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Die Box




April 2005
 

Cinemania 9
Berlinale Fast Food

Nicht annähernd so schnell wie der Titel es anpreist kommen hier die Rezensionen zu zehn Berlinale-Filmen aus den Vereinigten Staaten und Kanada, darunter auch die vor kurzem ganz regulär im Kino angelaufenen zwei Wettbewerbsfilme, die das Lost in Translation-Traumpaar Bill Murray und Scarlett Johannson an die Spree holen sollten (Immerhin: netter Versuch, Herr Kosslick!): Reine Chefsache und Die Tiefseetaucher.



Berlinale-Bär

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Cinemania 9:
Berlinale Fast Food

Wenn nicht anders angegeben, stammen die Rezensionen von Thomas Vorwerk

The Dying Gaul
(Craig Lucas, Panorama)

[Rezension von Kathi Hetzinger]

USA 2004, Buch: Craig Lucas, Kamera: Bobby Bukowski, Schnitt: Andy Keir, Musik: Steve Reich, mit Peter Sarsgaard (Robert), Campbell Scott (Jeffrey), Patricia Clarkson (Elaine), Robin Bartlett (Bella), Bill Camp (Malcolm), 105 Min.

Was macht ein gutes Drehbuch aus? Der Hollywood-Produzent Jeffrey (glücklich verheiratet, zwei Kinder, Villa mit Pool und Blick aufs Meer) jedenfalls ist stets auf der Suche nach einem intelligenten, vielschichtigen, gerne auch kontroversen Stoff – nur publikumswirksam verkaufen sollte er sich schon auch lassen. So genannte "weepies", Paradebeispiel Philadelphia, lassen sich sowieso schon schwer genug verkaufen, so dass Roberts großartiges Drehbuch The Dying Gaul schlechte Karten hat, ohne Beanstandung verfilmt zu werden. Tragisch und auch noch eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern – wer will das sehen? Jeffrey (Campbell Scott) verlangt von Robert (Peter Sarsgaard), sein Drehbuch umzuschreiben, sprich aus der homosexuellen eine heterosexuelle Beziehung zu machen. Für den bisher erfolglosen Robert, der in seinem sehr persönlichen Script die Beziehung zu seinem an AIDS verstorbenen Lebenspartner Malcolm verarbeitet, bedeutet das, nicht nur seine künstlerische Integrität, sondern vor allem auch seine große Liebe zu verraten. Andererseits ist eine Million Dollar eine Menge Geld, vor allem wenn man auch noch an seine Ex-Frau und seinen kleinen Sohn denken muss. Robert lässt sich schließlich nicht nur auf den Deal ein, sondern auch auf Jeffreys unzweideutige Avancen. Gleichzeitig freundet er sich mit Jeffreys Frau Elaine (Patricia Clarkson, zuletzt in Station Agent zu bewundern) an, die selbst eine ehemalige Drehbuchautorin ist, und sich von Anfang an zu Robert und dessen Script hingezogen fühlt.
Es beginnt eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte, die die außerordentlich komplexen und lebensechten Figuren miteinander verbindet. Campbell Scotts Jeffrey z.B. entfernt sich weit vom gängigen Klischee des geldgierigen und machthungrigen Hollywood-Produzenten. Besonders die Beziehung zwischen Robert und Elaine überzeugt durch ihre Originalität und ihre psychologische Tiefe. Elaines Neugier treibt sie in einen Chatroom; sie sammelt Informationen über Robert, beginnt sogar wieder zu schreiben. Sie will versuchen, Robert durch seine Krise helfen, in die ihn der Tod seines Geliebten geworfen hat, ohne dass ihr jedoch bewusst ist, was für sie selbst dabei auf dem Spiel steht. Schließlich erfährt sie von Roberts Affäre mit ihrem Mann. Ihre Reaktionen und Ideen sind dabei durchgängig ebenso überraschend wie überzeugend. Je näher das Ende rückt, umso deutlicher wird, dass es sich bei The Dying Gaul um einen psychologischen Thriller ebenso wie um eine moderne griechische Tragödie handelt. Der Titel übrigens spielt auf die antike römische Statue des sterbenden Galliers an; was den Regisseur an diesem Monument gereizt hat, ist die aufrichtige Anteilnahme am Leiden eines Feindes, das Bewusstsein der eigenen Verfehlungen, gekoppelt mit der Unfähigkeit, etwas daran zu ändern.
Man merkt der leidenschaftlichen Erzählweise von The Dying Gaul an, dass der 52-jährige Theaterautor und Regie-Neuling Craig Lucas hier sein eigenes Stück verfilmt hat. Thematisch war es für Lucas wichtig, dass in seinem Film einmal am Ende nicht der Schwule sterben muss; er sieht seinen Film als konkreten, wenn auch subtilen, Protest gegen den Umgang Hollywoods mit dem Thema Homosexualität, ebenso wie als universelle Suche nach Dingen in der menschlichen Psyche, von denen man bisher noch nicht wusste, dass sie existieren. Auch als Metapher für die Politik der USA will er seinen Film durchaus verstanden wissen. Die düster-pessimistische Weltanschauung, die der Film am Ende zum Vorschein bringt, legt einen Vergleich mit dem Film Noir nahe, jedoch erleben wir hier eine (post-) moderne Version. Im Unterschied zum klassischen Film Noir gibt es hier weder einen klaren (Anti-) Helden, noch eine eindeutige Femme Fatale; jeder der drei absolut gleichberechtigten Protagonisten kann im Verlauf des Films jede dieser Rollen einnehmen. Die Machtverhältnisse verschieben mit der Zeit, aber einen Gewinner gibt es nicht.
Aber auch wenn die Handlung und die Figuren den wahren Kern des Films ausmachen, ist Lucas auch ein stilistisch überzeugender Film gelungen. Weite Kameraeinstellungen mit viel Sonnenlicht zeigen eine glänzende, elegante Oberfläche. Der Pool, der nahtlos ins Meer überzugehen scheint, ist das Zentrum des Films: hier spielen sich fast alle wichtigen Konfrontationen zwischen den Figuren ab; hier wird die kalte Perfektion und Sterilität dieser Welt ebenso deutlich wie die Durchlässigkeit und Instabilität dieser Oberfläche.
Was ein gutes Drehbuch im Einzelnen auch immer ausmacht - The Dying Gaul erfüllt alle Anforderungen und Wünsche. Ob sich The Dying Gaul in den USA auch verkaufen lässt, ist allerdings eine andere Frage.

