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Die Box




August 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Don’t come knocking
Deutschland / Frankreich / UK / USA 2005

Don't Come Knocking

Regie:
Wim Wenders

Drehbuch:
Sam Shepard

Kamera:
Franz Lustig

Schnitt:
Peter Przygodda, Oli Weiss

Musik:
T Bone Burnett

Ausstattung:
Nathan Amondson

Darsteller:
Sam Shepard (Howard Spence), Jessica Lange (Doreen), Tim Roth (Sutter), Gabriel Mann (Earl), Sarah Polley (Sky), Fairuza Balk (Amber), Eva Marie Saint (Howards Mutter), George Wallace (Regisseur)

122 Min.

Kinostart:
25. August 2005
Broken Flowers
USA 2005

Broken Flowers

Buch
und Regie:
Jim Jarmusch

Kamera:
Frederick Elmes

Schnitt:
Jay Rabinowitz

Musik:
Mulatu Astatke

Darsteller:
(annähernd in der Reihenfolge des Erscheinens) Bill Murray (Don Johnston), Julie Delpy (Sherry), Jeffrey Wright (Winston), Heather Alicia Simms (Mona), Jarry & Korka Fall, Saul & Zakira Holland, Niles Lee Wilson (Winston & Monas Kinder), Meredith Patterson (Stewardess), Jennifer Rapp, Nicole Abisinio (Mädchen im Bus), Ryan Donowho (Junger Mann im Bus), Sharon Stone (Laura Daniels), Alexis Dziena (Lolita), Frances Conroy (Dora), Christopher McDonald (Ron), Jessica Lange (Dr. Carmen Markowski), Chloë Sevigny (Carmens Assistentin), Tilda Swinton (Penny), Chris Bauer (Dan), Larry Fessenden (Will), Pell James (Sun Green), Mark Webber (Philosoph mit Rucksack), Homer Murray (Trainingsanzugträger im Auto)

Kinostart:
8. September 2005

Ein in die Jahre gekommener, trotz Vermögen etwas heruntergekommener und einsamer Schürzenjäger erfährt davon, daß er einen inzwischen volljährigen Sohn hat. Er begibt sich auf eine Reise durch Amerika, um diesen und dessen Mutter aufzustöbern. Dabei bekommt er Gelegenheit, noch mal über sein Leben nachzudenken …
So kann man ansatzweise gleich zwei Filme zusammenfassen, die in diesem Jahr im Wettbewerb in Cannes liefen und nun auch innerhalb von nur zwei Wochen in den deutschen Kinos starten. In beiden Filmen spielt außerdem Jessica Lange die (bzw. eine potentielle) Mutter, die Regisseure haben auffällig alliterative Namen, und wenn die beiden Filme nicht gleichzeitig entstanden wären, wäre ich wahrscheinlich davon ausgegangen, daß Jim Jarmusch den neuen Film von Wim Wenders gesehen hatte, und sich dachte: „Das kann ich besser.“ Und ob er das kann!

Don’t come knocking

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Für Don’t come knocking tat sich Wim Wenders wieder mit dem Autor, Darsteller und gelegentlichen Regisseur Sam Shepard zusammen, der ursprünglich mal den Hammett spielen sollte und vor gut zwanzig Jahren auch Paris, Texas ersann, der in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Shepard spielt den ehemaligen Westernstar Howard Spence, der sich durch diverse Exzesse (Frauen, Drogen etc.) seine eigene Karriere verbaut hat (für seinen Wohnwagen hat er ein Schild gebastelt: „Don’t come knocking if the trailer’s rocking“), und nun auch während der Dreharbeiten seines neuesten Films einfach mal verschwindet. Während ein Versicherungsangestellter (Tim Roth) versucht, ihn ausfindig zu machen und wieder zu den (sich täglich verteuernden) Dreharbeiten zurückzuschleppen, besucht Howard zunächst seine Mutter (Eva Marie Saint), die er dreißig Jahre nicht gesehen hat, und die ihm beim gemeinsamen Durchblättern eines Scrapbooks mit Zeitungsausschnitten von Howards Karriere nun auch auf seinem ihm nicht bekannten Sohn - ihren Enkel, den sie nie getroffen hat - aufmerksam macht. Howard widerspricht „I never got anybody pregnant“, aber es findet sich sogar ein Photo, das ihn mit der vermeintlichen Kindsmutter, der Serviererin Doreen (Jessica Lange, mit der Sam Shephard seit zwanzig Jahren liiert ist) zeigt.

Das Road Movie geht weiter - ein Genre, dem Wenders sich dermaßen verschrieben hat, daß er mal seine Produktionsgesellschaft „Road Movies“ nannte. Zwischendurch landet Howard mal im Lichtermeer eines Kasinos oder bei einem Manikuristinnen-Kongreß, bei dem Wenders seine Vorliebe für kräftige Farben (der ganze Film ist offensichtlich eine Hommage an den amerikanischen Maler Edward Hopper) etwas übertreibt und sämtliche Kongreßteilnehmerinnen in Rosa- und Rottönen „ver“kleidet hat. Dies erwähne ich vor allem, weil die Farbe Rosa in Broken Flowers so wichtig ist, und der Anblick der rosaroten Frauenschar zu den wenigen humoristischen Höhepunkten von Don’t come knocking gehört.

