Smalltown Girl
(Hille Norden)
Deutschland 2025, Buch: Hille Norden, Kamera: Bine Jankowski, Schnitt: Sarah Guggolz, Musik: Lennart Saathoff, Szenenbild: Max-Josef Schönborn, Kostüme: Hanna Pulkkinen, mit Dana Herfurth (Nore), Luna Jordan (Jonna), Vera Fey (Nore, jung), Jakob Gessner (Michel), Jan Georg Schütte (Mattie), Marcel Heuperman (Justus), Johann von Bülow (Joseph), Wanja Mues (John), Julian Greis (Eddy), Campbell Caspary (Felix), Kjell Brutscheidt (Bruno), Mehmet Ateşçi (Fabio), Yann Mbiene (August), Jan Viethen (Sherif), Max Matthis (Markus), Laurenz Lerch (Kalle), Sebastian Jakob Doppelbauer (Timo), 122 Min., Kinostart: 15. Januar 2026
Mit den Augen der jungen zurückhaltenden Jonna (Luna Jordan) lernt das Publikum die auf Jonna faszinierend wirkende Nore (Dana Herfurth) kennen, die in der unspezifischen Kleinstadt, in der der Film spielt, schon einiges an (vorwiegend männlichen) Sexualpartnern abgegraben hat. Nore weiß, was sie will, und meistens bekommt sie es auch. Mit ihrem exaltierten Lebensstil kommt sie zumeist gut zurecht.
"Du bist die kleine Maus, die mich immer anstarrt. Bist Du verliebt in mich?"
Jonna hatte Nore schon in der Schule beobachtet, wo sie ein paar Klassen über ihr war... die vermeintliche Schulschlampe mit dem Gerücht über eine Abtreibung in der Kaffeeküche, wobei Jonna selbst dieses Gerücht einst gestreut haben soll. Die beiden Frauen freunden sich an und bilden eine etwas eigentümliche WG. Nore fertigt Männer eigentlich schnell ab. Wenn sie über Nacht bleiben, sollten sie spätestens vor dem Frühstück gegangen sein. Nur Jonna findet es angemessen, auch mal einen Kaffee anzubieten, und gleich einer der ersten Männer, der die Nore-Abfertigung durchlaufen hatte, bleibt an Jonnas Seite, wobei aber auch klar wird, dass Michel (Jakob Gessner) irgendwie auch um Nores Befinden besorgt ist.

© Neue Visionen Filmverleih
Im Grunde wird erst durch Jonnas Interesse an Nore, und an dem, was ihre Persönlichkeit so geprägt hat, Nores etwas spezille Promiskuität zum Thema, und dadurch auch zum Problem. Nore hat keinerlei Interesse, darüber zu reden - sie braucht keine Therapie! Und will auch nicht über jeden blauen Fleck oder eine gesundheitliche Befindlichkeit diskutieren.
"Die eigentliche Frage ist ja: Wer fickt mich heute?"
Jonnas Interesse an Nores Vorgeschichte führt zunächst zu nichts, belastet die Freundschaft eher, und entsprechend geht Jonna vorsichtig damit um. Wir als Publikum beobachten nur, oder bekommen krasse Aussagen von Nore präsentiert. Zum Beispiel behauptet sie, dass sie sich lieber nachts im Park vergewaltigen lässt, als aus Angst einen Umweg zu nehmen. Solche Sprüche hieven die junge Schneiderin fast auf eine Ebene mit Isabelle Huppert (La pianiste, Elle), für ein Regiedebüt einer jungen Frau definitiv außergewöhnlich.

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Hille Norden begann ihre Kinokarriere mit einem Film unter fremder Regie, bei dem sie aber als Autorin, Produzentin und Hauptdarstellerin fungiert. Ich kenne diesen Film nicht, aber schon der Titel "Jola" klingt wie ein weiterer sehr eigentümlicher Frauenname. Danach folgten Dokumentarfilme, und schon 2020 erhielt sie eine Drehbuchförderung für ihr fiktionales Spielfilmprojekt "Ficken für Freiheit", das nun unter anderem Titel in die Kinos kommt.
Ich bin auch immer gern dabei, wenn es darum geht, über die Einflussnahme von Geldgebern bei kreativen ideen zu schimpfen, aber irgendwie ist der Titel "Smalltown Girl" auch ein Befreiungsschlag, der dem Film ein komplett anderes (und vermutlich größeres) Publikum beschert. Ich wurde auch durch den Titel angelockt (ich fand es witzig in zwei aufeinander folgenden Monaten vier Kritiken zu Filmen zu veröffentlichen, deren Titel alle mit S beginnen), ließ mich aber durch den Trailer dann auch nicht abschrecken, weil ich jungen deutschem Kino gern eine Chance gebe.
"[...] mir war es wichtig, einen Film zu machen, wie ich ihn gerne als junge Frau gesehen hätte - einen, den ich aber nicht gefunden habe. Smalltown Girl ist aus der Introspektive einer Betroffenen erzählt.
Das Besondere an Smalltown Girl ist, im Ansatz vergleichbar mit Sorry, Baby, die positive Herangehensweise an ein dunkles Thema, das ein Leben verändert, es aber nicht beendet. Ich will hier nichts verharmlosen, aber niemand wünscht sich zum Beispiel eine Behinderung. Man blickt auf die Betroffenen aber meist von außen, während sie die Aufgabe haben, ihr Leben neu zu arrangieren - und viele können daran sogar wachsen. Auf viele Erfahrungen hätte man verzichten können, aber wenn sie geschehen, gehören sie dazu zum Leben. Noch ein blödes Beispiel: wenn jemand das Augenlicht verliert, aber vielleicht nach drei Monaten zurückbekommt, der wird dennoch ganz anders auf sein Leben und die Welt, in der er lebt, schauen.
Und erneut drängt es mich, zu erwähnen, dass ich mit dieses Worten nichts verharmlosen will. Es geht mir nur darum, dass ich trotz meines beschränkten Horizonts, meines "Blicks von Außen", beschreiben will, wie lebensbejahend dieser Film trotz einiger anstrengender Momente ist - denn Hille Norden nutzt nicht wie Eva Victor (die Regisseurin von Sorry, Baby) eine umfassende Ellipse, hier wird längst nicht alles gezeigt, aber recht klar benannt.

