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Die Box




15. Februar 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org
Berlinale 2018



Alle Terminangaben sind sorgfältig abgetippt, aber ohne Gewähr. Die Filme werden immer unter dem Titel aufgeführt, unter dem man sie im offiziellen Berlinale-Katalog findet.


Cinemania-Logo 179:
Berlinale 2018, Teil 2: Animation



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  Isle of Dogs (Wes Anderson, Wettbewerb)

Isle of Dogs /
- Ataris Reise
(Wes Anderson,
Wettbewerb)

 
Verbleibende Vorführungen:
  • Freitag, den 16. Februar
    um 10 Uhr 30 im Friedrichstadt-Palast
  • Samstag, den 17. Februar
    um 10 Uhr im Haus der Berliner Festspiele
  • Samstag, den 17. Februar
    um 15 Uhr 30 im Zoo-Palast 1 (Cross Section Generation Kplus / empfohlen ab 12 Jahren)


Deutschland / USA 2018, Animationsregie: Mark waring, Kamera: Tristan Oliver, Schnitt: Andrew weisblum, Musik: Alexandre Desplat, Production Design: Adam Stockhausen, Paul Harrod, Buch: Wes Anderson, mit den Originalstimmen von: Bryan Cranston (Chief), Koyu Rankin (Atari), Edward Norton (Rex), Jeff Goldblum (Duke), Bill Murray (Boss), Bob Balaban (King), Courtney B. Vance (Narrator), Greta Gerwig (Tracy Walker), Scarlett Johansson (Nutmeg), Kunichi Nomura (Mayor Kobayashi), Liev Schreiber (Spots), F. Murray Abraham (Jupiter), Tilda Swinton (Oracle), Harvey Keitel (Gondo), Frances McDormand (Translator Nelson), Akira Ito (Professor Watanabe), Yoko Ono (Assistent Scientist), Akira Takayama (Major Domo), Ken Watanabe (Head Surgeon), Kara Hayward, Fisher Stevens, Frank Wood, Jake Ryan, Mari Natsuki, Yojiro Noda, Roman Coppola u.v.a., 101 Min., Kinostart: 10. Mai 2018

Nach The Grand Budapest Hotel (2014) ein neuer Berlinale-Eröffnungsfilm, nach The Fantastic Mr. Fox (2010) ein neuer Animationsfilm von Wes Anderson. An der Story arbeiteten auch die häufigen Anderson-Kollaborateure Roman Coppola und Jason Schwartzman mit, sowie der nicht so bekannte Kunichi Nomura, der als Schauspieler kleine Rollen in Lost in Translation und The Grand Budapest Hotel hatte, und wohl zum Lokalkolorit beigetragen hat (er wurde auch beim Casting, vermutlich der japanischen Stimmen, eingesetzt).

Die Geschichte wirkt wie aus einem Manga oder Anime, was noch durch die in diesem Stil gezeichneten Fernsehübertragungen in dieser Stop-Motion-Puppenwelt verstärkt wird. Ein kurzer Inhaltsabriss: In der nahen Zukunft entscheidet der Bürgermeister der japanischen Großstadt Megazaka (schon dieser Name ist göttlich), dass die durch eine Hundegrippe infizierten »besten Freunde des Menschen« ins Exil geschickt werden soll, auf die wenig vielversprechende »Trash Island«, wohin er gleich zu Beginn Spots, den Hund seines Mündels Atari verbannt, eingesperrt in einem Käfig, gemeinsam mit einer Ladung Müll (man achtet auf die ökologischen Fußspuren) in einer Art Seilzug-Lore.

Drei Jahre später stiehlt der inzwischen 12jährige Atari (Stimme: Koyu Rankin) ein Kleinstflugzeug, um sich auf die Suche nach seinem Hund zu machen. Damit beginnt das eigentliche Abenteuer, in dessen Verlauf eine ungeheuerliche Verschwörung aufgedeckt wird.

