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Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




23. November 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


Cinemania-Logo 174:
Möchtegernpolitisch



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  Aus dem Nichts (Fatih Akin)

Aus dem Nichts
(Fatih Akin)

Deutschland 2017, Buch: Fatih Akin, Co-Autor: Hark Bohm, Kamera: Rainer Klausmann, Schnitt: Andrew Bird, Musik: Josh Homme, Kostüme: Katrin Aschendorf, Production Design: Tamo Kunz, Art Direction (Gerichtssaal): Seth Turner, mit Diane Kruger (Katja Sekerci), Denis Moschitto (Danilo Fava), Numan Acar (Nuri), Samia Muriel Chancrin (Birgit), Johannes Krisch (Haberbeck), Ulrich Brandhoff (André Möller), Hanna Hilsdorf (Edda Möller), Ulrich Tukur (Jürgen Möller), Rafael Santana (Rocco), Siir Elo glu (Frau Sebnem), Jessica McIntyre (Steffi), Yannis Economides, 106 Min., Kinostart: 23. November 2017

Der offizielle deutsche Oscar-Beitrag demonstriert einige der Stärken Akins, ist aber weit entfernt davon, als Ganzes zu überzeugen. Ich habe ja seit The Cut die Theorie, dass Fatih Akin dann seine schwächsten Arbeiten abliefert, wenn er seinem großen Vorbild Martin Scorsese zu folgen versucht. Kurz und schmerzlos war Akins Mean Streets (und zu Beginn seiner Karriere wirklich vielversprechend), bei The Cut hat Scorsese sogar mitproduziert, und bei Aus dem Nichts wirkt es erneut, als versuche der deutsch-türkische Regisseur sich an einer epischen Geschichte. Was aber bei Gegen die Wand oder Auf der anderen Seite weitaus besser klappte. Nicht zuletzt, weil die trotz allem Pathos authentischer wirkten.

In Aus dem Nichts erzählt Akin seine Geschichte aus der Sicht einer deutschen Frau (Diane Kruger als Katja), die in eine türkische Familie eingeheiratet hat. Die Hochzeit selbst findet im Gefängnis statt (und die Handy-Ästhetik, die der Film mehrfach clever einsetzt, erinnert ein wenig an die große, aber vom Unheil überschattete Liebe aus von Triers Breaking the Waves. Bei allem Respekt für die darstellerische Leistung von Diane Kruger (ausgezeichnet in Cannes) wirkt die Story aber zu sehr konstruiert. Das wird spätestens dann sehr deutlich, wenn zu einem Zeitpunkt die zweite Kapitelüberschrift »Gerechtigkeit« eingeblendet wird, die es sehr deutlich macht, dass hier nicht das geliefert wird, was die Überschrift scheinbar »verspricht« - ähnlich wie beim Filmtitel Happiness (weiter unten).

Aber auch schon die Wahl der Schriftart beim Filmtitel Aus dem Nichts (siehe Plakat) thematisiert zu sehr, und nimmt dabei dem Film die Möglichkeit zu atmen. Ich war bei der Sichtung mal wieder ganz gewollt nicht informiert über die Handlung, aber mehrfach drängt sich die Entwicklung des Films einfach auf. Insbesondere im dritten Drittel, das - typisch für Akin - am Meer spielt. Und eine Entwicklung, die sich deutlich abzeichnet, unnötig in die Länge zieht, womöglich für Zuschauer, die mit dem oft fatalistischen und selbstzerstörerischen Kino Akins (Gegen die Wand - was muss man noch sagen?) nicht vertraut sind.

Noch schlimmer sind aber die Abspanntitel des Films. Dort wird die Handlung in einen direkten Bezug mit Geschehnissen gebracht, die zwar als Inspiration für den Film voll in Ordnung gehen, aber eben so gut wie nichts mit dieser fiktiven Geschichte zu tun haben. Das wirkt fast wie Trittbrettfahren auf einem politischen Reizthema.

