How to make
a killing -
Todsicheres Erbe
(John Patton Ford)
USA 2025, Buch: John Patton Ford, Kamera: Todd Banhazl, Schnitt: Harrison Hatkins, Musik: Emile Mosseri, Production Design: Christian Huband, Kostüme: Jo Katsaras, mit Glen Powell (Becket Redfellow), Margaret Qualley (Julia), Jessica Henwick (Ruth), Bill Camp (Warren Redfellow), Zach Woods (Noah Redfellow), Topher Grace (Steven Redfellow), Ed Harris (Whitelaw Redfellow), Raff Law (Taylor Redfellow), Nell Williams (Mary Redfellow), Damien Wantenaar (The Cellist), Alexander Henson (McArthur Redfellow), Bianca Amato (Cassandra Redfellow), 105 Min., Kinostart: 9. April 2026
Ein Presseheft ist ein wichtiges Instrument bei der Vermarktung z.B. eines Films. Dem Journalist wird konzentriertes Infomaterial, das dessen Arbeit erleichtert, in die Hand gespielt (einst gedruckt, heutzutage meist als pdf oder andere Textdatei). Also z.B. die Stabangaben, sowas wie eine Produktionsgeschichte mit Interviewschnipseln, beliebt sind auch Inhaltsangaben in unterschiedlicher Länge oder verkürzte Filmographien der mitwirkenden Filmemacher. Bei Filmen, die erst mit Verspätung im Ausland anlaufen, gibt's auch gern mal gesammelte Pressestimmen.
Ganz klar geht es aber immer darum, die Pressemokel sanft zu manipulieren, ihre Kritiken positiv zu formulieren. Man wird noch mal an die Stärken des Films erinnert, bekommt etwas erklärt oder ins Gedächtnis zurückgerufen, was man vielleicht nicht komplett verstanden hatte, oder durch Pinkelpause oder Power-Nap verpasst hatte. Nicht vergessen wollen wir auch die "Texter", die zum Beispiel für die Filmtips im U-Bahn-Fernsehen zuständig sind, den jeweiligen Film nicht gesehen haben und nur die Textbausteine auf zweieinhalb Sätze runterkürzen. Es gibt halt unterschiedliche Arten von Journalisten: Mancher will dem Werk gerecht werden oder seiner Leserschaft etwas bieten, ein anderer will in kürzester Zeit eine bestimmte Textlänge erreichen, entweder wegen der Produktions-Effizienz in der Redaktion oder weil er dringend eine Raucherpause braucht.
Ich habe einen (Freelancer-)Job im Bereich Filmkritik verloren, weil die Nachbearbeitung meiner Texte durch Kollegen, die den Film fast nie kannten, zu lang dauerte. Einen anderen, weil die Zeitschrift in der veränderten Kiosklandschaft keine schwarzen Zahlen mehr schrieb. Nun habe ich einen Job, der kaum weniger mit Filmkritik zu tun haben könnte, und schreibe weiter über Filme, weil es mir Spaß macht. Damit verdiene ich nichts, meine Leserschaft ist zusammengeschrumpft, aber die meisten Verleihe laden mich immer noch ins Kino ein und stellen mir ein Freigetränk, vielleicht weil meine ehrliche Begeisterung halt ansteckend ist.
Aber sie stellt sich nicht immer ein.

© Ilze Kitshoff / Studiocanal_SAS
Das (größtenteils englischsprachige, also "originale") Presseheft zu How to make a killing hat es vollbracht, meine ohnehin nach der Sichtung negativ gestimmte Meinung noch zu vergiften, weil die angehäuften Lobpreisungen aus meiner Sicht nicht nur unverhältnismäßig absurd wirkten, sondern zum Teil sogar vermeintliche Stärken des Films so formulierten, dass sie gleichzeitig genau das auf den Punkt brachten, was mich am Film abtörnte.
Es fängt damit an (und ich paraphrasiere hier das Presseheft, wenn meine eigene Meinung einfließt, werde ich das deutlich machen), dass Glen Powell (Hauptdarsteller und Executive Producer von How to make a killing) durch Top Gun: Maverick plötzlich so bekannt geworden war, dass er jetzt seine weitere Karriere gezielt planen konnte. (Okay, das habe ich ein klitzekleines bisschen zugespitzt, aber ich zitiere mal direkt aus dem Presseheft:)
Back in 2023, Glen Powell says he found himself at a crossroads. The now 37-year-old star was enjoying a trajectory that had, appropriately enough, taken a stratospheric upwards turn thanks to his standout performance in Top Gun: Maverick. He also had another two movies in the can: Hit-Man, that he co-wrote and produced alongside director Richard Linklater, and Anyone but you, his high-concept, much paparazzied rom-com with Sydney Sweeney, that he was confident would cement his status.