Neben den für Wes Anderson typischen Merkmalen, die man inzwischen schon erwartet (die ganz aufs Kameraauge abgestimmte Kadrierung mit dem Hand zu planen Bildern und ausgefeiltem Production Design, die Starbesetzung und der lakonische Humor, die großen Liebesgeschichten unter eher unreifen [hier: sehr jungen] Figuren, kommen hier neue unerwartete Erzählideen. Zum einen wird gleich zu Beginn erklärt, dass die (fast durchgängig japanischen) Figuren jeweils in ihrer Heimatsprache kommunizieren, die nur hin und wieder untertitelt wird oder mit einer Simultanübersetzung versehen wird (Andersons Japan ist in etwa so wie das Frankreich in Chuck Jones' Cartoons mit Pepe Le Pew: alles wirkt fremd, ist aber irgendwie doch verständlich, à la »Le bakery«). Das Gebell der Hunde jedoch wurde zum besseren Verständnis komplett synchronisiert. Und entsprechend wird die Geschichte auch lange Zeit aus der Sicht der Hunde erzählt, was sogar zu eigenen Flashbacks »before the time of obedience« führt (mit Flashbacks hat Anderson hier besonders viel Spaß, weist etwa auf einen »end of flashback« hin, wie Tex Averys »Technicolor ends here« in Lucky Ducky von 1948).

Isle of Dogs / - Ataris Reise (Wes Anderson, Wettbewerb)

© 2018 20th Century Fox

Gleich zu Beginn gibt es einen westernmäßigen Showdown (inklusive tumbleweed) zwischen zwei kleinen Hundegangs, der einen gleich sehr einnimmt für den Film. Die taffste Gang weit und breit besteht aus fünf selbsterklärten alpha dogs mit den naheliegenden Namen Rex, King, Duke, Boss und Chief, wobei Chief (Bryan Cranston) ein Außenseiter ohne Hundemarke ist. Doch auf seinen besonderen Status (und seine auffällig dunkle Fellfarbe) reagieren die Kollegen mit einem Respekt, der gleich mal political correctness hübsch verarscht. Nur seine anderen »politischen« Ansichten, seine Verweigerung von Gehorsam (Flashback: als er mal für kurze Zeit bei einer Familie unterkam, biss er dem jüngsten Kind fast die Hand ab, als der Junge ihn streicheln wollte), stoßen auf wenig Gegenliebe bei den noch ganz auf Menschen geeichten Kollegen, die gern in Erinnerungen ihrer Leibspeisen weilen.

Die eigentliche Handlung des Films ist schlichtweg Anderson-typisch mit japanischen Einschüben, aber was Riesenspaß macht, sind die kleinen Details.

Wenn Atari Chief kennenlernt, warnt der trotz seiner Natur sehr umgängige Hund »I bite«. Weil man ja im Hinterkopf behalten hat, dass das, was wir hören, aus der Hundesprache übersetzt wurde, wird hier das langläufig bekannte Sprichwort »barking dogs never bite« ad absurdum geführt.

Mindestens genau so toll: eine wissenschaftliche Assistentin trägt an ihren zwei Zöpfen zwei Würfel, die für die chemischen Elemente Yttrium und Sauerstoff stehen. Gesprochen wird die Figur von Yoko Ono (leider wird dieser Gag später dadurch erklärt, dass die Assistentin wohl tatsächlich auch so heißen soll wie ihre Sprecherin).

Gerade das Spiel mit der japanischen Sprache ist mitunter sehr unterhaltsam, was bei deutschen Untertiteln noch witziger wird. Wenn Atari »sitto!« (oder meinethalben auch mit einem t) sagt, wird dies mit »Sitz!« untertitelt, obwohl selbst ein des englischen nicht mächtiger Zuschauer das wohl aus dem Kontext kapieren dürfte. Wenn er später beim Apportier-Versuch »fetchi!« sagt oder Leckerli als »bisquito« unter den Hunden verteilt, wird dies nicht untertitelt. Ich weiß nicht, warum man das wie unterschieden hat, aber es ist offensichtlich, dass verschiedene Betrachter das Japanglish unterschiedlich gut verstehen.

