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22. August 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Gundermann (Andreas Dresen)


Gundermann
(Andreas Dresen)

Deutschland 2018, Buch: Laila Stieler, Kamera: Andreas Höfer, Schnitt: Jörg Hauschild, Musikproduktion: Jens Quandt, mit Alexander Scheer (Gerhard Gundermann), Anna Unterberger (Conny Gundermann), Thorsten Merten (Puppenspieler), Axel Prahl (Führungsoffizier), Eva Weißenborn (Helga), Benjamin Kramme (Wenni), Kathrin Angerer (Irene), Milan Peschel (Volker), Bjarne Mädel (Parteisekretär), Hilmar Eichhorn (Werner Walde), Peter Sodann (Veteran), Alexander Schubert (Tagebauleiter), Horst Rehberg (Vater Gundi) und den Musikern Mika Amsterdam, Sebastian Deufel, Till Kratschmer, Olivia-Patrizia Kunze, Steffen Lehmann, Jan Maihorn, Johannes Martin, Johannes Reinecke, Richard Schaeffer, Lizzy Scharnofske, Frenzy Suhr, Micha Voßmeier, 128 Min., Kinostart: 23. August 2018

Trend der Woche: Bei zwei von drei Filmen »der Woche« (wird natürlich durch die Filmauswahl begünstigt) werden auf dem Plakat extra die Drehbuchautoren (einmal vier Kerle, einmal eine Autorin) per Namen erwähnt. Der andere Film ist BlacKKKlansman.

Im Presseheft, das voll von Interviews, quasijournalistischen Reisebeschreibungen und einem Hang zur Selbstbeweihräucherung steckt (Das Buch zum Film! Der Soundtrack!), erklärt Andreas Dresen mal: »Diejenigen, die Gundermann nicht kannten, sehen den Film vielleicht als reine Erfindung. Auch das ist nicht schlimm.«

Sozusagen mit der Erlaubnis des Regisseurs nehme ich also diesen Standpunkt ein, denn auch, wenn ich mich zu Lebzeiten von Gerhard Gundermann (verstarb 1998 mit 43 Jahren) durchaus für Musik interessierte, war da reichlich wenig deutschsprachige darunter und Liedermacher aus dem Osten der Republik so gar keine.

Gundermann (Andreas Dresen)

Foto: Peter Hartwig / Pandora Film

Das Auffälligste an der Dramaturgie des Films ist die Zweiteilung. Eine der sich jeweils abwechselnden Zeitebenen beginnt 1975 in Hoyerswerda, die andere 1992, wobei das jeweilige Fortschreiten nicht wirklich aufgeschlüsselt wird. 1975 beginnt damit, dass Gundermanns spätere Frau Conny (Anna Unterberger), die zu Beginn noch mit einem anderen Mann zusammen ist, ein Kind bekommt (Name: Yvonne). Man spürt bereits, dass Gerhard mehr als nur Freundschaft sucht, und durch die zwischengeschaltete andere Zeitebene weiß man sehr schnell, dass er später mit Conny zusammenkommen wird. Dieser Handlungsstrang spielt auch eine wichtige Rolle im Film, aber Dresen (und seine Drehbuchautorin Laila Stieler, die schon zum sechsten Mal das Buch für Dresen schrieb, u.a. zu Die Polizistin, Willenbrock und Wolke 9) erzählen in diesem Film auffällig oft das und wie sie wollen. So wird etwa der eheliche Neuanfang ganz wie ein solcher erzählt: Ex-Mann Wenny räumt das Feld, Gerhard Gundermann fügt sich supergeschmeidig in die Restfamilie ein (neben Yvonne, mit der das Verhältnis gut zu sein scheint, gibt es noch den Nachzügler Steffen). Später hat das Paar dann ein eigenes Kind namens Linda (die spukt auch durch einen seiner Songs), aber eine Frage wird im Film komplett ausgespart: Warum sitzen die beiden »Fremdkinder« zu Beginn sehr versöhnlich mit am Familientisch, werden aber mit der Geburt Lindas und dem damit einsetzenden »neuen jungen Glück« ohne ein Wort über ihr Verbleiben komplett ausgespart? Rein rechnerisch sollten sie ja selbst 1992 noch minderjährig sein - aber sie passen wohl nicht zum Thema des nie wirklich problematisierten »Neuanfangs« und werden einfach totgeschwiegen.

»Totschweigen« ist natürlich ein wichtiges Thema im Film, denn neben der parallel zur Arbeit als Baggerfahrer entwickelten Musikerkarriere geht es vorrangig um die Spitzeltätigkeit der Titelfigur, die Gundermann offenbar erfolgreich verdrängt hat, bis er nach der Wende mit den entsprechenden Akten konfrontiert wird und von sich aus die (auf Dauer unvermeidbare) Darlegung anstrebt (wenn dies auch im Film sehr langsam vonstatten geht).

