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28. November 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Alexander McQueen - Der Film (Ian Bonhôte & Peter Ettedgui)


Alexander McQueen
- Der Film
(Ian Bonhôte
& Peter Ettedgui)

Originaltitel: McQueen, Großbritannien 2018, Buch: Peter Ettedgui, Kamera: Will Pugh, Schnitt: Cinzia Baldessari, Musik: Michael Nyman, Timelapse & Slow Motion: Gary James McQueen, Researcher: Matilda Ettedgui, mit Janet McQueen, Sébastian Pons, Bobby Hillson, Shaune Leane, Alice Smith, Detmar Blow, Romeo Gigli, Tatsuno Koji, Ruti Danan, Katy England, Gary James McQueen, Kate Moss sowie in Archivmaterial Alexander McQueen, Isabella Blow, Joyce McQueen, Tom Ford, Grace Jones u.v.a., 111 Min., Kinostart: 29. November 2018

Dass ein Jahrzehnte lang etablierter deutscher Verleih wie Prokino zu einem neuen Kinostart nur eher kurzfristig und eingeschränkt in den kleinen »Screening Room« im Soho House einlädt, ist ungewöhnlich. Die geladene Klientel ist nicht die übliche Filmjournalisten-Mischpoke, sondern eher ein Modepublikum, und vieles im Umfeld der Veranstaltung zeugt von einer komplett anderen Vermarktungsstrategie. Nicht zuletzt auch der Umstand, dass man hier nicht etwa Filmstills zur Verfügung stellt, sondern (fast durchgehend hochformatige) Fotos, die den Modeschöpfer bei der Arbeit zeigen.

Eigentlich schade, dass hier soviel Personenkult betrieben wird, wo der Film an sich zu jenen Dokus zählt, die als für sich stehendes Kunstwerk überzeugen. Autor und Co-Regisseur Peter Ettedgui, der mir über seine Sachbücher über »Filmkünste« schon ein Begriff war, hat in seiner langen und abwechslungsreichen Karriere schon viele Teildisziplinen der Filmbranche durchschritten (am prominentesten als Autor und Produzent), und an der Seite von Ian Bonhôte, eines erfahrenen Regisseurs von Werbe-, Mode- und Musikclips reflektiert der Film McQueen sehr schön die zwei Seiten seiner Titelfigur.

Alexander McQueen - Der Film (Ian Bonhôte & Peter Ettedgui)

© 2018 Prokino Filmverleih GmbH / Ann Deniau

So wie Lee Alexander McQueen (Freunde und Weggefährten nennen ihn allesamt Lee, aber man entschied irgendwann, dass der Zweitname Alexander eher zum poshen Modebusiness passt) einst als etwas linkischer pummeliger Außenseiter aus Saville Row (»a shabby unattractive boy with a bundle of clothes across his arm«, »ein Skinhead, der Schneidererfahrungen eines 70jährigen hat«) durch Beharrlichkeit und Talent in die Branche startete und u.a. ersten Shows mit seinem Arbeitslosengeld finanzierte, zehrt der historische Teil des Films von nicht immer perfektem Archivmaterial, während der »Look« des Films auch von Kunstobjekten getragen wird, die, wenn ich es nicht falsch verstanden habe, McQueens Neffe nachträglich extra für den Film geschaffen hat. Diese goldenen und gläsernen Totenschädel erinnern an Damien Hirst, stützen sich aber auf die Designs von McQueens oft provokanten Modeschauen, die gerade in der Frühzeit des Künstlers vor allem für Aufsehen sorgen sollten, dabei aber nicht wirklich eine bereits produzierte Kollektion repräsentieren, sondern sehr häufig auf den letzten Drücker aus zusammengesuchten Materialien wie Frischhaltefolie entstanden. McQueens Mutter Joyce hat es tief getroffen, wenn ihr Sohn noch kurz vor dem Weg auf den Laufsteg einige der Kleider mit seiner flinken Schere malträtierte, was ihm auch den Spitznamen Edward Scissorhands eingebracht haben soll. Sein lakonischer Kommentar zu solch einem Einwand lautete beispielsweise »It's okay, it's only clothes!«

Alexander McQueen - Der Film (Ian Bonhôte & Peter Ettedgui)

© 2018 Prokino Filmverleih GmbH / Ann Deniau



 

Der perfekt designte Look dieser »Schädel-Sequenzen«, die eher wie stylishes Füllmaterial wirken als zu einer Dokumentation zugehörig, findet seine Entsprechung in dem späteren McQueen, der mit seinem hart erarbeiteten Reichtum auch sein eigenes Erscheinungsbild radikal veränderte: Nach Fettabsaugungen und Zahnarztbesuchen trägt er später Designermode und entspricht eher dem allgemeinen Image, das man so mit berühmten Modedesignern verbindet.