Zu den Höhepunkten des Films gehört noch Chiefs Romanze mit der von Scarlett Johannson gesprochenen Hundedame Nutmeg (Hündinnen heißen hier durchweg nach Süßigkeiten wie »Peppermint« oder »Butterscotch«), die ähnlich wie einst Jessica Rabbit (man beachte die Ähnlichkeit zu Chiefs Beißreflex) eine kleine feministische Grundsatzerklärung abgibt: »I was groomed as a show dog [...] I don't consider it my identity«.

Eines der größten Rätsel des Films gab sich in CinemaxX 3 erst mit dem Nachspann auf. Ich war den gesamten Film davon ausgegangen, dass etwa die ruckelige Animation einer Eule oder die ebenfalls die Fiktivität des Films betonenden anderen stilistischen »Unreinheiten« (u.a. auch bei Schwenks) durchaus gewollt waren. Doch als dann der gesamte Nachspann (inklusive Firmenlogos und Namen von Gewerkschaftsmitgliedern) beinahe bis zur Unleserlichkeit verwackelt waren (wie doppelbelichtet, mir fehlen die Fachtermini für diesen Zustand), kam dann doch der Verdacht auf, dass die Projektion hier einiges verbockt hat, was man aber während des Films nie beanstandet hat. Es ist sehr wahrscheinlich, dass hierzu während der Pressekonfernez nachgehakt wurde, aber weil es ja kaum Konkurrenzveranstaltungen gab, war die dermaßen überlaufen, dass ich lieber meine vierte Kritik in etwa über zehn Stunden runtergerissen habe, um beim Berlinalestress nicht schon am ersten Tag komplett zu versumpfen...


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Fire in Cardboard City /
In Pappstadt brennt's
(Phil Brough, Kurzfilm Generation Kplus)

 
Vorführungen (Kplus Kurzfilme 2):
  • Samstag, den 17. Februar
    um 10 Uhr im Zoo-Palast 2
  • Sonntag, den 18. Februar
    um 13 Uhr 30 im CinemaxX 3
  • Mittwoch, den 21. Februar
    um 11 Uhr 30 im Zoo-Palast 1
  • Donnerstag, den 22. Februar
    um 9 Uhr 30 im Filmtheater am Friedrichshain


Neuseeland 2018, Buch: Phil Brough, Matt Heath, Kamera: Simon Ogston, Schnitt, Animation: Phil Brough, Musik: Karl Steven, Lani Purkis, mit Phil Brough, Murphy & Betsy Brough, Frank & Edith Gallichan-Stewart und den Originalstimmen von Lee Hart (Fire Chief), Ella Wilkes (Deputy), Julian Brough (The Other Deputy), Jeremy Wells, Matt Heath (Helicopter Dudes), Anna Hall (Helicopter Confetti Woman), Bubbles the Cat (Herself), 9 Min., empfohlen ab 8 Jahren

Ein Katastrophenfilm für Kinder. In Cardboard City brennt es. Der tapfere Feuerwehrchef tut sein bestes, um den Brand zu löschen. Doch was soll man machen, wenn das Löschwasser aus unerfindlichen Gründen hochentzündlich ist, und die Rettungsmaßnahmen das Problem nur noch verschlimmern?

Der computeranimierte Film zeigt eine Stadt, die tatsächlich aus Karton besteht. Nicht nur die Häuser, auch die handelnden Figuren. Inszeniert ist das Ganze wie von Michael Bay oder Roland Emmerich, also mit viel Brimborium und Action. Und dramatischer Filmmusik.