Gundermann (Andreas Dresen)

Foto: Peter Hartwig / Pandora Film

Seltsamerweise habe ich mit diesem hochsensiblen Thema, das im Film ... ich sag mal »verklärt« dargestellt wird, kein so riesiges Problem, mich reizt die Zweiteilung viel stärker. Gundermann ist 1975 20 Jahre alt, 1992 entsprechend 37. 37 ist zu jung für Altersmakeup, und so unterscheiden sich die zwei Versionen der Titelfigur abgesehen vom Umfeld vorrangig durch eine andere Brille. Darsteller Alexander Scheer, der spätestens jetzt vor allem für seine chamäleonartige Darstellung realer Personen gerühmt wird (u.a. Friedrich Nietzsche in Lou Andreas-Salomé, Dieter Degowski in Gladbeck, Keith Richards, Blixa Bargeld usw.), macht den Altersunterschied nicht wirklich erfahrbar, die Frau an seiner Seite hat das selbe Problem, neben den Kindern altern im Film fast nur Axel Prahl und Milan Peschel (Speerspitzen einer immer wieder durchblitzenden Starbesetzung, einer Art »Best-of-Dresen«).

Wenn Gundermann 1992, zu Beginn des Films, seine neue Band zusammenstellt, man als Uneingeweihter aber nicht erfährt, wie sehr er schon früher mit den Bandmitgliedern zu tun hatte, wirkt auch seine Offenbarung, dass er früher IM war (ich bin außerstande, festzumachen, wie viel Zeit seit der Bandgründung vergangen sein soll), irgendwie unrund - ähnlich wie beim ehelichen Neuanfang wird dieser Moment einfach heruntergespielt, man soll als Zuschauer offenbar an die frühere Band denken, die »aktives Opfer« seiner Tätigkeit war (1992 war die Stasi ja größtenteils zerschlagen). Falls Seilschaft-Bandmitglied Thommi (Frenzy Suhr), der wie der Stammesälteste wirkt, auch schon bei der früheren Gruppierung »Brigade Feuerstein« dabei war, so wurde dies nicht hinreichend klargemacht (wenn der Film sich wie von Donnermarcks Werk ohne Autor für die umfassende Fiktionalisierung entschieden hätte, wäre dies ein naheliegender Story-Punkt gewesen). Mit solchen dramaturgischen Momenten, die gern glattgestrichen werden, hatte ich so meine Probleme.

Gundermann (Andreas Dresen)

Foto: Peter Hartwig / Pandora Film

Gundermann nimmt sich jene biographischen Details, die gut zur Geschichte passen, spart andere aus, und man scheint auch hier und da etwas dazuerfunden zu haben. Etwa Thorsten Merten als namenslosem Puppenspieler, der stellvertretend für viele »Opfer« des Stasi-Manns steht, dann aber kein eigenes Profil entwickelt, sondern mit seiner Entscheidung, aus Gundermann einen modernen Hamlet zu machen, dieses eher glorifiziert als hinterfragt. »Spitzeln oder nicht spitzeln« war nie die Frage.

Mit dem musikalischen Werk der Titelfigur bin ich in diesem Schnelldurchlauf nicht wirklich warm geworden, die Figur blieb auch eher zwiespältig, aber der Film funktioniert mit »fiktiver Betrachtungsweise« halbwegs, wenn auch beispielsweise die Beschäftigung mit Gundis Vater (Darsteller Horst Rehberg ist bis zum Erstellen des Abspanns zwischendurch verstorben) für mich kaum etwas zur Geschichte beitrug und eher so wirkte, als hätten hier Regisseur und / oder Drehbuchautoren eine eigene biographische Volte verarbeitet.

Gundermann (Andreas Dresen)

Foto: Peter Hartwig / Pandora Film

Für mich steht der Film Gundermann im Werk Andreas Dresens auch für eine Zäsur. Seit Halbe Treppe im Berlinale-Wettbewerb startete, habe ich jeden Film des Regisseurs auf Pressevorführungen verfolgt. Nur bei Timm Thaler habe ich wegen umfangreichen Desinteresses pausiert. Dieses Projekt zeugte ja von einem Willen, auch im Mainstream zu reüssieren, brachte aber nicht den erhofften Erfolg an der Kinokasse. Gundermann ist jetzt, wie bei John Cassavetes' Regiekarriere, wieder ein persönlicherer Film, aber mit der geballten Starpower von Darstellern wie Bjarne Mädel, Alexander Schubert und den bereits erwähnten wirkt der Film auch wie ein Dresen 2.0 (oder vielleicht längst 3.0 oder 4.0), der weniger sperrig wirkt, dabei aber seine Widersprüche dennoch behält. Ich erkenne hier den ambitionierten Ostalgiker, der als Filmerzähler für beide Seiten der Republik fungiert, favorisiere aber die kleineren Filme, kein Zweistunden-Zeitportrait, das ganz vielleicht für Gundermann-Experten stimmig scheinen mag, Novizen aber etwas verwirrt zurücklässt.

Das Geheimnis der Obstschale, die Souvenirs des verstorbenen Kumpels Helmut (Schal und Brotdose), der Sand im Bademantel des Vaters, viele Details des Films wirken museal, der ganze Film wirkt wie ein Gundi-Museum, das vorbehaltlos möglichst viele Facetten präsentiert, dabei aber Biopic-Klischees erfüllt, ohne als Ganzes in einem Maße zu überzeugen, den Dresen vermutlich anpeilte, aber nicht ganz erreichte.