Ich finde es erstaunlich, wie sehr die am selben Tag in Deutschland anlaufenden Film Aus dem Nichts und Detroit sich ähneln. Dem neuen Cinemania habe ich ja den Titel »Möchtegernpolitisch« verliehen, der auf Detroit nur eine Winzigkeit weniger zutrifft als hier. Aus dem Nichts ist dafür ein wenig filmischer und überzeugte mich vor allem in den leisen Momenten, wo es um Familienkrisen oder Drogenkonsum als Traumabewältigung geht. Als Ganzes gesehen finde ich den Bauchklatscher hier aber noch etwas abtörnender.

Manchmal wünsche ich mir die Zeiten zurück, wo ich beim Unterscheiden von Filmen die höhere Qualität zum Maß nahm - und nicht den umgedrehten Maßstab »weniger Murks«.

Aber mein Anspruch an folgende Akin-Filme bleibt dennoch viel höher als an den nächsten oder übernächsten Bigelow. Es ist schwer, die Erwartungshaltung völlig aus der Bewertung herauszuhalten.


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  Alte Jungs (Andy Bausch)

Alte Jungs
(Andy Bausch)

Originaltitel: Rusty Boys, Luxemburg 2017, mit Andre Jung (Nicolas »Nuckes« Heinen), Marco Lorenzini (Fons Kayser), Paul Greisch (Jean-Louis »Lull« Hemmer), Fernand Fox (Jängi Jaminet), Josiane Peiffer (Nelly), Monique Reuter (Henriette), Myriam Muller (Maisy), Pitt Simon (Pitt), Marie Jung (Sabinn), Valérie Bodson (Jackie), Martin & Samuel Bichon (Luka), Christiane Rausch (Chef Soignante), Fabienne Elaine Hollwege (Directrice), Annette Schlechter (Mme Boever), 90 Min., Kinostart: 7. Dezember 2017

Ein Seniorenheim in Luxemburg, inkl. diverser Machenschaften. »Nuckes« (Andre Jung), der eigentlich zum Personal gehört, aber auch schon das Rentenalter erreichte, inszeniert sich mit seinem Faible für Western auch gern mal wie ein Gefängniswächter, besorgt aber für einen hübschen Aufschlag auch bestimmte Sonderartikel. Zum Geburtstag von Fons (Marco Lorenzini) schleust er etwa eine Prostituierte, doch der anspruchsvolle Herr fühlt sich vom »Proleten« gedemütigt und sucht rechtzeitig das Weite.

Die neue Anstaltsleiterin hat auf so einen Winz-Eklat nur gewartet und wirft den Querschläger raus. In seinem Transporter, auf dem mit Airbrush ein schlecht gezeichneter Clint Eastwood in den Sonnenuntergang reitet, versucht Nuckes, es seinem Idol nachzutun. Beziehungsweise besucht er seinen Kumpel »Jängi« (Fernand Fox), der aktuell in einer Kleingärtnerkolonie lebt, über der aber auch das Damokles-Schwert schwebt.

Der ehemalige Zahnarzt Fons, der ein Buch schreiben will, sucht auch eine neue Bleibe, und zusammen mit dem leicht dementen Jean-Louis alias »Lull« (Paul Greisch) und einigen geneigten Damen will man eine Residenz in Eigenverantwortung (Kennwort »autonom«) aufziehen, die vom Misserfolg verfolgte Maklerin Jackie (Val√©rie Bodson) hätte die richtige Immobilie, man müsste nur noch die Behörden überzeugen.

Nebenbei will man noch eine alte Dame beerben, die Familien von Nuckes und Fons sind miteinander verwoben, es gibt einige Techtelmechtel und teilweise durchaus gelungene Gags über Seniorenwindeln und ähnliche Themen. Das Problem bei den Rusty Boys ist neben den Timingproblemen und der sich zerfasernden Handlung mit unzähligen Nebenfiguren, dass die schlussendliche Auflösung der vielen Probleme eigentliche katastrophaler ausfällt als jede Notlösung zwischendurch. Und für ein paar müde Gags wird das auch noch betont, obwohl rein dramaturgisch alles sehr nach Happy-End wirkt. Dieser Widerspruch bringt den Film in eine gehörige Seitenlage - was aber unter Umständen sogar so gewollt ist (vielleicht kenne ich mich nur nicht mit dem regionalen Humor aus).