Und einer gewissen anarchischen Lust an der Gewalt, wie man schon bei einem Autounfall sieht, der in etwa so verläuft wie ein Versuch eines gewissen Kojoten, den Roadrunner zu fangen.

Fire in Cardboard City (Phil Brough, Kurzfilm Generation Kplus)

© Vinewood Animation / Phil Brough

Die Schlusspointe des Films ist ziemlich nett, aber auch schon die Haupthandlung fasziniert nicht nur visuell, sondern auch, weil sie ganz dem kindlichen Spieltrieb entspricht. Ein bisschen wie Comickind Calvin, der bevorzugt spektakuläre Auffahrunfälle mit seinen Spielzeugautos inszeniert.

Ich persönlich bin bei weitem kein Freund von Emmerich oder Bay, doch durch die Abstraktion, die Verlegung der Dramatik auf eine Stufe mit Tom & Jerry - und nicht zuletzt die reduzierte Lauflänge und den Umstand, dass der Feuerwehrmann kein abgetakelter oder übertrieben agierender Hollywoodstar ist, sondern eben ein Pappmännchen oder letztlich nicht einmal das, sondern die Computeranimation eines Pappmännchens, lässt man sich gerne mal auf dieses Niveau herab - und freut sich wie ein Kind über jede innovative Entwicklung dieser Miniatur-Katastrophe.

Ein bisschen wie die Low-Budget-Version von The Lego Movie. Nur ohne die Starstimmen.


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  Gordon & Paddy (Linda Hambäck, Generation Kplus)

Gordon och Paddy /
Gordon & Paddy
(Linda Hambäck, Generation Kplus)

 
Vorführungen:
  • Samstag, den 17. Februar
    um 12 Uhr 30 im Zoo-Palast 1
  • Montag, den 19. Februar
    um 9 Uhr 30 im Filmtheater am Friedrichshain
  • Mittwoch, den 21. Februar
    um 11 Uhr im CinemaxX 3
  • Sonntag, den 25. Februar
    um 10 Uhr im Haus der Kulturen der Welt


Dt. Titel: Gordon und Buffy, Schweden 2017, Buch: Janne Vierth, Lit. Vorlage: Ulf Nilsson, Gitte Spee, Schnitt: Elinor Bergman, Linda Hambäck, Hannes Knuttson, Musik: Martin Landquist, mit den Originalstimmen von Stellan Skarsgård (Gordon), Melinda Kinnaman (Paddy), Felix Herngren, Mingus Broman, Tove Sacklén, 65 Min., empfohlen ab 6 Jahren

In den grummeligen Froschkommissar Gordon (Stimme: Stellan Skarsgård) und seine Maus-Assistentin Paddy (Melinda Kinnaman) habe ich mich richtig ein wenig verliebt zu Beginn des Films. Er ist über die Jahre so ein kleiner Bürohengst geworden, der sich vor allem an Traditionen festhält (z.B. seinen für unterschiedliche Tageszeiten reservierte Kekse und das hochoffizielle Drücken von Stempeln), sie ist voller Tatendrang und Energie, eine Spur zu neugierig und, dazu passend, auffällig spitznäsig).

Das character design überzeugt hier ebenso sehr wie die aufeinander abgestimmten Persönlichkeiten. Die Atmosphäre des Films hat etwas von Wintermärchen (dass Gordon zu Beginn auf seinem Überwachungsposten wortwörtlich einschneit, sagt schon viel über die Figur und ihre Sehnsucht nach der Pensionszeit aus), und die anderen Figuren wie der ungeheuer auf seinen Nussvorrat bedachte Hase (»too lovely, too lovely!«) oder die beiden übermütigen Eichhörnchen sind genauso liebevoll gezeichnet (in beiderlei Hinsicht).

