Anzeige:
Die Box




9. Januar 2012
Jörg Auberg
für satt.org
  Mark Greif: Bluescreen
Mark Greif: Bluescreen: Ein Argument vor sechs Hintergründen. Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Kevin Vennemann. Berlin: Suhrkamp, 2011. 231 Seiten, 15 Euro
» Verlag

amazon:
» Taschenbuch
» Kindle


FATALE FEHLER

Mark Greif analysiert die totale Ästhetisierung der Gesellschaft

Microsoft hat die Gegenwartskultur um das Kuriosum des »Blue Screen of Death« (BSOD) bereichert. Bei einem »kritischen« Fehler stoppt das Betriebssystem des Computers und ersetzt die Programmoberfläche durch eine auf blauem Hintergrund gehaltene Fehlermeldung (»Fatal Error – Press any key to continue ...«). Damit Linux- oder Unix-Anwender diese »authentische Microsoft-Windows-Erfahrung« nachvollziehen können, schuf ein Softwareentwickler den BSOD-Emulator, der auf Zufallsbasis aus dem Pool der BSOD-Codes Fehlermeldungen auf einem blauen Bildschirm generiert. Arbeitet das System dagegen fehlerfrei, können Personen oder Gegenstände mittels der Bluescreen-Technologie vor einem blauen Hintergrund »freigestellt« werden, auf den sich beliebige Folgen von Szenerien projizieren lassen. Dieses Oszillieren zwischen Anomalie und Simulation ist das Thema der Essaysammlung Bluescreen, in der der 1975 geborene Historiker, Literaturwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift n+1 Mark Greif Phänomene wie Internet-Pornografie, Reality-Shows und Hip-Hop einer kritischen Analyse unterzieht und einen provisorischen Bericht hinsichtlich des zivilisatorischen Fortschritts zu erstellen versucht. Ursprünglich erschienen diese Essays (von einer Ausnahme abgesehen) in n+1 und dem Kunstzeitschrift-Ableger Paper Monument zwischen 2005 und 2008 und wurden im neuen Kontext der klassischen edition Suhrkamp-Reihe um ein Vorwort und anekdotenhafte Zwischentexte ergänzt.

In den Augen Greifs ist die gegenwärtige Gesellschaft von einer totalen Ästhetisierung, einer vollkommenen Durchdringung des sozialen Bewusstseins durch mediale Vermittlungen, Fiktionen und Projektionen gezeichnet. In seinem Essay »Im Hochsommer der Sexkinder« aus dem Jahre 2006, in dem Greifs subjektiver, assoziativer Stil am markantesten und überzeugendsten zum Ausdruck kommt, beschreibt er die Sexualisierung der Gesellschaft in Momentaufnahmen einer geschichtslosen Massenkultur, in der die »kultische Verehrung der Jugendlichkeit« einzig auf die Ausschöpfung aller möglichen Ressourcen im täglichen Wettbewerb um den größtmöglichen Anteil am Mehrwert abzielt. Als Personal in den Exhibitionszonen der Kulturindustrie treten austauschbare Figuren auf, die Greif mit den beliebigen Namen Britney, Paris, Christina und Lindsay benennt, wobei die Übergänge von der Pop- zur Pornokultur fließend sind. Greifs Ausleuchtung dieses Terrains ist keineswegs stringent: Sein Weg führt ihn von Vladimir Nabokovs Lolita über Lewis Carroll hin zu den dunklen Regionen von Pädophilie, Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch, um schließlich über die fast grenzenlose Überhöhung der Sexualität in nahezu jedem gesellschaftlichen und kulturellen Bereich zu räsonieren. Die sexuelle Befreiung habe nicht zur Befreiung vom Zwang zur Sexualität geführt, lautet sein Argument, sondern zur Liberalisierung eines Marktes, der immer neue Formen von Konkurrenz und Herrschaft hervorbringe. Sex fungiere in der spätmodernen Gesellschaft als Medium essenzieller Erfahrung, nach der wie nach einer Droge gegiert werde. Im Anklang an die europäischen Aufklärer endet der Essay, der in tastenden und selbstreflexiven Bewegungen das grell ausgeleuchtete Terrain zu erkunden sucht, mit dem Aufruf an die Leser, einer besseren Zeit ein Vorbild zu geben.

