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27. Mai 2026
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Passenger (André Øvredal)


Passenger
(André Øvredal)

Originaltitel: Passenger, USA 2026, Buch: Zachery Donohue, T.W. Burgess, Kamera: Federico Verardi, Schnitt: Martin Bernfeld, Musik: Christopher Young, Kostüme: Kimberly Adams-Gallagan, Production Design: Sean Haword, Art Direction: Whit Vogel, mit Lou Llobell (Maddie), Jacob Scipio (Tyler), Melissa Leo (Diana), Miles Fowler (Lucas), Alan Trong (Daniel), Joseph Lopez (The Passenger), James William Clark (Brad Fuller) u.v.a., 94 Min., Kinostart: 28. Mai 2026

Passenger ist ein Horrorfilm, bei dem einiges schief gegangen ist, mich hat er aber trotzdem gut unterhalten. Und darüber will ich berichten.

Der Trailer zum Film spielt vor allem mit einer Anfangsszene, in der es um zwei junge Männer namens Lucas und Daniel geht, die nachts mit einem Auto unterwegs sind. Gefühlt hat man mit diesen beiden Mit- bis Endzwanzigern so 12 bis 20 Minuten verbracht, bis (neben anderen Geschehnissen) ein effektvoller Jumpscare die Einblendung des Filmtitels mit sich bringt, und danach die "eigentliche" Geschichte des Films mit einem jungen vor der Verlobung stehenden Hetero-Paar (Lou Llobdell als Maddie, Jacob Scopio als Tyler) beginnt.

Damit fällt der Film in zwei sehr unterschiedliche Teile. Der erste Teil mit den beiden Jungs spielt nur nachts, man weiß noch überhaupt nicht, worum es geht, und man wird, wie man so schön sagt, direkt in medias res versetzt. Man könnte auch von einem Schlag in die Magengrube sprechen. Dafür muss man eigentlich nur wissen, dass die durch die Nacht fahren und (ein vorhersehbarer, aber dennoch hübscher Gag) Lucas zu viel trinkt, er seine Blase überschätzt, und die Pinkelpause, das weiß man als erfahrener Horrorfilm-Schauer instinktiv, wird nur kurzfristig so was wie "Erleichterung" verschaffen.

Das Intro ist kurz, kommt zur Sache, zieht den Adrenalin-Schieber hart nach oben, und die Minimaldialoge sind unterhaltsam. Die eigentliche Geschichte des Films hat noch gar nicht begonnen, aber man hat als Zuschauer einen Wissensvorsprung gegenüber dem jungen Paar (das mit Einstieg in den Film gleich erstmal ihr Leben komplett umkrempelt, weil sie fortan mit einem zum Van umgebauten Mercedes-Transporter auf engstem Raum dauerhaft unterwegs sein wollen). Das mit dem Wissensvorsprung hat sich in Horrorfilmen so etablierten, weil man auf diese Art gleich zum Einstieg die Stimmung antriggern kann. Es hilft auch dabei, die Protagonisten (vor allem bei hoher Sterblichkeitsrate) nicht unnötig dumm erscheinen zu lassen.

Denn in Horror-Filmen ist es eine dramaturgische Notwendigkeit, dass sich Figuren unnötig in Gefahr bringen, weil die halt nicht wissen, dass sie in einem Horrorfilm stecken, in dem vor ihrem Erscheinen schon etwas geschehen ist, was eine gewisse Vorsicht ratsam erscheinen lässt. Die Klugscheißer auf den Kinosesseln kommen dann gern mit Weisheiten wie "Warum geht der Depp denn auch auf den Boden / in den Keller? Das hätte ich nie gemacht!" Wenn man sein Leben aber nicht in einem Horrorstreifen fristet, steht man selbst als Depp da, wenn man im alltäglichen Leben nicht in den Keller / auf den Boden geht, weil da irgendwas geraschelt hat oder so. Filmprotagonisten (nicht nur in Horrorfilmen) haben halt ein gänzlich anderes Leben, die sehen z.B. fast nie Kloschüsseln oder Gehaltsabrechnungen, wohnen in einem riesigen Loft, ohne eine entsprechend gut vergütete Arbeitsstelle zu haben usw.

