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24. Juli 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Vox Lux (Brady Corbet)


Vox Lux
(Brady Corbet)

USA 2019, Buch: Brady Corbet, Kamera: Lol Crowley, Schnitt: Matthew Hannam, Musik: Scott Walker, Songs: Sia, Kostüme: Keri Langerman, Production Design: Sam Lisenco, Art Direction: Julia Heymans, Set Decoration: Kendall Anderson, Olivia Peebles, mit Raffey Cassidy (Young Celeste / Albertine), Natalie Portman (Celeste), Stacy Martin (Eleanor), Jude Law (The Manager), Jennifer Ehle (Josie the Publicist), Willem Dafoe (Narrator), Jordan Friedman (Celeste as Child), 114 Min., Kinostart: 25. Juli 2019

Selten, vermutlich nie habe ich einen Film gesehen, der einen größeren Teil meiner Kritikerkollegen (wohlgemerkt, ich spreche hier von dem verschwindend geringen Prozentsatz derer, die sich nach dem Film mit mir darüber austauschte) so komplett überforderte bzw. vor den Kopf stieß, während mir die gesamte Herangehensweise so offensichtlich war. Und öfters auch mal durchaus interessant, selbst wenn man das anfängliche Potential gegen Ende rüde verpuffen ließ.

Vorab eine Erklärung, die vielleicht nur Filmkritiker benötigen. Denn viele davon machen sich Notizen. Und wenn man mal kurz auf seinen Notizblock schaut (um nicht vier Zeilen übereinander zu schreiben), kann man schnell etwas verpassen. Hier etwa die Einblendung einer Jahreszahl.

Vox Lux (Brady Corbet)

Photocredit: Atsushi Nishijima

Brady Corbet, seines Zeichens vor allem als Schauspieler bekannt (und zwar von Filmen, die häufig fordernd oder provokant sind, wie z.B. Turist, Funny Games U.S. oder Clouds of Sils Maria), gewann 2015 in Venedig für seinen Film The Childhood of a Leader (bis eben hatte ich nie davon gehört) Preise für die beste Regie und den besten Debütfilm.

Corbet wirft einen als Zuschauer mit viel Stilwillen in die Geschichte. Die unnachahmliche Stimme von Willem Dafoe fungiert hier als süffisant-ironischer Erzähler à la Kubricks Barry Lyndon. Er berichtet von Celeste, die 1986 geboren wurde, im Zeitalter der Reaganomics - und quasi am Vorabend des neuen Millenniums in einen Amoklauf an ihrer Schule verwickelt wird.

Vox Lux (Brady Corbet)

Photocredit: Atsushi Nishijima

Mit dieser tragischen Backstory, einer Chorausbildung und einem Gefühl für den Zeitgeist wird Celeste (Raffey Cassidy) gemeinsam mit ihrer Schwester Eleanor (Stacy Martin), die als Songwriter fungiert, zu einer (normalerweise benutze ich diesen Begriff fast nie, weil andere ihn zu inflationär einsetzen) »Popikone«, wobei auch ein namenloser Manager (Jude Law) eine Rolle spielt. Der taucht so urplötzlich im Film auf, dass einige Kollegen annahmen, er könnte Celestes Vater sein. Passt aber nicht, wenn man aufmerksam bleibt.

Die Art und Weise, wie sich die Karriere der jungen Celeste entwickelt wie Hochgeschwindigkeitszug ohne Fahrer, ist (mit ironischen Untertönen) durchaus entzückend, gerade auch, weil das neue Millennium mit seinen manchmal unschönen Ausformungen dabei eine große Rolle spielt.

Dann geht die Geschichte im Jahr 2017 (Jahreseinblendung) weiter, wobei das filmische Motto »life imitates art imitates life« zum Exzess durchgezogen wird. Wenn man die Jahreseinblendung übersieht und nicht besonders auf Rollennamen achtet, könnte man Probleme bekommen. Denn nun spielt Natalie Portman die inzwischen ältere Celeste, während Raffey Cassidy in die Rolle ihrer Tochter Albertine schlüpft (die bösartigerweise auch mal mit einer Jacke herumläuft, auf der der Name ihrer Mutter prangt - weil die halt Popstar und ihre Mutter ist). Schwester bzw. Tante Eleanor wird aber wie der Manager, die Pressesprecherin usw. einfach von der selben Person gespielt wie vor dem Zeitsprung.

Vox Lux (Brady Corbet)

Photocredit: Atsushi Nishijima

Wie gesagt, für mich war das alles leicht verständlich, ich bin aber auch jemand, der nicht unbedingt während des Films darauf geschworen hätte, dass die mir nicht weiter bekannte Raffey Cassidy jetzt eine neue Rolle übernommen hat. Die »Familienähnlichkeit« war schon unübersehbar, aber für mich als Zuschauer spielt das jetzt auch keine Rolle, ob beispielsweise in Smoking / No Smoking nicht soo viele Schauspieler auftreten (den großen Gag dieses Films hatte ich erst so nach 50 Minuten oder so bemerkt - es gab aber auch eine Menge Untertitel zu lesen und die sechs Figuren konnte man ohne Probleme voneinander unterscheiden).

So oder so, Celeste hat als junge Mutter ihre Tochter vernachlässigt und versucht jetzt eine verspätete Verbindung aufzubauen - ist aber gleichzeitig auch damit beschäftigt, einen Publicity-Super-GAU zum umschiffen und die Eröffnungs-Show ihrer neuen Tournee zu präsentieren.

Vox Lux (Brady Corbet)

Photocredit: Atsushi Nishijima

Mein Problem mit dem Film: die junge, scheue, aber überlebenstüchtige Celeste (und ihre Darstellerin) fand ich toll, bei Natalie Portman (die den Film auch mitproduzierte) indes hatte ich das Gefühl, dass sie sich in einer etwas arroganten Weise vor allem selbst spielte. Wenn dann zum Schluss auch noch gefühlt 20 bis 30 Minuten die Live-Show der Künstlerin präsentiert wird (mit eigens dafür komponierten Songs, die teilweise etwas überdeutlich Themen des Film abarbeiten: »I'm a private girl in a public world« etc.), dann verstehe ich, was sich der Autor und Regisseur dabei gedacht hat, aber die ganze Natalie-Portman-One-Woman-Show lässt ein Ungleichgewicht entstehen, dass den Film mit sich zu reißen droht. Nicht zuletzt auch, weil die Vermarktung des Films mit den beiden Stars auf dem Plakat und gefühlt 40% Bildmaterial von der Live-Show für mich in keinem Verhältnis zu der Leistung von Raffey Cassidy steht (die ja immerhin auch eine Doppelrolle spielt, und dadurch die einzige Person ist, die den ganzen Film lang präsent ist und im Zentrum steht).

Vielleicht war so eine stumpfe Krimi-Komödie mit Bodycount und Mexican Shootout aus weiblicher Perspektive einfach mal an der Zeit. Wobei aber noch viel Raum für Verbesserungen bleibt...