The Devil and Daniel Johnston
(Jeff Feuerzeig, Panorama)

USA 2005, Buch: Jeff Feuerzeig, Kamera: Fortunato Procopio, Schnitt: Tyler Hubby, Musik: Daniel Johnston u.a., 109 Min.

"I believe in God, and I certainly believe in the Devil.
There is most certainly a Devil and he knows my name."
Daniel Johnston

Kurz vor Weihnachten schaute ich mal wieder bei www.americanelf.com rein und konnte auch gleich mit dem neuen Computer meiner Eltern eine mp3 eines Songs von James Kochalka herunterladen, mit dem er seine Frau Amy während der depressiveren Phase der Schwangerschaft aufheitern konnte. Ein Cover des Daniel Johnston-Songs "Honey I Sure Miss You", das sofort zu einem meiner Lieblingssongs des Jahres aufstieg. Ich hatte allerdings keinen Schimmer, wer dieser Daniel Johnston eigentlich ist, von dem Kochalka so selbstverständlich sprach. Da mein Lieblingszeichner seinen guten Musikgeschmack aber schon mindestens einmal bewiesen hatte, als er mich auf Adam Green aufmerksam machte, googlete ich zumindest mal kurz, ob es sich bei diesem Komponisten nicht um ein mir bisher nicht aufgefallenes Mitglied der Rolling Stones oder dergleichen handelte - jedoch ohne Erfolg - soll heißen: weitergehende Einsichten über diesen Mysteriösen Komponisten.
Erst als im Berlinale-Programm der Dokumentarfilm The Devil und Daniel Johnston auftauchte, sah ich meine Chancen steigen, daß auch ich demnächst wieder mitreden können würde. Meine gute Bekannte Mélanie lobte dann noch den Regisseur Jeff Feuerzeig, und ein weiterer must-see-Film war ausgemacht.
Hätte ich nicht vor dem Film bereits von der Existenz dieses Daniel Johnston gehört, hätte ich den Film wahrscheinlich als gelungenes mockumentary im Stile von Rob Reiners This is Spinal Tap abgetan.
Was man im Film alles über diesen Daniel Johnston erfährt, passt auf keine Kuhhaut: manisch-depressiv ist er und mit Hang zum Größenwahn (was auf amerikanisch so schön "illusions of grandeur" heißt), aber einige Prominente wie Kurt Cobain erklärten ihn ohne mit der Achsel zu zucken zu einem der größten Songwriter seiner Zeit, und da der Nirvana-Sänger bis kurz vor seinem Tod längere Zeit mit einem Daniel Johnston-T-Shirt herumlief, trug wahrscheinlich auch zum plötzlichen Rummel bei, der einem unbekannten McDonald's-Mitarbeiter, der in seiner Freizeit auf seinem Kassettenrekorder einige Demotapes in mühseliger Feinarbeit zusammenschusterte, plötzlich einen internationalen Plattenvertrag einbrachte. Schade nur, daß sich sein Debüt nur 5800 mal verkaufte, denn der Gesang von Herrn Johnston ist durchaus gewöhnungsbedürftig und nicht unbedingt so kolossal wie seine Gabe als Komponist. Einen Großteil seiner Songs schreibt Johnston für eine Frau namens Lori Andersen, die mal im Scherz auf sein Bitten hin wiederholt hat, daß sie ihn liebt. Daß Laurie danach wegzog und einen Leichenbestatter heiratete - und womöglich gar nicht ahnt, wie Daniel die "große Liebe seines Lebens" zur Motivation seiner Kreativität umsetzt, ist nur eine der Skurrilitäten um den mittlerweile sehr füllig gewordenen Johnston, dessen kreativer Output das Entstehen dieses Dokumentarfilms sehr förderte. Existieren doch frühe Kurzfilme, teilweise animiert, teilweise real, unzählige Zeichnungen und Kassettenmitschnitte, die die Entwicklung Johnston auch für jemanden, der wie ich zuvor fast nichts über ihn wusste, in einem gewissen Rahmen nachvollziehbar macht.
"All he was interested in was making art and being John Lennon", so ein Bekannter Johnstons. Johnston hat nie darüber nachgedacht, was er mit seinem Talent anfangen soll - er kreiert einfach Songs, die Gott oder Caspar, den freundlichen Geist lobpreisen, bedroht auch mal eine ältere Frau oder verweigert einen lukrativen Plattenvertrag, weil man bei Elektra auch die aus Johnstons Sicht zu satanischen "Metallica" unter Vertrag hat. Und dann wundert er sich, daß "Mountain Dew", ein Softdrink der Firma Pepsi, ihn nicht zu seinem Pressesprecher macht. Wenn er gar bei einem gemeinsamen Flug mit seinem Vater diesen überwältigt und den Zündschlüssel hoch in der Luft aus dem Fenster wirft, so hätte das selbst Woody Allen nicht besser ausdenken können.
Matt Groening sagte mal, daß Daniel Johnston das perfekte Thema für einen Dokumentarfilm sei - The Devil and Daniel Johnston beweist diese These, dies ist wahrscheinlich der unterhaltsamste Dokumentarfilm, den ich je gesehen habe - und eine Kassette des geistig verwirrten Musikers würde ich mir am liebsten auch gleich bestellen …