In meinen Stabangaben habe ich die Filmrollen übrigens bis auf eine Ausnahme ohne Nachnamen angegeben, weil die Familiennamen bei diesen aus einem Herkunfts-Umfeld herausgerissen auftreten. Ach ja, zurück zum zweiten (deutlich längeren) Teil des Films. Der hat zwar einige Nachtpassagen, aber zwischendurch wird es immer wieder Tag, fröhliche Musik wird dann gespielt, und das junge Paar darf seine Unterschiede ergründen und bequasseln. Wer sich für die beiden interessiert, der darf das auch einfordern, aber das gemeine Horrorpublikum will ja gar nicht wissen, was Ellen Ripley für eine Ausbildung hatte oder wie Laurie Strode zu ihrer Familie steht (bis das dann im zweiten Halloween-Film für die Geschichte wichtig wird). Wenn der Verlobungsring bei der Nachtfahrt zu den Füßen der Fahrerin landet, ist das der spannendste Teil dieser wichtigen menschlichen Bindung, es geht hier halt nicht darum, zu zeigen, wie gut das Paar zusammenpasst. Aber wenn irgendeine Beziehungsdynamik erklärt wird, wird das Publikum ungeduldig, wann denn endlich mal wieder jemand stirbt...

Was so kompakt und konzentriert begann, verfasert sich zunehmend (ich habe dieses unfreiwillige Stilmittel ganz bewusst auch in meinen Text mit übernommen), und das Publikum wird auch nicht mal zwischendurch "bei Laune gehalten", wenn ab und zu mal ein Kollateralopfer eingestreut wird (auch eine gängige Horror-Praktik). Was stattdessen passiert? Im Dialog werden mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit doppeldeutige flapsige Sprüche abgesondert, die gut in die Kategorie "Famous Last Words" passen würden.

"Then I'll guess you go to hell."
"This won't be the last hot spring."
"If we survive six weeks on the street, we'll survive everything."
"I swear this won't be a bad omen."

Passenger (André Øvredal)

© 2026 Paramount Pictures

Außerdem erfahren wir halt mehr über unser "Helden-Paar". (Ich benutze diesen Begriff, ohne dabei einen Ausgang des Films implizieren zu wollen. Es geht mir nur um die dramaturgische Situation.) Wir erfahren, dass er auf sein Medaillon des Heiligen Christopherus Wert legt, den Schutzpatron der Reisenden, sie vertraut eher auf Technik und steht auch traditioneller Religion eher kritisch gegenüber. Ihren Standpunkt zu christlichen Pamphleten bringt man im Film noch cineastisch herüber (kostet mehr Zeit, ist aber filmisch und kein Hörspiel mit talking heads). Dann gibt es eine kleine Szene nach sechs Wochen "on the road", die abgesehen von Close-Ups von sich auf dem Armaturenbrett ansammelnden Kinkerlitzchen mehr behauptet als gezeigt werden, und von einem Standort für die Übernachtung aus sieht Maddie durch die Fenster eines Familienhauses, wo harmonisches, aber nicht überzogenes Familienleben demonstriert wird. Der halbwegs aufmerksame Betrachter erfährt dadurch ziemlich viel über Maddies Standpunkt zum "Vanlife", das für ihren Verlobten einen gelebten Traum bedeutet. Für den bevorstehenden dramaturgischen Bogen, der für die Horrorgeschichte keine Riesenbedeutung hat, wird einiges an erklärenden Dialogen in den nächsten Tagen verwendet, und das nimmt immer wieder das Tempo aus dem so packend gestarteten Film.

Aus Gründen, die ich nicht genau benennen kann, hatte ich damit aber kein Riesenproblem, denn ich schaue nicht mehr so viele Filme wie vor Corona, und kann mich auch mal an Kleinigkeiten erfreuen. So achte ich zum Beispiel auf die zunehmend über*irdischen Fähigkeiten des "Passengers", die sich anfänglich auffällig auf den Van beziehen. Die Dashcam hat technische Probleme ("corrupt media"), das Licht geht aus, die Hupe ertönt wie von selbst, mal zieht der Sicherheitsgurt die Fahrerin zurück, und so weiter. Im Wohnmobil befindliche Äpfel sind auch plötzlich verrottet, das gibt es glaube ich auch irgendwo in der Bibel (oder in Poltergeist?). All das ist immer dadurch motiviert, dass der Passenger mit ihnen spielt wie die Katz mit einer Maus, und findige Kritiker haben spätere Entwicklungen des Film deshalb als logisch inkonsistent bemängelt. Tja, stimmt irgendwie, aber ist mir auch egal.

*Vielleicht trifft "unter-irdisch" es besser...

