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26. Februar 2026
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Father Mother Sister Brother (Jim Jarmusch)


Father Mother
Sister Brother
(Jim Jarmusch)

USA / Irland / Frankreich 2025, Buch: Jim Jarmusch, Kamera: Frederick Elmes, Yorick Le Saux, Schnitt: Affonso Gonçalves, Musik: Jim Jarmusch & Anika, Szenenbild: Ryu Seong-hie, Kostüme: Cho Sang-kyung, mit Tom Waits (Father), Adam Driver (Jeff), Mayim Bialik (Emily), Charlotte Rampling (Mother), Cate Blanchett (Timothea), Vicky Krieps (Lilith), Sarah Greene (Jeanette), Indya Moore (Skye), Luka Sabbat (Billy), Françoise Lebrun (Madame Gautier), 110 Min., Kinostart: 26. Februar 2026

Jim Jarmusch wurde für diesen Film mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet. Und weil er Jahrzehnte lang eine wichtige Stimme im US-Independent-Kino war, wird der Film jetzt abgefeiert.

Nobody wants to rain on his parade.

Ich könnte jetzt recherchieren, was in dem Jahr noch so in Venedig lief, oder wer da in der Jury saß, aber so oder so werde ich zu dem Ergebnis kommen, das manchmal halt Leute (oder Filme) ausgezeichnet werden, weil es an der Zeit war. Oder sie vielleicht zuvor übersehen wurden. Gerade beim Oscar erlebt man es immer wieder, dass jemand bei einem wichtigen Film verschmäht wurde - und dann ein oder zwei Jahre später für ein geringeres Werk ausgezeichnet wurde. Und beim Oscar sitzen nicht 5-7 Leute in der Jury, sondern eine drei- bis vierstellige Zahl von Academy-Mitgliedern darf abstimmen.

Father Mother Sister Brother zählt für mich nicht zu den Hauptwerken von Jarmusch, der Film hat mich (auch wegen der Vorschusslorbeeren) eher enttäuscht.

Mein erster Jarmusch-Film war Down by Law (Dank an das Kommunalkino Verden), danach habe ich bis auf den Zombiefilm alle seine Langfilme (auch die zwei Musikdokumentationen) bei der Kinoerstauswertung gesehen - und ich fand nicht alle toll! Mit der Gewaltdarstellung in Dead Man hatte ich so meine Probleme, bei The Limits of Control fand ich, dass es etwas mit ihm durchgegangen war (vielleicht fehlte mir auch das feine Gespür für Ironie, aber ich fand den nicht unbedingt beabsichtigt witzig). Und beim Zombie- und Vampirfilm gab es zumindest Schwächen oder Längen.

Meine liebsten Jarmusch-Filme sind:

Alle seine früheren Episodenfilme sind also mit bei meinen Favoriten, ich gebe aber zu, dass die einzelnen Episoden darin nicht immer gleich gelungen waren. Aber es ergab sich ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Einzelteilen, wie bei einem Mobile, wo man auch die schief hängende Banane irgendwie lieb gewonnen hat.

Father Mother Sister Brother (Jim Jarmusch)

Foto: Frederick Elmes © Vague Notion

In der ersten Episode ("Father") stieß mir einiges sauer auf. Es bginnt mit einer Cover-Version von Dusty Springfields "Spooky", die ich nicht als Bereicherung empfand. Dann gab es aufwändige, aber lieblose Fahrtaufnahmen mit green screen, die nicht zu meinem Bild eines Jim-Jarmusch-Film passten. Ein etwas ausufernder Vergleich: Wenn David Lean noch leben würde und aktuell CGI-Schlachtengemälde à la Peter Jackson oder Denis Villeneuve abliefern würde, wäre das für mich ein Verrat an seinem Lawrence of Arabia. Entsprechend denke ich bei Jarmusch an seine frühen Filme mit den stilprägenden Aufnahmen an leicht verwahrlosten Häusern vorbei. Ich bin mir der ökonomischen Vorteile des Filmens von Fahraufnahmen in Studios bewusst, aber so, wie das hier geschah, war es nicht weniger als ein Kulturschock.