The Ballad of Jack and Rose
(Rebecca Miller, Panorama)

USA 2004, Buch: Rebecca Miller, Kamera: Ellen Kuras, Schnitt: Sabine Hoffman, Musik: Michael Rohatyn, Art Direction: Pierre Rovira, mit Daniel Day-Lewis (Jack Slavin), Camilla Belle (Rose Slavin), Catherine Keener (Kathleen), Paul Dano (Thaddius), Ryan McDonald (Rodney), Jena Malone (Red Berry), Beau Bridges (Marty Rance), Jason Lee (Gray), Susanna Thompson (Miriam Rance), 111 Min.

Bei einem Screening von The Crucible lernten sich Rebecca Miller und Daniel Day-Lewis kennen. Er ist der Hauptdarsteller dieses Films, sie die Tochter von Arthur Miller, der das Stück schrieb. Mittlerweile sind die beiden verheiratet und als Regisseurin von The Ballad of Jack and Rose hatte Rebecca Miller das Glück, ihren Gatten als Hauptdarsteller zu casten. Als Daniel Day-Lewis bei der Premiere des Films im Zoo-Palast eine goldene Berlinale-Kamera überreicht bekam, konnte die Auszeichnung jedoch eine traurige Nachricht nicht übertünchen, den in der davorliegenden Woche war Arthur Miller (Death of a Salesman, war mal mit Marilyn Monroe verheiratet) verstorben und der Applaus für Day-Lewis und seine Regisseurin war somit auch irgendwie für seinen Schwiegervater.
Doch irgendwie passte die Trauer von Frau Miller auch zum Film, denn auch hier geht es um eine Frau, die mit dem Verlust des Vaters klar kommen muss. Doch in diesem Fall spielt sich die Trauer bereits vor dem eigentlichen Tod ab, denn Jack Slavin ist totkrank und will sich rechtzeitig darum kümmern, daß seine junge, bisher übermäßig behütete Tochter auch nach seinem Ableben mit der Welt klarkommen wird.
Bisher lebten Jack und Rose nahezu ohne Fremdkontakt 16 Jahre (1970-1986) in einer ehemaligen, abgelegenen Kommune, nun will Jack die Kommune wiederbeleben, indem er seine (bisher) heimliche Geliebte Kathleen (Catherine Keener) mit deren zwei Söhnen "als Experiment" ins Haus einlädt.
Teilweise erinnert die Prämisse dieses Films an Shakespeares The Tempest, spätestens bei der Mentalität seiner Figuren weicht The Ballad of Jack and Rose jedoch stark vom altehrwürdigen Barden ab. So rächt sich Rose bei ihrem Vater durch eine alsbaldige Entjungferung durch einen der zwei jungen Männer, deren Beweis, ein Laken mit Blutfleck, mit dem Kommentar "just an experiment" versehen wird.
Als wären die Generationskonflikte, Eifersuchtsintrigen und Reibereien unter den jungen Leuten noch nicht genug, gibt es auch noch einen Häusermakler (Beau Bridges), der mit seinen Plänen für eine Mall Jack ein Dorn im Auge ist und ihn zu extremen Taten treibt.
The Ballad of Jack and Rose ist eine etwas andere coming-of-age-Komödie, die auch älteren Semestern Identifikationsfiguren bietet, und Regisseurin und Autorin Miller gelingt es, zwischen ernsteren und witzigen Episoden zu variieren, wie man es ebenfalls von Meister Shakespeare kennt. Neben Day-Lewis in einer Paraderolle überzeugen vor allem die jungen Darsteller, allen voran Camilla Belle als Rose. Doch auch die Bauten (Daniel Day-Lewis soll selbst am Haus seiner Figur mitgewerkelt haben) und die Kameraführung (von Ellen Kuras, die zuletzt Eternal Sunshine of the Spotless Mind fotografierte) machen aus diesem Film vielleicht kein Meisterwerk, aber eine klar überdurchschnittliche Arbeit, die zumindest bei mir das Interesse für die Regisseurin geweckt hat, die zuvor bereits zwei Langfilme realisierte: Angela (1995) und Personal Velocity (2001).

Reine Chefsache
(Paul Weitz, Wettbewerb)

Originaltel: In Good Company, USA 2005, Buch: Paul Weitz, Kamera: Remi Adefarasin, Schnitt: Myron Kerstein, Musik: Stephen Trask, mit Dennis Quaid (Dan Foreman), Topher Grace (Carter Duryea), Scarlett Johannson (Alex Foreman), Marg Helgenberger (Ann Foreman), David Paymer (Morty), Clark Gregg (Steckle), Philip Baker Hall (Eugene Kalb), Selma Blair (Kimberly), Ty Burrell (Enrique Colon), Zena Grey (Jana Foreman), Malcolm McDowell (Teddy K), 109 Min., Kinostart: 24. März 2005

Zusammen mit The Flight of the Phoenix könnte dieser Film für ein Comeback von Dennis Quaid führen, einem Darsteller, der in den 1980ern vor allem dafür bekannt war, der Gatte von Meg Ryan zu sein, der aber in Filmen wie The Right Stuff (1983), Enemy Mine (1985), The Big Easy (1987), Great Balls of Fire (1989), Flesh and Bone (1993) oder auch in jüngster Zeit in Traffic (2000) oder Far from Heaven (2002) teilweise überragende Leistungen abgeliefert hat. Seinerzeit scharmmte er knapp daran vorbei, ein wirklicher Filmstar zu sein, heutzutage wird er bevorzugt für gebrochenen Männer in der Midlife-Crisis gecastet. Und In Good Company ist ein Paradebeispiel dafür.
Als Leiter des Anzeigenresorts beim gutgehenden Magazin Sports America hat Dan Foreman mit seinen 51 Jahren eigentlich alles erreicht - darunter natürlich auch ein eigenes Haus, eine liebende Ehefrau und zwei gutaussehende Töchter. Als er dann im Mülleimer einen Schwangerschaftstest findet, befürchtet er, schon Großvater zu werden. Doch daß er zum dritten Mal Vater werden soll, schockt ihn fast noch mehr. In dieser prekären Situation wird "seine" Zeitung plötzlich von einem weltumspannenden Medienkonglomerat übernommen und sein Büro wird von einem halb so jungen Yuppie-Emporkömmling (Topher Grace, zuletzt in Win a Date with Tad Hamilton aufgefallen) besetzt, dem er "zur Hand gehen" darf, weil der junge Mann - wie sich schnell herausstellt - so gut wie nichts über seinen Job weiß und eigentlich ganz ähnliche Probleme wie Dan hat. Frisch verlassen, lädt er sich beispielsweise bei seinem "Kollegen" zum Abendessen ein, was an sich schon eine mittelschwere Katastrophe ist. Doch dann beginnt er auch noch eine Affäre mit dans Tochter Alex (Scarlett Johannson), und ein erbitterter Kampf zwischen den Generationen entfacht.
In Good Company, die erste "Solo"-Regiearbeit von Paul Weitz, der zusammen mit seinem Bruder Chris Filme wie About a Duck oder American Pie drehte, ist einer jener amerikanischen Filme, die man heutzutage allzu selten sieht. Weder eine Muliti-Millionen-Dollar-Spezialeffekte-Orgie noch eine am Reißbrett entstandene Romantic Comedy, die schon allein über die Besetzung ihr Publikum sicher hat. In Good Company erzählt mehrere Geschichten, umspannt mehrere Stimmungen und Genres - und allein dafür muß man den Film schon mögen. Daß Autor und Regisseur Weitz bei seinem Spagat zwischen zwei (aufgrund des plötzlichen Starstatus von Miss Johannson sogar drei) Hauptdarstellern jenes Publikum, das seine Filme eigentlich immer schon aus dem Trailer zu kennen glaubt, etwas verunsichern wird, ist bis zu einem gewissen Punkt hin sogar bewundernswert, doch leider gelingt es dem Film nicht, über einen angenehm unterhaltsamen Kinoabend (mit einigen Höhepunkten wie dem Gastauftritt von Malcolm McDowell oder einer etwas anderen Spritztour mit einem Porsche) hinweg etwas Bleibendes darzustellen - und das stimmt aufgrund des durchaus vorhandenen Potentials von In Good Company umso trauriger. Besser als das meiste, was aus Hollywood über unsere Multiplexe hineinbricht, ist der Film dennoch ohne größere Anstrengung.

Die Tiefseetaucher
(Wes Anderson, Wettbewerb)

Originaltitel: The Life Aquatic with Steve Zissou, USA 2004, Buch: Wes Anderson, Noah Baumbach, Kamera: Robert Yeoman, Schnitt: David Moritz, Musik: Mark Mothersbaugh, Production Design: Mark Friedberg, Animation: Henry Selick, mit Bill Murray (Steve Zissou), Owen Wilson (Ned Plimpton), Cate Blanchett (Jane Winslett-Richardson), Willem Dafoe (Klaus Daimler), Angelica Huston (Eleanor Zissou), Jeff Goldblum (Alistair Hennessey), Michael Gambon (Oseary Drakoulias), Bud Cort (Bill Libell), Waris Ahluwalia (Vikram Ray), Niels Koizumi (Bobby Ogata), Noah Taylor (Vladimir Wolodarsky), Seu Jorge (Pelé dos Santos), Seymour Cassel (Esteban du Plantier), Robyn Cohen (Anne-Marie Sakowitz), Pawl Wdowczak (Renzo Pietro), Matthew Gray Gubler (Praktikant), 118 Min., Kinostart: 17. März 2005

Ähnlich wie 2002 bei Andersons The Royal Tenenbaums war das Starangebot von The Life Aquatic wohl ein Köder, bei dem Berlinale-Chef Kosslick anbeißen musste. Und ich persönlich bin der Meinung, daß die obligatorische Auszeichnung der Jury für einen amerikanischen Film eher an das Production Design dieses Films (passend zur Retrospektive / Ausstellung) hätte gehen sollen als an den kleinen Daumenlutscher. Das durchschnittene 1:1-Modell der Belafonte würde wohl jeder Ausstellung zu Ehren gereichen, und angereichert mit einigen Leuchtquallen und Knetgummi-Seepferdchen, den roten Wollmützen, dem Zissou-Flipper oder den Adidas-Schuhen Marke "Steve Zissou" (ein barbusiges Scriptgirl könnte ja als Führerin fungieren) würde ich eine solche Ausstellung sicher besuchen. Im Nachhinein sogar lieber als den Film, denn auch, wenn schon die Besetzung (Bud Cort - eine Augenweide!) und Ausstattung viel Spaß machen, und Anderson in seinen besten Momenten Regisseuren wie Kubrick (die psychedelisch-rot-blaue Unterwasserpassage), Spielberg oder Olivier (der Sturm auf das Ufer als Mischung der Plansequenz aus Henry V und der Anfangsszene aus Saving Private Ryan) das Wasser reichen kann, sind diese Momente doch allzu rar gesät.
Apropos "Wasser reichen": Wenn bei einem Film, der für jeden guten Gag seine Glaubwürdigkeit über Bord werfen würde, sogar offensichtliche Gags nicht ausgenutzt werden, sagt dies schon vieles. The Life Aquatic beginnt (ähnlich wie Childstar) mit einer Vorführung eines Films im Film bei einem internationalen Festival. Nach der Ankündigung des Streifens räumt ein Hausmeister-Typ ein Mikrofon weg, und dieselbe immens komische Gestalt bringt beim Q&A mit dem Regisseur diesem auch das Wasser. Knapp zwei Stunden später wird der Abspann des Films dann von jenem portugiesischen Musiker begleitet, der mit eigentümlichen Interpretationen von David Bowie-Songs einen der besten running gags des Films lieferte. Doch anstelle den Film mit einem wirklich kolossalen Lacher zu beenden und den Hausmeister vom Beginn in den letzten drei Sekunden des Films noch einmal zu bringen, nimmt der Musiker seinen Stuhl selbst mit. Was für ein Antiklimax, was für eine Verschwendung an Gagpotential!
Und auch bei wichtigeren Details des Films findet man eine solche Verschwendung - auf der Skript-Ebene. Anstelle aus den interessanten Beziehungen zwischen den Figuren, aus Zissous Ahab-Mentalität, dem Kampf zwischen den vermeintlichen Söhnen Plimpton und Daimler oder der übermächtigen Gattin Eleanor etwas aufzubauen und deren Psyche auszuloten, bleibt Anderson ganz an der Oberfläche, liefert seine Gags ab und ist offensichtlich damit zufrieden, ähnlich wie es auch bei The Royal Tenenbaums lief. Wo bleiben die menschlichen Abgründe aus Rushmore, die dennoch immens witzig sein können? Verschollen.
Steve Zissou wird mal vorgeworfen: "You don’t know me - I’m just a character in your film" - Auf Wes Anderson passt dies mit Nachdruck - und das ist sehr sehr schade.

On the Outs
(Lori Silverbusch
& Michael Skolnik, Forum)

[Rezension von Kathi Hetzinger]

USA 2004, Buch: Lori Silverbusch, Kamera: Mariana Sanchez de Antunaño, Schnitt: Martha Skolnik, Musik: Ricardo Leigh, Brian Satz, mit Anny Mariano (Suzette), Judy Marte (Oz), Paola Mendoza (Marisol), Dominic Colón (Chuey), Clarence "Don Parma" Hutchinson (Terrell), 82 Min.

On the Outs ist das erschütternde Spielfilmdebüt der Independent-Filmemacher Lori Silverbusch und Michael Skolnik über drei junge Frauen, noch Teenager, aus Jersey City, New Jersey, die immer wieder im Jugendgefängnis aufeinander treffen. Die Geschichte entstand durch Gespräche der Regisseure und einer der Hauptdarstellerinnen mit den Insassen einer Jugendstrafanstalt für Mädchen in New Jersey; in Improvisationen mit den Darstellern, von denen einige aus ähnlichen Verhältnissen stammen, wie den im Film dargestellten, wurden Szenen ausgearbeitet, die z.T. direkt ins Drehbuch übergingen. Neben dem Einsatz einer digitalen Handkamera und den Darbietungen der drei exzellenten jungen Nachwuchsdarstellerinnen trägt wohl hauptsächlich diese Entstehungsgeschichte zur extremen Authentizität des Films bei.
In ungeschönten High-Definition-Bildern erleben wir das Leben von Suzette, Oz und Marisol. Suzette geht auf die High School, lebt mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester in einer kleinen Wohnung in einem stabilen Umfeld. Doch als sie den deutlich älteren Dealer Tyrell kennen lernt, von ihm schwanger wird und von ihm in einen Mord hineingezogen wird, fällt ihre Welt langsam auseinander. Oz, die in derselben Nachbarschaft dealt wie Tyrell, kümmert sich liebevoll um ihren behinderten Bruder, hält aber Abstand zu ihrer Mutter, die während ihrer Schwangerschaft mit ihrem Sohn Drogen nahm und auch seither nicht davon losgekommen ist. Die Mutter arbeitet in einem Supermarkt und bemüht sich um einen Platz in einem Entzugsprogramm. Ein Vater ist weit und breit nicht zu sehen. Marisol schließlich ist eine allein erziehende Mutter, die Crack raucht und von der Invalidenrente ihrer Großtante lebt. Als sie von einem Auto angefahren wird, während sie high ist, landet sie im Knast. Da ihre Großtante in diesem Moment einen Schlaganfall erleidet, kommt die kleine Autumn in eine Pflegefamilie. Marisol müsste einige Jahre clean bleiben, um eine Chance zu haben, ihr Kind zurück zu bekommen.
Drei junge Frauen, die versuchen, ihr Leben irgendwie zu meistern, so gut sie es unter den gegebenen Umständen eben können. Trotz aller ihrer Bemühungen schaffen sie es jedoch nicht, sich selbst zu helfen und ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, sei es aus Angst, Wut, Liebesbedürftigkeit oder Ausweglosigkeit. In einer Szene des Films konfrontiert ein Sozialarbeiter die Mädchen im Gefängnis mit ihrer jeweiligen Situation, die er mit einem Blick erraten kann, so oft hat er sie schon erlebt. Er sagt ihnen ins Gesicht, was von ihnen zu halten ist, z.B. von einer Mutter, die ihr Kind im Stich lässt, um Crack zu rauchen. Doch als Marisol einsieht, dass sie sich ändern muss und es wirklich versuchen will, ist es bereits zu spät. Wollen allein genügt nicht, man braucht auch verdammt viel Glück um in den Straßen von Jersey City etwas zu erreichen. Der Ausblick auf die Freiheitsstatue ist nur noch ein leeres Versprechen.
Diese Einstellung des Symbols des Amerikanischen Traums schlechthin ist der einzige direkte Kommentar der Filmemacher, die ihre Protagonistinnen und deren Geschichten sonst vollkommen in den Vordergrund stellen. Der Film wirkt daher wie aus dem wahren Leben gegriffen, ebenso brutal und schonungslos.

