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13. November 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Le Mans 66 - Gegen jede Chance (James Mangold)


Le Mans 66 -
Gegen jede Chance
(James Mangold)

Dt. Titel: Le Mans 66 - Gegen jede Chance, USA 2019, Buch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth, Jason Keller, Kamera: Phedon Papamichael, Schnitt: Michael McCusker, Andrew Buckland, Musik: Marco Beltrami, Buck Sanders, Kostüme: Daniel Orlandi, Production Design: François Audouy, mit Matt Damon (Carroll Shelby), Christian Bale (Ken Miles), Caitrona Balfe (Mollie Miles), Tracy Letts (Henry Ford II), Josh Lucas (Leo Beebe), Noah Jupe (Peter Miles), Jon Bernthal (Lee Iacocca), J J Feild (Roy Lunn), Remo Girone (Enzo Ferrari), Ray McKinnon (Phil Remington), Jack McMullen (Charlie Agapiou), 152 Min., Kinostart: 14. November 2019

James Mangold ist einer der Guten. Ein amerikanischer Mainstreamregisseur, der sich auch für Genrefilme nicht zu schade ist (3:10 to Yuma, mehrere Wolverine-Filme), aber sich nicht festlegen lässt und immer Qualität und Sorgfalt walten lässt und dadurch in jeder Hinsicht über den Durchschnitt hinauswächst (Copland, Walk the Line).

In Ford v. Ferrari (für den deutschen Titel verlegte man den klaren Fokus der Geschichte zugunsten eines publikumswirksameren Ansatzes) erzählt er abermals ein dezidiert männliches Abenteuer (nicht nur Autorennen, sondern auch Ingenieursleistung und Geschäftssinn), mischt es mit einer etwas anderen Geschichtslektion und bietet modernes Kino für die ganze Familie, dass aber keinen Teil dabei ignoriert.

Wie er beispielsweise auch die weibliche Sicht auf diese ganze Autofahrerkiste einbringt, ohne den maskulinen Schweißgeruch einzuschränken, weist über den auch gelungenen und historisch ähnlich ausgeprägten Rush von Kollege Ron Howard weit hinaus.

Le Mans 66 - Gegen jede Chance (James Mangold)

© 2019 Twentieth Century Fox

Die Besetzung ist - für Massenkino obligatorisch - eine kleine Sensation. Matt Damon, der Jedermann dieser Generation, steht gleichberechtigt mit dem allseits beliebten Exzentriker Christian Bale. Doch damit nicht genug, denn in dieser Geschichte geht es um diverse Stützpfeiler einer durchschnittlichen Playboy-Ausgabe der 1960er (behaupte ich jetzt einfach mal, ohne statistische Auswertung), um selfmade men wie Lee Iacocca, Henry Ford (okay, der Zweite) oder Enzo Ferrarri. Und dafür hat man ebenfalls eine Riege beliebter Charakterdarsteller verpflichtet, mein persönlicher Liebling darunter: Tracy Letts (als Mr. Ford), an dem ich mich kaum satt sehen kann, weil er sich so schön ärgern kann (vgl. seine Rolle als verbohrter Dekan in der Philip-Roth-Verfilmung Indignation). Und ohne zu viel verraten zu wollen: dazu hat er auch in Ford v Ferrari Gelegenheit (aber noch kolossaler ist seine Szene als Beifahrer, die man fast körperlich miterfahren kann).

Le Mans 66 - Gegen jede Chance (James Mangold)

© 2019 Twentieth Century Fox

Die im Film erzählte Geschichte beginnt mit dem Rennen von 1959, bei der Carroll Shelby (Damon) gewinnt, der aber danach wegen eines Herzleidens nicht mehr Rennen fahren darf und sich als Auto-Designer neu erfindet. Jahre später will er dann zum Ruhme der Fordwerke, denen von »cooleren« Chassis der Rang abgelaufen wird, noch mal das Rennen gewinnen (oder gewinnen lassen) und baut dafür auf seinen engen Mitarbeiter und Testfahrer Ken Miles (Bale), der aber gewisse Prinzipien hat und sich schnell über Leute, die keine Ahnung von seinem Metier haben, aufregt.

Was zu Problemen führt, wenn sie bei Ford in der Chefetage sitzen und somit weisungsbefugt sind.

Das Spannende an diesem Film sind diese mitunter immens unterhaltsamen Streitereien zwischen den ganzen Alphatieren. Nebenbei muss aber auch die Geschichte vom Rennen (oder gibt es mehrere...?) erzählt werden, und da schwächelt man etwas.

Le Mans 66 - Gegen jede Chance (James Mangold)

© 2019 Twentieth Century Fox

Vorweg: Ich interessiere mich nur eingeschränkt für traditionelle Männersportarten wie Autorennen oder Boxen. Ich will mich somit auch gar nicht zum Experten aufspielen. Aber die Art und Weise, wie man hier das berühmte 24-Stunden-Rennen von Le Mans inszeniert, leidet offensichtlich sehr darunter, dass der Film bereits in seiner jetzigen Fassung die zweieinhalb Stunden überschreitet. Und um gewissen Details gerecht zu werden, hätte man wohl noch eine Viertelstunde ranhängen können, was sich zumeist negativ auf das Einspielergebnis auswirkt (u.a. kann ein Kino den Film dann nicht so häufig an einem Tag spielen).

Wir kommen jetzt zum Spoilerbereich dieser Kritik, den man nicht vor Sichtung des Films lesen sollte, wenn man sich noch aktiv für den Ausgang des Rennens interessiert.

Ein zentrales moralisches Dilemma des Films besteht darin, dass Miles sich mal einen Vorsprung von einigen Runden erarbeitet (wird so im Dialog erwähnt), man sich aber bei Ford kurzfristig ausgedengelt hat, dass es doch eine tolle Werbebotschaft wäre, wenn man gemeinsam die Ziellinie überquert. Wie das ausgeht, will ich nicht im Detail erörtern, aber die mehreren Runden Vorsprung werden dann im Film einfach komplett vergessen, weil es umständlich und nicht besonders spannend ist, wenn er sich mehrfach vom gesamten Feld überholen lassen muss. Man müsste den Film aber vielleicht noch mal genau betrachten, um mit diesem Vorwurf ganz auf Nummer sicher zu gehen...

Denn offenbar habe ich auch den Zeitpunkt verpasst, an dem ein Großteil der Konkurrenten offenbar aus dem Rennen ausgeschieden sein müssen, denn kaum, dass die ersten drei Wagen die Ziellinie überquert haben, tapert scheinbar der Großteil des Publikums auf die Rennstrecke, was natürlich ein schönes Bild ist, aber im Normalfall zu einigen Unfällen führen sollte.

Le Mans 66 - Gegen jede Chance (James Mangold)

© 2019 Twentieth Century Fox

Ein weiteres Detail, das wohl dem Schnitt zum Opfer fiel: Zu Beginn des wichtigsten Rennens hat Miles ein Problem damit, die Fahrertür zu schließen. Man klärt das Problem dann durch rohe Gewalt - und obwohl man regelmäßig die Fahrer wechselt (auch ein Detail, das nicht ganz zur heroischen Einzelleistung passt und etwas in den Hintergrund gedrängt wird), ist das Öffnen und Schließen der Fahrertür nie wieder ein Problem im Film.

Abgesehen von solchen Makeln, die sich gegen Ende des Films häufen, ist Ford v Ferrari tolle Unterhaltung, und wenn eine der Hauptfiguren mit einer nonchalanten Perfidität auch quasi schummelt, passt das auch zum schelmischen Stil des Films.