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Die Box




27. Juli 2011
Jörg Auberg
für satt.org
  n+1 Nr. 11 – Dual Power
n+1, Nr. 11: Dual Power. Hg. Keith Gessen, Mark Greif, Chad Harbach, Benjamin Kunkel, Allison Lorentzen und Marco Roth. New York 2011. 220 Seiten. Paperback: 13,95 Dollar, E-Book (PDF/EPUB): 10 Dollar.
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STAUNEN UND WUNDERN

Die New Yorker Kulturzeitschrift »n+1« kritisiert die Ohnmacht des Wissens in einer Gesellschaft, in der Information zum bloßen Bestandsstück einer sich verselbständigten Maschinerie wurde.

Die New Yorker Kulturzeitschrift n+1 bewegt sich in großen Fußstapfen. Im Jahre 2004 von jungen, aufstrebenden Schriftstellern und Intellektuellen wie Benjamin Kunkel, Keith Gessen und Mark Greif gegründet, begreift sie sich als zeitgenössischer Fackelträger der New Yorker Intellektuellen, deren Tradition von Zeitschriften wie Partisan Review, Dissent oder der New York Review of Books etabliert wurde. Als sich 2003 eine Reihe ehemals kritischer Intellektueller für die Rechtfertigung des Irakkrieges einspannen ließ, wollte der Cénacle um Gessen mit der Zeitschrift ein Forum gründen, in dem nicht allein ein politischer Dissens zum intellektuellen Mainstream artikuliert, sondern eine »autonome« Kultur entwickelt werden konnte, die über die verkrusteten Strukturen der »alten Medien« wie Dissent, New Republic, The Nation oder The New York Review of Books hinausging und eine umfassende Kritik des Alltaglebens betrieb. »Wir verstehen uns als ein Forschungsinstitut, das die Form einer literarischen Zeitschrift angenommen hat«, sagte Gessen 2006 in einem Interview mit dem New York Inquirer. »Die Idee ist: Es gibt diese Probleme in der heutigen Welt. Was können wir über sie sagen, was können wir wissen, welche Bedeutung haben sie? Manchmal ist die Buchrezension ist ein recht guter Weg, um an diese Fragen zu kommen; manchmal ist es eine Kurzgeschichte. Langen Essays, wenn sie direkt sind und eine klare Argumentation haben, kann es auch gelingen.«

Eine gewisse Großspurigkeit können die schreibenden, von der eigenen Brillanz überzeugten Absolventen amerikanischer Eliteuniversitäten nicht verbergen und folgen damit einer Tradition der Selbstüberschätzung, die Intellektuelle seit dem 20. Jahrhundert begleitete. Idealerweise würde n+1, erklärte Gessens Redaktionskollege Kunkel in einem Interview mit dem Online-Portal Flavorwire, »die Beschlussfassungen aller Nationalstaaten auf der Welt beeinflussen«, um schließlich den totalen Anspruch der Weltveränderung ironisch zu brechen (»In 10000 Jahren wird n+1 in der DNA der Menschen sein«) und einzugestehen, dass n+1 nicht wirklich einflussreich sei. Letztlich wurde n+1 gegründet, konzediert Kunkel, um die beste Arbeit des Cénacle zu veröffentlichen, und damit ist die primäre Funktion der Zeitschrift treffend beschrieben.

In ihrer jüngsten Ausgabe (mit der n+1 den Sprung in die digitale Distribution wagt) setzt sie sich in ihrer Rubrik »The Intellectual Situation« mit Information und Musik im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit auseinander. »Data data everywhere, and not a thought to think«, heißt es in dem namentlich nicht gekennzeichneten Text »The Information Essay«, der die Fetischisierung der Information in der »Wissensgesellschaft« kritisiert, in der das bloße Wissen um die Fakten nicht mehr ausreicht, um Probleme zu lösen. Vielmehr befördere Wissen die Ohnmacht; Faktenhuberei trage nicht zur Erkenntnis und Vorbereitung einer besseren Praxis bei. Die »gesamte riesige Wissensmaschine dient einzig dazu, uns zu erinnern, dass wir in einer unentrinnbaren Totalität gefangen sind«. Information wird zum Selbstzweck in einer auf sich selbst verweisenden Maschinerie des Immergleichen.

Ähnlich verhält es sich mit der Musik im iPod-Zeitalter. Im Essay »Wall of Sound« wird die durch Apparate der Techno-Industrie bewerkstelligte Allgegenwart der Musik einer Kritik unterzogen, wobei die Strategie des Widerstands widersprüchlich bleibt. Kapitalistische Unternehmen wie Apple beliefern nicht einfach den Markt, sondern bestücken ihn mit humanoiden Erweiterungen ihrer technologischen Produkte, indem das Marketing die Waren mit einem avancierten, scheinbar individualisierten Image in der Massengesellschaft ausstattet und so den Käufern die Illusion vermitteln, als iPod-Kunden seien sie etwas Besonderes, Herausgehobenes in der globalen Massengesellschaft. Am Ende gilt der Akt der Überantwortung an die Macht des Marktes als soziale Partizipation, während die Gegenstrategie der »Großen Weigerung« (wie sie Herbert Marcuse entwarf) letztlich im sozialen Tod endet. Auch n+1 reiht sich mit ihrem digitalen Abonnement in die globale, allseits verfügbare Verwertbarkeit ihres Produktes in den Markt ein, ohne dass ihre Urheber das eigene Verhalten kritisch hinterfragen.

Trotz allem repräsentiert n+1 die kritische Fraktion der Intellektuellen in den USA. Die Zeitschrift öffnet nicht allein den Raum für Reflexionen über Erfahrungen aus den arabischen Krisenregionen oder den Kriegszonen amerikanischer Soldaten, sondern vermittelt Einblicke in andere Regionen der Welt, die schließlich auch die »Home Front« in einem anderen Licht erscheinen lässt. Benjamin Kunkel, der 2005 mit seinem Roman Indecision zu einem Shooting Star in der literarischen Szene New Yorks aufstieg und nun seit einigen Jahren im selbstgewählten Exil in Buenos Aires lebt, beschreibt in seinem langen Essay »Argentinidad« nicht nur die Geschichte des Peronismus, sondern den Weg Argentiniens von der Verschuldung in eine neue Zukunft. Angesichts der momentanen Situation scheinen die USA und andere Staaten diesen Weg noch vor sich zu haben.

Neben diesen Auseinandersetzungen mit kulturellen und politischen Problemen wirken die Beiträge über den englischen Poeten J. H. Prynne, der zu den Vertretern einer eher »obskuren« poetischen Richtung gehört, oder die Buchkritiken zu Fragen des akademischen Marktes und zu Werken des englischen Schriftstellers und Konzeptkünstlers Tom McCarthy etwas abgehoben, doch ist der Vorwurf des kulturellen Elitismus, wie ihn das Internet-Portal Left Eye on Books gegen n+1 vorbringt, ungerechtfertigt, da hinter dieser ästhetischen Konzeption keine elitäre Vorstellung von Hochkultur steht, sondern eine kritische Idee von Kunst als eine Form des Widerstands gegen die Vereinnahmung durch die Gesellschaft. In dieser Ausgabe ist dies jedoch weniger gelungen, da die Rezensionen nie das akademisch umzirkelte Terrain verlassen und im Grunde den intellektuellen Ansprüchen der Zeitschrift nicht genügen. Dessen ungeachtet löst diese Ausgabe von n+1 ein einzigartiges Staunen und Wundern beim Lesen aus, wie es nur selten geschieht.