warmer Stimme navigiert Patti selbstbewusst durch die Songs, die überraschende Transformationen durchlaufen: so wird Stevie Wonders "Pastime Paradise" von der Soul- zur Bluesballade, Paul Simons "Boy in the Bubble" bekommt Härte und Gewicht verliehen. Eindrucksvoll ist die Version von "Smells Like Teen Spirit", das mit folkigen Gitarren und Geigen plus Pattis erfahrener Stimme so intensiv und aufrührerisch klingt wie das Original, wenn nicht sogar noch intensiver. Angesichts der unzeitigen Tode in ihrem privaten Umfeld war Patti Smith über Kurt Cobains Freitod nicht bloss traurig, sondern erzürnt und wütend. Sie konnte nicht akzeptieren, wie jemand sein Leben wegwerfen konnte, der so viele Talente besass. In den Linernotes beschreibt sie ihre Gefühle, als sie "Smells Like Teen Spirit" zum ersten Mal hörte: "I identified with the lyrics, the schism of the performer, and felt the source of his anguish, the blessing and burden of being an artist." Sie hat die Bürde stets getragen, mit allen Konsequenzen. Selbstverständlich befindet sich auch ein Song von Pattis grossem Idol Bob Dylan auf "Twelve" - Bryan Ferry hat sich kürzlich mit "Dylanesque", seinem Dylan-Coveralbum nicht nur Freunde gemacht; Patti Smith' Version von "Changing of the Guards" (von Dylans Album "Street Legal", 1978) hingegen ist über jegliche Kritik erhaben. Sparsam instrumentiert und eindringlich dargeboten perlt der Song aus den Boxen, der in Pattis Auswahl derjenige ist, der sie emotional am stärksten berührt. Sie schreibt dazu in den Linernotes, "His songs have often brought me to tears, yet still, I haven't completely discovered why." Weshalb man von Patti Smith’ Musik berührt wird, kann man allerdings genau benennen: es ist die Mischung aus Einfachheit, Aufrichtigkeit und Leidenschaft, die man in jedem Ton, in jedem Wort spürt.

Wer sich nicht nur für das altersweise Werk von Patti Smith interessiert, sondern sich über die frühen Jahre der Künstlerin informieren möchte, sollte einen Blick in das prachtvolle Fotobuch Patti Smith. American Artist werfen. Fotograf Frank Stefanko war ein Schulfreund Pattis, die beiden begegneten sich in New York wieder, wo er ihre Metamorphose zur Künstlerin mit der Kamera festhielt. Die Jahre 1970 – 1980 sind sicherlich die intensivsten und künstlerisch interessantesten in Patti Smith’ Laufbahn und es ist faszinierend zu sehen, was Stefanko in Smith sah, beziehungsweise, wie sie sich inszenierte. Auf den Fotos sieht man einen hageren, schönen, androgynen Tomboy mit rabenschwarzem Haar und geheimnisvollem Blick, ein Dandy, dessen Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen ist. Patti Smith überschritt Gender-Grenzen, ist auf manchen Bildern von ihren männlichen Mitmusikern kaum zu unterscheiden. Trotz ihrer explizit geäusserten (meist hetero-)sexuellen Wünsche war sie das Gegenmodell zu Debbie Harry, die sich zur gleichen Zeit als Tongue-in-Cheek-Sexbombe vermarktete. Ihre Absage an tradierte Weiblichkeitsattribute machen Patti Smith auch heute noch zu einer, jawohl, Ikone.



» www.pattismith.net
» www.myspace.com/pattismith