In seinen Shows jedoch, die der Film wie Kapitel eines Lebenswegs präsentiert (»The McQueen Tapes«), sieht man nach wie vor die rotzige Punk-Attitüde, mit der McQueen, ein Knabe aus einfachen Verhältnissen, seinen autodidaktisch erworbenen Kunstanspruch umsetzt, größtenteils in deutlichem Kontrast zu dem, was man gemeinhin von der Modebranche erwartet. Für McQueen waren seine Mitarbeiter*Innen nie einfach Zulieferer oder Auftragserfüller, die Models keine laufenden Kleiderständer. Er will die Schneiderinnen während seiner Zeit bei Givenchy persönlich kennenlernen und verwandelt bei Präsentationen die Auftritte zu kleinen Kunstwerken, die nicht unbedingt etwas mit der Branche zu tun haben.

In einer seiner ersten Shows mit größerem Medieninteresse, »Highland Rape«, wirkten die Models etwa wie gehetzte Vergewaltigungsopfer, die sich eben noch Schrammen holten, als sie durch eine Hecke flüchten mussten - aber selbst, wenn die Models mit Bleichmittel präparierte Jeans tragen, die so aussehen, als hätten sie sich gerade in die Hose gemacht, oder die Kleider absichtlich so geschnitten waren, dass die Schamhaare herausblitzten, betonte McQueen, der sich auch Misogynie-Vorwürfen stellen musste, immer wieder das Image der starken Frau.

  Alexander McQueen - Der Film (Ian Bonhôte & Peter Ettedgui)

© 2018 Prokino Filmverleih GmbH / Ian R. Webb



Oh, by the way, I was abused
when I was a kid, by my brother-in-law...

In den Interviews mit seinen früheren Mitarbeitern wird gerade die Veränderung McQueens nachvollzogen, die durch den Erfolg und Reichtum (und Koks) kam, den Liebling der hippen Londoner Szene aber nicht glücklich machte. Er gab viel, aber er verlangte noch mehr, Hingabe bis an die Grenze zur Selbstaufgabe. Nicht jeder seiner Mitarbeiter war bereit, diese Opfer (gemeinsame Urlaube, Hunde hüten, 14-Stunden-Arbeitstage) jahrelang darzubringen, und so gab es auch mal böses Blut und unschöne Trennungen, wo man in den Anfangstagen die Zusammenarbeit noch so beschrieb: »We were paying him to work for him, to be part of his vision«.

Dieser emotionale Teil des Films ist weitaus beeindruckender als die Oberflächenreize, und nebenbei gibt es auch viele interessante Anekdoten zu erzählen, über brennende Autowracks neben dem Laufsteg, bei denen man versäumt hatte, den Benzintank zu leeren. Oder Ausflüge zum Schnellimbiss nach der ersten Fashionweek, wo McQueen nicht mal mehr das Geld hatte, sich eine Portion Pommes zu leisten.

Alexander McQueen - Der Film (Ian Bonhôte & Peter Ettedgui)

© 2018 Prokino Filmverleih GmbH / Ann Deniau



 

Die verschiedenen Einfälle für die Shows wären schon allein abendfüllend, aber die tragische Geschichte dahinter packt einen wirklich. »My family keeps me grounded, because fashion is a very superficial business.« Zwischendurch wollte er tatsächlich mal seinen eigenen Selbstmord zum Höhepunkt einer Show machen.

Ein besonders Schmankerl für mich war der Soundtrack des Films. McQueen war ein großer Fan von Michael Nyman, der Soundtrack zu The Piano begleitete ihn seine Kariere über, und Nyman schrieb sogar mal ein eigenes Stück für McQueen (»Sarabande for McQueen«), nach dem eine Show und eine Stiftung für Nachwuchstalente benannt wurden. Noch überzeugender als die Schädelskulpturen mit in Zeitraffer verwelkenden Blumen unterstützt die Musik Nymans das Archivmaterial, unterstützt den Film emotional, wobei man, wenn man wie ich einige Soundtracks Nymans im CD-Regal stehen hat, auch noch ein zusätzliches Gefühl der Heimeligkeit geschenkt bekommt.

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach eine der vier besten Dokus des Jahres und selbst inmitten vieler (auch Spielfilm-)Künstlerportraits (Phantom Thread, The Disaster Artist, Shut up and play the piano, The Happy Prince) noch herausragend.