Apropos regional: das Beste am Film ist die Sprache. Obwohl verlautet wurde, dass die Hauptdarsteller sich bei der deutschen Synchronisation allesamt selbst sprechen werden, sollte man den Film unbedingt auf Lëtzebuergesch anschauen. Diese irgendwie vertraut wirkende Sprache trägt viel zum Tonfall bei. Ob der Großvater »bupa« genannt wird, ein Butterbrot »schmier« oder prekäre Gesellschaftsschichten die »assijen«: es ist kein Wunder, dass die französische Maklerin die Mischpoke mit den »Sch'tis« vergleicht!

Gemeinsam mit den manchmal wirklich netten Sprüchen (»Sex? - das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht...« --- »Ich fahr lieber mit dem Auto!«) gelingt es Rusty Boys immerhin, ganz gut zu unterhalten. Und wenn man die reichlich ziellose und episodenhafte Handlung einfach als »autonom« akzeptiert, kann man sich mit dem Film durchaus anfreunden. Auf jeden Fall ist der Film wie seine Protagonisten auf eine liebenswerte Weise sturköpfig. In drei von vier vergleichbaren deutschen Produktionen würde dies weitaus peinlicher ausfallen (kann aber auch zu großem Teil daran liegen, dass mir die Darsteller nicht aus diversen anderen Possenreißer-Rollen bereits vertraut war).


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  Happiness (Sabu)

Happiness
(Sabu)

Japan 2016, Buch: Sabu, Kamera: Koichi Furuya, Schnitt: Genta Tamaki, Ausstattung: Tatsuya Amano, mit Masatoshi Nagase (Kanzaki), Hiroki Suzuki (Inoue), Erika Okuda (Wakako), Tetsuya Chiba (Takei), Akira Yamamoto (Akupunkturist So), Chukichi Kubo (Bürgermeister), Yasunari Takeshima (Polizist Yamashita), Orakio (Polizist Ishida), Rie Minemura (Kazuyo), Masayo Umezawa (Kiyoko), Arisa Nakayima (Inoues Mutter Ryoko), 90 Min., Kinostart: 30. November 2017

Wenn in Filmtiteln »happy« oder »Happiness« vorkommt, kann man sich mit wenigen Ausnahmen fast darauf verlassen, dass der Zustand des Glücks durch das Vorhandensein extremer Gegensätze akzentuiert wird. Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Todd Solondz' Happiness, den ich mir wenige Tage nach dem Sabu-Film noch mal zu Gemüte führte, bietet hier nahezu das Nonplusultra, aber Sabu, oft ein Freund der Widersprüche, gibt sich redlich Mühe, es hiermit aufzunehmen.

Der Film beginnt langsam, fast betulich. Der Fremde Kanzaki (Masatoshi Nagase) trifft mit dem Bus in einer gottverlassenen Ortschaft ein und benutzt einen eigentümlichen Helm (sieht aus wie ein 70er-Jahre-Relikt von Evel Knievel, das für Cronenbergs Naked Lunch mit antiquarischen Schreibmaschinenteilen zum Kopfschmuck von Pinhead aus der Hellraiser-Serie aufgemotzt wurde), um die glücklichsten Erinnerungen der dahindarbenden Bewohner zu reaktivieren.

Familienmomente, ein Homerun als Kind, eine Geburt, die durch das Verhalten des mittlerweile ausgewachsenen Sohnes geschmälert wird, eine vergessene Tanzbegeisterung - das Treffen im Gemeindehaus wird ein voller Erfolg. Schließlich zeigt man nur noch die verzückten Gesichter. Doch die vom Bürgermeister voll unterstützte Maßnahme führt dazu, dass beispielsweise der Bäcker jetzt in Paris Chocolatier werden will. Eine Stadtflucht wäre nicht im Interesse, weshalb Kanzaki, nie um Anregungen verlegen, vorschlägt, die 20 bis 30-jährigen Bewohner als nächste unter den Helm zu setzen. Um so »neue Energien« zu aktivieren.

