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1. März 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Logan - The Wolverine (James Mangold)


Logan - The Wolverine
(James Mangold)

USA 2017, Originaltitel: Logan, Buch: Scott Frank, James Mangold, Michael Green, Kamera: John Mathieson, Schnitt: Michael McCusker, Dirk Westervelt, Musik: Marco Beltrami, Kostüme: Daniel Orlandi, mit Hugh Jackman (Wolverine), Patrick Stewart (Prof. Charles Xavier), Dafne Keen (Laura), Stephen Merchant (Caliban), Boyd Holbrook (Donald Pierce), Richard E. Grant (Dr. Zander Rice), Eriq La Salle (Will Munson), Elise Neal (Kathryn Munson), Elizabeth Rodriguez (Gabriela), Quincy Fouse (Nate Munson), 135 Min., Kinostart: 2. März 2017

In den letzten 17 Jahren schlüpft Hugh Jackman hier bereits zum zehnten Mal in die Rolle des auch als »Wolverine« bekannten Comic-Mutanten Logan, und Regisseur James Mangold, der schon für die Claremont-Miller-Verfilmung The Wolverine verantwortlich zeichnete, führt die Figur zu neuen Extremen.

Logan, generell als schlecht gelaunter Antiheld etabliert (seinen ersten Comic-Auftritt hatte er noch als Superschurke, der dem Hulk auflauerte), zeigt hier, im Jahr 2029 angesiedelt, dass sein Körper wohl doch Alterserscheinungen zeigt. Zumindest mental, aber auch die Heilungskräfte lassen mittlerweile stark nach. Mit einem Zottelbart verdient er sich nun als Limousinenfahrer etwas Geld, dass er aber mit dem dauerhaft unter Medikation stehenden Charles Xavier (Sir Patrick Stewart) teilt, der seine mächtigen telepathischen Fähigkeiten nicht mehr ganz unter Kontrolle hat. Und dem lichtscheuen Mutanten Caliban (immer toll: Stephen Merchant). Zusammen bilden die drei eine versteckt lebende, dauerhaft miteinander rumzickende Ersatzfamilie. Ach ja, Mutanten sind in dieser Welt mittlerweile fast ausgestorben, seit 25 Jahren sollen keine neuen geboren sein (und im gesamten Film rennt auch niemand in einem bunten Kostüm herum).

Logan - The Wolverine (James Mangold)

© 2017 Twentieth Century Fox

Dass der Tonfall ein dunklerer ist als bisher (erstmals - abgesehen von Deadpool - hat ein Film aus dem X-Men-Universum ein R-Rating), zeigt man schon bei der ersten Auseinandersetzung, als eine Straßengang Logans Limousine (ein 24er Chrysler) klauen will und bei seiner Einmischung den vermeintlichen Penner einfach über den Haufen schießt. Logan will zwar erst diskutieren, aber schließlich lässt er seine Krallen sprechen - und dies mit einer (auch sichtbaren) Brutalität, die sonst höchstens Mal in Action-Sequenzen mit zahlreichen übermächtigen Gegnern angedeutet wurde.

Nach und nach erfährt man, wie schlecht es um Logan (der selten rumjammert oder seine Probleme ausdiskutiert) steht. Dass das mit der Heilung nicht mehr so einwandfrei klappt, ist natürlich ein Problem, wenn man von Kugeln durchsiebt wird. Aber auch die Krallen flutschen nicht mehr so schnell raus oder rein, die Augen lassen nach und das sonst eher coole Machogehabe mit runtergeschüttetem Whisky hat sich zu einem Alkoholismus mit spürbaren Nachteilen ausgeweitet.

Logan - The Wolverine (James Mangold)

© 2017 Twentieth Century Fox

In diesem Zustand, in dem es ihm höchstens noch darum geht, seinem alten Mentor Xavier gegenüber Loyalität zu zeigen und vielleicht dem Traum eines gemeinsamen Bootes nachzuträumen (das Sunseeker, nicht Stargazer heißen soll), wird er um Hilfe gebeten, ein bedrohtes junges Mädchen in Sicherheit zu bringen. »My boyfriend wants to kill me and take her«, so die Zusammenfassung der besorgten Mutter Gabriela. Selbst die aktuell notwendige Finanzspritze überzeugt Logan nicht, Xavier indes erkennt, dass die 11jährige Laura (Dafne Keen ist allein das Kinoticket wert) eine Mutantin ist, die vielleicht die letzte Hoffnung für die Spezies darstellt. Und irgendwann kommt auch raus, dass ihre Gabe der von Logan sehr ähnelt.

