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9. Februar 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Der Junge mit dem Fahrrad (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Der Junge mit dem Fahrrad (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Der Junge mit dem Fahrrad (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Bildmaterial © Diaphana Films / Christine Plenus
Der Junge mit dem Fahrrad (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Der Junge mit dem Fahrrad (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Der Junge mit dem Fahrrad (Jean-Pierre & Luc Dardenne)


Der Junge mit dem Fahrrad
(Jean-Pierre & Luc Dardenne)

Belgien / Frankreich / Italien 2011, Originaltitel: Le gamin au vélo, Buch: Jean-Pierre & Luc Dardenne, Kamera: Alain Marcoen, Kostüme: Maira Ramedhan Lévy, mit Thomas Doret (Cyril Catoul), Cécile De France (Samantha), Jérémie Renier (Guy Catoul), Egon Di Mateo (Wes), Laurent Caron (Gilles), Baptiste Sornin (Erzieher 1), Samuel De Rijk (Erzieher 2), Romain Clavareau (Logan), Charles Monnoyer (Brian), Jasser Jaafari (Nabil), Youssef Tiberkanine (Mourad), Mourad Maimuni (Tankwart), Valentin Jacob (Martin), Mireille Bailly (Bäckerin), Olivier Gourmet (Kneipier), Myriem Akheddiou (Sprechstundenhilfe), 87 Min., Kinostart: 9. Februar 2012

Wie Scorsese bei Hugo haben auch die Brüder Dardenne sich mit ihrem neuen Film einem größeren Publikum geöffnet. Zum ersten haben sie erstmals im Sommer gedreht, was in manchen Szenen einen ungeahnten Optimismus einbringt. Zum zweiten haben sie Cécile de France (trotz ihres Namens Belgierin wie die Regiebrüder) in einer der Hauptrollen gecastet (keine Angst, Jérémie Regnier spielt die andere erwachsene Hauptrolle und auch Olivier Gourmet darf wieder zwei Sätze sagen). Und zum dritten benutzen sie erstmals nicht-diegetische Filmmusik (an wenigen, sehr dezidierten Stellen). Von diesen drei Veränderungen eröffnet wahrscheinlich nur der Star de France neue Zuschauer, aber wichtig ist auch, dass diese, wenn sie erst einmal im Kinosessel sitzen, nicht mit der vollen Wucht des dardennschen Sozialrealismus erschlagen werden, sondern es diesmal mit Samantha (Cécile de France), einer Friseurin, die sich freiwillig dazu entscheidet, die Pflegemutter des titelgebenden »Jungen mit dem Fahrrad« (der deutsche Titel ist übrigens der am häufigsten verfälschte seit Inglourious Basterds, alle Welt will den Jungen unbedingt auf dem Fahrrad sehen) zu werden, dafür einiges erduldet und opfert, und - auch, weil der Film sich weigert, ihre Entscheidung küchenpsychologisch aufzuklären - irgendwie wie eine Märchenfee wirkt.

Cyril (Thomas Donet) glaubt an seinen Vater, wie es quasi das Recht eines präpubertären Knaben sein sollte. Auch wenn Cyril in einer staatlichen Einrichtung lebt, sein Vater plötzlich ohne eine Adressangabe verzogen ist, und böse Zungen behaupten, der Vater (Jérémie Regnier) hätte das geliebte Fahrrad seines Sohnes vor seinem Verschwinden noch verkauft. Cyril will sein Fahrrad zurück und natürlich will er seinen Vater zurück. Und zur Erlangung dieser Ziele bringt er eine (mitunter kriminelle) Energie und einen Einfallsreichtum auf, wie man ihn zuletzt womöglich bei Antoine Doinel in Les quatre-cents coups erlebt hat. Wie üblich klebt die Kamera der Dardennes an ihrer Hauptfigur, und es ist schon bemerkenswert, wie der junge Darsteller trotz dieser Arbeitsbedingungen auf fulminante Art die Rolle ausfüllt. Dass ich in meiner Kritik zu Hugo den kleinen Hugo Cabret als einen »Besessenen« bezeichnet habe, wirkt im Vergleich mit diesem Film wie ein Etikettenschwindel. Thomas Doret könnte tatsächlich ein Jean-Pierre Léaud der nächsten Generation werden. Doch zurück zum Film. Auf der Jagd nach seinem kleinen Quentchen Glück lässt Cyril mitunter sogar die Filmkamera hinter sich, doch zumeist ist der Film komplett aus seiner Perspektive erzählt, und wir erleben seine Ermittlungen, seine Enttäuschungen und seine Irrweg hautnah mit.

Das Vertrauen in die Erwachsenenwelt wiederzuerlangen ist in Le gamin au vélo nicht die selbe Drei-Szenen-Kiste wie in Hollywood-Kinderfilmen - auch wenn der Film durchaus auch kindertauglich ist. Bei meinem Vergleich mit der Fee musste ich bereits an Pinocchio denken. Cyrils neuer bester Freund Wes (übrigens eine Figur, die weitaus ambivalenter ist, als meine verkürzte Wiedergabe es erscheinen lassen mag) ist nicht nur ein offensichtlicher Vaterersatz, sondern auch einer jener Verführer, die Collodis Holzknaben erst zum Rauchen und dann auf die Vergnügungsinsel (»Embrace the dark side, Luke!«) lockten. Doch beim Betrachten dieses Films denkt man nicht über die Universalität der Geschichte nach (höchstens über die auffällige Farbdramaturgie), denn die Dardennes sind die Meister des »unmittelbaren« Kinos, das einen direkt in einen Sog zieht, das bei aller Emotionalität keine Knöpfe drückt, sondern auf virtuose Art gerade mit den winzigsten Nuancen mehr Eindruck schafft als ein Steven Spielberg oder dergleichen mit der kompletten Trickkiste der konventionellen Kinomaschinerie. Auch die Dardennes beherrschen ihre Mittel, doch sie stellen sie nicht mit viel Trara in die Mitte der Szene, sondern verstecken sie lieber. Die erste große Szene zwischen Cyril und seinem Vater könnte man wahrscheinlich mindestens so oft schauen, wie die Dardennes vermutlich Takes dafür verwendet haben - und man würde immer noch kleine Facetten entdecken, ein unmerkliches Innehalten hier, ein Heischen um einen Blickkontakt dort. Bei solch einer Szene fließen nicht die Zuschauertränen wie bei einem Gebirgsbächlein - aber sie trifft so ins Herz, dass nach der Auszeichnung in Cannes (das kennen die Brüder schon) eigentlich eine Oscar-Nominierung als nicht-englischsprachiger Film hätte dringewesen sein müssen. Doch was nützt es, wenn Belgien den falschen Film einreicht?