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Die vier benutzten Szenenfotos sind prägend für diesen Film. Das erste und letzte wirken wie Umarmungen, die eine Freundschaft zeigen, eine "gewachsene" Freundschaft. Das dritte wirkt wie eine Momentaufnahme aus einem Märchen, die aber mit unübersehbarer Symbolik arbeitet (im Film gibt es noch so eine Kernszene, wo Nore aus einem Badezimmerfenster blickt). Und das zweite zeigt in einem Bild voller harmlosen, alltäglichen Realismus die Szene, in der eine Welt wortwörtlich zusammenbricht, um dann neu aufgebaut zu werden.
Die Kernsituation, wie Hille Norden mit der - ich nenn's mal "Therapie", auch wenn das den falschen Eindruck geben könnte - umgeht, ist so phantastisch wie genial, und noch dazu wird das im Film so toll umgesetzt, dass man bestimmte Szenen noch mal sehen will, um auf Details zu achten.
Ich habe eine besondere Vorliebe für Filme (und Comics, Romane), in denen Grenzen zwischen Welten überquert werden. Hat Dorothy in The Wizard of Oz den Farbteil nur geträumt? Wo fangen in Die My Love die Halluzinationen an? Ich habe eine ganze Seminararbeit über solche Filme geschrieben, angefangen von Das Cabinet des Dr. Caligari, über The Night of the Hunter, Repulsion, Fight Club und diverse Filme von David Lynch. Die passen irgendwie alle gut zusammen mit dieser filmischen Therapie.
Noch spannender als die Frage, ob bei den frühen Küchenszenen schon ein Flasche Orangensaft auf dem Tisch steht (und die könnte fast so bedeutsam sein wie der Karton in Seven) ist hier eine Frage, die eigentlich hinreichend beantwortet wird: Das Nacharbeiten ihrer persönlichen Vergangenheit ist für Nore kein Ponyschlecken, aber es bereichert ihr Leben offensichtlich - und für das Publikum ist das ähnlich: Auf manches hätte man auch verzichten können, aber das Happy End, selbst, wenn es deutlicher visualisiert wird, als es sich wirklich zeigen würde, ist eine hinreichende Belohnung.

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Smalltown Girl ist kein Meisterwerk, über das man noch Jahre sprechen wird, aber die Art und Weise, wie Hille Norden hier "introspektiv" das Thema behandelt, ist nicht weniger als genial. Falls es schon Filme gab, die auf ähnliche Art ein ähnliches Thema behandelt haben, muss ich sie entweder verpasst haben, oder die Parallele ist mir entgangen.
Ich komme ungern zum Vergleich mit der Behinderung zurück, aber um diesem Film gerecht zu werden, muss man davon weg, ewig zu jammern, dass Frieda jetzt halt doch keine Tänzerin geworden ist (rein fiktives Szenario), sondern jubelt doch mit ihr, dass sie beim Rollstuhl-Basketball diesen Pokal gewonnen hat.
Dieser Film sollte auch einen Pokal gewinnen. Die Menschen, die ihn zu schätzen wissen, sollten sich zu einem Crowdfunding-Projekt zusammenfinden und Zahngold sammeln (rein fiktives Szenario).
Und wer schwer Freude empfinden kann: Die (rein psychisch ablaufende) Turnhallenszene kam auf Anlauf auf Platz 2 in meiner Liste der Filme, in denen ich mich einer bestimmten Zugehörigkeit in meinem Leben schämen musste. Gleich nach Kimberley Pierces Boys don't Cry - der aber sonst eher sehr wenig mit diesem Film gemein hat.