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19. Juni 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Long Shot (Jonathan Levine)


Long Shot -
Unwahrscheinlich,
aber nicht unmöglich
(Jonathan Levine)

Originaltitel: Long Shot, USA 2019, Buch: Dane Sterling, Liz Hannah, Kamera: Yves Bélanger, Schnitt: Melissa Bretheron, Evan Henke, Musik: Marco Beltrami, Miles Henkins, Music Supervisor: Gabe Hilfer, Kostüme: Mary Vogt, mit Seth Rogen (Fred Flarsky), Charlize Theron (Charlotte Field), O'Shea Jackson (Lance), June Diane Raphael (Maggie Millikin), Ravi Patel (Tom), Tristan D. Lalla (Agent M), Alexander Skarsgård (Prime Minister James Steward), Andy Serkis (Parker Wembley), Bob Odenkirk (President Chambers), Randall Park (Boss), Lisa Kudrow (Catherine), Sean Tucker (Aryan Grande), Boyz II Men (Themselves), 125 Min., Kinostart: 20. Juni 2019

Fred Flarsky (Seth Rogen) hat als Journalist genügend Integrität, um sich beim Unterwandern einer rechten Gruppe beinahe ein Hakenkreuz tätowieren zu lassen. Nur karrieremäßig steht er sich oft genug selbst im Weg, und seine Vorliebe für einen knallbunten Polyester-Windbreaker, der direkt aus den 1980ern zu stammen scheint, kann man auch nicht mit modischem Stehvermögen schönreden.

Seth Rogen hat als Nerd-Selbstdarsteller ja eine gewisse Authentizität, die durchaus ein Publikum anspricht. Er ist sogar RomCom-erfahren, wobei seine cineastischen love stories nicht so ganz middle of the road ausfallen, sondern auch mal in grenzwertige Bereiche abdriften können (Knocked Up, Zack and Miri make a Porno). Als eigenständiger Filmemacher (The Interview, This is the End, Preacher) produziert er auch gern mal selbst, statt sich nur seiner schauspielerischen Casting-Nische anzupassen. Hier kombiniert man eine typische Rogen-Figur mit einer eleganten Politikerin (Charlize Theron) à la Veep, in die Flarsky mal vor Jahrzehnten verschossen war, als die geringfügig ältere Teenagerin für ihn als Babysitterin engagiert wurde.

Long Shot (Jonathan Levine)

© Studiocanal

Secretary of State Charlotte Field (Theron) fehlt im aktuellen, vom Trottel-Präsidenten (Bob Odenkirk) unterstützen Wahlkampf ein kleines bisschen Hipness oder so, und der frisch gekündigte Flarsky passt zwar in seinem Aufzug rein visuell so gar nicht in ihr Team, unterstützt aber ihren politischen Enthusiasmus mit den von ihm geschriebenen Rede, die genau so weit anecken, dass die zu bodenständige geradlinige Saubermännin beim Wahlvolk etwas positiver auffällt.

Als Politikparabel, wo die souveräne Karrieristin lernt, ihre Ideale durchzusetzen, hat Long Shot zwar ähnlich viele Märchenaspekte wie beispielsweise Pretty Woman, aber da die seltsame RomCom in der erstaunlich erwachsenen Behandlung einer sich langsam entwickelnden Beziehung hier und da durchaus authentisch wirkt (zumindest für Hollywood-Verhältnisse), lässt man sich hier einiges gefallen. Nicht zuletzt auch, weil Chemie und Sympathie des Paares stimmt und der Film in seinem Unterhaltungsanspruch vieles richtig macht.

Long Shot (Jonathan Levine)

© Studiocanal

Mit Ausnahme des Alibi-Schwarzen als Freds bestem Kumpel sind auch die Nebenfiguren glaubhaft genug, ohne sich gegen gängige Klischees zu sperren. Der unter einem Berg von Make-Up nicht unbedingt auf Anhieb wiedererkennbare Andy Serkis bietet als »Parker Wembley« eine schmierige Mischung aus Rupert Murdoch und Donald Trump, die für Rogen und Theron ein gemeinsames Feindbild bietet. Alexander Skarsgård als kanadischer Premier mit einer subtileren Art von Schleimspur wirkt hier wie das konventionellere Traumbild eines Mannes à la Richard Gere, das aber ähnlich wie einst Gaston in Beauty and the Beast (dem Zeichentrickfilm!) so off ist, dass er als Partner für ein intelligentes Publikum gleich mal indiskutabel, aber irgendwie dennoch möglich (um den idiotischen deutschen Zusatztitel des Films aufzugreifen) wirkt.

In ihrer offen ausgelebten Feindlichkeit (sie toleriert Flarsky notgedrungen, will aber für ihre Auftraggeberin Field den zu erwartenden fall-out auf überschaubarem Level halten) hat mich persönlich June Diane Raphael als »Maggie Millikin« (man merkt nicht nur bei den Alliterationen, dass die Autoren mit dem Kreieren der Rollennamen viel Spaß hatten) besonders angesprochen. Sie repräsentiert hier ein Feindbild, bei dem noch etwas zu retten scheint.

Long Shot (Jonathan Levine)

© Studiocanal

Das Freistellungsmerkmal von Long Shot ist die Kombination der üblichen RomCom-Elemente mit Figuren, die jeweils eine Spur glaubhafter wirken und liebenswerter wirken, die ganze Judd-Apatow- und Bridesmaids-Kiste trägt hier mal wieder Früchte. Und wenn man beispielsweise die politischen Kompromisse auf einen gängigen Slogan herunterkocht, kann man auch ein größeres Publikum mit politischen Themen bei Stange halten. Hier strebt Secretary Field einen ökologischen Wahlkampf zum Wohl von »bees, trees, and seas« an (ja, die Amis setzen da ein Komma, ich weiß, wie blöd das aussieht) und soll dann zwei Drittel ihrer Ziele aufgeben... »What am I left with? Bees? I don't even like bees!!«

Und das Perfide bei diesem Politik-Light-Approach ist, dass diese Art von verlogenen Kompromissen zum Einschleimen beim größeren Wahlvolk uns aktuell nur allzu vertraut ist, und man bei aller Tragweite des Problems zumindest darüber schmunzeln kann, wenn man sich nicht in der misslichen Lage befindet, noch länger als 30, 40 Jahre auf diesem zu Tode gewirtschaften Planeten leben zu wollen.

Long Shot (Jonathan Levine)

© Studiocanal

Das Märchenhafte an Long Shot umfasst auch den »politischen Skandal« gegen Ende des Films, den ein reales Wahlvolk, eine glaubhaft beschissene Gesellschaft (wie sie halt ist) niemals durchgehen lassen würde. Und diese Hollywood-Utopie ist so toned down, dass sie mich anspricht. Seth Rogen als der Obdachlose, der eine Treppe herunterfällt, als der »cum guy«, ist eine erstrebenswerte Alternative zu den realen Saubermännern auf der politisch-gesellschaftlichen Bühne. Und Charlize Theron ist quasi Hilary Clinton mit deutlich mehr sex-appeal und Menschlichkeit.