Da bekommt man direkt Lust, die Bilderbuch-Kinderkrimis von Ulf Nilsson und Gitte Spee zu lesen, von denen auch in Deutschland einige erschienen sind (hier heißt die Maus offensichtlich Buffy, keine Ahnung, wer auf diese Idee kam).

Ein dramaturgisches Problem des Films ist, dass man hier zwei oder drei Fälle zusammengepackt hat, wobei besonders auffällt, dass Gordon nach dem ersten Fall in den wohlverdienten Ruhestand entlassen wird, ehe man ihn in der zweiten Hälfte wieder zum Mithelfen zurückholt. Obwohl der Film ja nur leicht zu meisternde 65 Minuten geht, verliert er dadurch ein wenig den Impetus.

Gordon & Paddy (Linda Hambäck, Generation Kplus)

© LEE Film

Man gibt sich redlich Mühe, dieses Problem zu kaschieren. Etwa durch die frühe Erwähnung der Füchsin, die hier ähnlich eingesetzt wird wie bei Harry Potter Lord Voldemort (und die auf Schwedisch, als »Räven« [Schreibweise nicht garantiert] echt gruselig klingt). Und entsprechend vermutlich durch mehrere Bände ehrfurchtsvoll und hinter vorgehaltener Hand erwähnt wird, ehe sie dann irgendwann tatsächlich mal eine Rolle spielt. Aber wenn ich nach anfänglicher Begeisterung so deutlich dieses Konzentrationsproblem wahrnehme, dann muss man auch darüber reden. Sich langläufigen Formaten (oder anderen kommerziellen Gesichtspunkten) zu beugen, ist ja eine Sache, aber für 65 Minuten sollte man bei einem Krimi, egal wie vorschulkindgerecht der umgesetzt ist, schon irgendwie die Spannungskurve unter Kontrolle behalten.

Ein deutlich unbedeutenderes Problem, das ich aber auch erwähnen will, ist die Terrorherrschaft der Füchsin, die den ganzen Film über spürbar ist, und die man gegen Schluss fast aus den Augen verliert, weil sich herausstellt, dass sie doch nur ihre Jungen beschützen will. Nachdem man erst noch drei bösartig wirkende Augenpaare aus dem Fuchsbau blitzen sieht, stellt sich dann heraus, dass die Fuchswelpen ja superniedlich sind.

An dieser Stelle verliert der Film kurzzeitig aus den Augen, dass seine Helden ja aus Hase, Maus und Eichhorn bestehen, die durch den Raubtiernachwuchs nur in größerer Gefahr schweben. Die Füchsin wird ja nicht durch ihre Mutterzeit zur Vegetarierin. Plötzlich nimmt der Film ganz eine auf das Publikum fokussierte pädagogische Funktion ein. Da bin ich nicht generell dagegen, aber man sollte dafür nicht die eigentliche Erzählperspektive aus den Augen verlieren.

Es würde mich interessieren, ob gerade kleine Kinder von der Fuchsangst im Handumdrehen in den »Ooh, wie niedlich!«-Modus umschalten können. Vermutlich haben die Filmemacher da mehr Erfahrung als ich, aber bei aller anfänglichen Begeisterung meinerseits hakt es an der Stelle für mich auch ein bisschen.

Kann man aber trotzdem ohne weiteres empfehlen, auch für ältere Animationsfreunde.

Ach ja, sowohl auf dem Plakat zum Film als auch auf der Leinwand wurde der Filmtitel übrigens als Gordon & Paddy angegeben. Aber weil das »och« so hübsch klingt, habe ich es übernommen (und, weil's in den Katalogen so steht).


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  Virus tropical (Santiago Caicedo, Generation 14plus)

 
Vorführungen:
  • Sonntag, den 18. Februar
    um 20 Uhr im Haus der Kulturen der Welt
  • Dienstag, den 20. Februar
    um 13 Uhr im Zoo-Palast 2
  • Mittwoch, den 21. Februar
    um 16 Uhr im CinemaxX 3
  • Sonntag, den 25. Februar
    um 9 Uhr 30 im Filmtheater am Friedrichshain


Virus tropical
(Santiago Caicedo, Generation 14plus)

Kolumbien 2017, Buch: Enrique Lozano, Comic-Vorlage: Paola Gaviria aka »Powerpaola«, Schnitt: Simón Hernández, Jorge Vallejo, Santiago Caicedo, Musik: Adriana García Galán, Animation: David Restrepo, Manuel D'Macedo, Felipe Sanín, Carolina Gomez, Art Direction: Powerpaola, mit den Originalstimmen von María Cecilia Sánchez (Paola als Jugendliche), Martina Toro (Paola als Kind), Alejandra Borrero (Hilda), Diego León Hoyos (Uriel), Mara Gutiérrez (Patty als Erwachsene), María Parada (Patty als Kind), Camila Valenzuela (Claudia), Javiera Valenzuela (Chavela), Zoraida Duque (Großmutter), 96 Min.

Irgendwie schreibe ich gern Kritiken zu Filmen, die ich gar nicht ganz zuende geschaut habe. Man muss das dann nur gleich unmissverständlich klarmachen und zu seiner berufsmäßigen Borniertheit stehen.

Weil es sich bei Virus tropical um eine Comicadaption UND einen Animationsfilm handelte, war ich schon ziemlich gespannt auf den Film, auch, wenn mir die Comickünstlerin nicht bekannt war und man ihr entsprechendes Werk Powerpaola auch nur in Sprachen erhält, zu denen mir der Zugang fehlt (selbst mein Französisch reicht da nicht). Ich saß also im Kino (dummerweise etwa eine Minute zu spät) und schaute mir das Werk an.

Ich wollte über den Animationsstil herausfinden, wie wohl der Zeichenstil von Paola Gaviria aussehen würde, die hier die Geschichte ihrer eigenen Kindheit und Jugend erzählte. Ich betrachtete den Film bis zu jener Stelle, wo die junge Erzählerin Paola mit ihren Barbie- und Ken-Figuren einen Beischlaf durchspielte. Vermutlich wäre der Film ab dieser Stelle durchaus noch interessant geworden, weil man hier vermutlich erkannt hätte, inwiefern ihre beiden älteren Schwestern und andere Bezugspersonen für die biografische Entscheidungsfindung mitschuldig waren, aber ich entschied für mich, dass ich lieber den Comic lesen wollte (ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht um die Probleme der Verfügbarkeit), weil mir im offensichtlich von sehr unterschiedlichen Animatoren umgesetzten Film gerade die persönliche Note einer Cartoonistin fehlte, die für jede Nuance der Erzählung ebenso verantwortlich war wie für jeden Pinselstrich und vermutlich sogar das Lettering.

Wer sich nur so semi-ernst mit den Medien Comic und Animationsfilm befasst, könnte glauben, dass sie sich stark ähneln, was aber ein Irrglaube ist. ich rege mich immer wieder auf, wenn in Fernsehquizshows die Flintstones als Comicfiguren bezeichnet werden (sicher gab es Comics mit den Feuersteins, aber zunächst war das eine Zeichentrickserie - schon die Herkunft einer Figur ist äußerst wichtig) oder ähnliche Fehler das Konzept, nach einer richtigen Antwort zu suchen, quasi zerstören, weil schon die Frage falsch gestellt wird. Bei der Volkslegende, dass Micky Maus eine Schöpfung von Walt Disney sei, wird komplett unterschlagen, dass ihr originärer Zeichner ziemlich sicher Ub Iwerks war. Disney wird einige, vermutlich wichtige Designvorgaben gegeben haben (und seine Piepsstimme), aber er war eben kein begnadeter Zeichner, sondern eher ein guter Geschäftsmann. Sonst würde es auch unzählige Bildbände mit Original-Disney-Zeichnungen geben...

Comics zeichnen sich aus durch die fehlenden Momente zwischen den Bildern, die entsprechend jeweils auf Schlüsselaugenblicke fokussierten Panels, die Lesart, die Verbindung mit Textelementen (Sprechblasen, Soundwords etc.) und die Möglichkeit, die Bildgröße eines Panels im Rahmen des Seitenlayouts nahezu frei zu wählen. Bei Animationsfilmen hat das Bild fast immer die gleiche Größe, die Bilder bewegen sich, was bei Gesprächen je nach Detailfülle des Bildes auch mal etwas öde sein kann (in Comics übrigens auch) - und beim im Wind flatternden Cape von Batman eben ganz anders wirkt als in den Comics. Und nicht zuletzt verzichtet man meistens auf Textanteile im Bild, sondern fokussiert ganz auf die Tonspur, bei der neben den Sprachen und Effekten zum Beispiel die Musik ein Element ist, das im Comic kaum eine Rolle spielt (es gibt manchmal Party- oder Konzert-Szenen, in denen über Textauszüge bekannte Songs evoziert werden, aber das ist etwas ganz anderes).

Virus Tropical (Santiago Caicedo, Generation 14plus)

© Timbo Estudio, Santiago Caicedo, Powerpaola

Nach zwei Absätzen mit wild ramblings zurück zum Thema Animation, speziell in Virus tropical. Für die Animation waren hier vier Personen zuständig, und ungefähr so viele Stile kann man auch wiedererkennen. Als am störendsten empfand ich die 3D-Animation, die etwa im virtuellen (und oft so gar nicht dreidimensionell wirkenden) Raum beispielsweise Alltagseigenstände sozusagen an bestimmte Orte fixiert, die aber eher ungenau macht, so dass man das Gefühl hat, dass z.B. ein Bügeleisen durch den Raum schwebt. Im günstigsten Fall erinnerte die Animation an Persepolis (den Film), nur dass aus dem Zeichenstil von Powerpaola beim entsprechenden Werk (insofern mir die Online-Auszüge kein falsches Bild vermittelt haben) hier unterschiedliche Stile wurden, die mich an bekannte Comiczeichnerinnen erinnerten. Ein bisschen Julie Doucet und Megan Kelso hier, dann ein Hauch von Carol Swain (deren Bleistiftstil komplett anders ist). Hier schimmert Mary Fleener durch (sehr Schwarzweiß-Kontraste betonend), dann gibt es wieder Negativ-Bilder (also weißer Strich auf schwarzer Fläche, davon gibt es immerhin auch Powerpaola-Beispiele im Netz), dann wieder diese Dominosteine in vollanimiertem CGI und einige Autos in preiswerter räumlicher Version. Kurzum: ein Patchwork-Flickenteppich, bei dem außerdem manche Teile im Schwarzweiß-Bild gar nicht so richtig schwarzweiß wirken.

Ich mag einfach vernünftig animierte Filme ebenso wie autobiographische Comics viel zu sehr, um mir diese Mischpoke anzutun, wenn ich weiß, dass es eben auch den (vermutlich besseren oder zumindest graphisch einheitlicheren) Comic gibt.

Aber meine Entscheidung gegen den Film hält mich ja nicht davon ab, meine Eindrücke zu schildern. Falls Virus tropical danach noch supereinheitlich wurde oder sich zeigte, dass der von mir mokierte graphische Flickenteppich eine gezielte erzählerische Funktion hatte, die man aber erst später als solche erkennt, dann tut's mir leid.

Demnächst in Cinemania 180 (Generation):
Weitere Berlinale-Rezensionen, vermutlich zu: Allons enfants / Cléo & Paul (Stéphane Demoustier, Generation Kplus), Cobain (Nanouk Leopold, Generation 14plus), Fortuna (Germinal Roaux, Generation 14plus) und Supa modo (Likarion Wainaina, Generation Kplus).