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Die Box


 

August 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Coffee and Cigarettes
USA 2003

Coffee and Cigarettes (R: Jim Jarmusch) Regie und
Buch Feature:
Jim Jarmusch

Kamera Feature:
Tom DiCillo, Frederick Elmes, Robby Müller

mit
Roberto Benigni, Steven Wright, Steve Buscemi, Cinqué Lee, Joie Lee, Iggy Pop, Tom Waits, Joe Rigano, Vinny Vella Jr., Reneé French, E.J. Rodriguez, Alex Descas, Isaach De Bankolé, Cate Blanchett, Jack White, Meg White, Mike Hogan, Alfred Molina, Steve Coogan, Katy Hansz, Bill Murray, Bill Rice, Taylor Mead

96 Min.

Kinostart:
19. August 2004

Coffee and Cigarettes


Jim Jarmusch ist ein Meister des Kurz- und Episodenfilms. Im direkten Vergleich mit namhaften Kollegen sticht sein Beitrag zu Ten Minutes Older positiv hervor, in Mystery Train und Night on Earth hat er bewiesen, daß das Jarmusch-Universum ebenso in einem heruntergekommenen Hotel in Memphis wie gleichzeitig an fünf auf der Erde verteilten Orten über banale Momente und wortkarge Gespräche definiert werden kann. Drei Kurzfilme, die Jarmusch zwischen 1986 und 1993 mal so "nebenbei" gedreht hat, haben zunächst einmal den Titel gemeinsam. Coffee and Cigarettes. Die Ausgangsposition dieser Filme ist schnell erzählt: Zwei oder drei Personen treffen sich in irgendeinem Diner oder Café, schmauchen ein paar Glimmstengel und trinken ein Käffchen. Bemerkenswert ist vielleicht noch, daß die Filme auf schwarzweiß gedreht waren, und daß Jarmusch gerne Darsteller benutzte. die auch so schon eine Rolle im Jarmusch-Universum einnehmen.

Bei einem in sich abgeschlossenen Film wie Night on Earth kann man, wie ich in einem Drehbuchseminar am eigenen Leibe erfahren musste, einfach mal so auf die Idee kommen, eine zusätzliche Episode zu ersinnen, die beispielsweise in Berlin spielt. (Auf diese Weise erhöhte sich noch mein Respekt vorm Drehbuchautor Jarmusch.)

Jarmusch selbst nahm nun die drei vorhandenen Episoden und drehte noch acht weitere dazu, und wie aus einem zunächst etwas lakonisch wirkenden Experiment ein ernstzunehmender weiterer Fixpunkt in der Filmographie des Amerikaners werden konnte, ist ein Kunststück, wie es nur Jarmusch und sein finnischer Geistesgenosse Kaurismäki vollbringen können.

Coffee and Cigarettes (R: Jim Jarmusch)
Coffee and Cigarettes (R: Jim Jarmusch)
Coffee and Cigarettes (R: Jim Jarmusch)
Coffee and Cigarettes (R: Jim Jarmusch)
Coffee and Cigarettes (R: Jim Jarmusch)
Coffee and Cigarettes (R: Jim Jarmusch)
Coffee and Cigarettes (R: Jim Jarmusch)

Zunächst haben die einzelnen Episoden wenig miteinander gemeinsam. Die Geschichten sind nicht auf dramatische Wendungen oder moralische Nachrichten hin ausgerichtet, es sind Gespräche, wie sie jederzeit in einer Dubliner Kellerkneipe oder einem Prager Studentenheim entstehen könnten. Doch dann wiederholen sich Dialogfetzen, man stellt fest, daß ein Schachbrettmuster sich von einer Tischdecke bis zu einem Lampendesign oder gar einem avantgardistisch erscheinenden Sitzmöbel durch den Film zieht, und unter den Begegnungen findet man wiederkehrende Motive. Mal treffen sich zwei Prominente und führen in wenigen Minuten einen nicht immer subtilen Konkurrenzkampf, mal sind es Verwandte, die etwas mehr Zeit für Sticheleien haben, hin und wieder drängt sich auch ein Kellner seinen Gästen auf. Und Jarmusch variiert diese Muster und verbindet sie. Warum kann nicht auch der Kellner ein Verwandter oder Prominenter sein?

