Nouvelle Vague
(Richard Linklater)
Frankreich 2025, Buch: Holly Gent, Vince Palmo, Kamera: David Chambille, Schnitt: Catherine Schwartz, Szenenbild: Katia Wyszkop, Kostüme: Pascaline Chavanne, Dialogadaption: Michèle Halberstadt, Laetitia Masson, mit Guillaume Marbeck (Jean-Luc Godard), Zoey Deutch (Jean Seberg), Aubry Dullin (Jean-Pierre Belmondo), Bruno Dreyfürst (Georges de Beauregard), Benjamin Clery (Pierre Rissient), Matthieu Penchinat (Raoul Coutard), Adrien Rouyard (François Truffaut), Antoine Besson (Claude Chabrol), Tom Novembre (Jean-Pierre Melville), Jodie Ruth Forest (Suzanne Schiffman), Pauline Belle (Suzon Faye), Jade Phan-Gia (Phuong Maittret), Côme Thieulin (Éric Rohmer), Jonas Marmy (Jacques Rivette), Jean-Jacques Le Vessier (Jean Cocteau), Laurent Mothe (Roberto Rossellini), Aurélien Lorgnier (Robert Bresson), Alix Benezech (Juliette Greco), 105 Min., Kinostart: 12. März 2026
Richard Linklater ist als Regisseur ähnlich wie einst Steven Soderbergh. Er ist in der Lage, Erfolgsfilme für ein großes Publikum zu drehen, probiert aber auch gern mal was aus. Nur sind seine Erfolgsfilme keine Starvehikel mit Clooney, Pitt und Roberts, und seine filmischen Experimente sind nicht jenseits allen Publikumsinteresses, sondern finden immer noch ein (filminteressiertes) Publikum.
Und es gibt bei Linklater auch nicht diese krasse abgrundtiefe Schlucht zwischen den zwei Extremen. Zu Linklaters Publikumsfilmen gehören etwa School of Rock und Bad News Bears, zu seinen Experimenten Boyhood oder A Scanner Darkly, und irgendwo dazwischen die Before-Trilogie mit Ethan Hawke und Julie Delpy (Before Sunrise, Before Sunset und Before Midnight) oder Everybody wants some!!

© Jean Louis Fernandez
Nouvelle Vague passt außerhalb der USA auch in diesen Mittelbereich, für Linklaters Heimat ist es aber ein zu krasses Experiment: ein schwarzweißer Film ohne bekannte Darsteller, der auf Französisch (!!!*) eine viele Jahrzehnte zurückliegende filmgeschichtliche Epoche (und einen eher in der Remake-Fassung mit Richard Gere bekannten Film) thematisiert. Ich denke, Linklater war sich des Umstands bewusst, aber er hat für seine filmischen Experimente auch gern mal ein riskantes Budget gestemmt, wo Soderberghs Filmexperimente (abgesehen von Kafka) eigentlich auch immer "No Budget" waren.
!!!* Die USA haben nicht diese in Deutschland "übliche" Synchron-Industrie, die für den "normalen" Kinobesucher alle Filme durch Synchron-SprecherInnen in die Landessprache "übersetzt", in den Staaten werden die wenigen nicht-englischsprachigen Filme, die es überhaupt in Kinos schaffen, lediglich mit Untertiteln versehen. Aus meiner Sicht zusammengefasst: Hier hat man mehr internationales Kino, aber für die Originalfassung reicht nicht immer das Kino um die Ecke. Das ist jetzt nicht nur die Meinung eines verwöhnten Berliners, ich bin auch, als ich noch in der niedersächsischen Provinz gewohnt habe, die 45 km nach Bremen, 90 km nach Hannover oder 110 nach Hamburg gefahren, um mein Kinoerlebnis nach meinen Wünschen zu gestalten.
Nouvelle Vague erzählt von einem besonderen Abenteuer, dem Spielfilmdebüt des 1959 28 Jahre alten Jean-Luc Godard. In À bout de souffle (dt. Titel: Außer Atem) spielen die damals aufstrebenden Darsteller Jean-Pierre Belmondo und Jean Seberg einen Kleinkriminellen, der nach dem Konflikt mit einem Polizisten wegen Mordes gesucht wird, und eine junge Frau mit US-Wurzeln, die sich mit diesem anfreundet. Während die reine Action-Geschichte, die man hierin vermuten könnte, sich in einem Bruchteil des Films abspielt, geht es eher um das Lebensgefühl dieser Generation, das sich in einer Filmsprache, die sich von den behäbigen Theater- und Literaturverfilmungen, die das französische Kino bis in die 1950er zu großem Teil prägen*, klar distanziert. Eben die "Neue Welle".