But Powell craved something deeper. Something provocative and punchy that would push people's buttons while thrilling them with the kind of amoral maze of a movie he'd grown up loving watching himself. A genre-stretching picture that would satisfy a personal creative itch and have audiences debating its rights and wrongs long after the credits rolled.
He'd found precisely what he'd been looking for in How to make a killing, the wickedly entertaining thriller from acclaimed writer-director John Patton Ford, that is about to unleash its gripping revenge plot and razor-sharp wit on mainstream crowds and avid movie-goers alike, across the world.
Okay, an der Stelle müssen wir mal Luft holen. Ich habe Top Gun: Maverick nicht gesehen, weil ich schon Top Gun einen komplett überflüssigen Mist fand. Kelly McGillis und "Take my Breath away" waren prägend für die Zeit, Tom Cruise natürlich auch, und ein paar seiner Schauspiel-Kollegen damals haben einen guten Job gemacht, aber schon mit 20 oder so fand ich diese ganze aufgeblasene Hochglanz-Militaristik unerträglich.
Wie toll (oder nicht) Glen Powell darin also war, kann ich nicht beurteilen. Hit-Man ("deutscher" Titel: A Killer Romance) hat mich nicht überzeugt, bei meinem Lobgesang auf Linklaters letzten Film Nouvelle Vague habe ich den nicht mal erwähnt, weil ich ihn eher als "Ausrutscher" in der Karriere des Regisseurs empfinde. (Ist auch nicht der einzige, aber darum geht es an dieser Stelle nicht.)
Der Sweeney-Film lief glaube ich vor sechs Wochen oder so auf Sat.1, da habe ich mal reingezappt, aber das "High Concept" konnte ich nicht auf Anhieb erkennen. Dass bei Dreharbeiten viele Paparazzi auftauchen, ist übrigens keinerlei Qualitätsmerkmal für einen Film. Den typischen Presseheft-Stil findet man übrigens bei der seltsamen Aufzählung "mainstream crowds and avid movie-goers alike", mit dem man subtil der ganzen Welt unterjubelt, dass man diesen Film sehen sollte, weil man ja entweder auf das Zeug steht, was alle sehen (natürlich hübscher formuliert), oder darauf Wert legt, einen ganz eigenen Film-Geschmack zu haben. "If you love peanuts or hate them: you have to try this!"

© Ilze Kitshoff / Studiocanal_SAS
"[P]rovocative and punchy", "razor-sharp wit", "amoral maze of a movie"... hmmm, aber ich saß doch im Kino, wie konnte ich das verpassen!?! How to make a killing ist ja, soweit lügt das Presseheft nicht, "a loose, loose reimagining" von Kind Hearts and Coronets (dt. Titel: Adel verpflichtet), einer dunklen Komödie von den britischen Ealing Studios, die einst auch Filme wie The Ladykillers rausbrachten, wo meist prominente, nicht mehr ganz junge Schauspieler in Krimi-Plots verwickelt wurden, bei denen es mehr um Gags als um Gerechtigkeit ging. Sowohl der Klassiker mit Alec Guinness in nicht weniger als acht Rollen als auch das Glen-Powell-Vehikel ("a more bombastic, American version of it") erzählen von einem sich ungerecht behandelten Herrn von geringem Stande, der sich gezielt durch die Erbfolge einer quasi-adeligen Familie mordet, um sich zu holen, was ihm vermeintlich zusteht.
Im Presseheft (ich habe keine Lust mehr, daraus ganze Absätze abzutippen, glaubt mir oder nicht, dass ich nicht bösartig etwas verfälschen möchte) erklärt Powell, dass er halt Figuren wie Patrick Bateman oder Travis Bickle toll findet, weil diese Antihelden es schaffen, dass das Publikum trotz verwerflicher Handlungen "hinter ihnen stehen" zu lassen (meine Formulierung, mir fällt gerade keine bessere Übersetzung für "to root for s.o." ein).