Natürlich geht es wieder um den Kampf gegen einen skrupellosen Superschurken (Richard E. Grant), der die neueste Generation von Supersoldaten unserem kleinen Quartett, das schnell zum Trio zusammenschrumpft, hinterherjagt. Aber das Thema der Ersatzfamilie, die sich in einem Roadmovie durch die USA schleppt, ist für den Film wichtiger als die sonst übliche Superhelden-Show. Man bewegt sich von der mexikanischen Grenze (inklusive angedeuteter Kommentare zu aktuellen politischen Lage) bis hin zur kanadischen, was ganz hübsch ist, weil Logan ja in den kanadischen Wäldern erstmals auftauchte.

Logan - The Wolverine (James Mangold)

© 2017 Twentieth Century Fox

Zwischendurch sieht Laura mal den klassischen Western Shane, den ich persönlich aus irgendwelchen Gründen nie gesehen habe. Rein zufällig (Buch Ende letzten Jahres gefunden) habe ich aber Anfang Februar die Romanvorlage von Jack Schaefer (1949) gelesen, und so fällt es mir überdeutlich auf, wie sehr der Western-Fan Mangold (3:10 to Yuma) sich von der Handlung hat inspirieren lassen. Es gibt zwar den deutlichen Unterschied, dass Logan kein kindliches Publikum anspricht (die Hauptfigur in Shane ist ein heranwachsender Junge, der den Einfluss des Titelhelden auf seine Familie schildert), aber die Konstellation wird im ca. dritten Viertel des Films exakt so durchgespielt, sogar inklusive eines reichen Landbesitzers, der eine Farmerfamilie vertreiben will. Und Logan ist hier der ehemalige Killer (nebst kleiner Familie), der bei den einfachen Farmern für kurze Zeit erlebt, was Begriffe wie Familie oder »home« bedeuten können.

Dass der Film dann wieder zu seiner schwarzen und tödlichen Grundstimmung zurückkehrt, ist zwar für die Farmerfamilie sehr ungünstig, aber zum dauerhaften Logan-Thema »Ich will niemanden verletzen« (vergleiche die Figurenpaarung in den frühen Singer-X-Men-Filmen mit Anna Paquin als Rogue) ist dies ein Beitrag, der mal die notwendige emotionale Tiefe mit sich bringt. Sehr hübsch hierzu auch der Vergleich der Alpträume von Logan und Laura (man beachte die Ähnlichkeit der Namen!): Laura träumt »people hurt me«, Logan indes »I hurt people«. Aus dieser verqueren Vater-Tochter-Situation hätte man mindestens eine Trilogie von Filmen speisen können.

Logan - The Wolverine (James Mangold)

© 2017 Twentieth Century Fox

Ein anderes Thema, dass bisher in den Wolverine-Filmen nie angesprochen wurde, ist der Bezug zur bunten Comic-Welt. Laura kennt Logan als Wolverine aus alten X-Men-Comics, in denen man eine legendäre Mutanten-Zuflucht namens »Eden« aufsucht, deren im Comic erwähnten Breiten- und Längengrade für die 11jährige die große (bzw. letzte) Hoffnung darstellen. Logan wirft einen Blick auf das bunte Heftchen und fasst es wie folgt zusammen: »This is ice cream for bedwetters.« So drastisch ist man in den Marvel-Filmen noch nie mit der Fanbase umgesprungen, aber wie man die Comicwelt und die Filmwelt hier miteinander vermengt, wird die Fanboys definitiv entschädigen.

Logan ist trotz einiger Konzessionen, die das Budget des Films mit sich bringt, vielleicht der bisher erwachsenste Superhelden-Film. Selbst die Batman-Filme von Christopher Nolan oder Zack Snyders Watchmen (der überall dort der Faszination erlag, wo Moore und Gibbons sich in Zurückhaltung übten) kommen an diese intelligente Variante des immergleichen Themas nicht ansatzweise heran. Ich warte zwar immer noch auf eine kongeniale Concrete-Verfilmung oder etwas Ähnliches, das die Figuren letztlich wirklich ganz in den Mittelpunkt rückt und die Superkräfte kaum mehr beachtet, aber gerade bei so einem Sequel zum Sequel zum Spin-Off habe ich so etwas nicht im Geringsten erwartet. Wenn schon unbedingt Superhelden-Kino, dann bitte so!