© Jean Louis Fernandez
*Die krasse Unzufriedenheit mit der Nationalfilmographie prägt vor allem die jungen Kritiker des Cahiers du Cinéma, einer auch heute noch publizierten Filmzeitschrift, deren Autoren einen großen Teil der neuen Regisseure (und Regisseurinnen!) stellen. Laut Abspann von Nouvelle Vague gab es damals in drei Jahren die Regiedebüts von 162 Personen in Frankreich, und viele davon hatten später eine ähnlich stabile Karriere wie Godard und sein Co-Autor Francois Truffaut (dessen Debüt Les quatre-cents coups aka Sie küssten und sie schlugen ihn in Nouvelle Vague auch eine gewisse Rolle spielt).
Keine Angst, man muss kein Filmhistoriker sein, um bei diesem Film Spaß zu haben. Regisseur Linklater machte dies seinen Darstellern deutlich klar, das junge Lebensgefühl spielt für die Performances eine viel größere Rolle, die Darsteller, die in die prominenten Rollen schlüpfen, sollten nicht vergessen, dass Legenden wie Godard oder Chabrol zu dieser Zeit noch Anfänger mit großen Ideen waren.
Wenn man sich in der "Nouvelle Vague" und deren Prominenz auskennt, hat man natürlich bei den eingeblendeten Namen deutlich mehr Nährwert. Aber Linklaters Film erstarrt nicht in der Ehrfurcht eines Cinephilen, der seine Inspirationsquellen abfeiert, man macht sich auch sehr über die Dreharbeiten mit ihren Machtkämpfen und oft hemdsärmelig wirkenden Lösungen für Inszenierungsprobleme etwas lustig über die Akteure (vor allem über Godard selbst). Aber man spürt in jeder Faser des Films die Liebe für alles, was er zeigt. (Wie das öfter bei Linklater ist.)

© Jean Louis Fernandez
Zum besonderen Charme von À bout de souffle gehört ja diese Slacker-Mentalität, die es zu großen Teilen 1:1 in einen deutschen Komödienklassiker aus den 68ern schaffte. In May Spils' Zur Sache, Schätzchen ist Werner Enke die etwas harmlosere Entsprechung zu Belmondo, und Uschi Glas ist quasi die aufgesexte Jean Seberg (mag sich seltsam anhören, ist aber so - und ich bin großer Seberg-Fan!) Hier wie da verbringt man viel Zeit im Bett liegend, "fummelt" etwas rum, und schaut sich bei gutem Wetter die Stadt an. Spils übernimmt sogar die Konflikt-Situation mit der Polizei, wobei hier aber die tumben Wachtmeister vor allem vorgeführt werden. Die rebellierenden Jugendlichen (auch, wenn das Mädchen immer noch braver ist als der junge Mann als Prototyp des Hartz-IV-Schnorrers) sind absolute Identifikationsfiguren für jüngere Zuschauer - und aus heutiger Sicht sind wir ja fast alle jünger. Dass Linklater in seiner Filmographie einen Film namens Slackers vertreten hat (und Dazed and Confused hat ja ähnliche Protagonisten), zeigt schon fernab aller Filmgeschichte, dass er der richtige Regisseur für solch einen Film ist.
In Nouvelle Vague ist zum Teil der junge Godard der veritable Slacker, der etwa bei einem herausfordernden Drehplan schon am ersten Tag nach zwei nicht sehr stressig ausfallenden Stunden alle nach Hause schickt und meint "Nein, das war's für heute. Ich hab' keine Ideen mehr!" Linklater durchkreuzt gern die Erwartungen, und ich bin auch kein so großer Filmgeschichts-Experte, um immer sagen zu können, was jetzt historisch belegt ist, und was einfach gut erfunden. Godard klaut aus der Redaktionskasse, lässt sich partout nicht zum Achsensprung belehren ("Ich weiß das. Ich verstehe es. Mich interessiert es nicht."), die Seberg ist dauerhaft angenervt von ihrem Co-Star und dem kompletten Film, Roberto Rossellini hamstert die Würstchenschnitten vom Büffet, und dann wird wieder halbgar philosophiert (Zitate über's Zitieren!), oder ein ambitioniert eingeführter Handlungsstrang, der quasi einen Maulwurf im Drehteam plaziert, verliert sich nach ein paar Sparwitzen einfach im Winde.
