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25. Juli 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)


Ant-Man and
the Wasp
(Peyton Reed)

USA 2018, Buch: Chris McKenna, Erik Sommers, Paul Rudd, Andrew Barrer, Gabriel Ferrari, Kamera: Dante Spinotti, Schnitt: Dan Lebental, Craig Wood, Musik: Christophe Beck, Kostüme: Louise Frogley, Production Design: Stepherd Frankel, Supervising Art Director: Jay Pelissier, mit Paul Rudd (Scott Lang / Ant-Man), Evangeline Lilly (Hope Van Dyne / Wasp), Michael Douglas (Dr. Hank Pym), Michael Peña (Luis), Hannah John-Kamen (Ava / Ghost), Laurence Fishburne (Dr. Bill Foster), Abby Ryder Fortson (Cassie), Walton Goggins (Sonny Burch), Michelle Pfeiffer (Janet Van Dyne), Randall Park (Jimmy Woo), Judy Greer (Maggie), Tip »T.I.« Harris (Dave), Bobby Cannavale (Paxton), David Dastmalchian (Kurt), Divian Ladwa (Uzman), Goran Kostic (Anitolov), Rob Archer (Knox), Dax Griffin (Young Hank), Hayley Lovitt (Young Janet), Langston Fishburne (Young Bill), RaeLynn Bratten (Young Ava), Madeleine McGraw (Young Hope), Stan Lee (Shrunken Car Man), 118 Min., Kinostart: 26. Juli 2018

Bei den Marvel-Filmen, genauer gesagt, den Filmen aus dem Marvel Cinematic Universe, hat man ja mit der Zeit eine gemeinsame Richtung der gesamten Filmreihe eingeschlagen, und das meine ich nicht nur handlungstechnisch, wo es besonders auffällig ist (dieser Film setzt etwa vor Black Panther ein, wird dann aber mit den letzten Einstellungen mit Avengers: Infinity War verknüpft), sondern auch thematisch und atmosphärisch. Und wenn dann ein Film mal etwas abseits des abgesteckten Terrains landet, etwa etwas düsterer oder wie hier humoristischer, dann ist das aus meiner Sicht immer ein positiver Aspekt, weil mich die Gleichschaltung und das Fernsehserienhafte generell nicht wirklich begeistert, ich will alleinstehende, richtige Filme, nicht eine, wenn auch den Comics in der Publikation ähnelnde, vermeintlich immer weiter erzählte Riesenerzählung, die spätestens dann zusammenbricht, wenn die Darsteller zu alt werden und man sich keine überzeugende Geschichte bereitgelegt hat, mit der man diesen Schwachpunkt ausgleichen kann.

Ich lese zu viel Filmstarts.de, und dort hat man ja die Kontroverse aufgebaut, inwiefern Humor des Rückgrat oder den Niedergang des MCU bedeutet. Ich will meine Einstellung dazu mal anhand der Marvel-Comics erklären. Das große, alles umfassende Comic-Universum hat mich eigentlich noch nie wirklich in seinen Bann gezogen. Die Crossovers wie Civil War, die alles umwälzenden (immer häufigeren) Neuanfänge - das ist Zeug für die armen Irren, die tatsächlich das Geld und das Interesse haben, sich jeden Monat 50-70 Marvel- und/oder DC-Comics reinzuziehen und sich der Illusion hingeben, diese hätten einen übergreifenden Qualitätsstandard, der mehr als nur Zwölfjährige verzaubert. Die Marvelserien, die ich über einen längeren Zeitraum gelesen habe, waren entweder durch bestimmte Comickünstler gekennzeichnet (etwa gut zehn Jahre Hulk unter der Fuchtel von Peter David), ich habe mich für die Figuren oder die Atmosphäre begeistert (beispielsweise bei Daredevil, dem ich auch durch die Nocenti-Jahre treu blieb, dann beim Neustart nach drei Heften von Kevin Smith mein Abo kündigte und später bei Ed Brubaker, Greg Rucka und Michael Lark wieder einstieg) oder ich habe einfach mal etwas ausprobiert und empfand es aus irgendwelchen Gründen meiner Lesezeit und meiner Penunzen würdig (etwa die wunderbar abgedrehte Serie Sleepwalker). Ich komme ja noch aus der dunklen Zeit des »realistischen« Einflusses von Watchmen etc. auf andere Heftserien, aber davon kann man nur soundsoviel ertragen, finde ich. Superhelden-Comics, die sich selbst zu ernst nehmen, wirken schnell wie Mariah Carey, die plötzlich Opern trällern will. Und Humor ist neben Dramatik ein wichtiger Grundstein gelungener Unterhaltung. Ob Star Trek, The X-Files oder Buffy the Vampire Slayer - wenn man über Jahre nur der Rettung der Welt (oder des Landes, der Stadt oder des Kiezes) beiwohnt, reicht die Dramatik schnell allein nicht mehr und ich brauche dann nebenbei etwas Humor. Und um an dieser Stelle wieder zum MCU zurückzukehren: Manche dieser Spektakelfilme, bei denen ich gern auch mal auf den großen CGI-Showdown verzichten könnte, haben tatsächlich auch zu viel Humor (etwa Thor: Ragnarok oder Guardians of the Galaxy: Vol. 2), weil sie sich darin üben, beim Humor die selbe Überwältigungsstrategie einzusetzen wie beim Spektakel (siehe auch Deadpool 2, obwohl das eine andere Baustelle ist). Bei Ant-Man and the Wasp fand ich aber zumindest den Humor-Level nahezu perfekt.

Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)

Foto: Ben Rothstein © Marvel Studios 2018

Es gibt meines Erachtens keinen MCU-Superhelden, der nicht von vornherein »lächerlicher« wirkt als Paul Rudd, der jahrelang in Apatow-Komödien und RomComs auffiel. Dass er auch mal der Paris (lächerlich, aber tragisch) in Baz Luhrmanns Romeo + Juliet-Version war, ist keine Abkehr von seinem typischen Rollenverhalten, sondern eine nachträgliche Bestätigung. Okay, als Ant-Man bzw. Scott Lang wird das gekoppelt mit einem etwas penetranten Festhalten an Familienidealen, für ihn ist es noch wichtiger, ein guter Papi zu sein, als die Welt zu retten (wobei ihm aber klar ist, dass Papi ohne Welt auch nicht funktioniert). Und noch deutlicher als im ersten Film geht es in Ant-Man and the Wasp um diese Familienwerte (die zum Beispiel in Grant Morrisons Run von Animal Man auch mal eine Story wirklich bereichern konnten). Gleich drei Familien kämpfen im neuen MCU-Film um das gemeinsame Wohl:

Scott versucht trotz polizeilichen Hausarrests seiner Tochter Cassie (übrigens die selbe Darstellerin wie im ersten Film, ich habe es überprüft) einiges zu bieten, sie ist hin und weg von seinen aufwendigen Superhelden-Spielchen, und wie der Filmtitel schon impliziert, ist Scott auch interessiert daran, mit seiner Superhelden-Kollegin Hope alias Wasp (Evangeline Lilly) womöglich eine Patchwork-Familie zu gründen (es gibt nur anderthalb Küsschen, aber die Tendenz ist erkennbar).

Hope indes versucht zusammen mit seinem Vater, der auch mal ein Ant-Man war (Michael Douglas wieder als Hank Pym), die verschollene Ex-Wasp-Mutter (Michelle Pfeiffer) zu retten, inklusive Flashback aus Hopes Kindheit (der gefährliche Aufbruch in den »Quantum Realm«, bei dem man die Tochter zurücklässt, schweißt die beiden Handlungsstränge zusammen).

Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)

Foto: Ben Rothstein © Marvel Studios 2018

Und parallel dazu gibt es die neue Figur Ava aka »Ghost« (Hannah John-Kamen), die im Grunde einen sehr ähnlichen familiären Background hat wie die Pyms, nur, dass bei ihr schon in der Kindheit alles schief ging und sie an ihrem Ersatz-Vater (Laurence Fishburne) noch etwas zweifelt. Nein, »Zweifeln« passt hier nicht. Ihr eigentlicher Kampf besteht eigentlich darin, ob sie sich von ihrem Trauma, das nebenbei aus Superkraftgründen auch noch lebensbedrohlich ist, dazu verleiten lassen wird, zur echten Superschurkin zu werden, oder ob sie sich auf die Kraft der Familie besinnen wird. Der Film hat eine gewisse Schwäche deshalb, weil die Figur von Anfang an zu märtyrerhaft sympathisch wirkt, dass man eigentlich davon ausgeht, dass sie die Kurve kriegen wird.

Und diese drei Familien kämpfen jetzt mit- und gegeneinander, weil das in Marvel-Comics halt so läuft.