Nach und nach wird nun die Vergangenheit des vermeintlichen Erlöser beleuchtet und es zeigt sich, dass der Glücksbringer ganz eigene Ziele verfolgt, was den Film genremäßig komplett umstülpt. Wenn man miterlebt, dass der glücklichste Moment eines gewissen Inoue es war, das er zwei Frauen, die er überfiel, (in einer Szene mit subjektiver Kamera) immer wieder mit einem Messer sticht, ist es mit dem herkömmlichen Glück erst mal vorbei, und man erfährt, dass der »helomet« (ich liebe es, wie Japaner Lehnwörter an ihren Sprachduktus angleichen) auch die grässlichsten Momente wiederbringen kann.

Für mich war die erste Hälfte des Films noch sehr interessant, weil mich das Potential einer Glücksmaschine im politischen Kampf der Kommune durchaus ansprach. Das hatte was von einem humorvollen Science-Fiction-Märchen.

Doch zusammen mit der unerfreulichen Handlungskehrtwende wird nun auch noch die origin story des Happy Helmet nachgeliefert (wo jeder wissen sollte, dass es sich hierbei um die Erfindung eines gewissen Stimpson J. Cat handelt). Ein Akupunkturist erklärt die offenbar nicht besonders geheimnisvollen Grundregeln und dann muss Kanzaki nur noch den Helm zusammen basteln. Irgendwann wird erklärt, dass man die Druckpunkte »millimetergenau« treffen muss, aber mal setzt er den Helm schief auf, dann ist er viel zu groß für den Kopf eines Kindes. Wie soll man einen Film ernst nehmen, wenn er sich selbst nicht ernst nimmt.

Man kann bei Happiness zwar erkennen, welchem modernen Klassiker in seinem »Ausflugsgenre« er nachstrebt (ein koreanischer Film, der in den USA ein zusätzlich vermurkstes Remake erhielt), aber der emotionale Input fehlt fast komplett und der Showdown wirkte auf mich wie zwei selbstzerstörerische Kerle, die so was wie einen gemeinsamen Orgasmus erleben wollen.

Alles sehr traumwandlerisch, abgespacet und zunehmend blutig, aber vor allem zermürbend, wenn man sich nicht auf das ungeschickt nachgelieferte Genre einlässt. Die kompliziert nachgelieferte Vorgeschichte, bei der manche Details dennoch nicht ansatzweise klar werden, nervte mich in nicht geringer Weise, eine nachträgliche Neubewertung der Filmhandlung führt nicht immer dazu, dass einem plötzlich alles »noch besser« erscheint. Not at all!


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  Zwischen zwei Welten - The Mountain between us (Hany Abu-Assad)

Zwischen zwei Welten -
The Mountain
between us
(Hany Abu-Assad)

Originaltitel: The Mountain between us, Buch: Chris Weitz, J. Mills Goodloe, Lit. Vorlage: Charles Martin, Kamera: Mandy Walker, Schnitt: Lee Percy, Musik: Ramin Djawadi, Kostüme: Renée Ehrlich Kalfus, Production Design: Patrice Vermette, Supervising Art Director. James Steuart, mit Kate Winslet (Alex Martin), Idris Elba (Ben Bass), Dermot Mulroney (Mark), Beau Bridges (Walter), Linda Sorensen (Pamela), Raleigh, Austin (Dog), 112 Min., Kinostart: 7. Dezember 2017

Kernzitat: »We might die together and I don't even know you.«

Öfters überkommt mich bei Filmen der Wunsch, die Romanvorlage zu lesen. In diesem Fall war es nicht so. Selbst, wenn sich die Geschichte im Roman nuancierter entwickelt, ist der seltsame Genre-Mix schon im Ansatz komplett vermurkst.