Based on a true story
(Walter Stokman, Panorama)

Niederlande 2004, Buch: Walter Stokman, Kamera: Jackó van't Hof, Schnitt: Menno Boerema, Musik: Ronald Kool, mit John Wojtowicz, Frank Pierson, Sidney Lumet u. v. a., 75 Min.

"Hi, this is Walter from Amsterdam. Is the Dog in?"
Nachdem der niederländische Dokumentarfilmer Walter Stokman beim Betrachten von Sidney Lumets Dog Day Afternoon (1975) erstmals über den Abspanntitel "Based on a true story" stolperte, wollte er wissen, welcher reale Fall den Film mit Al Pacino und John Cazale als Geiselnehmer wider Willen inspirierte, und kam dabei auf John Wojtowicz (alias The Dog), den noch einsitzenden überlebenden Bankräuber, der im August 1972 die Geschlechtsumwandlung seines Freundes auf etwas andere Art finanzieren wollte.
Der Film beschäftigt sich natürlich ausgiebig mit dem schwulen Hintergrund der Geschichte, mit Wojtowicz gutaussehender zweiter Frau Liz Eden, die als Ernie Aaron noch eher unscheinbar bis häßlich war (Zitat aus dem Film), nimmt aber auch Lumets Film als Ansatzpunkt und befragt beispielsweise Passanten dazu, ob sie sich noch an diesen Film erinnern können. An Al Pacino erinnern sich die meisten, sogar der Sohn des Bankräubers Wojtowicz ist ein großer Pacino-Fan, von seinem Vater will er aber nichts mehr wissen. Und wenn man miterlebt, wie "The Dog" selbst noch aus dem Gefängnis dem Dokumentarfilmer das Leben schwer macht, er am liebsten auch noch die Kohle einstreichen würde, die Warner Bros damals mit dem Film gemacht haben, kann man das sicher nachvollziehen. Einerseits ist es das Ziel des Filmemachers, die "Geschichte zu jenen zurückzubringen, von denen sie eigentlich handelt", andererseits bedeutet das aber auch, daß die Erpressungsversuche des nur gegen Vorauskasse kooperationswilligen Wojtowicz den Film fast genauso formen ("The documentary is not yours, the documentary is mine") wie die Bemühungen des Regisseurs, der für seine Low Budget-Produktion natürlich keine Stargagen aufbringen kann, die womöglich mit dem damaligen Entgeld von Pacino oder der Beute beim Bankraub konkurrieren könnten.
Für Freunde des Lumet-Films bietet Based on a true story Interviews mit dem gerade mit einem Ehren-Oscar ausgezeichneten Regisseur oder Drehbuchautor Frank Pierson. Der Originalschauplatz wird anhand nebeneinander montierter, ins Dreidimensionale animierter Fotos wieder zum Leben erweckt und mit Filmbildern und aktuellen Aufnahmen verglichen, und trotz einer Filmlänge von nur 75 Minuten bietet Stokman erstaunlich viel Hintergrundmaterial, von einer skurrilen Single, die eine der Geiseln aufnahm (Lollipops and Shotguns) bis hin zur Bedeutung des Vorfalls für das Aufkommen der gay scene in den 1970ern (in einem schwulen Museum wurden die Bilder von Wojtowicz und Aaron/Eden archiviert). Das Ergebnis kann durchaus mit solchen Dokus über die 1970er konkurrieren, die wie Inside Deep Throat oder That Man: Peter Berlin auf der Berlinale für weitaus mehr Furore gesorgt haben.

Thumbsucker
(Mike Mills, Wettbewerb)

USA 2004, Buch: Mike Mills, Lit. Vorlage: Walter Kim, Kamera: Joaquin Baca-Asay, Schnitt: Haines Hall, Angus Wall, mit Lou Taylor Pucci (Justin Cobb), Tilda Swinton (Audrey Cobb), Vince Vaughn (Mr. Geary), Vincent D’Onofrio (Mike Cobb), Keanu Reeves (Dr. Perry Lyman), Kelli Garner (Rebecca), Chase Offerle (Joel Cobb), Benjamin Bratt (Matt Schramm), Sara Iverson (Rene), Walter Kim (Richter), 94 Min.