Es gibt noch einen zusätzlichen Schurken (ausnahmsweise ohne Superkräfte) namens Sonny Burch, gespielt von Walton Goggins, der aktuell trotz seines humoristischen Talents vor allem auf Schurken festgelegt ist, zuletzt etwa in The Hateful Eight oder Tomb Raider. Gemeinsam mit seinen Schergen, die eher dem comic relief als wirklicher Gefahr verpflichtet scheinen (mir gefiel vor allem Divian Ladwa als Uzman, der Experte für ein vermeintliches Wahrheitsserum, das er aber aus seiner wissenschaftlichen Anschauung heraus nicht so nennen möchte).

Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)

© Marvel Studios 2018

Eine zusätzliche amüsante Note kriegt die Handlung durch den beflissenen Ordnungshüter Jimmy Woo (Randall Park), der seit längerem vermutet, dass Scott seinen Hausarrest bricht, und ihn endlich in flagranti erwischen will (obwohl die beiden Gegenspieler sich eigentlich sympathisch finden).

Aus diesem Figurenensemble wird etwas ähnliches wie Peter Bogdanovichs What's Up, Doc? gebastelt. Statt der vier karierten Koffer mit unterschiedlichen Inhalten, die bei Bogdanovich immer wieder verwechselt werden, teilweise über längere Strecken auf dem selben Hotelflur, gibt es in Ant-Man and the Wasp ein Hochhaus mit einem sehr fortschrittlichen Labor, das immer wieder von unterschiedlichen Figuren gejagt wird, was nur dadurch möglich ist, dass man es auf die Größe eines Rollkoffers (incl. ausziehbarem Haltegriff) verkleinern kann.

Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)

Foto: Ben Rothstein © Marvel Studios 2018

Die Technologie, um Dinge und Person zu verkleinern oder zu vergrößern, spielt im Film eine große Rolle, und man variiert nahezu alle Kombinationen von groß und klein, auf die man auf die Schnelle so kommen würde. Und zwar mit der Kindskopf-Mentalität, für die man Paul Rudd (hier auch Co-Autor) so kennt. Ein ganzer Fuhrpark wird wie eine Matchbox-Sammlung herumgetragen; normalgroße Autos werden auch mal (vom vergrößerten Scott) ähnlich wie das improvisierte Skateboard aus Back to the Future genutzt; Salzstreuer werden vergrößert wie Malefiz-Steine eingesetzt (die gesamte Küchenszene erinnerte an die Jagd auf Remy in Ratatouille); ein Schrumpfanzug mit Fehlfunktion miniaturisiert auf das nicht wirklich hilfreiche Türklinken- / rennender-Meter-Niveau, natürlich in einer Schule ("Where is your hall pass?") - der dauerhafte visuelle Spaß des ersten Ant-Man-Films erfährt seine Fortsetzung.

Auf der verbalen Ebene gibt es neben einer Menge Technobabble (Scott verdächtigt die Wissenschaftler, einfach vor jedes Wort ein »Quantum« zu setzen, damit es hipper klingt) vor allem viel gegenseitiges Anlügen und selbst unter den Verbündeten ein unablässiges »bickering«, das natürlich genau zum pubertären Kindskopfniveau des ganzen Films passt (wie es auch für einen Großteil sämtlicher Superheldencomics zutrifft). Hierbei wird aber immer wieder demonstriert, wie gut sich die einzelnen Figuren kennen (»Stop daydreaming about my daughter«).

Der größte Vorwurf, den ich Ant-Man and the Wasp machen kann, ist, dass die Anknüpfungspunkte an das MCU den für sich stehenden Spaß der niemals wirklich »gefährlichen« Verwechslungskomödie kompromittieren. Ob die ellenlangen Erklärungen über den »quantum realm« (der vermutlich im nächsten Avengers-Film eine Rolle spielen wird), die zahlreichen Bezugnahmen auf Ant-Mans Verwicklung im Civil War, oder die standardmäßige Storyline, dass man sich erst mal mit den offensichtlichen späteren Verbündeten bekämpfen muss. Michelle Pfeiffer hin oder her, wenn man auf den gesamten subatomaren Teil verzichtet hätte (wusstet ihr, das Kleinstwesen, wenn man selbst noch kleiner ist, so was wie Walgesänge abgeben?), hätte der Film einen tollen Spaß für die ganze Familie abgegeben, aber spätestens bei der post credit sequence muss halt wieder der Schocker aus Avengers: Infinity War ins Gedächtnis gerufen werden, der beispielsweise komplett nicht zum augenzwinkernden Pennäler-Charme passt - aber der sich stetig vergrößernder Flickenteppich mit Namen MCU verlangt danach.