Die Fotojournalistin Alex (Kate Winslet) ist auf dem Weg zu ihrer Hochzeit, der britische Neurochirurg Ben (Idris Elba) soll eine wichtige Operation, für beide seiht es wegen der wegen Sturmwarnung gecancelten Flüge ganz so aus, als würden sie stattdessen auf dem Flughafen stranden. Als Zuschauer beobachtet man die Frustration der beiden, bekommt erste Hinweise über ihren Background (Ben telefoniert mit seinen Kindern), und schließlich kommen die beiden auf die reichlich abstruse Idee, einfach gemeinsam einen kleinen Privatflieger zu chartern, mit dem sie trotz Sturmwarnung die eisigen Berge Utahs überfliegen wollen.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Auftritt des Piloten Walter (seit The Fabulous Baker Boys kaum gealtert: Beau Bridges) wird durch einen Absturz und sein Ableben deutlich verkürzt, immerhin hat man sich für die Flugszene von Gravity inspirieren lassen und liefert nahezu perfektes Effektekino mit einer langen Plansequenz.

Zu dritt mit dem erstaunlich flexiblen Hund des Piloten hat die verletzte Alex immerhin das Glück, dass ihr »Gunslinger« weiß, wie man ihr Bein schient. Wenn sie Hilfe beim Pinkeln braucht, wird schon angedeutet, dass man sich durch die lebensbedrohliche Situation näher kommt. Der Originaltitel The Mountain between us betont auch sehr viel deutlicher, dass nach dem Survival-Teil des Films, der weit bis über die letzte Unwahrscheinlichkeit hinaus ausgereizt wird, noch ein Teil des Films kommt, der sich - leider ziemlich hollywoodmäßig - mit einer Zeit befasst, in der man die gemeinsam verbrachte Zeit unter extremen Bedingungen nicht einfach durch eine Rückkehr zur »davor«-Situation vergessen kann.

Was man hier mit einem gewissen Trend zum Realismus hier vom Publikum verlangt, an absurd überzogenen Survival- und Beziehungs-Unwahrscheinlich- bis Unmöglichkeiten zu schlucken, geht aber auf keine Kuhhaut. Wenn man sich Titanic mit einer männlichen Umbesetzung, einer knappen Woche im Eiswasser, einen Haiangriff und einer gefühlten Stunde Film nach der Rettung vorstellt, bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon. Selbst, wenn das alles schon genauso im Roman stand, muss da halt einfach mal einer einen Strich ziehen und sagen: Okay, aber diesen Schwachsinn müssen wir fallen lassen! Ist aber nicht geschehen, sondern mit einem schier unglaublichen Bierernst wird das durchgezogen und auch noch psychologisch und anderswie (Lagerfeuer mit Musikuntermalung) ausgebaut.

Und kurz nach Hälfte des Films erreicht man den Punkt, wo man das dem immerhin mit einer halbwegs funktionierenden Chemie beschenkten Filmpaar nicht einmal abnehmen würde, wenn die beiden zusammen fünf Oscars und 13 Golden Globes erhalten hätten.

(Zur Regie möchte ich nur sagen, dass so auf Häppchen von je einer Viertelstunde verteilt das Ganze jeweils halbwegs stimmig wirkt - aber als Ganzes halt von vorn bis hinten übelst durchhängt.)


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  Voll verschleiert (Sou Abadi)

Voll verschleiert
(Sou Abadi)

Originaltitel: Cherchez la femme, Frankreich 2017, Buch: Sou Abadi, Kamera: Yves Angelo, Schnitt: Virginie Bruant, Musik: Jérôme Rebotier, mit Félix Moati (Armand), Camélia Jordana (Leila), William Lebghil (Mahmoud), Anne Alvaro (Mitra), Predrag »Miki« Manojlovic (Darius), Carl Malapa (Sinna), Laurent Delbecque (Nicolas), Oscar Copp (Fabrice-Farid), Oussama Kheddam (Mustafa), Walid Ben (Ahmed), Mostafa Habibi (Ali), Hamidreza Djavdan (Shéhérazades Vater), Leli Anvar (Mme Anvar), 87 Min., Kinostart: 28. Dezember 2017

Der gelungenste Titel dieses misslungenen Films ist der englischsprachige: Some like it veiled - das bringt gleich diesen Charley's Tante-Touch des Films zur Geltung.