Ganz nebenbei merkt man im Film auch, daß die Zeit voranschreitet. Kaffee und Zigaretten waren schon in der 80ern als gesundheitsschädlich bekannt, doch gerade in den neueren Episoden tauchen mehr und mehr Gesundheitsfanatiker auf, die lieber Tee trinken oder das Rauchen in der Lounge untersagen.

Im folgenden werde ich noch kurz den Inhalt der einzelnen Episoden skizzieren, wer jedoch ohne dieses Vorwissen in den Film geht, hat definitiv mehr davon.


Episode I: Strange to Meet You (1986)

Buch: Roberto Benigni, Jim Jarmusch, Steven Wright, Kamera: Tom DiCillo, Schnitt: Melody London, Art Direction: Laura Chariton, mit Roberto Benigni (Bob), Steven Wright (Steven), 6 Min.

Mit dem mittlerweile als Regisseur (Living in Oblivion) bekannten Kameramann seiner ersten beiden Filme und dem seinerzeit international unbekannten italienischen Komiker aus Down by Law drehte Jarmusch die erste Episode, die vielleicht auch die kürzeste ist. Zwei Komiker treffen sich, verstehen sich durch die Sprachbarriere mehr schlecht als recht, und schließlich luchst Benigni Wright ein appointment ab.


Episode II: Twins (1989)

Kamera: Robby Müller, Schnitt: Melody London, mit Steve Buscemi (Waiter), Cinqué Lee (Evil Twin), Joie Lee (Good Twin), 8 Min.

Parallel zu Mystery Train entstand die zweite Episode, neben dem auch in Far from Yokohama mitspielenden Cinqué (Bruder von Spike) Lee tritt dessen Schwester auf - und natürlich der ebenfalls in Mystery Train auftauchende Steve Buscemi - in einer der wenigen Rollen im ganzen Film, die nicht zumindest autobiographisch angehaucht ist. Die Episode spielt auch in Memphis, und Buscemi kaut seinen Kunden ein Ohr ab, wenn er mit einer tollen Elvis-Theorie kommt, die andere Touristen womöglich interessieren könnte. Doch die beiden ihn an Heckle und Jeckle (politisch unkorrekte Cartoonfiguren) erinnernden Zwillinge klären ihn stattdessen auf, denn sie kennen sich natürlich in der Geschichte des Blues aus.


Episode III: Somewhere in California (1993)

Kamera: Frederick Elmes, Schnitt: Jim Jarmusch, Terry Katz, mit Iggy Pop (Iggy), Tom Waits (Tom), 12 Min

Definitiv die beliebteste der ersten drei Episoden zeigt uns ein Treffen zwischen zwei bekannten Musikern, die es auf ihren Touren offenbar mal ins selbe Nest geweht hat. Beide sind eher streitlustig als freundlich, geben vor, mit dem Rauchen aufgehört zu haben, und checken die Jukebox nach den Singles des anderen.


Episode IV: Those Things’ll Kill Ya

Mit Joe Rigano (Joe), Vinny Vella (Vinny), Vinny Vella Jr. (Vinny Jr.)

Eine zweite "italienische" Episode zeigt zwei Italoamerikaner, die sich wie ein altes Ehepaar zanken. Ein Youngster, der nicht spricht, gehört zu jenen Drahtseilakten zwischen Ernsthaftigkeit und Lächerlichkeit, die Jarmusch immer wieder provoziert - und man liebt ihn dafür, daß er auch mal scheitert, sich aber gleich wieder aufrappelt.


Episode V: Renee

Kamera: Ellen Kuras, Art Direction: Tom Jarmusch, mit Reneé French (Renee), E.J. Rodriguez (Waiter)

Ich wüsste gern, ob Reneé French die gleichnamige Comiczeichnerin ist, die sich in dieser Episode gegen einen aufdringlichen Kellner erwehren muß und dabei interessante Lektüre studiert.


