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16. Januar 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Glass (M. Night Shyamalan)


Glass
(M. Night Shyamalan)

USA 2019, Buch: M. Night Shyamalan, Kamera: Mike Gioulakis, Schnitt: Luke Ciarrocchi, Blu Murray, Musik: West Dylan Thordson, Kostüme: Paco Delgado, Production Design: Chris Trujillo, Art Direction: Jesse Rosenthal, mit James McAvoy (Kevin Wendell Crumb / The Beast / Patricia / Dennis / Hedwig / Barry / Jade / Orwell / Heinrich / Norma), Bruce Willis (David Dunn), Samuel L. Jackson (Elijah Price / Mr. Glass), Anya Taylor-Joy (Casie Cooke), Spencer Treat Clark (Joseph Dunn), Sarah Paulson (Dr. Ellie Staple), Charlayne Woodard (Elijah's Mother), Luke Kirby (Pierce), Adam David Thompson (Daryl), Shannon Destiny Ryan, Diana Silvers, Nina Wisner, Kyli Zion (Cheerleaders), M. Night Shyamalan, 129 Min., Start: 17. Januar 2019

Es gibt Regisseure, die Filmgeschichte schreiben, M. Night Shyamalan hat Sehkonventionen verändert. Vor The Crying Game und The Sixth Sense gab es zwar auch schon Filme, die man nach einem finalen Twist mit neuen Augen sehen musste, aber die Filme von M. Night Shyamalan (The Crying Game ist von Neil Jordan, der gehört aber historisch dazu) fanden nicht nur viele Nachahmer (vor allem Jacques Rivette und Alejandro Amenábar möchte ich hier nennen), sie führten auch dazu - nicht zuletzt, weil die Twists in Shyamalans Filmen wie Signs oder The Village eine große Rolle spielten, dass man als Kinogänger mittlerweile auf die kleinsten Details in solchen Filmen achtet: Haben Hauptfiguren überhaupt gemeinsame Szenen, oder könnte es sein, dass eine der wichtigsten Protagonisten für andere gar nicht sichtbar ist?

Auch in Unbreakable (2000) drehte sich der Film gegen Ende eigentlich um andere Themen als zu Beginn - auch wenn die »verborgenen Themen« (hier vor allem im Zusammenhang mit Superhelden-Comics) von Beginn des Films deutlich verhandelt wurden. Ich habe Unbreakable damals im Kino gesehen und am vergangenen Sonntag teilweise (weil die Patriots im Playoff-Spiel schon so früh so deutlich führten) noch mal auf Pro 7 »aufgefrischt«. Meine deutlichste Erinnerung an meine erste Sichtung dreht sich darum, dass mir zwar aufgefallen war, dass Samuel L. Jackson als Elijah Price einen auffälligen Dresscode bediente, mir aber erst gegen Ende des Films klar wurde, dass man seine offensichtliche Lieblingsfarbe Lila u.a. mit Comic-Figuren wie dem Joker assoziiert.

Glass (M. Night Shyamalan)

Foto: Jessica Kourkounis © Universal Pictures

In Glass, dem durch Split kurzfristig angekündigten Finale einer unerwarteten Trilogie, die nun in ihren Filmtiteln jeweils auf eine Eigenschaft der drei mit sonderbaren Kräften versehenen Hauptfiguren hinweist, spielt Shyamalan abermals mit den Erwartungen seiner Zuschauer. Wenn quasi jeder im Kinosaal versucht, frühzeitig hinter das Geheimnis der Geschichte zu kommen, wird es für den Filmemacher natürlich jedes Mal schwieriger, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Ich kann nur für mich persönlich sprechen, aber in Glass gibt es einen (nicht so wichtigen) Handlungstwist, den ich mehr oder weniger komplett vorhergesehen habe (was Herrn Shyamalan aber klargewesen sein dürfte) und so zwei oder drei »Merkwürdigkeiten«, die mich wie einst an Unbreakable die ganze Zeit ein wenig nervten, und die dann gegen Schluss zumindest halbwegs über »verborgene« Handlungselemente eine »Erklärung« erfuhren.