Ich will mich ausnahmsweise kurz fassen. Armand (Félix Moati) und Leila (Camélia Jordana) lieben sich, besuchen das Institut für politische Studien und wollen, wenn denn alles klappt, in New York ein Praktikum bei den Vereinten Nationen antreten. Viel mehr Völkerverständigung geht nicht.

Doch da kommt Leilas älterer Bruder Mahmood (William Lebghil) aus dem Iran zurück, der nun radikalislamistisch geworden ist, gleich mal die Wand der Familienwohnung mit dem Konterfei des Gründers der Muslim Brothers schmückt - und natürlich weder von Leilas Reiseabsichten noch von ihrem französischen Freund irgendwas wissen will.

Um die fortan größtenteils zuhause weggesperrte und ihres Handys beraubte Leila mal zu sehen oder zu hören, verkleidet sich Armand als die vollverschleierte »Schéhérazade«, die Leila bei ihren religiösen Studien behilflich sein soll. Er hat sogar eine Erklärung für seine wenig feminine Stimme (»Kein Mann darf die wahre Stimme einer Muslimin hören«) und bereitet sich nach einigen frühen Schnitzern generell gut vor - was aber dazu führt, dass der von dieser inbrünstigen Gläubigkeit verzauberte Mahmoud sich in Schéhérazade verliebt.

In Frankreich versucht man ja in letzter Zeit, Integrationsprobleme als den Komödienstoff schlechthin zu verkaufen - und wenn die Regisseurin dann auch noch selbst aus dem Iran stammt, ist fast schon vor der ersten Klappe bereits alles abgesegnet und für irre komisch befunden. Vielleicht hilft es auch sehr, wenn man den Darsteller des Mahmoud als Komiker kennt, denn seine Überzeichnung als Religionsfanatiker, der unter anderem auch seinen Bruder in den Jemen schicken will, damit auch der ein »richtiger« Muslim wird, funktionierte für mich nicht mal ansatzweise. Für mich war das einfach ein fanatischer Unsympath im Zentrum einer Geschichte, die idiotischer kaum ausfallen könnte.

Leila rennt in Hot Pants durch die Wohnung, ein französischer »bekehrter« Freund von Mahmoud will statt Fabrice nur noch Farid genannt werden und Armand rennt mit schlaksigen Bewegungen in seiner Niqab durch die Gegend und liefert sich kleine Duelle mit einem auf Parkuhren spezialisierten Polizisten. Die meisten Gags - hm, ja, ich muss hier mal Tacheles reden ... »kacken übel ab«, das beabsichtigte Cyrano de Bergerac-Thema der Regisseurin und Autorin überzeugt auch nicht, und die zahlreichen Szenen auf Hausfluren sind sehr schnell sehr ermüdend.

Hin und wieder musste auch ich mal lachen, etwa als Mahmoud ganz tatkräftig einfach eine SIM-Karte verschluckt, bis man ihn darauf hinweist, dass zu deren Inhaltsstoffen auch Schweinegelatine gehört, aber letztlich war das Thema einfach viel zu ernst für diese Possenreißerei und die Wandlung zum verhinderten Liebhaber, den man auch noch schonend behandeln will, funktioniert hinten wie vorne nicht.

Das interessanteste, aber letztlich überflüssige Element des Films besteht in Armands hochpolitischen Eltern (übrigens denen der Regisseurin nachempfunden), die im Gegensatz zum Dreigestirn im Zentrum des Films wenigstens halbwegs authentisch wirken, dabei aber dennoch zum Komödienstoff beitragen. Die beiden können aber höchstens die B-Note geringfügig beeinflussen.

Mitte November, nach fast 200 im Kino gesichteten Filmen, für mich der viertmisslungenste / -ärgerlichste Film des Jahres. Ich bin zwar der Meinung, dass man über jedes Thema auch Witze machen kann, aber als Kernidee eines Films taugst so ein Sparwitz nicht unbedingt.



Demnächst in Cinemania 175 (Jung und alt):
Rezensionen zu Die Anfängerin (Alexandra Sell), Dieses bescheuerte Herz (Marc Rothemund), Die Spur (Agnieszka Holland) und anderen, noch zu sichtenden Filmen.