Wenn alles andere bei diesen frühen Szenen geklappt hätte, wäre mir eine Ausblendung dieses Umstands leichter gefallen, aber die Dinge, die mir den Einstieg in den Film vermiesten, haben sich "gestapelt". Die ersten Dialoge zwischen Adam Driver und Mayim Bialik, die hier ein Geschwisterpaar spielen, wirkten auf mich wie geskriptet und wenig überzeugend dargeboten. ich habe sie nicht "gefühlt" oder wenigstens geglaubt. Ich habe darüber nach dem Film einige Zeit nachgedacht und kam zu folgenden Theorien. Adam Driver kennt man aus einigen Rollen (ja, Kylo Ren gehört auch dazu) als jemand, der sehr intensiv agiert (etwas salopp könnte man sagen, er wirkt manchmal so, als versuche er in den niederen Körperregionen, Diamanten zu produzieren...). Mayim Bialik indes lernte die Schauspielerei als Kinderstar (Blossom) und bewährte sich später in Sitcoms. Ihr Schauspielstil ist ungleich unangestrengter, was man aber nicht als pures Lob missverstehen sollte.

Zudem sind die beiden Rollen, in denen sich die beiden hier wiederfinden, ziemlich diametral zu diesen Stilen ausgerichtet (womöglich war das von langer Hand sio geplant, um beide schauspielerisch zu fordern, aber ich hatte so meine Probleme damit): Adam bemüht sich etwas distanziert, aber liebevoll um seinen Vater (Tom Waits), wirkt dabei aber naiv, während Mayim emotional zurückgenommen die kritische Analyse geradezu "lebt". Ich will nicht sagen, dass beide an diesen Herausforderungen scheitern, aber im Zusammenspiel funktionierte das nicht, statt suspension of disbelief kam ich erst nach dem Verlassen des Autos langsam in den Film hinein.

Auf dem Filmplakat bezeugt man mit einem Filmstarts-Zitat, dies sei "Einer der lustigsten Filme seiner Karriere". Ich habe mir dann mal den Luxus gegönnt, die gesamte Kritik nachzulesen. Der Autor ist niemand, den ich aus meiner aktiven Zeit für Filmstarts (vier Jahre, gut 130 Kritiken als vermeintlich "freier") kenne. Er findet gerade die erste Episode besonders lustig, bringt aus der zweiten ein Beispiel dafür, das mich nicht überzeugt hat, und kommt mit einem Vergleich mit Hong Sang-soo, dem koreanischen Liebling der internationalen Festival-Szene, zu dem ich ein wenig den Bezug verloren hatte (ich habe seine frühen Werke abgefeiert). Dieser Vergleich ist nicht völlig daneben, ich habe aber nicht den Eindruck, dass er den Kern trifft. Aber vor allem finde ich weder Hong noch Jarmuschs Famosibro (Kurztitel) so prickelnd lustig. Klar, einiges ist schon zum Lachen (und auch mit Absicht), aber selbst im eher lakonischen Werk von Jarmusch gibt es reichlich Momente (und auch ganze Filme), die eher zum Lachen anregen. Ich denke da an Armin Müller-Stahl als Cabdriver Helmut, Bill Murray als Kaffee-Junkie, die Japaner in Mystery Train oder den Icecream-Song aus Down by Law.

Nach der befreienden Schlusspointe der "Father"-Episode funktioniert die zweite Episode um Charlotte Rampling als "Mother" am besten. Hier erfährt man viel über die Figuren, aber die Informationsvergabe wirkt nicht so aufgesetzt, und durch die Widersprüche zwischen der Mutter und den beiden Töchtern (Cate Blanchett und Vicky Krieps) entsteht einiges an Humor, aber alles wirkt dynamisch und die um ein kleines Kaffeekränzchen drapierte Kurzgeschichte verzichtet auf große Offenbarungen, die kleinen Details, die man hier und da erhascht, halten eine unaufgeregte innere Spannung der Episode aufrecht. Dieser Teil ist gelungen.

