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Die Box




22. November 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Detroit (Kathryn Bigelow)


Detroit
(Kathryn Bigelow)

USA 2017, Buch: Mark Boal, Kamera: Barry Ackroyd, Assistant Cameramen: Markus Mentzer, Greg Wimer, Darryl Byrne, Christian J. Hollyer, Schnitt: William Goldenberg, Harry Yoon, Musik: James Newton Howard, Production Design: Jeremy Hindle, Supervising Art Director: Greg Berry, mit John Boyega (Dismukes), Will Poulter (Krauss), Algee Smith (Larry), Jacob Latimore (Fred), Jason Mitchell (Carl), Hannah Murray (Julie), Jack Reynor (Demens), Kaitlyn Dever (Karen), Ben O'Toole (Flynn), John Krasinski (Attorney Auerbach), Anthony Mackie (Greene), Nathan Davis Jr. (Aubrey), Peyton »Alex« Smith (Lee), Malcolm David Kelley (Michael), Joseph David-Jones (Morris), Laz Alonso (Conyers), Benz Veal (Nate Conyers), 143 Min., Kinostart: 23. November 2017

Es ist unwahrscheinlich, dass ich mit Kathryn Bigelow irgendwann mal richtig warm werde. Aber von meinem unvollständigen Einblick in ihr Werk her (Blue Steel, Point Break, The Hurt Locker, von Zero Dark Thirty suche ich gerade die DVD, die aus unerfindlichen Gründen nicht in der Hülle war, als ich - ziemlich verdutzt! - feststelle, dass ich sie in meinem Besitz wähne) betrachtet, ist Detroit vermutlich sogar der Film von ihr, der mich am ehesten überzeugt.

Was man aber keinesfalls als Lobgesang missverstehen sollte.

Der Film beginnt mit einigen Gemälden, der Migration Series des schwarzen Künstlers Jacob Lawrence (hier seltsam pixelig teilanimiert), die einen eigens für den Film erstellten Text bebildern sollen, der den »sozialgeschichtlichen Kontext« des Films erklären soll. Der Text stammt vom Leiter des Zentrums für African American Research der Harvard University, ist also vermutlich ohne große Fehler in der Darstellung der Zusammenhänge.

Fraglich ist indes, inwieweit ein Text, dessen Quelle nicht ohne weiteres ersichtlich ist, den man schnell mal eben mitlesen muss und der dann auch noch mit visuellem Material um seine Beachtung kämpft, geeignet ist, die erste Verankerung für das Publikum zu liefern.

Detroit (Kathryn Bigelow)

© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Es folgen dann Aufnahmen, die die Unruhen im Detroit des Sommers 1967 zeigen. Wenn ich das Presseheft hier richtig verstehe, wurden hier Archivaufnahmen mit Spielszenen kombiniert, man kann jetzt darüber sinnieren, welche Aufnahmen stärker verwackelt sind - und es macht für mich auch einen deutlichen Unterschied, ob der Polizist, der einer abzuführenden Frau an den Hintern greift, sich damals dabei filmen ließ oder dieses Szene den Interviews mit Zeitzeugen entstammt, die Drehbuchautor Mark Boal (Oscar für The Hurt Locker) aus Recherchezwecken führte.

In diesen Szenen mit stark dokumentarischem Touch geht es weniger um einzelne Protagonisten, sondern um ein Gefühl für die brodelnde Stimmung. Wenn hier als Kurzschlussreaktion auf ein Fenster geschossen wird, hinter dem ein »Sniper!« lauern soll, obwohl wir aus einer anderen Perspektive sahen, dass es sich nur um ein neugieriges kleines Mädchen handelte, wird schon eine emotionale Reaktion des Publikums in die richtigen Wege geleitet. Später dreht sich der Hauptteil des Films um vermeintlicher Sniper-Feuer, das vom überwiegend von Schwarzen benutzten »Algiers Motel« auf einige Soldaten gerichtet werden soll. Nur der Zuschauer (und natürlich die sich im Zimmer befindlichen Personen) ist hier darüber informiert, dass es sich nur um eine Schreckschusspistole handelt.

Dennoch wird hier natürlich die Reaktion der »Obrigkeit« parallelisiert, obwohl es in meinen Augen einen großen Unterschied macht, ob ein unschuldiges kleines Mädchen mal einen Vorhang zur Seite schiebt und dafür implizit zersiebt wird - oder einige überdrehte Halbstarke es irgendwie clever finden, sich einen »Scherz« mit dem Militär zu erlauben, der dann zu ganz anderen Problemen führt.