Es fällt mir schwer, jetzt meine eigene Schlaumeierei nicht auszuposaunen, aber ich habe ausreichend Respekt vorm Regisseur, um die Spoilervermeidung höher zu priorisieren als meinen über die Jahre als Kritiker ausgebildeten Instinkt, auf den ich oft stolz bin, der mir aber auch schon einige Filme versaut hat, weil ich ihnen zu schnell auf die Schliche kam.

Es stellt sich ein altes Problem: Wie soll man über einen Film sprechen, dessen Geheimnisse man hüten will? Natürlich sehr vorsichtig und schwammig. Die Handlungsprämisse wird den meisten Zuschauern aus dem Trailer vertraut sein: Wir haben die drei mittlerweile hinreichend bekannten Figuren, die von James McAvoy, Bruce Willis und Samuel L. Jackson gespielt werden. Und wir haben eine Psychologin (Sarah Paulson, bekannt u.a. aus Carol oder 12 Years a Slave, hier etwas unvorteilhaft geschminkt), die die drei Herren von ihrem Größenwahnsinn befreien will, sich für Superhelden (bzw. -Schurken) zu halten.

Glass (M. Night Shyamalan)

© Universal Pictures

Nun kennt man die Figuren ja aber schon aus den anderen beiden Filmen und weiß, dass sie bestimmte Stärken und Schwächen haben. Ist es denkbar, dass M. Night Shyamalan nun gemeinsam mit seinen Protagonisten klarmachen wird, dass sie (und wir) uns diese »Superkräfte« nur eingebildet haben? Die Visionen und die Unverletzbarkeit von David Dunn (Bruce Willis)? Die Glasknochen und die finster-genialen Pläne von Elijah Price (Samuel L. Jackson)? Und die multiplen Persönlichkeiten von Kevin Wendell Crumb (James McAvoy), von denen zumindest »The Beast« über seine körperlichen Grenzen hinauswächst?

Da scheint es doch weitaus wahrscheinlicher, dass der Psychologin die Sache aus den Händen gleiten wird und die drei Protagonisten einen gemeinsamen Showdown erleben werden, bei dem sie aus der an Arkham Asylum erinnernden Anstalt ausbrechen werden und ihre im Verlauf des Films noch gesteigerten Feindseligkeiten untereinander austragen - unter Umständen mit zusätzlichen zivilen Opfern, weil gleichzeitig ein als architektonisches »a true marvel« angepriesener Wolkenkratzer eröffnet wird (und Elijah alias »Mr. Glass« ja gerne mal spektakuläre Unfälle zur Unterstützung seiner Thesen nutzt).

Glass (M. Night Shyamalan)

Foto: Jessica Kourkounis © Universal Pictures

M. Night Shyamalan erzählt eine Superhelden-Geschichte, die immer mal wieder auf der Meta-Ebene durchdiskutiert wird (Elijah ist ein Superhelden-Experte, so wie viele Figuren der Scream-Filme sich besonders mit Horrorfilmen auskannten), die sich aber deutlich absetzt vom Spektakelkino der Marvel- und DC-Verfilmungen. Die Figuren sind zwar Marvel- und DC-Figuren nachempfunden (am deutlichsten bei James McAvoy, der fast 1:1 der »Crazy Jane« aus Grant Morrisons Doom Patrol nachempfunden ist), aber Shyamalan verlässt sich kaum auf die herkömmlichen CGI-Effekte (bis auf diesen einen, ziemlich jämmerlich aussehenden Wassertank), sondern vertraut auf eigene inszenatorische Mittel. Am auffälligsten dabei ist der Einsatz der subjektiven Kamera, teilweise in Kampfszenen sogar am Körper montiert, aber auch oft mit Einstellungen aus Fahrzeugen heraus, was man übrigens ähnlich auch schon in Unbreakable findet. Es gibt aber auch ziemlich viele konventionelle talking-heads-Einstellungen, die gleichzeitig eher schwach wirken.

Auch wird die Verwandlung zum »Biest« immer wieder elliptisch ausgespart und eher über die schauspielerische Darbietung umgesetzt, und die Superkraft des »unzerbrechlichen« David Dunn wird in einer Einstellung zelebriert, die so deutlich das Prinzip von Superheldenfilmen negiert, dass es schon eine Freude ist. Mehrere Sekunden lang sieht man über eine Überwachungskamera, wie David eine Stahlstange verbiegt. Ein »Spezialeffekt«, den man ohne Probleme schon während der Stummfilmzeit hätte umsetzen können (das Geheimnis: man nimmt beim Dreh einfach ein anderes Material, das sich leichter verbiegen lässt!). Das Verblüffende bei dieser Szene bleibt aber: sie funktioniert, weil das filmisch Lächerliche innerhalb der Geschichte dennoch etwas Besonders bleibt. David hat Kräfte, die er zum Wohl der Menschheit einsetzt, und am liebsten soll das niemand merken. Und wenn er jetzt den Fehler macht, nicht über die beobachtende Kamera informiert zu sein, so gibt dies uns als Betrachtern die Möglichkeit, etwas mitanzusehen, was es so nicht geben sollte - völlig unabhängig davon, dass selbst ein Achtjähriger bei dieser Szene kapieren wird, dass Bruce Willis keine Eisenstangen verknoten kann.

Glass (M. Night Shyamalan)

© Universal Pictures

Wenn Shyamalan an anderen Stellen dann doch mal »das Biest rauslässt« und die rohen (Super-)Kräfte walten, dann geschieht das nicht innerhalb eine Avengers-Overkills, wo man schon nicht mehr den Überblick behalten kann, wer jetzt alles fliegen kann und wer nicht, sondern eben innerhalb einer Geschichte, die ungeachtet gewisser Fähigkeiten zwischen »richtigen« Menschen stattfindet - auch, wenn Shyamalan natürlich mit Genre-Klischees spielt und auch keinerlei Bedenken hat, beispielsweise zwei Wärter in der Psychatrie 100%ig wie Comic-Nebenschurken einzusetzen, die moralisch suspekt, bösartig und dumm sind, hier aber als beispielhafte Figuren eingesetzt werden (wie der gerne eingesetzte »Turk« bei Daredevil), die jenseits aller Realität agieren (gegen Ende, beim eine Nacht überdauernden Showdown, sieht man etwa, wie Pierce sich von seinem Kollegen ablösen lässt, um ziemlich genau acht Stunden später wieder zum Dienst anzutreten - das mag mal in Ausnahmefällen passieren, doch hier stehen die beiden Figuren nicht für verantwortungsvolles Pflegepersonal mit Gewerkschaftsunterstützung, sondern für Nebenschurken wie in einem Videospiel, die halt jeweils zum Ende des Levels überwunden werden müssen).

Ich gönne Herrn Shyamalan, der auch einige düstere Zeiten durchleben musste, dass er an seinen frühen Film anknüpfen durfte und quasi cinematographisch so etwas wie das Heft vor Action Comics #1 abliefert (oder vielleicht Astro City #0?), die ultimative origin story für den Big-Bang-Moment eines möglichen Superhelden-Universums. Dass dabei auch einiges seltsam bis vermurkst abläuft, ist geschenkt, weil Glass trotzdem noch interessanter ist als ein vermeintlich »perfekter« Spektakel-Film aus dem MCU. Und Shyamalan hat sich seine spinnerten Fantasien allein zusammengebastelt und hat nicht den Mitarbeiter-Stamm von Kevin Feige, die schon zwei Jahre im Voraus die nächsten fünf bis sechs Filme aufeinander abstimmen - wobei dann aber genauso viel an Details in die Hose geht, weil man letztlich diese Unstimmigkeiten seit Jahrzehnten von Comicheft-Universen und TV-Dauerserien auch längst akzeptiert.

Bei Shyamalan indes sind diese Unstimmigkeiten - häufig Konzessionen im Dienst der Geschichte - fast so was wie die Schmankerl der Geschichte(n).