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20. Oktober 2021
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The French Dispatch (Wes Anderson)


The French Dispatch
(Wes Anderson)

USA / Deutschland 2021, Buch: Wes Anderson, Kamera: Robert D. Yeoman, Schnitt: Andrew Weisblum, Musik: Alexandre Desplat, Kostüme: Milena Canonero, Production Design: Adam Stockhausen, Supervising Art Director: Stéphane Cressend, mit Tilda Swinton (J.K.L. Berensen), Frances McDormand (Lucinda Krementz), Bill Murray (Arthur Howitzer, jr.), Jeffrey Wright (Roebuck Wright), Owen Wilson (Herbsaint Sazerac), Elizabeth Moss (Alumna), Jason Schwartzman (Hermés Jones), Griffin Dunne (Story Editor), Anjelica Huston (Narrator), Benicio del Toro (Moses Rosenthaler), Léa Seydoux (Simone), Adrien Brody (Julien Cadazio), Bob Balaban (Uncle Nick), Henry Winkler (Uncle Joe), Tony Revolori (Young Rosenthaler), Timothée Chalamet (Zeffirelli B.), Lyna Khoudri (Juliette), Cécile de France (Mrs. B), Guillaume Gallienne (Mr. B.), Christoph Waltz (Paul Duval), Liev Schreiber (Talk Show Host), Matthieu Amalric (The Commissaire de la Police Municipale), Edward Norton (»Chauffeur Joe« Levévre), Stephen Park (Lieutenant Nescaffier), Willem Dafoe (Albert »the Abacus«), Hippolyte Girardot (Chou-fleur), Saoirse Ronan (Blue-Eyed Showgirl), Rupert Friend (Mustard Region Cadets Drillsergeant), 108 Min., Kinostart: 21. Oktober 2021

Wes Anderson ist der Meister des opulenten Ausstattungskinos, wo jeder Kofferanhänger nebst handverlesener Farbschattierung in etwa so wichtig sein kann wie die erzählte Geschichte. Er dreht gerne Filme in hübsch gebastelten Zügen (The Darjeeling Limited), Hotels (The Grand Budapest Hotel) oder U-Booten (The Life Aquatic with Steve Zissou), bastelt absurde comicartige Familien (The Royal Tenenbaums), scheut sich aber auch weder vor Animationsfilmen mit tierischen Protagonisten (Fantastic Mr. Fox, Isle of Dogs) oder Filmen mit Kindern in zentralen Rollen (Moonrise Kingdom, Rushmore).

»This isn't the first manifesto I proofread.«

Anderson (bitte nicht verwechseln mit seinen Regiekollegen Paul Thomas, Roy und Paul W.S., obwohl es immens interessant wäre, wenn die vier Anders(s)ons ein und dieselbe Person wären) gehört zu den Regisseuren, die ein besonderes Klientel an Darstellern locken können, wobei die Star-Riege von Film zu Film unglaublicher wird.

The French Dispatch (Wes Anderson)

© 2020 The Walt Disney Company France. All rights reserved.

»Ennui rises suddenly on a monday.«

Anderson lässt sich gern von nicht eben naheliegenden Inspirationen fordern, nach Jacques Cousteau widmet er diesmal einen Film dem »The New Yorker«, was abgesehen von den berühmten Cartoons nicht unbedingt visuell wirken mag. Aber solche Details stören Anderson nicht weiter, er kombiniert in einem seltsamen Anthologie-Format einfach Einblicke in den Redaktionsalltag des The French Dispatch mit einigen von vorn bis hinten »durchgelesenen« Rubriken, von denen die drei größten Beiträge netterweise, wie ein Zugeständnis an das filmische Format, Geschichten erzählen.

Wer sich mit dem The New Yorker auskennt, erkennt vielleicht sogar einige der Autoren wieder, die mit einem ganz persönlichen Stil über Künstler, Jugendbewegungen oder einen Küchenchef (und jeweils sich selbst) berichten. Ich persönlich bin eher ein Kenner von Charles Addams oder Kalo, und verkneife es mir, klugscheißerisch über James Thurber (The Secret Life of Walter Mitty) oder James Baldwin (If Beale Street could talk) zu dozieren, auch, wenn man im hübsch gestalteten Presseheft die Kerninformationen auf dem Silbertablett präsentiert bekommt.

»I should maintain journalistic neutrality.«

Nach meiner corona-erzwungenen Filmpause stehe ich lieber dazu, dass mir dieser Film hier und da zu sehr mit Informationen vollgestopft war. Das Kino von Wes Anderson war schon immer ziemlich schnell und fordernd, aber diesmal übertreibt er es etwas. Was man sonst eher von Peter Greenaway behauptet: The French Dispatch kann man kaum beim ersten Sichten bis ins drittletzte Detail wahrnehmen. Liebevoll choreographierte Kamerafahrten vorbei an in der Zeit gefrorenen Tableaus will man am liebsten mit einer Pausentaste zelebrieren, die bon mots aus den Dialogen will man sich auf der Zunge zergehen lassen, und am liebsten hätte man noch einen Audiokommentar, der einem weiterhilft, wenn man mal nicht direkt auf die Namen der Gaststars zu kommen (ich sag nur Hippolyte Girardot!).