Detroit (Kathryn Bigelow)

© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Man weiß eigentlich in Detroit, wenn sich aus dem Doku-Feel die Protagonisten herausschälen, ganz genau, wessen Menschenrechte hier verletzt werden, weil man sich größtenteils zur falschen Zeit am falschen Ort befand. Bis auf zwei amüsierfreudige junge Mädchen, deren Umgang mit Schwarzen manche der Polizisten besonders erzürnt, sind alle Opfer sprich Motelbewohner schwarz, und Star-Wars-Shooting-Star John Boyega, dessen gute Absichten deutlich betont werden, gerät hier zwischen die Fronten.

Gleichzeitig mit seiner klaustrophobischen, fast horrorfilmähnlichen Atmosphäre hat Detroit aber einige Probleme, die dem Ganzen einen bitteren Beigeschmack geben. Beim Wechsel der »Darstellung des sozialgeschichtlichen Kontexts« zur intensiven Spielhandlung, die »umfassend recherchiert« wurde, gerät komplett das Detail aus den Augen, ob es sich hier um Einzeltaten wie des durchweg bösartigen Krauss (Will Poulter, zuletzt in The Revenant aufgefallen, aber auch als Gesicht aus We're the Millers, The Chronicles of Narnia oder Son of Rambow vertraut) handelt oder um repräsentative Stellungen.

Detroit (Kathryn Bigelow)

© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Der Umgang weißer US-Polizisten mit schwarzen Verdächtigen ist ja nun seit zahlreichen Jahren im Fokus der Gesellschaft (die Querelen zwischen Präsident Trump und der National Football League kamen nur ein paar Wochen zu früh für den deutschen Kinostart), aber im Film Detroit werden einem neben dem durchweg positiv gezeichneten Sänger Larry (Algee Smith) und seinem furchtsamen Bandkollegen Fred (Jacob Latimore) vor allem Schwarze gezeigt, die töricht bis idiotisch handeln. Plündern bringt ja noch persönliche Vorteile mit sich, aber sein eigenes Wohnviertel abzubrennen ist nicht unbedingt ein Zeichen durchdachten Protests. Und wenn man dann miterlebt, wie sich die Herren benehmen, die den ganzen Algiers Motel Incident in Gang bringen, dann ist das natürlich ein Element, das man nicht einfach totschweigen sollte, aber im Großen und Ganzen scheitert der Film daran, dass man einer größeren Gruppe von Idioten beider aller Hauttöne dabei zuschaut, wie sie sich gegenseitig in Gefahr bringen - und letztlich gibt es dabei unschuldige Opfer. Also ist man auch in der Handlung eigentlich sehr nahe an Horrorfilmen - nur, dass man gegenüber einem Irren mit Kettensäge nur wenig zur De-Eskalation beitragen kann, während sich in Detroit (übrigens ein irgendwie blöder Filmtitel, aber »The Algiers Motel Incident« ist weitaus weniger publikumswirksam) ja nicht nur Krauss und seine Kollegen sehr fragwürdig verhalten, sondern sich auch die Frage stellt, warum nicht einer der Zeugen beispielsweise erwähnt, dass er sah, dass es sich um eine Schreckschusspistole handelte, die Soldaten irgendwie eingreifen oder was auch immer. Ab einem gewissen Punkt ist es auch einfach nicht mehr clever, jemanden zu provozieren, aber in Filmen wird das gerne als heldenhaft dargestellt.

Sicher, es soll ja alles so stattgefunden haben, wie die Zeitzeugen ausgesagt haben, aber es gibt im Film auch mindestens eine Szene, bei der, wenn sie sich exakt so zugetragen hat, eigentlich nur der Täter diese beschreiben könnte - weil die andere beteiligte Person es eben nicht überlebte.

Detroit (Kathryn Bigelow)

© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Somit überzeugt Detroit teilweise durch seine Intensität (die Darsteller sollen sich am Drehort immer wieder versichert haben, dass sie den gespielten Hass etc. natürlich nicht selbst empfinden), aber als Zeitdokument ist vieles fragwürdig.

Mich erinnert Kathryn Bigelow irgendwie immer an Oliver Stone, nur etwas actionbetonter und bei ihren politischen Aussagen etwas besonnener. Aber dennoch noch viel zu überzeugt davon, dass sie die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Und berufsmäßige Provokateure nerven mich irgendwie, ob sie Michael Moore, Lars von Trier oder wie auch immer heißen. Da ist mir selbst so jemand wie Ruben Östlund (Play, Turist, The Square) viel lieber, der zwar immer wieder mit Karacho in Fettnäpfchen tritt, aber dem es zuallererst um die Filmkunst geht. Stone und Bigelow nutzen das Medium Film eher, um ihre manchmal fragwürdigen Ansichten dem Volk nahezubringen. Das ist oft sehr manipulativ und grenzt im Ansatz fast schon an Propaganda. Da ist Östlund eher ein irregeleiteter Purist. Und Purist bin ich oft auch, mit diesen Typen habe ich also mehr Nachsehen.