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Die Box




2. September 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Wolke 9 (R: Andreas Dresen)
Wolke 9 (R: Andreas Dresen)
Wolke 9 (R: Andreas Dresen)
Bilder © Andreas Dresen
Wolke 9 (R: Andreas Dresen)
Wolke 9 (R: Andreas Dresen)
Wolke 9 (R: Andreas Dresen)

Wolke 9
(R: Andreas Dresen)

Deutschland 2008, Stoffentwicklung: Andreas Dresen, Cooky Ziesche, Laila Stieler, Jörg Hauschild, Kamera: Michael Hammon, Schnitt: Jörg Hauschild, mit Ursula Werner (Inge), Horst Rehberg (Werner), Horst Westphal (Karl), Steffi Kühnert (Petra), 98 Min., Kinostart: 4. September 2008

Neben Christian Petzold und Fatih Akin dürfte Andreas Dresen in den letzten zehn Jahren einer der beständigsten deutschen Regisseure von qualitativ hochwertigen Filmen sein. Alle drei zeigen ihre Filme gern auf der Berlinale und anderen europäischen Filmfestivals, und bekommen dafür mit einer gewissen Regelmäßigkeit auch Preise verliehen. Und im direkten Vergleich lässt Dresen seine Kollegen zumindest auch in der Quantität hinter sich, denn etwa alle anderthalb Jahre kann man sich immer auf den nächsten Dresen freuen. Was aber natürlich auch einfach mit der sehr unterschiedlichen Herangehensweise der Regisseure zusammenhängt. Während Petzold und Akin ihre Drehbücher schon im Vorfeld genau durchplanen, filmt Dresen oft mit einer vagen Richtung einfach drauflos, und zusammen mit seinem Cutter Jörg Hauschild und der Dramaturgie-Expertin Cooky Ziesche kann Dresen mit dieser vor allem durch Mike Leigh bekannt gewordenen Drehart auch sehr gut umgehen, wie beispielsweise Halbe Treppe beweist.

Die Handlung von Wolke 9, Dresens neuestem, bereits in Cannes ausgezeichneten Film dreht sich erneut um einen Ehebruch, doch statt vier Protagonisten beschränkt sich der Film diesmal auf drei Personen (wenn man die bereits aus Halbe Treppe bekannte Steffi Kühnert als Tochter der Hauptfigur Inge mal außen vor lässt), und zwar auf das Ehepaar Inge und Werner und Inges neuen Lover Karl. Eine neue Dimension bekommt der Film nun dadurch, dass diese drei Figuren allesamt jenseits oder haarscharf an der Rentengrenze sind. Karl geht sogar schon auf die 80 zu. Doch wie Dresen die erste Verliebtheit, die schüchternen Kontaktaufnahmen, die Überschreitung der moralischen Grenze, das sexuelle Element und den sich später entzündenden Streit inszeniert, das hat einerseits eine zärtliche Behutsamkeit, schert sich aber andererseits keinen Deut um die landläufig gepflegte Tabuisierung des Sex im Alters. Insbesondere im Medium Film wird es mitunter zwar wie normal dargestellt, wenn Sean Connery sich für Catherine Zeta-Jones interessiert (Entrapment), aber am wichtigsten ist dort wohl, dass bevorzugt “straffe jugendliche Körper” gezeigt werden und nicht “welkes Fleisch” und “schlaffe Brüsten”, wie es mal in Harold and Maude formuliert wird (wo die Sexszenen natürlich auch ausgespart werden). In Wolke 9 hingegen gehört der Sex zur Liebe dazu, und wird somit auch gezeigt.

Über diesen vermeintlichen Tabubruch hinaus ist es die Alltagsschilderung, die den Film auszeichnet. So wird hier nicht das Wetter geschickt in die Geschichte eingeflochten (ein Winter, der wie Frühling aussieht), die trivialen Texte von Inges Chorstunden (“Tanze mit mir in den Morgen...”) kommentieren das Geschehen und das überhöhte Geräusch eine Kaffemaschine wird zu einer die Atmosphäre anspannenden Filmmusik. Die Alltagsroutine zwischen Werner und Inge ist natürlich auch ein Grund, warum Inge mal was Neues ausprobiert, selbst wenn sie Werner immer noch liebt. Und der Kontrast zwischen den zwei Männern wird auch über den Alltag fest gemacht. So interessiert sich Werner für Züge, mit denen er ohne wirkliches Ziel durch die Gegend fährt (“Die Landschaften an den Bahnstrecken sind viel schöner als an den Autobahnen”), und zuhause lauscht er alten Vinylplatten, die die Einfahrt verschiedener Züge in verschiedene Bahnhöfe dokumentieren. Wenn Werner vom Balkon auf einen fahrenden Zug blickt, so wirkt das schnell, als fahre das Leben ohne ihn ab. Inge hingegen wirft er vor, sie “lebe in den Tag hinein”, ohne dabei zu bemerken, dass er sich damit indirekt selbst kritisiert. Wenig überraschend zeigt Karl hingegen jene Spontanität, die Inge vermisst, und erzählt auch mal einen zur Situation passenden versauten Witz (“Weißt Du eigentlich, wie 88jährige miteinander vögeln?”), über den Werner im Gegensatz zu Inge gar nicht lachen kann (“Erzählt ihr euch solche Dinger beim Chor? Unglaublich.”). Die Leistungen aller drei Darsteller, die vor allem auf Theaterbühnen zuhause sind, aber alle auch schon mit Dresen zusammengearbeitet hatten, sind übrigens herausragend.

Zwar könnte man an einigen dramaturgischen Entscheidungen des Film herummäkeln, aber Wolke 9 (betitelt nach dem englischsprachigen Begriff “Cloud 9”) gelingt es, ebenso dramatisch wie humorvoll das Auf und Ab der Liebe zu beschreiben wie zuletzt Sommer vorm Balkon. Auf Dresens nächsten Film mit dem interessanten Titel Whisky mit Wodka kann man bereits wieder gespannt sein.