»I assure you it's erotic.«

The French Dispatch (Wes Anderson)

© 2020 The Walt Disney Company France. All rights reserved.

So war ich zu Beginn des Films hinreichend verwirrt, als ich erst erklärt bekomme, dass der Publisher und Gründer des Periodikums (Bill Murray) mit 75 verstorben war, vorher aber testamentarisch verfügt hat, dass nach seinem Verscheiden kein einziges Exemplar mehr erscheinen soll. Und dann erlebt man mit, wie er mit seinen treuen Autoren (und einem brandneuen Neuzugang) gerade diese Abschlussausgabe vorbereitet (übrigens mit dem Hinweis auf dem Cover, dass die Geschichte das Magazins von 1925 bis 1975 währte). What the?

»However you go about it, Mr. Wright, make it look like you did that on purpose.«

So fett hat man das nicht mal bei Dewey Cox durchgezogen, der in seiner Fake-Biographie Walk Hard: The Dewey Cox Story pünktlich zum Abnippeln wohl noch den passenden Song über seinen Tod komponierte (Have you heard the news (Dewey Cox died), mit solch inspirierten Lyrics wie »Fell out of a tree / fell upon his head / rushed into a hospital / there pronounced dead«). Wes Anderson treibt es eine Spur weiter und bastelt aus einem logischen Widerspruch einfach die Rahmenhandlung seines Films.

»I strongly disagree with every single thing you say.«

The French Dispatch (Wes Anderson)

© 2020 The Walt Disney Company France. All rights reserved.

Ich habe ja auch schon mal für Geld Kritiken verfasst, und da hätte man mich jetzt gezwungen, mindestens zu den drei »Stories« Inhaltsangaben zusammenzustellen - doch die Profundität der Geschichten sollte nicht darüber entscheiden, ob man sich diesen Film anschaut... weil das Andersoneske weitaus schwerer wiegt als die eine oder andere Episode.

»Just permit me to dog-ear the page. Mentally.«

Viel interessanter (und eher nach dem Film von Bedeutung) ist für mich die Feststellung, dass mir während des Film auffiel, dass die männlichen Figuren jeweils durch eine bestimmte Schüchternheit auffielen, während die dazugehörigen Frauen ziemlich fordernd auftraten. Einzig bei dem Kidnapping-Opfer und dem Showgirl kommt das nicht hin.

»His need to fail is more powerful than our strongest conviction to make him succeed.«

Und dann, kleiner Trommelwirbel, fiel mir dann weiterhin auf, dass die Geschichte mit der stärkeren männlichen Figur natürlich von einem männlichen Autor stammt, während die schüchternen Kerle jeweils aus der Feder von Frauen stammten. Ein hübsches kleines Detail, das zeigt, wie durchdacht dieses Kleinod ist, was längst nicht jeder Zuschauer zu schätzen wissen wird.

»Send the cook«

The French Dispatch (Wes Anderson)

© 2020 The Walt Disney Company France. All rights reserved.

Ich will die DVD-Box mit dem Farbband und der Anthologie An Editor's Burial: journals and journalism from The New Yorker and Other Magazines (das im Presseheft umworben wird). Oder vielleicht noch mal ins Kino, auch wenn ich die Überforderung des Zuschauers wie hier eigentlich ablehne. Aber es ist schon alles extrem hübsch und unterhaltsam.

»No crying.«

Noch ein Wermutstropfen: die französische Ortschaft Ennui-sur-Blasé, die als Schauplatz des Films herhalten muss, wurde übrigens in Angoulême nachgestellt, inklusive einer umfassenden Einbindung von Ansässigen, die als Kreative und Statisten mithalfen. Für mich ist es ein Affront dieser Stadt (bekannt unter anderem durch ein Comicfestival) gegenüber, dass Anderson in einer der Episoden davon berichtet, dass die dramatischen Ereignisse eine Woche später im Rahmen eines Comicstrips wiedergegeben wurden. Und dann macht er den für mich unverzeihbaren Fehler, diesen Comicstrip als Teil der Geschichte ausschließlich mit Animationssequenzen umzusetzen (ohne panel border oder irgendeinen Hinweis auf das ganz spezifische Medium). Jedes Mal, wenn jemand nicht begreift, dass Comics und Zeichentrickfilm komplett unterschiedliche Sachen sind, kriege ich einen Hals. Mit einem abgefilmten Comic-Strip (letzteres gerne auch als Teil der DVD-Box) wäre der Film vielleicht in himmlische Sphären abgehoben...