Father Mother Sister Brother (Jim Jarmusch)

Foto: Yorick Le Saux © Vague Notion 2024

An dieser Stelle eine kurze Beschreibung der Querverbindungen zwischen den Episoden, die für alle Jarmusch-Episodenfilme (und meinetwegen auch für Hong Sang-soo) typisch sind: Es geht jeweils um Familientreffen von Figuren, die voneinander entfremdet sind, sich eher jährlich als monatlich treffen, und sich auch wenig zu sagen haben. In ähnlichen Konstellationen kennen wir das alle, wenn wir Glück haben, vielleicht nicht bei den Eltern oder Geschwistern, sondern irgendwelchen Tanten.

So wie in Mystery Train über den Ort eine Verbindung gezogen wird, in Night on Earth über die Situation, und in Coffee and Cigarettes über die gemeinsamen Süchte, geht es hier um die fehlenden Themen, die durch drucksenden Smalltalk ergänzt werden. Da erkennt man eine gemeinsame familiäre Farbabstimmung, schaut sich (das Nonplusultra an Sprachlosigkeit) alte Fotos an oder diskutiert, mit welcher Art von Getränken es eigentlich "okay" sei, anzustoßen. Und ruckzuck landet man dann doch wieder bei den schwelenden Vorwürfen, die man eigentlich außen vor lassen wollte (und wie hier nach jeder kleinen Grenzverletzung ein Schritt zurück folgt, das hat tatsächlich eine seltsame Form von Humor).

Das Kinopublikum erkennt vor allem bei den ersten beiden Episoden vieles wieder, aber das ist nicht unbedingt abendfüllend, sondern eher wie das Reimschema bei einer Gedichtinterpretation (glücklicherweise habe ich da ein kleines Faible für). Nur wenn eine Episode eine Eigendynamik entwickeln kann, wird man trotz der gewollten Oberflächlichkeit hineingezogen.

Father Mother Sister Brother (Jim Jarmusch)

Foto: Yorick Le Saux © Vague Notion 2024

In der "Mother"-Episode ist es keineswegs so, dass man mit einer der drei Personen besonders warm wird, aber gerade dadurch, dass alle drei das Publikum auf Abstand halten, ist alles interessant*. Auch durch überzogene Entscheidungen im Look (man erkennt hier auch die Qualität der drei Schauspielerinnen) und einen gern unterkühlten Habitus mit leichten Differenzen in der Bereitschaft, sich den Familienmitgliedern gegenüber zu öffnen (oder ganz gewollt auf Abstand zu bleiben).

*Ich mag das nicht immer (und vor allem nicht zu oft) im Kino, aber manchmal verzaubert mich diese seltsame Faszination, als würde man an einem Autounfall vorbei fahren ... oder noch treffender, man erhascht in der U-Bahn einen Familienstreit oder eine absurd agierende Gruppe und würde am liebsten noch ein paar Stationen weiter fahren. Einfach, weil ja selbst Fremdschämen sehr unterhaltsam sein kann...

Bei der dritten Episode um ein Zwillingspaar (Indya Moore und Luka Sabbat als "Sister Brother") hatte ich im Kino ein Problem, denn ich bin zwischendurch leicht weggeschlummert, und wusste dabei auch nicht wie lange ich weg vom Fenster war und was ich verpasst hatte. Ich hatte aber das Gefühl, dass die ersten beiden Episoden eine deutlich größere innere Verbundenheit hatten, und wollte das natürlich nicht einfach dem Film anlasten - das wäre ungerecht gewesen.

Für mich kam aber auch nicht in Frage, diesen Umstand einfach zu verschweigen, und damit war ich in der Bredouille. Zu einer zweiten Vorführung konnte ich nicht, aber dann gab es ein Streaming-Angebot für die Presse, und ausnahmsweise nahm ich das wahr.

Interessanterweise war die dritte Episode nicht kürzer als die ersten beiden, und ich konnte während der Zweitsichtung ziemlich klar festmachen, welche Teile ich verpasst hatte. Ein Fazit, dass ich aber nicht für mich behalten will: "Sister Brother" war aber auch ein 1A-Einschlaf-Film.