Über den weiteren Verlauf der Geschichte will ich nicht zuviel verraten, manch einen mag die Entwicklung des Treffens zwischen Vater und Kind ja die emotionelle Offenbahrung bescheren, die mir versagt blieb. War die Figurenkonstellation bei Paris, Texas schon extrem artifiziell (wodurch der Film bei realistischer Betrachtung auch kaum jemanden überzeugen konnte), so wirken die Figuren in Don’t come knocking nun endgültig eindimensional und klischiert. Ein Westerndarsteller, eine Serviererin, ein Rock’n’Roll-Rebell und ein mysteriöses Mädchen, daß mit der Urne ihrer Mutter durch die Stadt zieht. Wirklich ernst kann man hier wenig nehmen, und um es humorvoll aufzunehmen, sind die Scherze zu rar gestreut. Eine Figur wie die von sarah Polley dargestellte junge Frau hat zwar durchaus angedeuteten Tiefgang, doch wirkt sie wie eine eilig hingepinselte Gestalt, die einzig dafür da ist, mysteriös zu wirken. Tim Roths Rolle erinnert schon wegen des Anzugs an Mel Gibson in Million Dollar Hotel, zumindest hat Roth aber einige Dialoge, die ihn glänzen lassen. Der Rest des Films ist wie ein Gemälde, bis hin zur letzten Einstellung, die einem zeigt, wie weit man noch von der Weisheit entfernt ist. Und wie sagt Wim Wenders selbst in den Pressematerialien über „Schöne Bilder“:

“[Sie] sind ja wirklich was Schönes, aber sie sind auch die Pest. Wenn sie zum Selbstzweck werden und die Leute letzten Endes aus dem Kino kommen und nur schöne Bilder gesehen haben, dann hat man als Regisseur etwas falsch gemacht.“ Einsicht ist der beste Weg zur Besserung, Herr Wenders!


Broken Flowers

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
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Broken Flowers beginnt mit dem Weg eines rosaroten Briefes, den wir vom Einwurf (interessante Hände …) bis zur Auslieferung verfolgen, während die Vorspanntitel laufen. Bereits hier kann man sich darüber wundern, wie seltsam die Konstellation der zwei Häuser von Don Johnston (Bill Murray) und seinem Nachbarn Winston (Jeffrey Wright) wirkt, die aber Teil eines ausgeklügelten Amerika-Bildes von Jim Jarmusch ist. Während Don im Fernsehen einen Film über seinen Namens und Gesinnungs-Vetter Don Juan betrachtet, verlässt ihn seine sehr viel jüngere Freundin Sherry (Julie Delpy), der tag endet mit einem schwarzen Fade-Out und dem Gelächter aus der Flimmerkiste.

Mit der für Jarmusch typischen Langsamkeit wird nun irgendwann der mysteriöse Brief geöffnet, der von einer früheren Verehrerin stammt, die Don darauf hinweist, daß sein mittlerweile neunzehnjähriger Sohn (von dem er bisher nichts wusste) womöglich auf der Suche nach ihm ist. Eine Signatur, einen Absender oder einen lesbaren Poststempel gibt es auf dem Brief nicht, doch Nachbar Winston, der gerade eine Leidenschaft für Detektivarbeit entwickelt hat, schickt Don auf die Reise, um jene fünf Frauen aus der entsprechenden Zeit, an deren Namen er sich noch entsinnen kann, zu besuchen, und dabei herauszubekommen, wer wohl die Mutter des mysteriösen Sohnes ist. Auf der Suche nach rosa Briefpapier, Handschriftenproben oder der passenden Schreibmaschine zieht Don also durch die Lande und begegnet dabei den potentiellen Müttern seines Sohnes, darunter Sharon Stone, Jessica Lange und Tilda Swinton. Immer wieder taucht hierbei die Farbe Pink auf: Bademäntel, Visitenkarten, der Tank eines Motorrads, sogar eine weggeworfene Schreibmaschine, doch auch bei diesem Film will ich die Auflösung nicht ausplaudern, denn sie macht einen nicht erheblichen Teil des Reizes des Films aus.

Wo Shepards Figuren wie aus einem Katalog mit Americana stammen, sind selbst die unwichtigsten Nebenfiguren bei Jarmusch kleine Meisterwerke seines Ideenreichtums, daß sich hinter einem elliptischen Understatements versteckt, denn man erfährt nicht immer besonders viel über die Stewardess, die Kreuzworträtsel löst, die Floristin mit dem seltsamen Namen oder die drei jungen Männer, die fernab der potentiellen Mütter Dons Weg kreuzen.

Gemeinsam mit Kameramann Frederick Elmes (Blue Velvet, Night on Earth, The Ice Storm) entwirft Jarmsuch ein Amerika, das kaum weiter von den Postkartenansichten Wenders’ entfernt sein könnte. Als Amerikaner lässt sich Jarmusch nicht vom Death Valley oder Spielkasinos blenden, sondern zeigt ein „Generica“, bei dem man nie weiß, in welchem Bundesstaat man sich gerade befindet. Hier wird Amerika über ununterscheidbare Flughäfen, Straßen, Mietwagen und eine ununterscheidbare Architektur definiert - doch das Auge des Betrachters ist dadurch sogar noch aufmerksamer, denn bei Jarmusch zählt jedes Detail, während man bei Wenders immer nur von den Farben, Formen und Flächen erschlagen wird.

Vor allem ist Broken Flowers aber ein Film, der unterhält (Wenn Bill Murray Karotten isst, tobt der Kinosaal) und bis zur letzten Sekunde spannend bleibt. Am Schluß steht Don auf der Straße und eine Kreiselbewegung der Kamera unterstreicht nochmal den Weg, den er während des Films hinter sich gelegt hat. Diese Kreiselbewegung findet sich auch bei Wenders, in ihrem (Epi-)Zentrum befindet sich ein Sofa, das mit Pin-Up-Girls bedruckt ist, und auf dem Sam Shepard irgendwann wie festgeklebt sitzen bleibt. Doch bei Wenders ist der Film dann (leider) längst noch nicht zuende.