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Die Box




17. August 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Captain Fantastic (Matt Ross)


Captain Fantastic
Einmal Wildnis und zurück
(Matt Ross)

USA 2016, Originaltitel: Captain Fantastic, Buch: Matt Ross, Kamera: Stéphane Fontaine, Schnitt: Joseph Krings, Musik: Alex Somers, Kostüme: Courtney Hoffman, mit Viggo Mortensen (Ben), George MacKay (Bodevean), Samantha Isler (Kielyr), Annalise Basso (Vespyr), Nicholas Hamilton (Rellian), Shree Crooks (Zaja), Charlie Shotwell (Nai), Frank Langella (Jack), Ann Dowd (Abigail), Kathryn Hahn (Harper), Steve Zahn (Dave), Erin Moriarty (Claire), Missi Pyle (Ellen), 120 Min., Kinostart: 18. August 2016

Captain Fantastic hat mich nicht voll überzeugt, weil der Film mal wieder in diese Independent-Sparte gehört, in der man vermeintlich brisante Themen anspricht, dabei aber den eigentlichen Problemen lieber geschickt aus dem Weg geht. Und gerade die Indie-Mentalität deshalb verloren geht, weil alles im Nachhinein so harmlos und hübsch geordnet wirkt. Ich habe ein paar Kritikerkollegen, die Filme wie Little Miss Sunshine aus diesen Mimikry-Gründen, dieser Anbiederung an Arthouse-Kino mit Inbrunst hassen. Bei mir ist es nur so, dass ich das wahrnehme und manchmal (aber nicht immer!) eine gewisse innere Abwehr verspüre. Oder den Film erstmal in die Kategorie »suspekt« einordne, um dann später womöglich zusätzliche Beweismittel bei der Analyse zu entdecken.

Ein harmloses Plätschern entdeckt man hier etwa bei der jugendlichen Lovestory (ganz US-Konventionen entsprechend: es wird nur vage »rumgemacht«) und der Auflösung (u.a.) einer lebensbedrohlichen Situation gegen Schluss, und eine gewisse Selbstgefälligkeit sehe ich in der Einführung des Chomsky-Tages oder bei der Konsumkritik, bei der dem Zuschauer aber dezidiert die Möglichkeit gelassen bleibt, sich voll einzuklinken oder doch eher eine andere Einstellung zu verteidigen. Aber wo der Film doch den Finger auf die Stelle legt, wo es wehtut, das ist die Geschichte mit der Mutter.

Captain Fantastic (Matt Ross)

Bildmaterial: © 2016 Universum Film GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Aber ein kurzer Abriss, worum es eigentlich geht: Ben (Viggo Mortensen) lebt mit seinen sechs orgelpfeifen-mäßigen Kindern am äußeren Rand der Zivilisation. Man jagt selbst und stählt seine Körper, die Kinder werden durch Heimunterricht zu erstaunlich cleveren US-Bürgern, und Bens liberal bis aufrührerischen politischen Einstellungen werden von den (meisten) Kindern aufgesogen wie in normalen US-Familien des Fernsehprogramm und Limo.

Dummerweise stirbt dann Bens Frau, die Mutter der Kinder, die im Film nur durch Flashbacks präsent ist. Und nach einigen Diskussionen bricht die ganze Rabaukenbande auf, um der Beerdigung beizuwohnen. Hauptprobleme: man hat ganz andere Vorstellungen von dem Ritual und herkömmlichen christlichen Idealen - und der Schwiegervater sieht Ben als den indirekten Mörder seiner Tochter, der außerdem auch noch die Schar der Enkelkinder entfremdete (»If you show up here, I'll have you arrested!«).

Captain Fantastic (Matt Ross)

Bildmaterial: © 2016 Universum Film GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Das Humor-Potential dieser Konstellation ist offensichtlich, auch für Konflikt ist gesorgt, und wenn der Film gegen Schluss lieber zwei Schritte zurück geht (Familie) als einen in Richtung des nur schwer zu umgehenden Konflikts, dann mag man das auch verzeihen.