In früheren Jahren habe ich dem Leben als Filmkritiker ja deutlich mehr Zeit gewidmet, war aber immer deutlich wacher als einige Kollegen, die einem Komplettierungswahn folgten, der im Kino nie so mein Ding war. Ich hatte ja früher auch immer einen "Film des Monats", habe dann aber entschieden, dass ich aktuell nicht so viele Filme im Monat schaue, um mir so eine Entscheidung herausnehmen zu können. Einige Kollegen und Kolleginnen haben dauerhaft eine Filmtaktung, gegen die selbst meine Rekord-Jahre 2003 bis 2005 mit 250 bis knapp über 300 Kinovorstellungen traurig abstinken. Und entsprechend erlebe ich dann, dass die selbst mit Riesenflaschen Energy-Drink bei Filmen voller Explosionen und Action wegratzen. Das kann alles mal passieren, aber irgendwann hat man dann vielleicht die Erleuchtung, dass man auch mal zwei. drei Filme ausfallen lassen sollte und lieber ein Schläfchen machen kann.

Father Mother Sister Brother (Jim Jarmusch)

Foto: Yorick Le Saux © Vague Notion 2024

Aktuell sehe ich selten mal zwei Filme hintereinander, und ich bin meistens auch deutlich gespannter auf die Filme. Ich suche mir aus, was mich auch interessiert, und bin dadurch auch nicht so schnell gelangweilt. Trotzdem ist man ja nur menschlich, und wenn ein Film ohne große Konflikte, ohne Lichtwechsel und mit einem dahinplätschernden Dialogteppich einen einlullen (am schlimmsten in einer Sprache, die man nicht versteht), dann kann man da gegen ankämpfen, aber auch bei einem vierten Berlinale-Film von Hong Sang-soo kann man auch einen Endgegner treffen (Sakrileg!)

Die beiden Zwillinge wollen die Wohnung der verstorbenen Eltern noch mal besuchen (Billy hat sie schon leergeräumt), und die außergewöhnlichen Umstände beim Ableben habe ich bei der ersten Sichtung ebenso wenig mitbekommen wie die Passage, wo die alten Fotos angeschaut wurden. Dass Dusty Springfield diesmal im Original läuft, hat mich aber wachgerüttelt, und mir stieß schon beim ersten Mal sauer auf, dass Billy bei der Besichtigung des Lagers mit dem gesammelten Familiengerümpel erwähnt, dass einiges davon schon von seinen Großeltern stammt. Das ist ein direktes Zitat, gegenüber seiner Zwillingsschwester spricht er von "seinen" Großeltern. Wenn ich nicht irgendwas im Biounterricht verschlafen habe (jaja, das ist kein character trait, sondern leicht verpennter Humor!), haben Zwilling die selben Großeltern (und zwar im Normalfall Stücker vier), ich kann mich nicht erinnern, in einem Gespräch mit meinem Bruder jemals über meine Großeltern gesprochen zu haben...

Jaja, das ist nur ein kleines Detail, aber ich wollte das erwähnen. Alles in allem wurde die dritte Episode auch hellwach vor dem Monitor nicht wirklich spannend. Ich erkannte, dass sie emotionaler war, aber ich empfand sie nicht als besonders ergreifend, spannend oder gar lustig. Das passende Adjektiv (okay, streng genommen ein Partizip!) war eher mäandernd.

Das wohl auffallendste Detail bei Famosibro sind übrigens die Skateboard-Fahrer, die an den drei unterschiedlichen Spielorten jeweils in Zeitlupe und mit spezieller Musik durch die Straßen fahren. Die wirken irgendwie erhaben, modern oder zumindest speziell, aber für mich sind sie auch nur eine Fingerspielerei, mit der Jarmusch sich ein bisschen Jugend zurück holt. im Grunde stehen aber eher Father und Mother für den Regisseur, mit ihrem unterschiedlich amüsierten Blick auf die nächste Generation, und wie die sich abmüht, wo man mit einem gewissen Alter einen stabilen Punkt erreicht hat, an dem man nicht mehr hinterfragt wird.

Größtenteils, aber manche Nachkömmlinge haben nicht einmal den Respekt, den man sich verdient hat!