Passenger (André Øvredal)

© 2026 Paramount Pictures

Ob ein im nächsten Film jeweils wieder auferstehender Jason, Dracula oder Michael Myers, ob Flüche, Geister, Besessenheiten, ein nicht fassbarer Sensenmann mit einer Abtrittsliste, Logik ist ja gut und schön, aber ich bin nicht Sheldon Cooper, der wissenschaftlich zu erklären versucht, warum Green Lantern ein Problem mit der Farbe Gelb hat. Genauso gut kann ich mit einem Dreijährigen darüber diskutieren, warum er einen Elefanten nicht rosa ausmalen sollte. Was zählt, ist halt das Filmmaking. Okay, die Dramaturgie und das Pacing sind vermurkst, das Drehbuch hat auch ein paar Probleme, aber es gibt ein paar wirklich schöne Szenen.

Schon bei Lucas und Daniel ist mir aufgefallen, wie hier mit der Kamera gearbeitet wird. Die ist im und um das Fahrzeug herum wirklich clever und aufwendig eingesetzt. Das erinnert mich ein bisschen an Fright Night (Javier Aguirresarobe) oder sogar Children of Men (Emmanuel Lubezki). Später gibt es eine hübsche Kreiselfahrt auf einem Parkplatz, mit der Kameramann Federico Verardi und sein Team vorgeblich einem nächtlichen leeren Parkplatz die gerade Frauen bekannte Unheimlichkeit nehmen. Jeder Film, der sich Zeit nimmt, die Topographie zu erkunden, ist in meinen Augen ein Gewinner. Doch das Perfide bei dieser Szene ist: auch, wenn man alles um Maddie herum sieht, schafft es diese Szene, die Bedrohung nach viel deutlicher hervorzuheben!

Das schon zu oft angespielte Lied: leider dehnt man auch diese Szene zu sehr, dass der kritische Punkt dann wieder verpufft.

  US-Plakat Passenger (André Øvredal)

Ich könnte jetzt zu meiner Lieblingsszene springen, aber ich habe noch ein paar Dinge, die ich loswerden will. Wer den Trailer gesehen hat, oder das deutsche Filmplakat, weiß von der Statistik-Tagline des Films, die für Hype sorgen sollte, mich persönlich aber komplett kalt lässt. Statistisch gibt es im Jahr fünf bis siebenstellinge Opferzahlen durch tollwütige Hunde, Giftschlangen und Krankheiten übertragende Moskitos. Weltweit muss die Haipopulation sich schon anstrengen, um die Zweistelligkeit verstorbener Schwimmer anzukratzen (okay, letztes Jahr sollen es 12 gewesen sein), aber abgesehen von einigen Low-Budget-Filmen über mutierte Moskitos, den Stephen-King-Klassiker Cujo, Snakes on a Plane und meinetwegen Venom (nichts mit Tom Hardy, ein Film von 1974 mit dem deutschen Titel "Die schwarze Mamba" gibt es zu den statistisch relevanten Tieren kaum Filme, aber zig, wenn nicht Hunderte von Tierhorror-Streifen um Haie in allen denkbaren und undenkbaren Variationen. Abgesehen von der Final Destination-Serie gibt es auch kaum Horrorfilme um tödliche Leiterunfälle im eigenen Haushalt. Horrorthemen werden halt nicht statistisch ermittelt!

Ich springe mal etwas zur Mitte des Films, als die frisch verlobten Besitzer des zum Van umgebauten Mercedes-Transporters immer deutlicher die Gefahr spüren, aber trotz eines brutalen Todesfalls noch reichlich ahnungslos durch den Film stolpern. Wer taucht da plötzlich und unerwartet auf einem Caravaning-Treffen auf? "Supporting actress" Melissa Leo (für David O. Russells The Fighter 2010 mit dem Oscar ausgezeichnet, aber sie war auch verlässlich gut in Filmen wie Denis Villeneuves Prisoners, Todd Haynes' Fernsehversion von Mildred Pierce, Tommy Lee Jones' The Three Burials of Melquiades Estrada oder The Big Short) ist hier die hilfreiche straßenerprobte ältere Dame, die offenbar mehr weiß und die Kernregeln des Films liefern darf:

"You stay off the quieter roads. Don't drive nights, and if you do, don't ever stop!"

Das amerikanische Original-Filmplakat gefällt mir deutlich besser. Nicht nur, weil es graphisch really nice gestaltet ist (ja, ich halte mich bedeckt, was den Antagonisten des Films angeht, aber hier gibt es Hinweise), sondern auch, weil diese auf vier Worte heruntergebrochene Kernregel des Films für mich ein viel besseres Verkaufsargument ist als die Anzahl von verschollenen (oder verstorbenen) Reisenden.