Die gelungenste Passage des Films ist die anfängliche Konfrontation der Kinder mit dem »richtigen« Amerika, mit der Fettsucht, der jugendlichen Verdummung, dem (verhuschten) Sex usw. Dann zerbröckelt langsam das zu Beginn so perfekte Bild einer »besseren« Erziehung, weil immer deutlicher wird, dass keine Erziehung perfekt ist. Eltern müssen schon damit zufrieden sein, keine schwerwiegenden Fehler zu machen. Und auch Ben ist hier und da überfordert.

Was mich wirklich für den Film einnahm, sind die Kinder selbst. Wo man bei den Erwachsenen (u.a. Frank Langella als Opa, Steve Zahn und Kathryn Hahn als Schwager und Schwägerin) hier und da das Gefühl hat, dass sie sorgfältig in die Dramaturgie eingebettet wurden, überwiegt bei den Kindern das Gefühl, dass man sich wirklich Mühe gab, sechs unterschiedliche Figuren so auszuarbeiten, dass sie jeweils eine eigenständige Einstellung vertreten. Zwar hätte ich es ohne Presseheft schlichtweg übersehen, dass die beiden rothaarigen Mädchen Zwillinge sein sollen (dazu merkt man bei den Darstellerinnen auch zu deutlich einen Altersunterschied), und gerade die beiden älteren Jungen fügen sich auch ein wenig zu sehr in das dramaturgische Puzzlespiel - aber jedes einzelne Kind kann sich innerhalb des Films wirklich entfalten. Und das erlebt man in den meisten Fällen nicht einmal bei drei Kindern - geschweige denn bei einem halben Dutzend.

Captain Fantastic (Matt Ross)

Bildmaterial: © 2016 Universum Film GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Man könnte jetzt zu jedem der Kinder gut zwei Absätze schreiben, aber der geneigte Leser soll ja selbst noch was im Kino entdecken dürfen. Als Beispiel nehme ich mal den Jüngsten, Nai (7), gespielt von Charlie Shotwell, der seine Figur im Presseheft selbst umschreibt:

He is kind of a nudist. I guess he is very interested in the human body. He lives in a tipi, which I loved because it was really cozy inside. There's one part that looked exactly like my momma's cabin where she lived with her dad. They lived off the grid too, so it was like the exact same thing as her life.

Ein junger Darsteller, der sich nicht etwa mit method acting überfordert sieht, sondern der seine Rolle als Möglichkeit begreift, seine familiären Wurzeln zu erkunden. Das ist zugegebenermaßen ein seltener Glücksgriff beim Casting, aber die Figur ist auch ziemlich clever in das Drehbuch eingearbeitet und unterstützt exakt dessen Stärken. Da gibt es die Momente progressiven Unterrichts, wenn seine Schwester Lolita liest (ein Buch, das immer noch aus vielen Schulbibliotheken verbannt wird). Bei deren Kurzzusammenfassung (»He's essentially a child molester, but his love for her is beautiful [...] and he basically rapes her ...«) setzt Nai exakt ein und lässt sich die für ihn unbekannten Konzepte vom Vater erklären: »What's rape?«, »What's sexual intercourse?«. Etwas später wird diese Problematik inklusive inhärentem Humorpotential aufgegriffen, wenn die Kinder allesamt gefährlich wirkende Messer geschenkt bekommen, Nai indes in The Joy of Sex schmökern darf. So absurd das alles klingen mag, man erlebt sogar einen pädagogischen Fortschritt, denn wenn man später in der Zivilisation auf andere Menschen trifft und Vater Ben ähnlich nudistisch auftritt wie zuvor Nai, ist der Siebenjährige derjenige, der jetzt den Vater ermahnt. »Clothes when we eat!«

Captain Fantastic (Matt Ross)

Bildmaterial: © 2016 Universum Film GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Charlie Shotwell erhält Regieanweisungen von Matt Ross.

 

Dies ist nur ein kleiner Einblick in die fein ausgearbeiteten Kinderfiguren, die dem Film seine eigentliche Existenzgrundlage verschaffen. Für einen unterhaltsamen Kinoabend mit reichlich Diskussionsmaterial für hinterher ist Captain Fantastic aktuell die beste Wahl, und abgesehen von manchen Konzessionen an die Dramaturgie ist das Schönste an dem Film, dass er keine konkrete Partei ergreift, sondern vor allem widersprüchliche Ansätze vorführt - und daraus lupenreine Unterhaltung bastelt.