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10. Januar 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Meine Welt ist die Musik - Der Komponist Christian Bruhn (Marie Reich)


Meine Welt
ist die Musik -
Der Komponist
Christian Bruhn
(Marie Reich)

Deutschland 2017, Buch: Marie Reich, Constantin Ried, Kamera: Salomé Lou Röhmer, Markus Götzfried, Schnitt: Rainer Schmidt, mit Christian Bruhn, Katja Ebstein, Harold Faltermeyer, Ralph Siegel, DJ Hell, Klaus Doldinger, Erika Bruhn, Johannes Bruhn, Curt Cress, DJ Sepalot, Toni Netzle, Ingo Pohlmann, Helmut Zerlett, 80 Min., Start: 10. Januar 2019

Das Presseheft weist das »Genre« des Films als »Kinodokumentarfilm« aus, was den Wert des Films irgendwie aufbläst. Die Grenze zwischen einer Werbepräsentation (hier mit angeschlossener Soundtrackveröffentlichung, an der offensichtlich vor allem der Hauptprotagonist des Films verdient) und einem Dokumentarfilm wird gern aufgeweicht, oft genug sind die Produzenten solcher Filme (selbst ein Standard-Making-Of von Hollywood-Produktionen gibt sich gern mal als Doku) Familienmitglieder der »dokumentierten« Promis, und in manchen Fällen (Die Mannschaft!) kommen die Filme auch ins Kino und landen nicht nur in der »Special Interest«-Abteilung zu großer Medienverkaufshäuser.

Nach diesem einleitenden Warnhinweis muss ich aber sagen, dass Meine Welt ist die Musik nicht nur sehr unterhaltsam geriet, sondern die Regisseurin tatsächlich auch mal in Interviews Statements darüber erhält, dass Christian Bruhns Familie oder seine (Ex-)Ehefrauen (darunter Katja Ebstein und Zweitgenannte des Duos »Gitti & Erika«, die einst den Titelsong zur Anime-Serie Heidi trällerte und jodelte) durchaus mal unter seiner Karriere leiden mussten.

Meine Welt ist die Musik - Der Komponist Christian Bruhn (Marie Reich)

© Filmperlen

Zwar wird reichlich gelobhudelt und die Hauptfigur gefällt sich darin, seine Karriere zu präsentieren - aber irgendwo verspürt man, wenn man danach sucht, auch einen Hauch von Objektivität, weil der Selbstdarsteller hier und da auch mal ein wenig den Bogen überzieht. Ganz sicher nicht im Stil von Rolf Eden oder dergleichen, aber als Zuschauer bekommt man durchaus die Möglichkeit, auch mal etwas zu hinterfragen und nicht automatisch abzunicken, dass die Fernsehserie Timm Thaler nebst dazugehöriger Musik vielleicht nicht eine der wichtigsten kulturellen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts war.

Gleich zu Beginn wird Interesse entfacht, wo eigentlich keines besteht, Bruhn spricht von seiner »gespaltenen Persönlichkeit«, weil er eben Schlager über den »Knopf an Deiner Bluse« (Bata Illic) oder Zwei kleine Italiener (Conny Froboess) schrieb, gleichzeitig aber auch die längst zeitlos und generationenübergreifend abgefeierte Titelmusik zu Captain Future.

Meine Welt ist die Musik - Der Komponist Christian Bruhn (Marie Reich)

© Bruhn



 

Wie kommerziell der Film orientiert ist, erkennt man auch daran, wie groß der Anteil von Captain-Future-Soundschnipseln gerät im Vergleich zu Bruhns Heine-Liedern oder der Jazz-Leidenschaft, der er im hohen Alter noch mit seinem Sohn frönt.

Mich erinnert das schon stark an die Abfeierei in der Glotze, die sogenannten Dokumentarfilme auf den Spartensendern der Öffentlich-Rechtlichen, wo noch die Karriere des letzten B-Prominenten über 45 Minuten ausgewalzt wird. Und - nicht so unterschiedlich von RTL - mit Zitaten von sechs bis sieben anderen Promis, die sich auf diese Weise eine schnelle Mark dazuverdienen, zurechtgerückt werden.

Nun gehe ich nicht davon aus, dass Ralph Siegel, Klaus Doldinger oder Harold Faltermeyer so etwas nötig haben (eher wurden sie von Bruhn angerufen, ob sie nicht in »seinem« Film auftauchen wollen), aber es fällt halt schon ganz stark auf, dass es zwar ein paar hübsche Anekdoten und solchen Interviews gibt, aber fast nie harte Kritik, wie man sie aus »richtigen« Dokus kennt, wenn etwa in McQueen bei lauter Begeisterung über den Titelhelden auch nicht vergessen wird, dass die allermeisten Menschen auch charakterliche Mängel haben.

Meine Welt ist die Musik - Der Komponist Christian Bruhn (Marie Reich)

© Filmperlen

Pflichtbewusst geht es auch um Bruhns Malerlehre oder die Einstellung seiner Eltern zu seinem Berufswunsch (der alte Kampf zwischen E- und U-Musik), und ich hatte als Zuschauer den großen Vorteil, dass ich so gut wie nichts über Bruhn wusste, seine zahlreichen über den Film verteilten Hits aber irgendwie alle kannte, auch wenn etwa France Galls Der Computer Nr. 3 doch eher vor meiner Zeit stattfand.

Wenn die Kamera ihm durch seine Studio-Landschaft folgt und man irgendwo am Bildrand interessante Details erkennt wie ein Röntgenbild von Homer Simpsons Gehirn, entwickelt der Film seinen eigenen Charme und wirkt fast intim. Es gibt zahlreiche extra ausgedruckte Sprüche zur Inspiration, als Warnhinweis (»Touch nix, ' cause in mix!«) oder zur Fokussierung aufs Wesentliche.

Meine Welt ist die Musik - Der Komponist Christian Bruhn (Marie Reich)

Foto: Erwin Schneider © Filmperlen

Ebenso wächst der Film über sich hinaus, wenn auf einer Geburtstagsfeier emotionale Stargäste auftauchen oder Bruhn sich akademisch gibt und für seine Gäste über den Kuckucksruf referiert.

Man kann diese Art von Filmen von vornherein ablehnen, doch manchmal verpasst man dann auch etwas. Ich habe ausreichend Dokumentationen über Musiker gesehen, um attestieren zu können, dass die sehr oft und sehr schnell auch sehr langweilig werden können (selbst, wenn man sogar einige Scheiben des Künstlers zuhause stehen hat). Und in dieser Hinsicht ist Meine Welt ist die Musik ein echter Gewinner. Es gibt genügend, teilweise sogar ambitionierte Filmemacher, die es schaffen, selbst charismatische Protagonisten zu überfrachten und »totzuerklären«. Marie Reichs Film orientiert sich an seinem »Titelhelden« und macht daraus mehr, als man angenommen hätte. Ich würde sogar mein oft verkündetes Urteil, dass manche Filme nichts auf einer Kinoleinwand zu suchen haben, in diesem Fall nicht ohne weiteres aussprechen.

Und wenn man dann noch ein echtes Interesse an Herrn Bruhn hat, sollte man sich tatsächlich mal ins Kino trauen. Und mehr über Mireille Mathieu und Milka erfahren...