Passenger (André Øvredal)

© 2026 Paramount Pictures

Nun komme ich aber zu meiner (chronologisch vor der Regelerklärung liegenden) Lieblingsidee und -Szene im Film. Auch, wenn die Liebe zwischen Maddie und Tyler nicht gerade vor Leidenschaft knisternd inszeniert wird, gibt es mit Rosenblüten oder kleinen Geschenken auch romantische Momente. Zum Beispiel einen Filmabend (natürlich im nächtlichen Wald), denn auch wenn die beiden keine Anhänger des "Glamping" sind, so sind sie doch technisch sehr gut ausgestattet und haben sogar einen mobilen Beamer. Zack, eine Leinwand zwischen zwei Bäume aufgespannt, schon kann man gemeinsam einen der großen Klassiker der RomCom-Geschichte schauen: William Wylers Roman Holiday von 1953. Der in Deutschland "Ein Herz und eine Krone" betitelte Film hat mit Audrey Hepburn und Gregory Peck eine Besetzung, die für mich im Standgas selbst Meg Ryan und Tom Hanks oder Hugh Grant und Julia Roberts stehen lässt.

Nur stören beim popcornunterstützten Kuscheln halt diese im Unterholz knackenden Äste, und Tyler geht der Sache mit der Taschenlampe nach... Wie man diese Situation auf wirklich clevere Art in den Film einbaut, will ich nicht nacherzählen, dafür würde ich das gesamte Eintrittsgeld geben, es noch mal zum ersten Mal sehen zu dürfen. Und diese Szene wird auch nicht zu lang gestreckt, sie funktioniert einfach wunderschön, und man muss den Schwarzweiß-Film auch gar nicht kennen.

Passenger (André Øvredal)

© 2026 Paramount Pictures

Roman Holiday hat übrigens auch so was ähnliches wie einen jump scare, wer bei Youtube nach dem Filmtitel und "The Mouth of Truth" sucht, findet diese hübsche kleine Szene, die in Passenger nicht auftaucht (erwähne ich nur für die Leute, die sich über zu viele jump scares aufregen). Und ganz nebenbei löst Passenger hier Wait until Dark, eine Theaterverfilmung über ein blindes Einbruchsopfer, als gruseligsten Film ab, in dem Audrey Hepburn auftaucht.

Für die Logik-Beharrer schwächelt Passenger auch beim Showdown, der für die Umsetzung bestimmter Ideen etwas unmotiviert die Story eine ganz neue Richtung einschlagen lässt, aber auch das habe ich einfach mal so durchgehen lassen, weil nach der Wiederkehr von Melissa Leo (die ihre Rolle als die eines "Schutzengels" interpretiert) der Film endlich das dramatische Tempo entwickelt, das leider hier und da fehlte. Und bei allem Gemecker über das Drehbuch kommen hier auch noch zwei bis drei pay offs, die die fröhlichen Tage als notwendige Vorbereitung für den Kampf mit dem Bösen rechtfertigen könnten... Na gut, okay, das glaubt mir jetzt auch keiner wirklich. Aber ohne Bob Ross und Hawaii Five-O hätte mir doch was gefehlt.

◊ ◊ ◊

Für diese Kritik habe ich so viel recherchiert wie lange nicht mehr (und zwar habe ich nicht nur Verrisse gelesen, denen ich im Kern doch irgendwie Recht geben musste, was meine Arbeit nicht leichter machte. Und dabei musste ich eine große historische Ungerechtigkeit erkennen, über die ich bisher nie nachgedacht hatte... Audrey Hepburn war für Roman Holiday und drei andere Filme jeweils für einen Bambi als internationale Schauspielerin nominiert gewesen, hat aber erst 1991, zwei Jahre nach ihrer letzten Filmrolle als Schutzengel für Steven Spielberg und zwei Jahr vor ihrem Tod einen für ihre Wohltätigkeitsarbeit erhalten. Wenn man eine menschliche Personifizierung des Begriffs "Rehaugen" sucht, kommt man ihr nicht vorbei, und William Wyler schenkte ihr mal ein Rehkitz, das einige Monate bei ihr wohnte. Wenn es je jemanden gab, der sich ein Leben lang an dieser Statuette erfreut hätte, wäre das Audrey gewesen. Ich hoffe nur, sie hat es gar nicht mitbekommen, dass die Auszeichnung als "internationale Schauspielerin" in den Jahren 1956-64 mit ermattender Gleichmäßigkeit jeweils an Gina Lollobrigida bzw. Sophia Loren ging. Ich stecke nicht tief genug in der Materie, um die Bedeutung der kürzeren Anreise für die Auswahl der jeweiligen Preisträgerin genau festmachen zu können.