Auf dem Papier sehen Filme oft so gut aus. Bei Thumbsucker hat man etwa einen aufstrebenden Independent-Regisseur mit Skateboarder-Hintergrund, der sich mit diversen Commercials und Musikvideos, aber auch kurzen Dokumentarfilmen nach oben gearbeitet hat - und übrigens nicht der Mike Mills von R. E. M. ist. Den unerschrockenen Produzenten des Films, die in New York eine kleine aber feine Produktionsfirma namens "This is that" gegründet haben, dürfen wir neben einem Großteil des filmischen Schaffens von Regisseur Ang Lee (dessen The Ice Storm für mich die größte - zugegeben verspätete - Entdeckung auf der Berlinale war) beispielsweise drei der schimmerndsten Filmperlen des letzten Jahres verdanken, die überhaupt aus den Vereinigten Staaten kamen: Eternal Sunshine of the Spotless Mind, The Door in the Floor und American Splendor. Und die Besetzung kann vielleicht nicht ganz mit The Life Aquatic mithalten, verschaffte der Berlinale aber Red Carpet-Auftritte von Keanu Reeves und Tilda Swinton, und hat mit Vince Vaughn, Vincent D’Onofrio und der in The Aviator nicht eben negativ aufgefallenenen Kelli Garner noch so manches "Gimmick", wobei der mit dem "Silbernen Bären" ausgezeichnete Lou Taylor Pucci in der Titelrolle meines Erachtens noch nicht einmal besonders in Gewicht fällt.
Der 17jährige Justin lutscht noch am Daumen, was natürlich auf tieferliegende psychologische Probleme deutet. Wie gut, daß sein Kieferorthopäde (Keanu Reeves) nebenbei auch noch Hobbypsychologe ist und ihm beispielsweise über sein indianisches power animal (Chakotay lässt grüßen) und Hypnose zu helfen versucht. Wobei die Hypnose auch anschlägt und Justin sich einerseits zum selbstbewußten Debattiermeister entwickelt, und er andererseits Ersatzdrogen statt seines Fingers ausmacht. Das führt dann auch zur besten Szene des Films, wenn Justin bei einem auswärtigen Debattierwettbewerb seinen Lehrer (Vince Vaughn) zunächst davon überzeugt, daß die Zimmer lieber nach Generationen und nicht nach Geschlechtern aufgeteilt werden soll, und den Pauker danach auch noch ein Sixpack holen soll, mit dem er sich mit seinen Zimmergenossinnen einen angenehmen Abend macht.
Einiges an Thumbsucker erinnert an The Ice Storm, und natürlich spielt auch die langsam zerfallende Familie eine Rolle bei Justins Problemen. Der Vater (Vincent D’Onofrio, sicher kein Casting-Zufall, daß die beiden Vinces sich sehr ähnlich sehen) war früher ein talentierter Footballer und ist nun mit seinem Sportartikelladen keineswegs ausgefüllt. Außerdem spürt er, daß seine Frau (Tilda Swinton) ihm zu entgleiten droht - und das nicht nur, weil sie sich über Gebühr für einen TV-Schönling interessiert, der später auch noch zum Drogenentzug in die psychiatrische Klinik eingewiesen wird, in der sie arbeitet. Außerdem gibt es noch einen kleinen Bruder, der auch ein kleines Geheimnis hat.
Wo The Ice Storm die Untiefen der Familiendynamik auslotet, ist Thumbsucker damit zufrieden, seine quirlig aufspielenden Darsteller (allen voran Keanu als langhaariger Zahnarzt) miteinander kollidieren zu lassen. Dies gibt zwar auch einen unterhaltsamen Kinoabend ab, mit einigen Momenten, die im Gedächtnis bleiben, aber überdurchschnittlich vieles vergisst man auch schnell wieder.

Final Cut: The Making and
Unmaking of Heaven's Gate
(Michael Epstein, Forum)

USA 2004, Buch: Michael Epstein, Vorlage: Steven Bach (Final Cut: Dreams and Disaster in the Making of Heaven's Gate), Kamera: Michael Chin, Schnitt: Penny Elliot Hays, Musik: Joel Goodman, Erzähler: Willem Dafoe, Interviews mit Jeff Bridges, Kris Kristofferson, Brad Dourif, Vilmos Zsigmond, Steven Bach, David Field, Penelope Shaw, Sandra Jordan, Todd McCarthy, 79 Min.