Ich sag's noch mal, weil es für mich die Magie dieses Film am ehesten einfangen kann: wie Linklater Respektlosigkeiten und eine tiefempfundene Verehrung für seine Protagonisten verschmelzen lässt, das ist ein Erlebnis.
Eine kleine Referenz an meine eigene Biographie will ich unbedingt noch einbringen. Als der Produzent und Godards "Aufpasser" Georges de Beauregard (spöttisch "Beau-Beau" genannt) mal klare Regeln für den Dreh formuliert, meint Godard danach: "Alles nur Gerede, das trifft uns nicht!". Das erinnerte mich sehr an ein französisches Sprichwort, das Mélanie C., eine meiner Lieblingskommilitoninnen aus dem Studium, mir mal ins Deutsche übersetzte: "Der Rotz der Kröte trifft die Taube nicht". Zitiere ich immer wieder gerne, auch wenn ich sie das letzte Mal etwa vor zwölf Jahren auf der Berlinale traf.

© Jean Louis Fernandez
Ich möchte noch mal beim Sprachaspekt bleiben. Zu Beginn meines Filmwissenschafts-Studiums musste ich zwei moderne Fremdsprachen nachweisen, und als alter Lateiner hatte ich dann zwei Semester lang einen Kurs, mit dem ich das Äquivalent von drei Schuljahren Französisch nacharbeiten musste. Ich bin mit der Sprache nicht superwarm geworden, aber würde noch 26 Jahre später vermutlich den Weg zum Bahnhof mit Händen und Füßen finden. Wenn ich französische Filme schaue, dann mit Untertiteln (zwei oder drei Versuche, darauf zu verzichten, machten mich sehr bescheiden in dieser Hinsicht), aber so wie ich auch in skandinavischen oder japanischen Filmen immer wieder einzelne Worte aufschnappe, so ist der Audio-Input auch bei französischen Filmen eines meiner besten Argumente, den Synchro-Kram abzulehnen. (Ich hasse es, wenn ich die Simpsons auf Deutsch schaue und mir diverse Gags im Kopf zurückübersetzen muss, damit sie besser funktionieren.)
In Nouvelle Vague gab es zwei winzige Momente, bei denen ich so etwas wie sprachliche Poesie im Originaldialog entdeckt habe (meine Beziehung zu Poesie im Allgemeinen ist tief, aber von einem gewissen Minimalismus durchzogen -> siehe ganz unten).
Einmal schlägt Godard seinem Co-Autoren Truffaut vor, den Namen der männlichen Hauptfigur, bis dann 1:1 aus einem Zeitungsartikel übernommen, geringfügig zu ändern. Truffaut dazu:
"Poiccard? Oui, pourquoi pas?"
Und dann gibt Godard seinem Kameramann Raoul Coutard mal eine mahnende Regieanweisung mit diesem Wortschnipsel:
"Écoute, Coutard!"
Das sind so Kleinigkeiten, die mich persönlich erfreuen. Das muss nicht jeder verstehen, aber ein Film hat ja immer für jeden Betrachter diese Stellen, die andere im Kinosaal komplett kalt lassen. Und umgedreht.
Dass Nouvelle Vague die aktuellen Césars für Regie, Kamera, Schnitt und Kostüme abgegriffen hat, ist natürlich eine große Ehrerweisung für den Film - aber ich finde auch, dass bei den Kategorien auch eine große Rolle gespielt haben wird, dass man in der Filmhandlung halt einiges zu diesen Filmkünsten bzw. -Disziplinen erfährt. Immerhin hat Godard den Jump-Cut erfunden (oder zumindest als erzählerisches Prinzip umgesetzt) und mit Kollege Coutard innovative Methoden entwickelt, wie man mitten in der Stadt kleine Szenen ohne viel Aufregung (oder eine Drehgenehmigung) umsetzen kann. Und die (historische) Kostümbildnerin gehört wie Pierre "Michel" Rissient zu meinen geheimen Lieblingen im Film.
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Kurz weg vom Film und abschließend zu meiner "Minimal-Poesie". Ich löse gerne Wordles, und bei den deutschen ist mein Startwort "RUINE". Jedes Mal, wenn ich ein Wordle in drei Versuchen lösen kann, und die drei Worte quasi eine kleine Geschichte erzählen, nenne ich das ein Wordle-Gedicht, poste es manchmal oder sammle es für eine absurde zukünftige Veröffentlichung namens "Auferstanden aus Ruinen". Hier zwei Beispiele:
