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12. September 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Mary und die Blume der Hexen (Hiromasa Yonebayashi)


Mary und die
Blume der Hexen
(Hiromasa Yonebayashi)

Japan 2017, Originaltitel: Meari to majo no hana, Buch: Riku Sakaguchi, Hiromasa Yonebayashi, Lit. Vorlage: Mary Stewart, Musik: Takatsugu Muramatsu, Titelsong: Sekai No Owari, mit den Original- / deutschen Stimmen von Hana Sugisaki / Laura Jenni (Meari / Mary), Ryunosuke Kamiki / Tim Schwarzmaier (Peter), Shinobu Otake / Marion Hartmann (Großtante Charlotte), Eri Watanabe / Angie Bender (Miss Banks), Yuki Amami / Elisabeth Günther (Madame Mumblechook), Jiro Sato / Claus-Peter Damitz (Flanagan), Kenicho Endo / Erich Ludwig (Zebedee), Hikari Mitsushima / Soraja Richter (die rothaarige Hexe) 103 Min., Kinostart: 13. September 2018

Der Studio-Name Ponoc dürfte noch nicht vielen Leuten ein Begriff sein, doch die Tradition des Ghibli-Studios, eines der drei bis vier wichtigsten Animationshäuser weltweit, wird hier aufrecht erhalten. Mary und die Blume der Hexen ist kaum von einem klassischen Zeichentrickfilm von Hayao Miyazaki (nein, zu diesem Namen muss man keinen Beispielfilm nennen!) zu unterscheiden. Alles, was man dort liebte, wird man hier wiederfinden. Und außerdem ist dies ein kindertauglicher Film, der auch die Begleitpersonen zu verzaubern weiß.

Hiromasa Yonebayashi ist so was wie der inoffizielle Nachfolger von Hayao Miyazaki. Studio Ghibli gibt es offiziell nur noch im Zusammenhang mit einem Freizeitpark und den Archiven, und doch ist das, was Yonebayashi hier erschaffen hat, so nah an den klassischen Ghibli-Filmen wie nur irgendwas.

Sein Handwerk lernte der durch Arrietty und Erinnerungen an Marnie bekannt gewordene Regisseur früher als Animator an der Seite von Miyazaki, etwa bei dessen Filmen Sen to Chihiro no Kamikakushi, Hauru no Ugoku Shiro oder Gake no ue no Ponyo, bei Karigurashi no Arrietty übernahm der Altmeister dann nur die Planung und das Drehbuch und überließ die Regie Yonebayashi. Den Marnie-Film habe ich verpasst, aber Meari to majo no hana (ich liebe es, wie in der japanischen Lautschrift die Anglizismen verfremdet werden) erinnert in vielfältiger Weise an Miyazaki.

Mary und die Blume der Hexen (Hiromasa Yonebayashi)

© 2017 M.F.P. / Peppermint Anime

Da ist zunächst das junge Mädchen in der Hauptrolle und der etwas heldenhaftere Junge, der irgendwann an ihre Seite rückt, dann die putzigen kleinen tierischen Sidekicks und die Magie, die etwas spinnerten mad scientists (»Elektrizität ist auch eine Form der Magie«), die die Welt in Gefahr bringen, was die jungen Helden dazu bringt, sich an traditionelle japanische Magie zu wenden. Ein kräftiger Schuss Kritik am Raubbau an der Natur darf nicht fehlen, und ganz wie beim alten Mann schwingt auch hier eine dezente pädophile Note mit, die vielleicht auch etwas sehr Japanisches ist. Jedenfalls müssten die präpubertären Mädchen meinetwegen nicht immer in kurzen Röcken rumlaufen, die dann auch irgendwann mal hochflattern (längst nicht so penetrant wie in manchen Animes, die dadurch zu einem bestimmten Subgenre gehören, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, aber schon bei anderthalb Sequenzen, bei denen womöglich irgendeine arme sau auf die Einzelbildschaltung geht, fragt man sich natürlich »Muss das jetzt unbedingt sein?«.

Aber weil es hier besonders runtergefahren wurde, kann ich auch darüber hinwegsehen, es ist ja nicht so, dass die Figuren »sexualisiert« werden, es gibt halt einfach diese kleinen Momente, bei denen man im Realfilm vielleicht gesagt hätte, die junge Darstellerin war halt besonders schwungvoll, als sie sich auf den fliegenden Besen schwang. Doch im Animationsfilm kann man halt jeden Sekundenbruchteil so zurechtbiegen, wie man ihn haben will. Und da bleibt halt die Frage »Warum?«.

Mary und die Blume der Hexen (Hiromasa Yonebayashi)

© 2017 M.F.P. / Peppermint Anime

Viel spannender sind im Film ohnehin die Fabelwesen und die putzigen zwei kleinen Katzen Tib und Gib, die dafür sorgen, dass Mary jenen Zauberbesen und eine seltsame, nur einmal im Jahr blühende Blume findet, die das Abenteuer in Gang bringen.

Der Junge aus der Nachbarschaft, der Peter heißt, ärgert sie zunächst nur (ohne besondere böse Absicht, so sind Jungs in dem Alter halt), aber man weiß von Anfang an, dass die beiden sich noch mal besser verstehen werden und gemeinsam ein Abenteuer erleben werden. Vorhersehbare Handlungsfäden sind ja nicht immer etwas Positives, aber wie sich die Story hier nach bekannten Mustern entwickelt, trägt auch zum Charme des Films bei.

Mary und die Blume der Hexen (Hiromasa Yonebayashi)

© 2017 M.F.P. / Peppermint Anime

Dass man mit einer dramatischen Flucht einer rothaarigen Hexe beginnt, die irgendwie eine gewisse Familienähnlichkeit zu unserer Mary zu haben scheint, gibt der Geschichte gleich einen quasi-historischen Anstrich, der von einem alten Gärtner und anderen Figuren unterstützt werden (übrigens wirken große Teile des Films, als würden sie in einem ländlichen England der 1950er spielen, aber es wird auch mal eine Spielkonsole erwähnt).

Wer die magische Endor-Universität als eine Hogwarts-Variation erlebt, ignoriert zum einen die Chronologie der Ereignisse (die Buchvorlage zu Meari, The Little Broomstick, erschien 1971) - und hat auch kein Gefühl dafür, wie fantasievoll diese kleine Welt hier gestaltet wurde. Da taucht als erstes ein Besen-Fluglehrer auf, der wie eine Tiroler Fassung des gestiefelten Katers daher kommt, und wenn man tatsächlich die Universität betritt, dann erinnern Designelemente an den Comic-Zeichner Jim Woodring (ruhig mal googlen) oder eine kindgerechte Fassung von H.G. Wells' The Island of Dr. Moreau. Denn aus ganz normalen Tieren werden hier unter den Machenschaften zweier vermeintlicher Lehrkörper sogenannte Magiewesen, eine fantasievolle Parabel auf Atomenergie und Versuchstiere.

Mary und die Blume der Hexen (Hiromasa Yonebayashi)

© 2017 M.F.P. / Peppermint Anime

Dass Mary (wie Tim Hunter oder Harry Potter) »besondere« Kräfte zu haben scheint, macht die zwielichtigen Gestalten, die sie in die Welt der Magie einführen wollen, sehr hellhörig, doch ohne hier ins Detail gehen zu wollen: Was einen Produzenten des Films für die Originalstory einnahm, war eine abermals an außer acht gelassene Naturgesetze erinnernde Buchstelle, die etwa so lautete: »Es wäre nicht richtig, die Haustür mit dem Zauberbuch aufzuschließen. Ich werde sie aufschließen, wie wir das immer tun, auch wenn es länger dauert...«

Traditionelle (Erfahrungs-)Werte statt typisch menschlicher »Abkürzungen«, wie sie zu Irrpfaden wie der Gentechnik etc. führen. Aber alles nur so leicht am Rande, nicht der didaktische Wink mit dm Zaunpfahl oder der jede Fantasie tötende erhobene Zeigefinger. Gerade die kindlichen Betrachter müssen hier (wie teilweise auch im Leben) quasi intuitiv ergründen, welcher Lebenspfad der bessere ist.

Recht wichtig ist hierbei, dass man auch durch Fehler lernt. Selbst als erwachsener Betrachter hat man zwar einen besseren Überblick über die Traditionen des Fantasy-Genres (und erkennt nebenbei beispielsweise eine verspielte Variation des Robert-Patrick-Terminators), wird aber dennoch noch überrascht und verzaubert ... wenn man sich auch nur einen Fingerhut von der kindlichen Fähigkeit zu staunen bewahrt hat.