Der Vorteil von Greifs Methode ist zugleich ihr Nachteil. Indem er sich auf ein von persönlichen Erfahrungen und Präferenzen geleitetes Erkenntnisinteresse fokussiert, gelangt er zu Einsichten, die mit herkömmlichen, auf »Faktizität« und »Objektivität« (die letztlich Chimäre bleiben) ausgerichtete Methoden nicht zu erreichen wären. Andererseits schränkt dieser subjektive Ansatz das Erkenntnisvermögen permanent ein und ist unfähig, Zellen der Erkenntnis aufzuschließen, die außerhalb des individuellen Erfahrungshorizontes liegen. Dies wird vor allem im Essay über Reality-Shows im kommerziellen US-Fernsehen deutlich. Greif inszeniert sich als Kind der 1980er Jahre, der im Prozess des Erwachsenenwerdens sowohl die Philosophie (als Siebzehnjähriger betrat »Bright Boy« Greif erstmals den Harvard-Campus, um eine Vorlesung über den späten Ludwig Wittgenstein zu hören) als auch die Populärkultur in sich aufsog. Da – wie Michael Denning schrieb – die Massenkultur gewonnen hat und es nichts anderes gibt, hat auch Greif sie als zweite Natur akzeptiert. Einen Standpunkt außerhalb des von der Kulturindustrie eroberten Terrains scheint es nicht zu geben. Hatte Rousseau noch von der »Feier des alltäglichen Lebens« geträumt und gehofft, »dass in einer wahrhaften Republik Vorführungen der alltäglichen Aktivitäten für Unterhaltung sorgen würden«, stellt für Reif, der in einer mikroskopischen Sicht Reality-Shows wie America's Next Top Model oder Big Brother untersucht, das Reality-TV »die düstere Apotheose des rousseauischen Ideals«. Realität wird nicht lediglich reflektiert, sondern über das Medium gestaltet, und die Konsumenten werden durch die Ware Fernsehen verändert. Was Greif in seiner eingeschränkten Perspektive jedoch übersieht, ist, dass die Reality-Show ironischerweise eine Erfindung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens war: Im Jahre 1973 sendete die nichtkommerzielle Senderkette PBS die Reality-Show An American Family, in der vor laufenden Kameras der Zerfall einer Familie gezeigt wurde. Zum anderen ist Greifs Analyse ausschließlich auf die amerikanische Szenerie beschränkt und nimmt nicht die globale Ausrichtung des Reality-TVs auf die Rechnung: Die Formate werden weltweit entwickelt, getestet und vermarktet, wobei sie den jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasst werden. In einem »transborder flow« (wie es der Fachjargon nennt) werden die lokalen Realitäten formatiert und partitioniert.

Zudem nimmt Greif den Zusammenhang von Reality-TV und Pornografie nicht wahr. Zwar konstatiert er, dass die gegenwärtige Kultur »auf allen Ebenen ihrer narrativen Struktur pornografisch geworden« sei, doch ist seine Definition des Pornografischen recht allgemein gehalten: Für ihn drückt sich Pornografie im seriellen Kick »neuer« Erfahrung aus, in der Gier nach Sex und Geld, während er politische und ökonomische Komplexe größtenteils ausblendet. Bezeichnenderweise bleiben die Ereignisse von Abu Ghraib, in denen sich militärische Gewalt in Sadomaso-Posen der Erniedrigung artikulierte und die Jesse Kavadlo als »die perfekte Achse von Pornografie, Reality-TV und Konservatismus« beschrieb, in Greifs Texten vollkommen außen vor. Sowohl das Reality-TV als auch die Porno-Industrie bemächtigen sich der Ideologie des freien Marktes in seiner buchstäblich nacktesten Form und modeln die Konsumenten und Abhängigen nach den jeweiligen Erfordernissen der Profitmaximierung. Stattdessen verliert sich Greif in literarischen und philosophischen Digressionen, die von der Kritik der herrschenden Zustände wegführen. Letztlich ist eine von Subjektivität und Generationschauvinismus gekennzeichnete Erfahrung seine zentrale Kategorie. Dem »Kult der Erfahrung« in der amerikanischen Kultur setzte bereits vor vielen Dekaden der New Yorker Intellektuelle und Begründer der legendären Partisan Review, Philip Rahv, die Kategorie der Geschichte als Motor der Erkenntnis und Veränderung entgegen. Greifs Verdienst ist es, ähnlich wie Hans Magnus Enzensberger in den Einzelheiten mikroskopische Blicke auf die aktuelle Kulturindustrie zu werfen; sein Manko ist jedoch, dass er sich von der Ubiquität der Massenkultur beirren lässt und deren Herrschaft akzeptiert.

Zudem sind die Essays im Original besser zu lesen als in der von Kevin Vennemann besorgten deutschen Übersetzung. »Entertainment culture“ wird zur »Unterhaltungsgesellschaft«, »persistent dream« kommt als »uralter Traum« daher (als existierte das Fernsehen seit Jahrhunderten), »utopia of television« wird zur »Fernsehutopie«, das Verb »watch« verhunzt der Übersetzer zu »ankucken«. So ließen sich noch viele Beispiele anführen. Zwar entstellt die Übersetzung die Texte nicht, aber sie macht den Band in dieser Hinsicht zu einem Ärgernis.