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5. März 2026
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Junge Mütter - Jeunes Mères (Jean-Pierre & Luc Dardenne)


Junge Mütter
- Jeunes Mères
(Jean-Pierre & Luc
Dardenne)

Originaltitel: Jeunes Mères, Belgien 2025, Buch: Jean-Pierre und Luc Dardenne, Kamera: Benoit Dervaux, Schnitt: Marie-Hélène Dozo, Production Design: Igor Gabriel, Kostüme: Dorothée Guiraud, Ton, Tonschnitt & Mischung: Jean-Pierre Duret, Valène Lery, Thomas Gauder, mit Babette Verbeek (Jessica), Elsa Houben (Julie), Janaina Halloy Fokan (Ariane), Lucie Laruelle (Perla), Samia Hilmi (Naïma), Jef Jacobs (Dylan), Günter Duret (Robin), Christelle Cornil (Nathalie, mère d'Ariane), India Hair (Morgane, mère de Jessica), Joely Mbundu (Angèle, soeur de Perla), Claire Bodson (Isabelle, psychologue), Eva Zingaro (Asun, infirmière), 106 Min., Kinostart: 5. März 2026

Manchmal muss man einsehen, dass das, was die Filmschaffenden selbst über ihr Werk äußern, besser, treffender und interessanter ist als alles, was man als Kritiker zusammenstammeln könnte...

Arbeitsnotizen
22. Dezember 2023

Als wir das besuchten, was als "mütterliche Unterstützungsstätte" bezeichnet wird, gelegen in der Nähe von Liège, geschah dies im Rahmen einer Recherche für das Schreiben eines Drehbuchs mit nur einer einzigen Figur: einer jungen Frau, deren Lebensaspekt darin bestand, Mutter eines Babys zu sein, zu dem sie eine Verbindung herstellen wollte. Was uns zunächst anzog, als wir dieses Heim für junge Mütter entdeckten - nach ein paar Stunden, die wir dort verbrachten, um zu verstehen, wie es funktionierte und einige Worte mit den jungen alleinerziehenden Müttern (die meisten minderjährig), den Sozialarbeitern und der Psychologin austauschten - war das gemeinschaftliche Leben dieses Ortes, die Mahlzeiten, die den Babys gegebenen Bäder, die Gespräche über Themen rund um Mutterschaft, Gewalt, Sucht...
Es war ein kurzer Bericht, erstellt von einer Praktikantin, über diese Momente des gemeinschaftlichen Lebens, der uns dazu inspiriert hat, an diesen Ort zurückzukehren und diesmal länger zu bleiben, um den persönlichen Leben dieser jungen Mütter näher zu kommen. Denn wenn es viele Momente des gemeinschaftlichen Lebens gibt, gibt es auch und vor allem die einsamen Leben von Teenagern, die mit ihren Ängsten, Hoffnungen und manchmal Illusionen über ihre neue Rolle als Mütter zu kämpfen haben - meistens alleinerziehende Mütter - über die Familie, aus der sie stammen, zu der sie zurückkehren werden oder nicht, über den Vater, der oft abwesend oder nicht existent ist, über ihre Zukunft mit dem Kind oder ohne das Kind, das in eine Pflegefamilie gegeben wird, über ihre Bildungs- und berufliche Zukunft und ihre Fähigkeit, eigenständig zu leben. Nach diesem Aufenthalt im Mütterunterstützungsheim beschlossen wir, dass unser Film nicht nur eine Hauptfigur, sondern vier haben wird, und eine fünfte mit einer kürzeren Geschichte.