Während man im Presseheft implizit Glen Powell mit Christian Bale und Robert De Niro vergleicht und Regisseur John Patton Ford ganz konkret in eine Reihe mit Paul Thomas Anderson und Quentin Tarantino setzt (Wow! Geht's auch eine Spur bescheidener?), fällt mir vor allem auf, dass sich die Hauptfiguren aus Taxi Driver und vor allem American Psycho (Sorry, hier kann ich die abgedrehte Quasi-Komödie nicht komplett von der Romanvorlage trennen) nicht wirklich als "role models" empfehlen (und beide Filme eigentlich vom Publikum erwarten, dass es den Transfer schafft, selbst die vielleicht von bestimmten Leuten* "politisch vertretbare" Selbstjustiz von Travis nicht als Heldentat zu sehen). Dass das Publikum hinter den Hauptfiguren steht, ist einfach Teil des Mediums, das war schon in Psycho so (die Szene mit dem zu entsorgenden Auto, auch, wenn man da noch nicht weiß, dass Normans Mutter nicht 100% die Killerin war), und selbst bei klaren Horror-Antagonisten wie Freddie Kruger wurden diese Genres inzwischen so verdreht, dass der Killer auch schon mal Szenenapplaus bekommt.
*Ich meine nicht die Eltern der Jodie-Foster-Figur, sondern Verfechter der Todesstrafe, Typen aus der National Rifle Association und so...

© Ilze Kitshoff / Studiocanal_SAS
Konträr zu vielem, was in diesem Presseheft steht, war How to make a killing einfach eine große Enttäuschung. Ich muss doch nochmal zitieren, und zwar diesmal Glen Powell höchstpersönlich (nie vergessen, er hat den Film mitproduziert, es ist in vieler Hinsicht sein Job, alles toll zu finden).
We've all seen American Psycho. We've seen derivatives of it. We've seen Taxi Driver. We've seen derivatives of that too. But the way John was conceptualising this movie, his vision behind it, I was like "I've never seen that movie - it's like Ocean's 11 with murder. It's rock 'n' roll. It's got swagger." John reminded me of a young Soderbergh.
Wow, die Soderbergh-Karte? What the fuck? Ich bin kein Soderbergh-Fan. Er hat ein paar tolle Filme gedreht, aber gerade später in seiner Karriere hat mich immer sein bevorzugter Kameramann Peter Andrews** ungeheuer genervt. Soderbergh ist ein Beispiel für einen Regisseur, der irgendwann den Fokus verloren hat, und keiner hat die Traute, ihm reinzuquatschen, ihm mal zu sagen "Hast Du Dir das auch wirklich gut überlegt?" Woody Allen und James Cameron (letzterer vor allem in seiner Rolle als Drehbuchautor) sind auch solche Leute, bei denen das Spätwerk ein Großteil meiner Bewunderung für frühere gelungene bis tolle Werke irgendwie "verdunkelt". Aber zurück zu Soderbergh. "John reminded me of a young Soderbergh." ist ein ganz seltsamer Spruch. Ich glaube nicht, dass Powell meint, John Patton Ford mache ähnliche Filme wie Sex, Lies and Videotape (Soderberghs Debüt, habe ich seitdem nicht wieder gesehen, aber der war schon toll), Powell sieht Soderbergh als den Regisseur hinter den "Ocean's"-Filmen, und Ford ist halt jung. Aber vielleicht irre ich mich da auch.
**Das ist ein Pseudonym von Steven Soderbergh selbst.
Jedenfalls hat How to make a killing diesen oberflächlichen Glanz, der bei einem in Las Vegas spielenden heist movie mit George Clooney, Brad Pitt usw. durchaus passt, der aber manchmal auch nerven kann. Ich widerspreche nicht, dass es ja um die Welt der Reichen geht, in die Becket Redfellow (Powells Figur) hinein will, aber ich fühle den 'swagger' nicht, ich beobachte eine nicht gerade sympathische*** Figur dabei, wie sie auch nicht gerade sympathische Dinge tut.
***Auch, wenn ich Teile seiner Motivation nachvollziehen kann, identifiziere ich mich nicht mit ihm, ich schwinge auch nicht seine Fahne. Ich sitze halt im Kino und hoffe, unterhalten zu werden. Und diese Hoffnung ging immer mehr verloren. Und ein großer Glen-Powell-Fan werde ich vermutlich auch nie werden. In Sachen selbstverliebter Großkotzigkeit (ich spreche von den Figuren, nicht vom Schauspieler) ist mir da selbst Patrick Bateman (in der Filmfassung) näher. Manchmal muss man auch etwas provokativ wirkendes mit klarer Stimme aussprechen.