Schon bevor das Programm der Berlinale 2005 ganz feststand, unkten einige Kulturpessimisten, daß der beste Film des Festivals wahrscheinlich Michael Cimino's Heaven's Gate von 1980 werden würde. Ungeachtet des üblichen Hypes um den "Director's Cut", der nur wenige Minuten länger ist als die in den 1980ern in deutschen Kinos gelaufene Version (einzig in den Staaten, wo der Film auf zweieinhalb Stunden zusammengestückelt wurde, kann der "Director's Cut" als nie bzw. kaum gesehene Offenbarung durchgehen), war es aber sicher ein Erlebnis, diesen Film mal wieder auf einer großen Leinwand zu sehen und sich an der schieren Grandiosität dieses Monumentalwerks zu erfreuen.
Als Zusatzprogramm zum Film lief eine Dokumentation, die in Interviews mit Zeitzeugen und Schauspielern noch einmal nachzeichnete, wie es zu jenem finanziellen Debakel kam, der das angesehene Studio United Artists damals in den Bankrott trieb. Auf dem Plakat zu Final Cut heißt es:
Twenty-five years ago, the critics killed
a film …
a director …
an era …
An dieser Stelle muß man, wenn man bereits beim ursprünglichen Kinostart dieses Films ein bißchen mitreden konnte, einfach mal nachhaken. In der Tat waren insbesondere die amerikanischen Kritiken oftmals unsachlich und unter der Gürtellinie und berichteten oftmals mehr über die Produktionsumstände als über den eigentlichen Film - aber ähnliches geschah auch bei anderen Filmen, Heaven's Gate war trotz seiner Qualitäten einfach nicht massenkompatibel und ein "Kunstfilm" darf eben nur soviel kosten, wie er wieder einspielen kann - ungeachtete dessen, daß ich persönlich ganz anders darüber denke und für ein zweites Heaven's Gate sofort zehn amerikanische Produktionen der letzten Monate nennen könnte, die ungesehen in die Tonne wandern können.
Mit Heaven's Gate starb auch die Ära des New Hollywood, der Star-Regisseure wie Francis Ford Coppola oder Martin Scorsese, doch auch hierbei sollte man nicht vergessen, daß Flops wie One from the Heart (Coppola, 1982) oder The King of Comedy (Scorsese, 1983) sicher auch nicht das uneingeschränkte Vertrauen der Geldgeber in diese Regisseure festigen konnten. Doch diese beiden Regisseure machten danach Filme mit kleinem Budget (Rumble Fish, The Outsiders, After Hours), während Cimino aus irgendwelchen Gründen noch zweimal größere Mengen Geld für Filme ausgeben durfte, die nicht nur an der Kinokasse versagten, sondern auch künstlerisch enttäuschten (ich spreche von Year of the Dragon und The Sicillian, über die heutzutage keiner mehr spricht). Die Kritiker haben Cimino also wohl böse nachgetreten, aber seine Karriere hat er ganz alleine zum Kollabieren gebracht.
Doch von derlei Details sieht man im auf amüsante Fernsehunterhaltung getrimmten (die Werbepausen kann man ohne Probleme ausmachen) Final Cut nichts. Der Film funktioniert zwar als Begleitmaterial zu Heaven's Gate, trägt aber das "Making of" nicht zu Unrecht im Titel. Von den (im Pressematerial) versprochenen Out-Takes sieht man hier nichts, stattdessen wird wiedergekäut, was Stephen Bach bereits in seinem gleichnamigen Buch zusammengetragen hatte, und die wenigen neu zu Interviews überredeten Experten können keine größeren neuen Impulse zünden. Immerhin gibt es Interviews mit Brad Dourif, Jeff Bridges oder Kris Kristofferson, aber als eigenständiger Film vermag Final Cut nicht zu überzeugen - wie fast jedes "Making of" funktioniert der Film nur, um entweder neugierig auf Heaven's Gate zu machen (und sich dann selbst ein Urteil zu bilden) oder um das Ereignis einer Aufführung des Films durch leicht konsumierbares Hintergrundwissen auch für Spätgeborene und Laien zu intensivieren.

The Love Crimes of Gillian Guess
(Bruce McDonald, Panorama)

Kanada 2004, Buch: Angus Fraser, Kamera: Danny Nowak, Schnitt: Karen Porter, Musik: Broken Social Scene, mit Joely Collins (Gillian Guess), Ben Bass (Peter Gill), Pat Adrien Dorval (Buxton Fist), Hugh Dillon (Bobby Tomahawk), Scott Hylands (Mr. Mason), Robert Wisden (Gillians Vater), Fiona Hogan (Gillians Mutter), Jessica Amlee (Gillian als Kind), Natalhia White (Gillian als Teenager), 93 Min.

Als Jurymitglied, das mit dem beschuldigten Mörder schlief, hatte Gillian Guess (Joely Collins) ihre ersten 15 Minuten Ruhm, nun kostet sie den Rummel um ihre Person ein zweites Mal aus, in der "Bobby Tomahawk Show". Geil auf Einschaltquoten weiß Tomahawk (Hugh Dillon) genau, worauf er hinauswill und schneidet mitunter zielbewußt wie ein Beil in die offenen Wunden einer Frau, die an der Oberfläche immer unangreifbar, stylish und herausgeputzt scheint, ähnlich wie dieser Film zu Beginn.
Aus der (Parodie einer?) Talkshow wird eine Nacherzählung des Lebens der Titelheldin, wobei wild hin- und hergeschnitten wird zwischen verschiedenen Zeiten und auch den Schichten, hinter denen sich "die wahre" Gillian Guess verbirgt. Hier kann der Gerichtsraum plötzlich zum Tatort werden, hier wird das Drive-By-Shooting als Zeichentrickfilm dramatisiert, hier schlägt Gillian Gues die Beine übereinander wie einst Sharon Stone in Basic Instinct und auch ihre Affäre mit dem (sehr wahrscheinlichen) Mörder wird mal romantisch mal sleazy inszeniert.
Gillian wird dabei zunächst immer perfekt in Szene gesetzt - mit perfekt auf das Outfit abgepasstem Lippenstift, oft in Zeitlupe und geradezu "außerirdisch", wie aus einer Kosmetikwerbung entsprungen. Ähnlich auf bestmögliche Wirkung abonniert stellt sie sich auch beispielsweise bei besagter Gerichtsverhandlung vor: "State your name." - "Guess." "Gillian Guess".
Lange Zeit sind die Offenbarungen über die Love Crimes of Gillian Guess durchaus unterhaltsam, doch dann soll aus der Farce plötzlich ein Drama werden, und über traumatisierende Erlebnisse aus Gillians Jugend (Selbstzerstümmelung mit Sicherheitsnadeln, Tod der besten Freundin) soll uns die Figur näher kommen, von der wir gleichzeitig auch über ihren white trash-Haushalt plötzlich einen ganz anderen Eindruck bekommen. Das vermeintliche L'Oreal-Modell stammt offenbar aus einer ähnlichen Sitcom-Hölle wie am Anfang von Natural Born Killers. Doch der Zuschauer ist an diesem Punkt längst zu keiner Empathie mehr fähig, begrüßt es vielleicht noch, daß die üblichen Vergewaltigungs-Klischees umgangen werden, aber spätestens, wenn die kleine Gillian die Performance ihres Lebens hat und für gefühlte zehn Minuten im Rampenlicht tanzt, überkommt einen das unstillbare Verlangen, nach der Fernbedienung zu greifen und zu irgendeiner anderen Talk- oder Gerichtsshow umzuschalten.

Coming soon in Cinemania 10 (Berlinale Sauerkraut):
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