Episode VI: No Problem

Kamera: Ellen Kuras, Art Direction: Tom Jarmusch, mit Alex Descas (Alex), Isaach De Bankolé (Isaach)

Isaach De Bankolé war in der Pariser Episode von Night on Earth der Taxifahrer. Hier trifft er nach langer Zeit wieder auf seinen Bruder, der ihm gern bei seinem Problem helfen will. Zu dumm, daß er kein Problem hat.


Episode VII: Cousins

Mit Cate Blanchett (Cate / Shelby)

Nach der Episode mit den unähnlichen Zwilligen Lee kommen nun zwei Cousinen, die sich gleichen wie Laura Palmer und Maddy Ferguson. Wahrscheinlich, weil sie beide von derselben Schauspielerin gespielt werden. Cate Blanchett brilliert darin, sich einerseits selbst zu spielen - und andererseits ihre nicht so vom Erfolg verwöhnte (und entsprechend etwas neidische) Cousine Shelby. Eine Annäherung ist nicht einfach.


Episode VIII: Jack Shows Meg his Tesla Coil

Mit Jack White (Jack), Meg White (Meg), Mike Hogan (Waiter)

Die Geschwister der "White Stripes" sind das nächste Paar. Jack, der Michael Tesla für den größten und unterschätztesten Physiker aller Zeiten hält, führt seiner Schwester ein nachgebautes Modell vor …


Episode IX: Cousins?

Mit Alfred Molina (Alfred), Steve Coogan (Steve), Katy Hansz (Katy)

Die wahrscheinlich witzigste Folge ist die zwischen Steve Coogan und Alfred Molina, die sich in Los Angeles treffen. Molina schwärmt von 24 Hour Party People und Coogans Auftritten als Komiker - Coogan kann sich nahezu nur daran erinnern, daß ihm seine Mutter mal von Molinas Auftritt in Boogie Nights erzählt hat. Die beiden Briten triken natürlich Tee.

Während Molina Coogan beweisen will, daß sie entfernte Cousins sind, taucht ein weiblicher Fan auf, der von Coogan ein Autogramm möchte. Beinahe signiert Coogan auf Molinas wichtigen Unterlagen, dann weist er die junge Frau immerhin darauf hin, daß "Albert Molina" "auch ein Schauspieler" sei. Die Situation ist auch so schon surreal genug - Molina hat sich nach seinen vielversprechenden Anfängen im neuen britischen Kino der 80er (etwa in A Letter to Brezhnev oder Prick up your Ears) längst auch international etaibliert (zuletzt etwa als Frida Kahlos Mann oder als "Doc Ock" in Spider-Man 2), während man Coogan wirklich nur aus einem Film kennt - und der ist in Deutschland nicht einmal regulär gelaufen …

Doch dann wird Molina von seinem Kumpel "Spike" angerufen - und plötzlich wendet sich das Blatt …


Episode X: Delirium

Mit GZA (GZA), RZA (RZA), Bill Murray (Bill)

Kurz vor Schluß kommt endlich auch die Bill Murray-Episode. Als Kellner, der in Wirklichkeit aber Bill Murray ist ("Redet nicht darüber …") trifft er auf die Gründer des Wu Tang-Clans (RZA lieferte auch die Musik zum Jarmusch-Film Ghost Dog) und sie unterhalten sich über die Gesundheitsprobleme des kannenweise Kaffee herunterstürzenden Murray. Genau wie Tom Waits sind die Hiphopper nämlich auch in Medizin versiert.


Episode XI: Champagne

Mit Bill Rice (Bill), Taylor Mead (Taylor)

Nach zwei wahnwitzigen Epsioden zieht Jarmusch am Ende das Tempo wieder etwas zurück. Zwei ältere Herren fachsimpeln in der Kaffeepause über Gott und die Welt, dazu gibt es einen Song von Gustav Mahler.