Junge Mütter - Jeunes Mères (Jean-Pierre & Luc Dardenne)

© Christine Plenus

Unser Anliegen beim Zusammenführen von fünf Geschichten in einem Film war es, zu vermeiden, in Konstruktions-Effekte zu verfallen, und die einzelnen Geschichten mit dem einzigen Zweck einer globalen Geschichte zu konzipieren, die zum Beispiel die Geschichte eines Ortes wäre, in diesem Fall des mütterlichen Zuhauses. Wir haben jede Geschichte entsprechend der jeweiligen jugendlichen Mutter und ihrem Kind aufgebaut und versucht, so nah wie möglich an der treibenden Kraft jeder Einzelnen zu sein, uns von der inneren Notwendigkeit jeder Lebensbahn leiten zu lassen, innerhalb und außerhalb des mütterlichen Zuhauses, um einen Film zu machen, der, obwohl er ein Gruppenporträt ist, in erster Linie fünf Porträts von jugendlichen Müttern darstellt: Jede lebt ihr Leben, das aus sozialen Situationen und persönlichen emotionalen Beziehungen besteht. Die Aufmerksamkeit auf die Individualität jeder Figur, jeder jungen alleinerziehenden Mutter eines sehr jungen Kindes zu lenken, bedeutet nicht, dass nichts sie miteinander verbindet. Was sie verbindet - frühe Mutterschaft, die mit sozialen Armutsfaktoren und bestimmten emotionalen Defiziten verknüpft ist, die dazu neigen, sich von Generation zu Generation zu wiederholen - ist das, wovon sie versuchen, sich zu befreien. Genau in diesem Versuch erscheinen sie ungewöhnlich, lebendig und einzigartig. Sie hören auf eine gewisse Weise auf, Figuren zu sein, und werden Menschen.

Auf weitere Details, welche der jungen Mütter welche konkreten Probleme oder Ziele hat, will ich eigentlich verzichten. Die Auskunft, dass unterschiedliche Szenarien durchgespielt werden, reicht als Inhaltsangabe völlig aus. Und die Regisseure haben das hier schon ziemlich gut erklärt.

Junge Mütter - Jeunes Mères (Jean-Pierre & Luc Dardenne)

© Christine Plenus

Ich wurde auf die Brüder Dardenne durch ihren Film Rosetta gestoßen, der 1999 die Goldene Palme in Cannes gewann - und den Darstellerpreis für die gloriose Emilie Dequenne, die Interpretin der Titelrolle.

Rosetta war bereits ein Paradebeispiel für das, was die Filme des belgischen Bruderpaares auszeichnet: kleine, intime Geschichten über meist junge Menschen, die oft soziale Außenseiter sind, und mit dem Leben an sich zurecht kommen müssen. Diese Filme sind emotional, aber sie drücken nicht auf die übertriebene Tränendrüse, sondern nähern sich ihren Figuren in fast dekumentarischer Weise.

Junge Mütter - Jeunes Mères (Jean-Pierre & Luc Dardenne)

© Christine Plenus

Wenn man die Karriere der Dardennes rückblickend betrachtet, wirkt alles fast spielerisch einfach: alle zwei, drei Jahre liefern sie ein neues Kleinod ab, 90 Prozent landen im Wettbewerb von Cannes, und deutlich häufiger als nicht werden sie mit einem Preis ausgezeichnet.

Le fils erhält 2002 den Darstellerpreis für Olivier Gourmet, der zu jener Zeit eigentlich immer eine kleine Rolle in den Filmen der Brüder bekleidet, L'enfant greift 2005 erneut die Palme d'Or ab, La silence de Lorna erhält 2008 den Drehbuchpreis, 2011 folgt der Große Preis der Jury für Le Gamin au vélo (übrigens mit Cécile de France), bei Deux jours, une nuit gab es dann mal zur Abwechslung "nur" einen Europäischen Filmpreis und eine Oscar-Nominierung für Marion Cotillard ... und dann habe ich tatsächlich mal von den nächsten drei Filme ausgerechnet die beiden verpasst, die abermals in Cannes prämiert wurden.

Junge Mütter - Jeunes Mères (Jean-Pierre & Luc Dardenne)

© Christine Plenus

So wie 2025 auch Jeunes Mères, der für das Drehbuch ausgezeichnet wurde. Womit quasi der zu Beginn begonnene Kreis geschlossen wird.

Knapp vor Richard Linklaters mit vier Césars ausgezeichneten Nouvelle Vague (nächste Woche an dieser Stelle) ist Jeune Mères für mich erstmal der beste Film des Quartals, an dem alles, was dieses Jahr noch kommt, sich in den verbleibenden neun Monaten vorbeistrampeln muss.

'Nuff said.