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Die Box




29. Oktober 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Zwei Tage, eine Nacht (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Zwei Tage, eine Nacht (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Zwei Tage, eine Nacht (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Bildmaterial: Alamode Film
Zwei Tage, eine Nacht (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
Zwei Tage, eine Nacht (Jean-Pierre & Luc Dardenne)


Zwei Tage, eine Nacht
(Jean-Pierre & Luc Dardenne)

Originaltitel: Deux jours, une nuit, Belgien / Frankreich / italien 2014, Buch: Jean-Pierre & Luc Dardenne, Kamera: Alain Marcoen, Schnitt: Marie Hélène Dozo, mit Marion Cotillard (Sandra), Fabrizio Rongione (Manu), Pili Groyne (Estelle), Simon Caudry (Maxime), Catherine Salée (Juliette), Baptiste Sornin (Mr. Dumont), Alain Eloy (Willy), Myriam Akheddiou (Mireille), Fabienne Sciascia (Nadine), Timur Magomedgadzhiev (Timur), Hicham Slaoui (Hicham), Yohan Zimmer (Jérôme), Christelle Cornil (Anne), Laurent Caron (Julien), Serge Koto (Alphonse), Ben Hamidou (Kader), Olivier Gourmet (Jean-Marc), 95 Min., Kinostart: 30. Oktober 2014

Für Filmregisseure gilt manchmal etwas ähnliches wie für Haie, die ja angeblich zum Tode verurteilt sind, wenn sie aufhören, sich zu bewegen. Und entsprechend müssen Filmemacher sich entwickeln, verändern. Oftmals wachsen auch einfach die Budgets, und es gilt dasselbe wie in Firmenhierarchien: Man bewegt sich solange nach oben, bis man sein Kompetenzniveau überschritten hat.

Bei den Brüdern Dardenne, die sich spätestens mit Rosetta (1999) einen internationalen Namen gemacht hatten, fand dieses Wachstum sehr langsam statt, weil die Sozialfilmer einfach mit ihrem Level (und der damit einhergehenden Selbstbestimmung) zufrieden waren. Sie sind nicht wie beispielsweise Tom Tykwer oder Jean-Pierre Jeunet, die sich beständig zu einer internationalen (und somit schlussendlich englischsprachigen) Karriere hochgearbeitet haben und sich nun einerseits darüber freuen, große Budget und Oscar-Schauspieler anvertraut zu bekommen, die aber auch oft für ihre Fans in diesem Prozess etwas verlieren, das so unwiederbringlich wie die Unschuld ist.

Von englischsprachigen Großproduktionen sind die belgischen Brüder nach wie vor weit entfernt, und es entspricht wohl auch kaum ihrem politischen Naturell, sich mit derlei überhaupt zu befassen. Aber nachdem sie in Le gamin au vélo bereits mit Cécile de France zusammenarbeiteten (innerhalb der aus Belgien stammenden Schauspielerinnen vermutlich schon der höchste erreichbare Level an internationaler Bekanntheit, sieht man mal von ihrem alten Kumpel Olivier Gourmet ab), können sie nun ihren neuesten Film auch mit einer »Oscar-Schauspielerin« veredeln. Marion Cotillard, die seit ihrer Rolle als la Môme immer mal wieder illustre Rollen in internationalen Produktionen übernahm (Public Enemies, Inception, The Dark Knight Rises, Midnight in Paris), sieht es laut Presseheft als große Ehre an, unter der Regie der Brüder zu agieren. Nicht nur wegen ihres Respekts vor deren Leistung, sondern auch einfach aus dem pragmatischen Grund, dass die Dardennes eben nicht dafür bekannt sind, sich mit internationalen Stars auf einem gewissen Level des Starkult »herumzuärgern« (meine Wortwahl), und die Cotillard somit eigentlich davon ausgegangen war, dass sie quasi »zu groß« (und vielleicht auch nicht belgisch genug) ist, um überhaupt auf dem Radar der beiden aufzutauchen.

Um es vorwegzunehmen: Der Cotillard gelingt es, sich ganz dem Film unterzuordnen, sie ist kein »Fremdkörper«, der in einem Dardenne-Film nichts zu suchen hat. Ganz im Gegenteil, ich würde sogar so weit gehen, dass Cécile de France mit ihrer strahlenden Präsenz in Le gamin au vélo den Tonfall dieses Films viel stärker mitbestimmt hat, auch, wenn ich das jetzt nicht unbedingt als negativ einstufen würde (Deux jours, une nuit ist jetzt sozusagen der zweite »Sommerfilm« der sonst eher unter verhangenem Himmel praktizierenden Autorenfilmer). Das Strahlendste an Marion Cotillard sind ihre grellbunten Oberteile, die aber in diesem Film weniger etwas über das »Star-Sein« aussagen als darüber, dass die von ihr verkörperte Sandra eben gern beim belgischen Äquivalent von »Kik« einkauft: bunt, aber billich!