Im Presseheft wird der Regisseur so zitiert:
"Glen is so perfect for that because on one hand he's so identifiable as a performer, and on the other, he is so charming that you'd almost forgive him for anything"
Nicht exakt an der selben Stelle noch ein Beispiel dafür, wie man in den höchsten Tönen das Produkt abfeiert, und dabei nicht wirklich transparent macht, ob man hier zitiert, paraphrasiert, oder sich nur etwas zusammenreimt, was gerade ganz gut passt:
The director smiles, overjoyed to be working with his leading man to bring to delicious life a character for the ages played by an actor at the peak of his powers, who is finally getting to unleash his wild side.

© Ilze Kitshoff / Studiocanal_SAS
How to make a killing macht nicht alles falsch. Topher Grace ist toll, bei ihm hat man das Gefühl wie bei Alec Guiness: er hat richtig Spaß dabei, diese etwas schleimige Figur zu spielen. Und der Spaß überträgt sich. Der von Bill Camp gespielte Onkel / Mentor hat ein paar tolle Momente, die es fast schaffen, dem Film etwas Herz zu verleihen.
Aber das reicht nicht für einen guten Film. Nicht mal für einen Film, den ich "annehmbar" nennen würde. Ich bin ja ein ziemlicher Margaret-Qualley-Fan (ohne nachzuprüfen gibt es sicher keine filmschaffende Person, von der ich in den letzten fünf Jahren mehr Filme im Kino gesehen habe), aber das ist die uninteressanteste Figur, die sie je gespielt hat. Überhaupt die beiden weiblichen Hauptrollen in diesem Film, die love interests... die Beziehung von Becket mit Ruth (Jessica Henwick) bekommt nie eine Chance, die mit Julia (Qualley) soll irgendwie überhöht, fast "mythisch" wirken, aber ist fast von Anfang an eine Lachnummer (und zwar nicht im positiven Sinne).
Dann ist da noch die Rahmenhandlung, die irgendwie etwas Spannung in das Ganze bringen soll, aber nur wie ein hundertmal aufgewärmtes Klischee aus einem Film noir oder einem einfallslosen Marvel-Comic wirkt. Und apropos Spannung: die beiden Gesetzeshüter, die Becket auf der Spur sind, können leider nie ein richtiges Profil entwickeln, und erfüllen eher eine Alibi-Funktion, und der Showdown am Schluss zieht den eh nicht erhebenden Streifen auch noch mal arg runter, weil er aufgesetzt und überflüssig wirkt. Nichts in der Handlung verlangt nach einer Art Finalgegner oder diesem Action-Gedöns.
Ein Schlusswort, das vielleicht zu Beginn hätte kommen sollen: Schaut noch mal auf das Plakat: Bin ich mit meiner Meinung ganz allein, aber die Hauptfigur wirkt total gelackt (das Gesicht wirkt auf mich wie eine Comic-Zeichnung), der Sarg lustlos dazu drapiert, der Hintergrund quasi nichtexistent und das Ganze eher abschreckend als zum Kinobesuch einladend.
Aber entscheidet selbst. Sagt nur nicht später, ihr seid nicht gewarnt worden. Übrigens: vielleicht ist auch das moderne Kinopublikum (und auch die Serienfans) ganz anders drauf als ich. Ich habe nie eine Folge von Dexter gesehen, aber offensichtlich muss es da ja Fans geben. Und bei der Hannibal-Serie von Bryan Fuller konnte ich in der ersten Staffel immerhin einen gewissen Reiz nachvollziehen (auch, wenn ich fand, dass die serienmäßige Aufrechterhaltung des Status Quo das Kernmaterial schnell ad absurdum führt). Aber meistens wirken solche Filme auf mich eher wie das halb faszinierte, halb angewiderte Gaffen auf einen Verkehrsunfall. Ganz selten gelingt es mal, mich mit einer "amoralischen" Hauptfigur zu packen, etwa mit Tim Robbins in The Player oder Jake Gyllenhaal in Nightcrawler, aber da ist dann halt auch die Story drumherum mehr als nur das Morden aus irgendwelchen Gründen und die Gefahr, dabei erwischt zu werden. Für derlei Abgründe ist How to make a Killing eben einfach zu flach. Wie die aus Gründen der Spoilervermeidung mal nur "Dentistenpointe" genannte Stelle. Irgendjemand mag so etwas sicher, aber als Filmkritiker versuche ich auch nicht zu analysieren, was die Leute in Til-Schweiger- oder Rob-Marshall-Filme treibt. Ich weiß nur sicher: ich gehöre nicht dazu.