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Die Box


 

Februar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Gegen die Wand
D 2003

Gegen die Wand (R: Fatih Akin)

Buch
und Regie:
Fatih Akin

Kamera:
Rainer Klausmann

Schnitt:
Andrew Bird

Musikberater:
Klaus Maeck

Darsteller:
Birol Ünel (Cahit), Sibel Kekilli (Sibel), Catrin Striebeck (Maren), Güven Kiraç (Onkel Seref), Meltem Cumbul (Selma), Cem Akin (Yilmiz Güner), Aysel Iscan (Birsen Güner), Demir Gökgöl (Yunus Güner), Stefan Gebelhoff (Nico), Hermann Lause (Dr. Schiller)

120 Min.

Kinostart:
11. März 2004



Goldener Bär 2004

Berlinale 2004 (Wettbewerb):

Gegen die Wand



Gegen die Wand (R: Fatih Akin)
Gegen die Wand (R: Fatih Akin)
Gegen die Wand (R: Fatih Akin)
Gegen die Wand (R: Fatih Akin)
Gegen die Wand (R: Fatih Akin)
Gegen die Wand (R: Fatih Akin)
Cahit ist ein perspektivenloser Alkoholiker in den Vierzigern, der sich durchs Einsammeln von Flaschen in der Hamburger "Fabrik" seinen Lebensunterhalt verdient. Der Film beginnt fast damit, daß Cahit mit seinem Auto schnurstracks gegen eine Wand knallt und dann in der psychiatrischen Abteilung die 20jährige Sibel kennenlernt, die sich offensichtlich gerade die Pulsadern aufgeschnitten hat, zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht darüber aufgeklärt ist, daß man dies senkrecht und nicht waagerecht tun sollte, wenn man damit Erfolg haben will.

Sibel verfolgt Cahit geradezu und bittet ihn, sie zu heiraten. Cahit sieht keinen Sinn darin, daß eine junge Frau einen mehr als doppelt so alten Penner heiraten soll, aber da Cahit auch Türke (deutscher Staatsangehörigkeit) ist, sieht Sibel in Cahit die Möglichkeit ihren Eltern zu entkommen, und fortan nicht von ihrem Bruder die Nase gebrochen zu bekommen, wenn er sie beim Händchenhalten erwischt, sondern endlich ihr Leben so zu führen, wie es ihr gefällt und ihre Sexualität auszuleben. Nach einem erneuten Selbstmordversuchs Sibels willigt Cahit schließlich in die Scheinehe ein und stellt sich gemeinsam mit seinem "Onkel" bei der Familie vor. Sibels Bruder ist zwar sehr argwöhnisch, aber der Vater willigt schließlich ein.

Bei der Hochzeit wird Cahit sogar zum Tanzen überredet (lächelnd beschimpft er seine Frau), zuhause trägt er sie über die Schwelle der von Bierdosen überschwemmten Wohnung, aber schließlich gibt es Streit und Sibel verbringt die Hochzeitsnacht mit jemandem anderes, wie es auch in Zukunft bleiben wird.

Lange Zeit fragt man sich als Zuschauer, ob man einer romantischen Komödie oder einer tristen Sozialstudie mit tragischem Ausgang beiwohnt, und Regisseur Fatih Akin, der sich nach Solino wieder seiner deutsch-türkischen Herkunft zuwendet, sieht Gegen die Wand explizit in der Tradition des neuen türkischen Neo-Realismus, der auf dem schmalen Grad zwischen Komödie und Tragödie wandelt.

Trotz diverser Selbsmordversuche, Vergewaltigung, Totschlag etc. ist Gegen die Wand ein extrem witziger Film, man könnte ihn berlinaletechnisch im Gefolge von Wilbur wants to kill himself sehen, nur daß Akins Film noch viel witziger, viel verstörender, viel romantischer und viel realistischer ist. Wer diese Adjektive als unvereinbar sieht, wird durch den Film eines anderen belehrt, insbesondere der gekonnte Musikeinsatz (I feel you von Depeche Mode etwa untermalt Cahits "poetische Selbstzerstörung", teilweise erscheint er wie eine Mischung aus Dave Gahan und Nick Cave) und der Mut zu Extremen zeichnen den Film aus, aber auch die detailierte Beobachtungsgabe des Regisseurs und die pointierten Dialoge überzeugen. Und nicht zuletzt hat Akin mit dem routinierten Birol Ünel und der Debütantin Sibel Kekilli ein überzeugendes Paar gefunden, daß die intensiven Emotionen des Films gekonnt darstellt.

Nach der zweiten (von drei) kathartischen Quasi-Wiedergeburt verlässt der Film ein wenig den zuvor eingeschlagenen Weg, aber auch, wenn Gegen die Wand noch kompakter hätte werden können, selbst das Ende überzeugt. Man kann seinem Leben auch ein Ende setzen, ohne sich umzubringen.