In den zwei oder drei Kritiken, die ich zum Film las, wird die Geschichte durchgehend auf eine minimalistische Formel heruntergebrochen: »Sandra« oder »Bonus«. Dies sind die Auswahlmöglichkeiten einer zweimal stattfindenden Abstimmung. Auf Anstrengung des Chefs (der damit halbwegs galant etwaige »Schuld« von sich weist) soll ein nicht besonders sympathischer Abteilungsleiter (es lohnt sich, auf den kurz-vor-Schluss-Auftritt des obligatorischen Olivier Gourmet zu warten) eruieren, ob 16 Angestellte einer kleinen Solarenergiefirma den rationalisierbaren Job der zwischenzeitig wegen Depression ausgefallenen Sandra (Cotillard) beibehalten wollen oder lieber 1000 Euro Bonus kassieren wollen. Es zeigt sich, dass »Solar« mit »Solidarität« nicht etymologisch verwandt ist, und die erste Abstimmung (sozusagen »vor« dem Film) hat mit 14:2 ein verheerendes Ergebnis. Der restliche Film (der Titel ist übrigens irreführend, weil von Freitag nachmittag bis Montag mittag fast drei volle Tage verstreichen) dreht sich darum, das Sandra, unterstützt und angetrieben durch ihren Mann und zwei Kollegen, eine neue Abstimmung anregt und bei ihren Kollegen »Klinken putzen« geht, um ihren Lebensunterhalt zu retten. Natürlich mit der bei den Dardennes üblichen »Verfolgungskamera« in intimer Nähe. Wie in anderen Filmen, bei denen bestimmte Prozesse mit Variationen immer wieder durchgeführt werden (The Messenger, Sunshine Cleaning, Up in the Air) erlebt man unterschiedliche Varianten, und ich persönlich fand es etwas enttäuschend, dass man in der zeitlichen Dauer oft absehen konnte, wie die nächste Entscheidung ausfallen wird, weil dies klar auf eine Spannungsdramaturgie zugeschnitten war (etwas, was die Dardennes sonst in ihren Filmen nicht benutzen oder einfach besser verbergen). Positiv empfand ich aber die zermürbende aufreibende Wiederholung der erniedrigenden Bittstellerei (High Noon ist ein Vergleichsfilm, an den nicht jeder sofort denken wird), die Sandra offensichtlich zuwider ist. Wie's ausgeht, verrate ich natürlich nicht, aber die Dardennes lösen das Problem schon extrem clever auf, wobei die Geschichte um den Kollegen Alphonse mich voll überzeugt hat, während das Schicksal von Anne mir eher etwas abgeschmackt vorkommt.

Was den Film wirklich auszeichnet, sind die kleinen Details, die Momente, wenn man aus der Sicht der Kollegen verstehen kann, dass der Bonus für sie ähnlich wichtig ist wie für Sandra der Job. Oder ihre sich nebenbei abspielenden Eheprobleme.

Was ich aber in keiner Kritik gelesen habe, weil es einfach nicht opportun ist, ist die Frage, ob die Wiedereinstellung Sandras aus Sicht der Firma (und auf lange Sicht, auch aus der Sicht ihrer Kollegen) überhaupt sinnvoll ist. Das hört sich jetzt hart an, und ich spreche es auch nur aus, weil es um fiktive Personen geht, aber Sandra scheint ihre Krankheit lange Zeit nicht wirklich überwunden. Sie versucht sich durch »procrastinating« (gibt's dafür eigentlich auch ein deutsches Wort?) selbst um den Job zu bringen, und macht trotz zweier Kinder zwischendurch einen Selbstmordversuch. Zwar wächst sie aufgrund ihrer Erfahrungen und ist am Schluss gestärkt, aber manchmal muss man auch darüber nachdenken, ob eine karikative Auslegung der Firmenpolitik bei der heutigen Wirtschaftslage auch nicht schnell dazu führen kann, dass die kleine Firma »über Kopf« geht. Das ist gemein von mir, ich bin eigentlich selbst so eine kleine Mimosen-Sandra, aber es spricht für die Dardennes, dass sie bei all ihrer sozialen Überzeugungsarbeit (seit Rosetta kommt erstaunlich regelmäßig alle 3 Jahre ein Film mit einer ähnlichen didaktischen Richtung von ihnen) dem Zuschauer auch noch den Freiraum lassen, die Geschichte mal von der anderen Seite zu betrachten. Das hat Frau Cotillard in diesem Fall zwar nicht verdient, aber ein Dardenne-Film ist auch kein Starkino mit Samthandschuhen, sondern selbst noch in der Sommervariante harter Arbeitskampf ums nackte Überleben.